Mit Heidi durch die Schreckhorn-Nordwand Heidi Schelbert-Syfrig (1934-2019)

Mit dem Tod von Heidi Schelbert-Syfrig verliert der Schweizer Bergsport eine erstklassige Alpinistin und unerschrockene Kämpferin. Die 1934 geborene Zürcherin war nicht nur die erste Wirtschaftsprofessorin der Universität Zürich, sie beging auch viele schwierige Routen, oft als erste Frau.

Zum Abschied von Heidi Schelbert-Syfrig, die am 17. März 2019 im Alter von 85 Jahren gestorben ist, steigen wir mit ihr noch einmal durch die Nordwand des Schreckhorns. Ihre Erlebnisse hat sie für den SAC im Jahrbuch von 1981 festgehalten: «Die Planung beginnt im bequemen Sessel mit hochgelagerten Füssen.» In dieser Phase, schreibt sie, klängen alle Vorschläge verlockend. «Erst bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass unsere Vorgänger eine zu gute Nase für lohnende Ziele besassen. Was sie uns übrig liessen, erinnert an die letzten Tage eines Ausverkaufs: wohl ist die grosse Entdeckung nicht auszuschliessen, doch Ladenhüter finden sich häufiger.» Heidi und ihr Mann Albin hatten ein Gespür für Abenteuer. Zwar schreibt sie von seiner Schwäche für Neutouren: Albin Schelbert war ein begnadeter Bergsteiger, dem viele schwierige Routen und Erstbegehungen gelangen, unter anderem 1960 die Erstbesteigung des Dhaulagiri (8167 m). Doch Heidi selbst hatte ebenfalls ein Kämpferherz und ging unerschrocken ihren Weg als Bergsteigerin, der begonnen hatte, als sie 14 Jahre alt war und mit ihrem Bruder und einem Bergführer ihre erste Tour unternahm. «Auf dem Bietschhorn hat es mich richtig gepackt», erzählte sie der Autorin Patricia Purtschert für ein Porträt im Buch Früh los. Fortan gab es kein Halten mehr. Ausgerüstet mit Wäscheseil und Freundinnen unternahm Heidi Schelbert Klettertouren. Sie habe alle «mitgeschleikt», die sie kannte. Da sie nicht selten auch mit Männern unterwegs war, gab es Gerede. Mit Männern – so etwas gehörte sich für eine junge Frau damals nicht. Heidi Schelbert liess sich nicht beirren. «Man konnte sich als Frau viele Freiheiten herausnehmen», erzählt sie in Früh los, «man musste einfach den Mumm dazu haben. Wenn man sich als Frau eine Art Teflonhaut zulegen konnte, gab es eigentlich keine Schwierigkeiten.» Selbstbestimmt unterwegs zu sein und eigene Ziele zu verfolgen, war für sie ein Grundgesetz. 

«So, jetzt steigst du vor!»

Im Team mit ihrem Mann Albin war die Rollenteilung klar. Im Schreckhorn-Artikel schreibt sie über ihre Seilschaft: «Das hintere Ende ist stets das dicke Ende: Ausnageln, Material schleppen, am Standplatz warten. Wenn man endlich an die Reihe kommt, ist die Spannung verflogen, die Seillänge machbar und nicht mehr Neuland.» Das jedoch, so präzisiert sie, sei nicht Albins Schuld. Auf ihren Wunsch hätte er die Seilordnung sofort umgestellt. Doch er sei schlicht der stärkere Kletterer. Um als Nachsteigende nicht träge zu werden, unternahm Heidi Schelbert auch mit Kolleginnen vom SFAC anspruchsvolle Touren. Dorothee Dietschi aus Herrliberg erinnert sich an diese Erlebnisse in der Frauenseilschaft: «Ich war sehr gerne mit Heidi unterwegs, sie war sicher und ruhig. Ich habe nie an ihr gezweifelt und viel von ihr gelernt.» In ihrem Fall sei es immer klar gewesen, dass Heidi die Führende sei und die Verantwortung trage. «Am Weisshorn», so erzählt Dorothee Dietschi, «sagte sie plötzlich zu mir: ‹So, jetzt steigst du vor!›» Heidi Schelbert setzte sich für die Frauen ein und versuchte sie zu ermuntern, sich etwas zuzutrauen, nicht nur in den Bergen, sondern auch im Beruf. Sie studierte an der Universität Zürich Wirtschaftswissenschaften, erhielt mit nur 34 Jahren eine Berufung als Professorin und wurde nach vier Jahren erste ordentliche Professorin der Fakultät, später gar deren erste Dekanin. Sie stand lange an der Spitze der Gleichstellungskommission und wies – auch, als es bereits mehr studierende Frauen gab – stets darauf hin, dass es nicht genügend Professorinnen gebe.

