Monte Adamello

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3547 m10,919 Par .F.

Vott Gustav Siber-Gysi.

Ihr Riesen hebt in Himmels Reich Das stolze Angesicht, Die Woge bricht sich wider euch Und bricht euch ewig nicht.

Ihr saht Geschlechter aufersteh'n Und spielen neben euch, Ihr saht sie d'rauf hinuntergeh'n Und steht euch ewig gleich.

Rückert.

Eis mochte gegen 7 Uhr Abends des 25. Juli d. J. sein, als ich, der euphemistisch so genannten Camera Fisano Edolo vorauseilend, mit „ Buona sera !" am Küchenfenster des " Wirthshauses zum Belvédère d' Aprica anklopfte, um nach Dr. Baltzer zu fragen, mit welchem ich hier zu unsrer weitern Tour zusammenzutreffen abgeredet. Statt aller Antwort streckte mir die mehr freundliche als schöne und saubere Wirthin ein etwas verdächtige Spuren der Küche tragendes, in Briefform gefaltetes Blättchen Papier entgegen, mit „ se l'è prope lü quel scior eh'el spettaa, al ma'lassad sta lettera per lü ( wenn Sie vielleicht der erwartete Herr sind, so hat er mir diesen Brief für Sie übergeben ). " „ Ja, ob derDottore schon verreist sei,o nein, er sei noch oben, wolle mit der Post weiter, ma ol poërett el ghe sa nomma al todesc, ma l'è xe mai bù ( der Arme könne nur deutsch, sei aber ein sehr guter Herr ), " womit sie allerdings weniger andeuten wollte, dass ein Deutscher überhaupt gut sein könne ( die Zeiten nationaler Antipathie und Hasses sind nun glücklicherweise vorüber ), als dass er trotz des mangelhafte-sten gegenseitigen Verständnisses immer guter Laune geblieben und sie gut mit einander ausgekommen wären.

Sie bedauerte sehr, ihren guten Gast zu verlieren, während Dr. Baltzer froh war, sich erlöst zu sehen. Seit wir in Zürich, da ich ihm erst zehn Tage später folgen konnte, unsere letzte Abrede getroffen, war er in den Bergamasker Gebirgen herumgereist, und wenn er auch sich der angebornen Liebenswürdigkeit der Italiener und des ihm gewordenen Beistandes nur rühmen konnte, so war er doch froh, wieder einmal sprechen zu können, da er, des Italienischen nicht mächtig, sich zeitweise nur mit einigen italienischen Brocken und dem Lateinischen, wenn der Dottore oder Curato del paese es noch aus ihren schönen Studienzeiten im Kopfe hatten, behelfen musste. Uebrigens selbst wenn er des Italienischen vollkommen mächtig, so beweisen die obigen Bruchstücke der Mundart, dass er noch sehr weit vom wirklichen Verständniss gewesen wäre. Das Belvédère d' Aprica sollte unser Sammelpunkt sein. Ich hatte bei der Bestimmung desselben geglaubt, keinen schönern Ausgangspunkt für unsre gemeinschaftliche Reise wählen zu können; denn hoch über dem Addathale, da wo die schöne Apricastrasse sich nach Osten wendet, um ihren höchsten Punkt 1235 m zu überschreiten und nach Edolo hinunterzufahren, geniesst man einen entzückenden Ausblick auf das ganze Addathal mit seinen reichen, in üppiger Vegetation strotzenden Gehängen, hinter welchen hervor die Bergriesen des Engadins und die schroffen, kahlen Spitzen der Bergamaskerkette hervorsehen. Nachdem das Auge im Osten den Schlusspunkt in den mächtigen Gebirgsmassen bei Bormio gefunden, sieht es, dem silber-Sôhweizer Alpenclub.17 nen Faden der Adda folgend, das Thal im Westen gegen den Comersee sich öffnen, und versenkt sich verlangend in den westlichen Himmel, welcher durchsichtig und klar, am Abend in goldenem Lichte erglänzend, mit magnetischer Gewalt den Beschauer hinaus — hinaus in die gesegneten italienischen Gefilde ahnungsvoll zu ziehen scheint.

