Er ist immateriell, aber lebenswichtig und Teil unserer Identität: der Umgang mit der Lawinengefahr. In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob diese Schweizer Spezialität in die UNESCO-Liste des immateriellen Kultur­erbes der Menschheit aufgenommen werden soll.

Seit Tagen schneit es ununterbrochen. Es ist Mitte Januar 1951. Bereits im November 1950 ist im Alpenraum ungewöhnlich viel Schnee gefallen. Im neuen Jahr setzt sich der Schneefall unerbittlich fort. Nun beginnen sich auch die Menschen im Bündner Dorf Vals Sorgen zu machen. Die gros­se Frage der gesamten Bevölkerung: Vermögen die steilen Hänge die Schneemassen zu halten? Das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) dokumentierte im Winterbericht 1951: «Am späten Abend des 20. Januar war es so weit: plötzlich ein dumpfes Grollen, dann Pfeifen, Krachen, Brechen und – Dunkelheit im ganzen Dorf. Hilferufe weisen den Weg zur Unglücksstätte, wo in diesem Augenblick Haus und Heim ganzer Familien zu ihrem Grabe geworden ist. […] Eine gewaltige Lawine hat Häuser und Ställe zerstört und 19 Menschen getötet.»

Im gleichen Winter ereigneten sich weitere schwere Lawi­nen­unglücke, so auch in der Region Davos, im Engadin, im Gotthardgebiet und in den beiden Tessiner Tälern Bedretto und Maggia. Insgesamt zerstörten 1300 Lawinen 1000 Gebäude, und 98 Menschen kamen in den Schneemassen ums Leben. Der damalige Bundespräsident Eduard von Steiger erklärte in einer Radioansprache: «Uns allen ist wieder zum Bewusstsein gebracht worden, wie sehr die Bergbevölkerung mit der Natur zu kämpfen hat und wie hart ihr Los sein kann.»

Das Thema Lawinenschutz war damals schlagartig in den Köpfen der gesamten Schweizer Bevölkerung angekommen. Knapp zehn Jahre nach der SLF-Gründung zeigte sich, wie gross der Bedarf an zuverlässigen Informationen und Forschungsergebnissen im Bereich der Lawinenkunde war. Nach dieser Katastrophe wurden deshalb neue, effizientere Verbauungen entwickelt, Gefahrenkarten erstellt und die Lawinenprognose des SLF ausgebaut. Das Konzept zeigte Wirkung: Im Winter 1999 zählte man in der Schweiz 1200 Schadenlawinen, die trotz stärkerer Besiedlung mit 17 Todesopfern deutlich weniger menschliches Leid anrichteten. Durchschnittlich kamen in der Schweiz in den letzten 20 Jahren pro Jahr 22 Menschen in Lawinen ums Leben.

Erstes Laborgebäude aus Schnee

Lawinen stellen für das Alpenland Schweiz seit je eine latente Naturgefahr dar. Allerdings waren unsere Urahnen den «winterlichen Launen der Natur» im Gegensatz zu heute weit schutzloser ausgeliefert. Vor 1900 widmeten sich vor allem Einzelpersonen – oft waren es Förster – dem Lawinenproblem. Sie beobachteten Lawinenniedergänge und beschrieben sie nach ihrem «Charakter». So entstanden die frühen Niederschriften über Lawinenereignisse und Ideen für erste Lawinenverbauungen. Mit der zunehmenden touristischen Erschliessung der Alpen stieg nicht nur das Schadenrisiko, sondern auch das Interesse an der Lawinenforschung. Gemäss dem SLF forderten hauptsächlich Vertreter des Skitourismus und Exponenten von Verkehrsbetrieben und Wasserkraftwerken ab den 1920er-Jahren verstärkt wissenschaftliche Methoden zur Erforschung der Lawinen. Auch aus Eigeninteressen unterstützten sie deshalb 1931 die Gründung einer Kommission für Schnee- und Lawinenforschung. Es war die erste Organisation, die sich in der Schweiz der Lawinen, ihres Gefahrenpotenzials und möglicher Vorsorgemassnahmen systematisch annahm.

Die Arbeit der Kommission machte aber schnell deutlich, dass es nicht genügte, sich im Sommer mit Lawinen auseinanderzusetzen. Gefragt waren die Beobachtungen im Winter: Erkenntnisse über die Schneestruktur und die im Verborgenen stattfindenden Prozesse der mikroskopisch kleinen Schneekristalle, die sich je nach Temperatur und Luftfeuchtigkeit verändern. Schon im Winter 1935 wurde deshalb in Davos ein erstes Laborgebäude aus Schnee gebaut. Die Angst vor Wärmeeinbrüchen machte jedoch bereits im folgenden Winter den Neubau der Forschungsstätte nötig. Als Baumaterial wurde nun Holz gewählt und der Standort mit Versuchsfeld spektakulär auf dem Weissfluhjoch mitten im Lawinengebiet festgelegt.

