Mit seinen Fotos und Filmen will Florian Schulz auf das Schicksal der letzten wilden Gebiete dieser Erde ­aufmerksam machen, etwa das Arctic National Wildlife Refuge in ­Alaska. Denn dort werden riesige ­­Gas- und Ölvorkommen vermutet.

Kein Dompteur dieser Welt hätte die drei Moschusochsen eleganter in eine Linie dirigieren können. Die Tiere scheinen über dem Boden zu schweben, auf einem Kissen dichten Schneetreibens. Rötliches Abendlicht wärmt ihr flauschiges Fell und beleuchtet ihre kunstvoll geschwungenen Hörner. Im Blick der Bullen spiegelt sich Entschlossenheit und Kraft. Es ist ein magischer Moment – festgehalten auf einem Foto. Auf unerklärliche Weise zieht es den Betrachter in den Bann. Das ist einer jener wenigen perfekten Augenblicke, für die der Fotograf und Filmer Florian Schulz tagelang mit seiner Kamera über den Boden robbt, nächtelang in der arktischen Kälte schlottert und schliesslich bei minus 30 Grad in ein kleines Zelt kriecht, verborgen in einer Mulde in der unendlichen Weite Alaskas. Auf seinen Fotos spielen weder Dompteure noch Lichttechniker noch irgendwelche andere Menschen eine Rolle. Die Bilder wirken, weil sie Ausdruck einer Natur sind, die seit Jahrhunderten ihren eigenen Gesetzen und Choreografien folgt. Der Mensch ist höchstens Betrachter, aber auch nur, wenn er sorgfältig und respektvoll genug unterwegs ist, die Umstände kennt, sie erträgt und erst noch Zeit genug hat, um zu warten.

Die Mission hinter den Bildern

Florian Schulz ist in Süddeutschland aufgewachsen, lebt heute jedoch die meiste Zeit in Alaska, im mexikanischen Baja California oder sonst irgendwo in der Wildnis. Er hat sich als professioneller Naturfotograf einen Namen gemacht, ist als Vortragsredner unterwegs, stellt seine Bilder aus und publiziert in renommierten Magazinen wie National Geographic, Geo oder BBC Wildlife. Schulz’ Arbeit geht aber weit übers Fotografieren und Filmen hinaus. Hinter seinen Bildern steckt ein Engagement, ja eine Mission. Er macht sich für den Erhalt der letzten wilden Gebiete dieser Erde stark. «Schon als kleines Kind träumte ich von der Wildnis in Amerika», erzählt er. Die Abenteuer und Geschichten eines Jack London faszinierten ihn. «Später merkte ich, dass die Fantasien einer versteckten Wildnis auch in Amerika nicht der Realität entsprachen», fährt Schulz fort. Umso stärker ­wurde sein Wunsch, die letzten wilden Flecken dieser Erde fotografisch festzuhalten. Heute stellt er seine Arbeit bewusst in den Dienst der Natur. Als Umweltaktivist sieht Schulz sich zwar nicht direkt, eher als Botschafter der Natur. Er strebt danach, Bilder einzufangen, die die Menschen in ihrer ­Seele berühren. Im Zeitalter der digitalen Fotoflut kein einfaches Unterfangen. Sich in diese Welten hineinzuleben und die Essenz eines Ortes zu finden, braucht viel Zeit. «Aus den vielen Bildern ergeben sich ein paar wenige, in denen man den Atem der Wildnis spürt», sagt er.

Trumps Politik wirkt wie ein Brandbeschleuniger

Das Arctic National Wildlife Refuge (ANWR) im Nordosten von Alaska gilt als eines der letzten grossen Wildnisgebiete in Nordamerika. Seit 1960 ist die Region ein Schutzgebiet für Wildtiere und gelangte so auch in den Fokus des süddeutschen Fotografen.

Der Mensch hat im ANWR bisher kaum Spuren hinterlassen. Es gibt keine Strassen und nur eine kleine Siedlung mit 240 Einwohnern – in einem Gebiet, das nahezu doppelt so gross ist wie die Schweiz. Nimmt man die angrenzenden Schutzgebiete dazu, ergibt sich ein Territorium von rund 127 000 Quadratkilometern. Im Frühjahr wandern Hunderttausende von Karibus durch das ANWR an die Küsten der Beaufortsee. Dort verbringen auch viele Zugvögel den Sommer. Und im Winter sind die küstennahen Ebenen das Zuhause der Eisbären. Sich in diesem arktischen Ökosystem zu bewegen, empfindet Florian Schulz als Zeitreise. Noch seien die Kreisläufe im ANWR intakt, die Natur noch so, wie sie über Jahrtausende hinweg war. Doch wie lange dies so bleiben wird, ist höchst ungewiss.