Unser Abend war aber trübe; jene westliche Lücke war durch eine Wolkenmauer geschlossen; ab und zu regnete es in grossen Tropfen, sonst hätten wir unsre Camera, zum Besten der schachmatten Pferde und des durstigen Conduttore, sammt unsern Führern Grass und Müller von Pontresina und einem gemüthlichen Brescianer, der sich am Sauerbrunnen von Sta. Caterina eine durstige Leber geholt, angehalten, um im Pavillon vor dem Wirthshaus eine Flasche Asti zu trinken und, im Anschauen versunken, die Pause zu benützen ,'um Dir, geneigter Leser, zu erzählen, was Dr. Baltzer und mich hier zusammenführte, hier auf diesem schönen Fleck Erde, auf dessen Wiedersehen ich mich, seit ich ihn zum ersten Mal auf meinem Weg nach Bergamo über den interessanten Barbellinopass mit seinen sehr bedeutenden Serio-fällen vor manchem Jahre berührt, schon so lange gefreut. Doch kann ich dies während unsrer Weiterfahrt über die Aprica hinunter um so eher thun, als der einbrechende Regen und die nahe Nacht uns die Schönheiten des Niedersteigens durch Val Corteno nach Edolo in der Val Camonica verhüllte, ich Dir daher Nichts erzählen darf und nur den Rath geben kann, diese höchst genussvolle, an landschaftlichen Schönheiten überreiche Reise einmal selbst zu machen. Zudem unterhielt mich Dr. Baltzer von seinen Erlebnissen, von denen ich Nichts verrathen darf, da er sie wohl selbst und besser einmal erzählen wird.

Ziel unserer Reise ,'und bei mir die Erfüllung eines längst gehegten Wunsches, war die Ersteigung des Adamello die Begehung seines Gebiets. Seine auf den Iseosee zwischen den imposanten Bergformen der Val Camonica geheimnissvoll hinunterglänzende Eisspitze, sowie sein von den Spitzen der Orobischen Kette so riesig erscheinendes Horn war mir seit Jahren ein Anziehungspunkt gewesen, und erreicht musste er werden, nachdem der unerschrockene kühne Payer dieses Gebiet der touristischen Welt durch seine ausgezeichnete Monographie, „ die Adamello - Presanella Alpen, " so recht eigentlich erschlossen. Dagegen hatte ich mir vorgenommen, an meinen alten Plänen festzuhalten und die Ersteigung von der italienischen Seite aus zu versuchen, um auf der tyrolischen abzusteigen. Die Thäler, die den italienischen Fuss dieses riesigen Massivs umsäumen, erfreuen sich eines grossen Rufes wegen ihrer Wildheit und Schönheit und versprechen reiche Belohnung für den Erforscher. Zwischen den reichen Alpenweiden eingebettet, liegen zahlreiche, zum Theil auch fischreiche Seen, worunter einige, wie der Lago di Baitone, di Salarno und d' Arno von ziemlich bedeutendem Umfang sind. Letzterer ist auch der Zielpunkt fischereilustiger Engländer geworden, von denen gerade während unserer Zeit einer sich an dessen jungfräulichen Gewässern mit dem Fang der berühmten Lachsforellen beschäftigte. Diese Thäler, mit dem direkt nach Norden abfallenden Val d' Avio beginnend, sind Val Miller* ), Val Salarno, " Val d' Adamè und Val Fumo, letzteres bereits zu Tyrol gehörend. Von Touristen wenig oder gar nicht besucht,

* ) Thal und Berg heissen Miller, mit dem Accent auf dem i, und nicht Millero, wie es die österreichische Generalstabskarte italienisiren wollte.

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sind sie in ihren obersten Stufen nur von den Sennen gekannt, die ihre Sommerweide dort oben suchen, während in ihren tiefern Lagen sich der mehr oder mindere legitime Grenzverkehr über ziemlich begangene Pässe in 's Yal Daone und nach Storo und Lodrone am Idrosee hinaus nördlich überForcellinallossa, südlich über den Monte-Campopass, luftige Beiwacht der Garibaldiner in den Kriegen der letzten Jahre, zieht.