Dort arbeitete die Kommission, bis 1942 auf Beschluss des Bundesrates das Eidgenössische Institut für Schnee- und Lawinenforschung gegründet wurde und 1943 ebenfalls auf dem Weissfluhjoch das neue SLF-Institutsgebäude bezugsbereit war. Damit war der Grundstein gelegt, um in der noch jungen Wissenschaftsdisziplin der Lawinenforschung auch Technik und Methodik weiter voranzutreiben. Und schon bald entwickelten die Forscher des SLF verschiedene neuartige Messgeräte wie die Rammsonde, Scherapparate oder ein Gerät zur Bestimmung der Luftdurchlässigkeit des Schnees. Einige dieser Instrumente werden noch heute – teilweise mit verfeinerter Technik – genutzt. So entstand in Davos eine weltweit einzigartige Dokumentation der Wetter- und Schneeentwicklung, die den SLF-Experten bis heute internationale Anerkennung einträgt.

Über Jahrhunderte weitergegebenes Wissen

Unterdessen reihen die Schweizer Lawinenforscher Erfolg an Erfolg. So bieten zum Beispiel 3-D-Simulationen seit Kurzem ungeahnte Möglichkeiten, die Grösse einer Lawine, ihre Dis­tanz und ihren Druck auf Objekte auf dem Weg ins Tal vorauszusagen. Forschenden der University of California in Los Angeles (UCLA) ist es in Zusammenarbeit mit der ETH Lausanne (EPFL) und dem SLF gelungen, eine naturgetreue 3-D-Simulation einer Schneebrettlawine – vom Bruch bis zum Abgleiten – zu entwickeln. Dieses Modell gibt laut SFL völlig neue Einblicke in die Funktionsweise von Lawinen. Damit könnten Lawinen in Zukunft besser vorhergesagt werden.

Nun sollen das weltweit einzigartige Wissen über Schnee und Lawinen und die Fähigkeit, es zum Wohl der Menschen einzusetzen, eine besondere Auszeichnung erhalten: In den nächsten Wochen entscheidet sich, ob der Umgang mit der Lawinengefahr zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO ernannt wird. «Die Besonderheit dieser langjährigen Entwicklung liegt einerseits in der Beziehung zwischen Mensch und Natur sowie im damit verbundenen Wissen im Umgang mit Naturgefahren und andererseits in der modernen Weiterentwicklung des Erfahrungswissens durch die Kombination mit modernster Technik», begründet David Vitali, Leiter der Sektion Kultur und Gesellschaft beim Bundesamt für Kultur (BAK), das Gesuch um Aufnahme im UNESCO-Katalog. Die Bundesstelle hat die Kandidatur in den vergangenen drei Jahren gemeinsam mit Vertretern des Kantons Wallis, des SLF, des SAC, des Schweizer Bergführerverbands und des Bundesamts für Umwelt (BAFU) erarbeitet. Ebenfalls am Dossier beteiligt waren Verbände und Institutionen aus Österreich. «Die kollektive Bedrohungssituation durch Lawinen hat in der Schweiz, genauso wie in Österreich, zu gemeinschaftlichen und identitätsstiftenden Formen des Umgangs mit dieser Naturgefahr geführt», schrieb der Bundesrat letztes Jahr bei der Präsentation der Kandidatur. Es sei so ein breites, altüberliefertes informelles Erfahrungswissen entstanden, das über Jahrhunderte weitergegeben und mit modernsten Techniken kombiniert wurde und deshalb diese Auszeichnung verdiene.

Die ständige Gefahr als Keim für Solidarität

Aber was zeichnet den Umgang mit der Lawinengefahr in der Schweiz besonders aus? Der Leiter des vor allem für das Lawinenbulletin bekannten SLF, Jürg Schweizer, hat auf diese Frage eine «typisch schweizerische Antwort»: Speziell sei die Kultur, beim Management dieser Naturgefahren möglichst alle Betroffenen miteinzubeziehen und die verschiedenen Interessen abzuwägen, um gemeinsam nachhaltige Lösungen zu finden. Die Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden und der Einbezug der Forschung, des SLF, der Bergführer und des SAC sei in diesem Umfang wohl einmalig. «Da ist nichts einfach von oben herab diktiert», sagt Schweizer. Komme dazu, dass das Leben mit der Gefahr in den Bergen schon Ende des 19. Jahrhunderts zu einer landesweiten grossen Solidarität mit der Bergbevölkerung geführt habe. Bereits damals habe die Bergbevölkerung bei Bedarf auf Hilfe aus dem Unterland zählen dürfen.

Es sei unklar, wie sich der weltweite Klimawandel letztendlich auswirke, aber es stehe – so Schweizer – fest, dass die Naturgefahren und Herausforderungen durch Schnee- und Steinlawinen, Felsstürze, Murgänge und tauenden Perma­frost ständig mehr würden. Gleichzeitig steige aber auch die Erwartung, dass es in Zukunft weniger Schäden gebe. «In den letzten Jahren sind zum Beispiel die Wetterprognosen dank präzisen Wettermodellen immer genauer und verlässlicher geworden. Genau das wünschen wir uns auch für die Lawinenprognosen», fasst Jürg Schweizer eines der zukünftigen SLF-Ziele zusammen.

Lebendiges Wissen und Können

Als immaterielles Kulturerbe werden überlieferte ­kulturelle Ausdrucksformen bezeichnet. Dazu gehören Bräuche, Darstellungen, Wissen und Fertigkeiten. Die 1945 gegründete Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) verleiht den Titel Welterbe seit 1972. Die UNESCO-Liste des ­immateriellen Kulturgutes der Menschheit gibt es erst seit 2006.