Mit neuem Material auf alten Pfaden 50 Jahre Entwicklung der Skitourenausrüstung

Von den 1960er-Jahren bis heute hat die Ausrüstung der Skitourengänger einen grossen Sprung gemacht. Karbon, Fleece und Goretex heissen die neuen Materialien. Sie sind leichter, komfortabler, funktioneller.

Über 4000 Skitourenläufer und -läuferinnen werden im Frühjahr an der Patrouille des Glaciers (PDG) teilnehmen, über 2000 Interessierte müssen abgewiesen werden. Unter den Startenden ist nicht mehr nur der klassische Skitourenrennläufer, immer häufiger auch Freizeitsportler, Jogger oder Biker, die einmal etwas anderes probieren wollen. Die Zahl der Skitouristen in der Schweiz hat sich, gemäss MACH-Studie, in den letzten zwei Jahrzehnten von 200 000 auf schätzungsweise 460 000 erhöht. Das breiter gewordene Spektrum der Skitourensportler hat sich auf die Entwicklung der Ausrüstung ausgewirkt. Sie ist in allen Bereichen leichter geworden.

Holz und kalte Füsse

Bernardo Teufen, 66-jährig, seit dem 16. Lebensjahr auf Tourenski unterwegs, erinnert sich an seine Anfänge in den 1960er-Jahren: «Über der Baumwollunterwäsche hat man schwere Loden-, Baumwoll- und Schurwollstoffe (Popeline) und dicke Norwegerpullis getragen und geschwitzt wie die Weltmeister.» Über den Knickerbockern und roten Socken wurden Gamaschen getragen. Schuhputzzeug und eine Rettungsschlittenimprovisation gehörten immer in den Rucksack. «Das Schlimmste waren die Schuhe.» In den harten, von Hand gebundenen Lederschuhen waren die Füsse sofort nass und kalt. Mit über zwei Meter langen Holzski, auf denen ein Belag aus rotem Skilack (Skigliss) glänzte, seitlich angeschraubten Stahlkanten und einer Bindung mit Zehenriemenbacken, Strammer und Feder an der Ferse waren Aufstieg und Abfahrt nicht immer nur Genuss. «Die damals üblichen Trimafelle konnten in der Skirille an Schienen befestigt werden. Gespannt wurden sie mit einem Riemen hinten um den Ski. Manchmal brachen die Skispitzen, darum mussten wir immer einen Ersatzspitz aus Alu dabei haben», erzählt Teufen.

Ski und Schuh im Zentrum

Die ellenlangen und mehrere Kilo schweren Holzski wurden ab den 1970er-Jahren durch halb so schwere Holz-Carbon- oder Holz-Kunststoff-Kombinationen ersetzt. Auch das Aufkommen der Carvingtechnik in den 1990er-Jahren und die damit verbundene Taillierung des Skis wirkten sich auf den Tourenski und das Verhalten der Sportler aus. Immer mehr fuhren sie auf und abseits der Piste, oft in sehr steilem Gelände. Schon vor zehn Jahren kam der erste Rocker-Ski (vgl. «Die Alpen» 2/2011) auf den Markt, ein Freeride-Ski mit breiter, gebogener Schaufel. Die Biegung der Schaufel fängt nun je nach Modell schon 50 Zentimeter vor der Spitze an, was sich günstig auf das Gleiten auf dem Pulverschnee auswirkt. Auch die Fellhersteller blieben nicht untätig. Anstatt des herkömmlichen Harzklebers sind die Haftfelle heute mit kälteresistentem Silikonkleber erhältlich, der noch bei –50 Grad Celsius auf den Belägen klebt. Die besten Felle bestehen aus Haaren der Mohairziege. Diese werden in einem speziellen Winkel auf ein Gewebe geklebt, um die bestmögliche Kombination zwischen Steigen und Gleiten zu erhalten. Mit der Erfindung von sogenannten «Adhäsionsfellen», die gar keinen Kleber mehr benötigen, könnte der Skitourensport bald einen weiteren Schritt machen.

«Ob die Skitour zum Desaster oder zum Erlebnis wird, hängt aber in erster Linie vom Schuh ab», darin stimmt Lukas Keel, Dynafit-Verkaufsleiter International, mit Bernardo Teufen überein. Mit dem Aufkommen der Sicherheitsbindungen in den 1960er-, 1970er-Jahren, welche die Seilzugbindung ersetzten, entwickelte sich auch der Skischuh vom steifen Lederschuh hin zum Hartschalenschuh aus Kunststoff mit Thermoinnenschuh. Dank der neu eingebauten Schaftrotation wurde der Fuss beweglicher. Die ersten Tourenbindungen für Hartschalenskischuhe waren die «Vinersa» und «Iser». Vorderbacke und Fersenteil waren mit einer Platte verbunden. Silvretta und Fritschi verfeinerten dieses System (Rahmenbindung), und es avancierte zu der meistverwendeten Tourenbindung, die sogar mit Alpinschuhen kompatibel ist.

Der Skitourenrennsport, Motor der Entwicklung

Grossen Einfluss auf die Entwicklung der Schuh- und Bindungstechnik hatte der Skitourenrennsport. «Viele Innovationen in diesem Bereich kommen von Tüftlern aus dem Rennbereich», sagt Rolf Zurbrügg, Disziplinenchef Skitourenrennsport des SAC. Als «Garagenproduzent» begonnen hat unter anderen auch Fritz Barthel, der Erfinder der Dynafitbindung. Anders als alle anderen Bindungssysteme ist diese rahmenlos. Statt Backen an der Schuhspitze fixieren zwei Metalldorne den Schuh an der Seite. Bindungen dieses Typs sind heute mit 250 Gramm pro Paar die leichtesten Bindungen, die es gibt. Eine Rahmenbindung wiegt mindestens 1500 Gramm. Die Erfindungen der «Garagenproduzenten» wurden von den Leistungssportlern an den Rennen getestet und nicht selten in die Produktionen renommierter Firmen aufgenommen. Die Dynafitbindung hat den Skitourenrennsport revolutioniert, sie hat sich mittlerweile aber auch bei den Hobbyläufern etabliert.

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Fritz Barthel, Erfinder der Dynafitbindung

Fritz Barthel war auf der Heimreise vom Klettern in Südfrankreich, als er und sein Freund sich spontan für einen Abstecher auf den Mont-Blanc entschieden. Die Verhältnisse bei der Überschreitung via Tacul und Maudit waren schlecht. Nach elf Stunden waten im knietiefen Schnee erreichten sie den Gipfel und Barthel seine körperlichen Grenzen. Der Maschinenbaustudent und passionierte Skitourengänger schwor sich, nie mehr mit so schwerer Ausrüstung zu laufen. «Ich hab dann angefangen zu basteln», erzählt Barthel. Es war im Jahr 1982, als ihm in seiner Werkstatt im Keller des Elternhauses einfiel, selbst die Platte seiner Tourenbindung durch den Hartschalenschuh zu ersetzen, was zu einer merklichen Gewichtsreduktion der Bindung führte. Am Schuhvorderteil brachte er zwei Zapfen an, mit denen er den Schuh am Ski befestigte. Der Fersenteil war nun nicht mehr mit dem Vorderteil der Bindung verbunden. Geboren war der erste Prototyp der Dynafitbindung. «Es schaut zwar skurril aus, aber es funktioniert», meinte sein Vater damals. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten. Bis Ende der 1980er-Jahre verkaufte Barthel einige Tausend Exemplare seines inzwischen patentierten Schuh-Bindung-Systems; nicht nur in Europa, sondern bis nach Kanada und sogar Japan.

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