In orographischer Beziehung beansprucht der Adamellostock ein besonderes Interesse als selbstständige, vom Ortlerstocke ganz geschiedene Zentralmasse, als südlichste und höchste granitische Erhebung der Alpen, als südlichstes und bedeutendstes Gletschergebiet. Seine Abflüsse speisen den Iseo- und Gardasee und sind die mittelbare Quelle des so bemerkenswerthen Netzes der künstlichen Bewässerung, denen die Lombardei ihre grosse Fruchtbarkeit verdankt. Im Gegensatz zu seinem nordöstlichen Abhänge, wo sein einziges Thal, die Val Geitova, bis zu seiner Ausmündung bei Caresolo einen ziemlich rauhen, alpinen Charakter trägt, sind die bereits erwähnten südlichen Thalarme, im Norden durch die gewaltigen Gebirgsmassen geschützt, den linden Lüften des Südens geöffnet und zeigen in dem durch die Gebirgs-formation bedingten Terrassenbau einen raschen Uebergang zur Kultur und einen noch rasehern in den Kulturstufen. Der Mantel von Glimmerschiefer, welcher den granitischen Kern des Zentralstockes umgibt, bereitet mit seiner leichten Verwitterung einen geeigneten Boden zur Kultur, und bis zu 1500 m Höhe werden die " Wiesen zwei Mal im Jahre gemäht. Bis zu 2200 m steigt die Legföhre auf, während die Kastanie und der Nussbaum bis 1000 m, die " Weinrebe bis 800 m mit dem Korn reichen, und bis 1500 m noch der Boggen, der Hafer, der Hanf,

die Hirse kultivirt wird, und der Mais bis 700 m üppig gedeiht. Drüber hinaus bis 2600 m ungefähr reichen die Alpenweiden. Ist man im raschen Niedersteigen in der Thalsohle angelangt, welche sanft vom Iseosee ( 166 m ) bis Edolo ( 710 m ) auf 54 Kilometer Länge 554 m ansteigt, so finden wir am Ufer des Sees die Limone und Orange ebenso schön wie am Gardasee, den Oelbaum mit seinen zartgrünen Wipfeln bis 15 Kilometer aufwärts im Thale, und noch über Edolo hinaus die Weinrebe, den Maulbeerbaum, die Pfirsiche, die Feigen. Diese glücklichen Verhältnisse geben einer Wanderung durch diese Thäler einen eigenthümlichen Reiz. Kaum hat man die eben ge- schilderte, üppige südliche Vegetation, die letzten Kultur-stätten, die hochgelegenen Dörfer, die noch höher gelesen Roggen- und Haferfelder hinter sich, so sieht man sich unmittelbar in alpiner Umgebung und nach steilem Ansteigen bald inmitten der besonders im Granitgebirge gräulichen Verwüstung der obersten Hochthäler. Meist schliesst ein Absturz die Kulturstufen ab, über welchen hinauf man auf die erste Weideterrasse gelangt; ein zweiter, meist mit der Baumgrenze zusammenfallender Absturz führt zur dritten und obersten Thalstufe, in welche hinab sich in ihrem Hintergrunde in steilen Wänden, kahl, schroff, zerrissen, jeder Vegetation baar, die mächtigen, ungemein wilden, zackigen Gräte, Kämme und Spitzen drohend, meist in riesigen, abgeschliffenen Granitplatten herabsenken. Wie in einem Kessel eingeschlossen steht man da, am Ende jeder Vegetation, in der ungeheuerlichen Umgebung dieser kalten, starren und todten Steinmassen, an welchen in oft merkwürdig steiler Steigung mächtige Eiszungen von dem darauf liegenden Gletscherplateau herunterlecken, nur kurze Eisströme in den Weidegrund herunterschiebend. So stürzt in kurzem Zwischenräume vom Firnplateau der Mandron- und Lobbiagletscher auf der nördlichen Seite 1000 m hinunter zur Veneziaalp, beim Mandrongletscher einen letzten, fast senkrechten Absturz von 400 m Höhe bildend, während wir auf der südlichen Seite, an den Felswänden hinaufkletternd, von der hintersten Salarnohütte ( 2108 m B. ) zum Firnplateau ( 3166 B. ) auf der denkbar kürzesten Linie über tausend Meter überwinden.

Zieht man einen Kreisbogen mit dem Adamello als Zentrum, so ergibt sich die auffallende Thatsache, dass auf ihn die erwähnten, das Kulturland abschliessenden ersten Abstürze für die sämmtlichen drei Thäler Valli di Malga, di Brate und di Saviore zu liegen kommen, während die diese Thäler trennenden Gräte gleichzeitig in sanften, runden Formen sich in die erste Thalstufe heruntersenken, nach und nach in Schiefergestein übergehend; wie wir denn auch in der That in der Val Salarno auf der zweiten Terrasse, der Massissioalp ( 1789 mB. ), den ersten Granit finden. Das Hauptthal, vom Oglio durchströmt, hat vom Iseosee bis Edolo eine nordsüdliche Richtung und ist ziemlich eng in die Bergketten, die es begrenzen, eingeschlossen. Bei Edolo, wo sich der Uebergang zum alpinen Charakter dadurch vorbereitet, dass allmälig mit dem Ansteigen gegen den Tonale und die Aprica das Kulturland den reichen Wiesengründen und diese hinwiederum bei Ponte di Legno einerseits und Val Cortena anderseits dem Weidegrunde weichen, theilt sich die Val Camonica in einen nordöstlichen Arm mit den Ausgängen nach Val del Sole ( Sulzthal ) über den Tonalpass ( 1980 m ) nach Val Furva über den höchsten lombardischen Pass, den Gavia mit 2590 m, und einen westlichen, welcher über die Aprica ( 1235 m ) nach dem Veltlin führt — im Rücken den Passo di Mortirolo nach Mazza im Yeltlin