Das ANWR ist Schauplatz eines Dramas. Auf dem Territo­rium werden enorme Vorkommen von Gas und Öl vermutet. Ausserhalb des Schutzgebietes, rund um die Prudhoe Bay, hat die Öl- und Gasindustrie bereits weite Gebiete erschlossen. Nun sollen auch innerhalb des ANWR Verträge für Öl- und Gasförderung vergeben werden. US-Präsident Donald Trump hat im Dezember 2017 ein neues Steuergesetz unterschrieben, das die Vergabe solcher «Leases» möglich macht. Theoretisch könnten schon im kommenden Winter erste seismologische Tests stattfinden. Seit Jahrzehnten wird über das Thema diskutiert, aber mit der aktuellen amerikanischen Politik hat sich der Streit zugespitzt. Die Fronten zwischen Befürwortern und Gegnern verhärten sich, ziehen Gräben durch die wenigen Dörfer der Region, durch Alaska und den Rest der Vereinigten Staaten.

Trumps Vorgehen wirkt wie ein Brandbeschleuniger in ­einem heiklen gesellschaftlichen Dilemma: Wessen Interessen wiegen schwerer? Sind es die wirtschaftlichen Interessen Alaskas, dessen Staatsbudget zu einem grossen Teil aus der Öl- und Gasindustrie finanziert wird? Oder sind es die Interessen der Naturschützer, die sich auch in vielen anderen Staaten formieren, weil ihnen der Erhalt einer intakten Wildnis wertvoll erscheint?

Für Florian Schulz ist klar: «Es wäre verheerend, mitansehen zu müssen, wie einer der letzten wilden Schätze unserer Erde für ein bisschen Öl zerstört wird.» Mit seinen Bildern will er die Menschen auf das Problem aufmerksam machen und ­ihnen zeigen, was auf dem Spiel steht. «Viele Amerikaner können es kaum glauben, dass meine Aufnahmen aus dem Arctic Refuge stammen. Sie wissen gar nicht, dass es so etwas in den USA noch gibt», erklärt er.

Tiere sind die Seele einer Landschaft

In den vielen Monaten, die Schulz verteilt über die letzten Jahre im ANWR verbracht hat, konnte er Naturphänomene mit der Kamera einfangen, die ihn selbst tief berührten. So dokumentierte er die Wanderungen der Porcupine-Karibus. Eine Herde von über 200 000 Tieren zieht jährlich von den im Landesinneren gelegenen Bergen durch die Tundra zur Küste, wo im Frühsommer die Kälber zur Welt kommen. Die Karibus wandern Tausende von Kilometern, weil sie auf die nährstoffreiche Nahrung der Küstenebene angewiesen sind. Es handelt sich um eine der längsten Wanderungen von Landsäugetieren überhaupt. Heikel wäre eine wirtschaftliche Nutzung der Fläche auch wegen der vielen Zugvögel oder der Eisbären. Letzteren bereiten die klimatischen Veränderungen der arktischen Region ohnehin Probleme. Weil das Eis immer dünner wird, graben sie sich ihre Höhlen häufiger an Land. Das Küstengebiet des ANWR ist dafür bestens geeignet.

Für Florian Schulz sind es die Tiere, die einer Landschaft die Seele verleihen. «Die Landschaft wird durch sie zum Leben erweckt», sagt er. Und es sind die Tiere, die dem Fotografen helfen, seine Botschaft zu platzieren. Denn Schulz macht sich keine Illusionen: «Wir werden überhäuft von Bildern. Durchschnittliche Fotos erreichen die Leute nicht mehr.» Für ihn bedeutet dies einerseits, sich ständig mit der neuesten fotografischen und filmischen Technik vertraut zu machen und höchste Qualität anzustreben. Andererseits gibt er sich der Landschaft ganz hin. Die Zeit ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg. Schulz lebt über Wochen inmitten der Wildnis, nicht selten zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern. Die Ausgangspunkte dieser aufwendigen Fotoaufenthalte sind nur mit dem Buschflugzeug erreichbar. Florian Schulz sieht es als grosses Privileg, mit seiner Familie längere Zeit weitab der Zivilisation zu leben. Er muss sich in der Wildnis zurechtfinden, ebenso gut aber die Mechanismen der urbanen Zentren kennen. Für seine Produktionen wird er auch mal bei Disney oder Warner Brothers vorstellig, Vorträge hält er vor Tausenden von Leuten. «Man muss beides können», sagt Schulz, «man muss die Einsamkeit und die Städte aushalten oder besser gesagt: beides lieben.»

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Auf Tournee

Im November ist Florian Schulz mit ­seinem Multimedia­vortrag Die letzte Wildnis auf Tournee in der Schweiz. Ab dem 27. Oktober 2018 macht er an verschiedenen Stationen halt. www.explora.ch

Arctic National Wildlife Refuge (ANWR)

Das Schutzgebiet im ­Nordosten von Alaska ist doppelt so gross wie die Schweiz. Ergänzt wird es auf kanadischer ­Seite mit weiteren rund 15 000 km2. Die grösste ­Karibuherde der Welt verbringt ihren Sommer im ANWR. Es ­leben dann mehr als 200 000 Tiere hier, aber nur rund 240 Menschen. Unter dem Schutzgebiet ­werden bis zu 16 Milliarden Barrel Öl vermutet.