Mit und ohne Seil

Was lange währt, wird endlich gut – in diesem Frühling konnten die Kletterer einige lang gehegte Projekte verwirklichen

Routen

Auch Kletterstars scheitern. Für die Ausnahmekletterin Nina Caprez1(27) war es sicherlich ein seltsamer Moment, als sie im Frühling das spanische Siurana verlassen musste, ohne das von ihr bearbeitete Projekt La Reina Mora (8c+) klettern zu können. Doch bald darauf konnte sie sich mit anderen Erfolgen trösten: Am Pic St. Loup in Südfrankreich kletterte sie Anfang April im zweiten Versuch Les rois du pétrole (8c), die sie als «eher 8b+» einschätzt. Auch ihrem Partner Cédric Lachat2 (29) gelang die Route. Er zeigte ausserdem, dass einige Monate Höhlenforschung und Kletterabstinenz ihm nichts anhaben können, und kletterte die Route Elix au pays des merveilles (8c+). Kurz darauf doppelte Nina Caprez nach und schaffte als erste Frau den Rotpunktdurchstieg.

Nerven bewies Jonas Schild3 (22) aus Bern, als er im März mit Hanuman (8b/+) ein altes Projekt von Risslegende Didier Berthod befreien konnte. Über Jahre hinweg hatte er die Route in Brigerbad im Wallis immer wieder probiert, nun gelang ihm der Durchstieg der 33 Meter langen cleanen Linie, wobei er alle Sicherungen bei der Begehung legte.

Obed Hardmeier (20) aus Hinteregg konnte Ende Mai in Rawyl Stop Sika (8c) klettern. Dies gelang auch Dimitri Vogt4 (17) aus Worben, er brauchte nur vier Versuche und knackte somit recht schnell seine erste 8c.

Benjamin «Beni» Blaser (24) aus Kallnach konnte Ende April auf Kalymnos ein offenes Projekt klettern, das Peter Keller und Urs Odermatt 2008 eingebohrt hatten. Zwar gibt er keinen Namen für die steile Linie in der kleinen Grotte an, doch die Schwierigkeit beziffert er auf 8c+.

Eine weitere bemerkenswerte Leistung hat Chris Frick (46) aus Basel abliefern können. Nach einer Schul­ter­ope­ra­tion 2012 und einem nach seinen Angaben «zähen» Wiedereinstieg ins Klettern konnte der «Jura-Sau­rier» – wie er sich selbst bezeichnet – Ende April in St. Leger, Südfrankreich, die Routen Abregenief (8b) und Le placard (8b) durchsteigen. Ausserdem gelangen ihm noch No Sika, No Crime (8b/b+) im Lehn sowie Bad Boys mit nur einem der zwei manipulierten Griffe (8b). «Alles nur im Kopf», kommentiert er seine Leistungen.

Mitte April freute sich auch Andy Winterleitner5 (25) aus Büetigen über ein «Comeback am Seil»: Mit Le mur des cyclopes (8b+) in St. Leger kehrte er aus dem Boulderwinter zurück ins Seilbusiness. Ende Mai gelang ihm dann noch Amber (8c) im Lehn bei Interlaken.

Matthias Trottmann6 (39) aus Zürich hat ebenfalls im Lehn punkten können: Er hat im April seine neue Kreation Amber (8c) erstbegehen können.

Bouldern

Das Seilbusiness interessiert allerdings nicht alle Schweizer Kletterer. Auch die Mattenfreunde legten ­ordentlich vor. So tat sich Martin Keller7 (36) aus Siebnen hervor, der mit den Problemen Gepresster Hase (Fb 8c) am Sustenpass und Nike (Fb 8b+) in Brione nach mehreren Verletzungen und langer Reha wieder Erstbegehungen vorlegte.

Weitere Bouldererfolge konnten vermerken: Ronny Birchler (36) aus Brunnen mit Bourguignon (Fb 8b) und Minor Part (Fb 8a+) im Murgtal sowie Madrugada (Fb 8a+) am Sustenpass. Heinz Betschart (43) aus Ibach konnte Dulcifer Sit Down (Fb 8a+) in der Schöllenen abhaken.

Es ist aber vor allem die junge Generation, die derzeit die 8b-Boulder wie reife Äpfel vom Baum pflückt.

Baptiste Ometz (15) aus Fully gelang Ende Mai mit Super sayien (Fb 8b+) in Wassen eine schwere Bouldererstbegehung. Ausserdem kletterte er noch Fauler Willi (Fb 8b+) im Valle Bavona. Giuliano Cameroni (17) aus Mon­ta­gno­la hat im April Die unendliche Geschichte (Fb 8b+) im Magic Wood bouldern können. Etwas zuvor tourte er wie Baptiste Ometz im Magic Wood – und beide schafften Dark Sakai, Sofa Surfer Direct, Deep Throat und One Summer in Paradise (alle Fb 8b).

Nils Favre aus Martigny konnte mit Scarred for Life (Fb 8b+) in Fionnay Anfang Juni ein langjähriges Projekt bouldern. Im April hatte er Joyeux Léon (Fb 8b) in La Balmaz geklettert.

Sébastien Biner8 (18) aus Nax schaffte Ende Mai Le son du poète (Fb 8b) in Plex. Erst im März hat er mit Creatures of Comfort in Vernayaz seinen ersten Boulder im Grad 8b geknackt.

Sebastian Cotting (19) aus Fribourg hat Ende Mai The Left Hand of Dark­ness (Fb 8a+) im Magic Wood und Warmduscher (Fb 8a/+) am Sustenpass gebouldert.

Weit weg im australischen Winter schaffte die Luzernerin Tabea Schwab (29) den Boulder Fish Hunter (Fb 7c+) am Mount Talbot in den australischen Grampians.

Lange Routen

Kurz vor Redaktionsschluss erfuhr die Redaktion, dass sich das Duo Roger Schäli und David Hefti9 in den USA einen Traum verwirklicht hat. Sie kletterten in zwei Tagen die Route Golden Gate (5.13a, 41 SL) am El Capitan im Yosemite-Nationalpark frei. Gezittert haben sie vor allem am zweiten Morgen in der 5.13a-Golden Desert-Rissseillänge, einer der Schlüsselpassagen: Schälis Fuss rutschte weg, kopfüber flog er David Hefti entgegen. Sein Fuss war hinter dem Seil hängen geblieben. Ein roter Fleck am Riss und ein blutiger Finger waren aber zum Glück die einzigen Spuren. Erst nach mehrmaligen Versuchen überwand das Duo die Passage.

Die Route war im Jahr 2000 von Alexander Huber erstbegangen worden. Er hatte sie zusammen mit seinem Bruder auch gleich frei geklettert. Sie zweigt ab von der Salathé und mündet nach 4 SL in die Heart-Route. An deren Ende weicht sie nach links in eine 300 Fuss lange Schuppe, die in der ausgesetzten und überhängenden Wand klebt. Ein krönendes Finale.

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