Inspirierende Persönlichkeit

Zurück zum Schreckhorn: Über dem Lauteraargletscher ist derweil die Sonne aufgegangen. Heidi und Albin nähern sich dem Einstieg, wobei Heidi nicht so sicher ist, wie gut ihr das Klettern im Eis liegt. In ihrem Bericht erläutert sie, wie sie in der ersten Seillänge erst Vertrauen fassen musste und wie sie die neuen Eispickel einschätzt. Nach der zweiten Seillänge kommt eine 20-Meter-Querung. Solche Passagen scheinen auch die unerschrockene Alpinistin gefordert zu haben: «Sitzt die Haue fest?», beschreibt sie ihre Zweifel. «Wie steht es mit dem Gleichgewicht? Wenn ich schräg belaste, rutscht dann nicht der ganze Zauber weg? Die Versuchung ist gross, die zweite Zwischensicherung stecken zu lassen. Mit einem Stück Reepschnur wäre der kurze Abstieg zum sicheren Kamin ein Kinderspiel. Doch Albin kann Gedanken lesen, schliesslich kennt er seine Seilzweite seit 20 Jahren. Von oben kommt die erpresserische Erklärung: ‹Alles Material muss mit, sonst können wir keine solchen Touren mehr zusammen unternehmen.› Er hat natürlich recht. Doch in Gedanken gründe ich wieder einmal die Gewerkschaft der Seilzweiten, die endlich durchsetzen sollte, dass bei Quergängen der Anfang und das Ende einer schwierigen Stelle abzusichern ist.» Der Witz, die feine Selbstironie und ein scharfes Auge für die Dinge rundherum durchdringen Heidi Schelberts Texte und das, was sie anderen erzählte. Obschon sie sich selbst als ehrgeizig und leistungsorientiert beschreibt, muss sie eine inspirierende Persönlichkeit gewesen sein. Von der überwältigenden Energie der Professorin Schelbert schreibt Tages-Anzeiger-Journalist Markus Diem Meier, der bei ihr studiert hat. Und Bergkameradin Dorothee Dietschi hält fest: «Sie war eine wunderbare Erzählerin, und man konnte sich mit ihr über alles unterhalten.»
Die weiteren Seillängen durch das Neuland der Schreckhorn-Nordwand gelingen Heidi und Albin ohne Zwischenfälle. Wenig unterhalb des Gipfels erreichen sie den verschneiten Grat, der aussieht, «als hätte ein Konditor den Spritzsack benützt und sein Werk zu lange an der Wärme stehen lassen. Bizarre Hüte, Hauben, Kragen und Girlanden hängen vom Eigengewicht gezogen abwechselnd nach allen Richtungen hinunter.» Jetzt wartet der Abstieg über den Südwestgrat auf sie, wo sie sich zunächst in der Routenwahl verhauen und schliesslich noch ein «Ungetüm» von einem Bergschrund überwinden müssen. Zum Abschluss sieht man die zwei gemeinsam auf die Strahlegghütte zuwandern, und Heidi freut sich in Gedanken auf das nette Wirteehepaar und ein warmes Nachtessen.

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