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( 1845 m ). Neben der früher sehr ausgiebig betriebenen Eisenindustrie verleihen diesem Thal seine reichen Kastanienwaldungen einen eigenthümlichen Charakter; sie bilden die Hauptnähr- und Haupteinnahmsquelle der Einwohner und bekleiden die das Hauptthal begrenzenden Vorberge bis hoch hinauf mit ihrem üppigen Grün. Je nach der Lage ergibt die Hectare 150—300 Franken Nutzen und kann bei guten Ernten der Export auf 200,000 Franken im Jahr anwachsen. Von den 1311 Quadratkilometer Gesammtfläeheninhalt des Thals sind 270 Gletscher, Felsen, Hochgebirge, 437 " Waldungen, davon 32 Va Kastanienwaldungen, und 9 V3 Alpenweiden. Von der Thalsohle aus gewahrt man daher nichts von der unbarmherzigen Abholzung der Wälder, wie sie in Italien üblich; weiter oben erst bemerkt man die Verwüstungen am Herabdrücken der Baumgrenze.

Viel liesse sich aus der reichen historischen Vergangenheit dieses Thals sagen. An einer der Heerstrassen nach Deutschland lebend, hatten die Einwohner genügende Gelegenheit, ihren Unabhängigkeitssinn an den Invasionen von Nord und Süd zu stählen. Namentlich die deutschen Kaiser fanden eita. Interesse daran, sich für ihre wiederholten Heereszüge am südlichen Abhang der Alpen eine Art neutrales Territorium zu schaffen, wo sich ihre zerstreut und ermattet über die Pässe kommenden Schaaren sammeln und ausruhen konnten, bevor sie in die Ebene hervorbrachen, und von Karl dem Grossen an, so auch durch Barbarossa, welcher 1166 durch dieses Thal zog, wurden ihre Privilegien mehrfach bestätigt. Nach den Schrecken der Barbarenzeit, in welchen dieses Thal heute noch nachweisbar die erste Zuflucht der fliehenden ostgothischen Völker wurde, längere Zeit vergessen, wurde es dieser Vergessenheit durch Karl den Grossen entzogen, der den südwestlichen Abhang mit der Val di Scalve und Seriana den Mönchen von Tours ( 774 ) schenkte, wodurch lange ein wechselndes Dominium der Bischöfe Oberitaliens begann, bis die mittelalterliche Zeit anbrach, die deutschen Kaiserzüge nach Italien folgten, der Kampf der Guelfen und Ghibellinen die damalige Welt erschütterte, und die Erinnerungen an die Zivilisation und Herrschaft der Römer, ihre grossartigen Ruinen, verschlangen, um den Burgen des zum rohesten Feudalismus sich entwickelnden und in den heftigsten Kämpfen sich verzehrenden Adels zu weichen.

Unzweifelhaft fanden hier die Rhätier auf ihrer Flucht gegen Norden vor den gallischen Schaaren einen ersten Ruhepunkt; der umbrische und etruskische Typus ist noch vielfach anzutreffen, und keltische und germanische Anklänge finden sich in vielen Ortsnamen. Ich zi-tire nach meinem ausgezeichneten Freund Gabriel Rosa, welcher vorzügliche Studien über diese Thäler publizirt hat, und welchem ich viele der vorstehenden Angaben verdanke, unter andern Monno ( mon, keltisch: klein ), Setto ( set, im Cimbrischen: Strasse ), Buren ( burn, altdeutsch: Eisen ), Cimbergo ( unzweifelhaft von Cimbern ), Gavia ( gav, im Sanskrit: Kuh ), wie in der That dort eine Kuhbrücke die ursprüngliche Bedeutung des Wortes aufrecht erhalten hat* ). Die technische Terminologie im Dialekte der Mineralarbeiter hat eine Reihe griechischer Wurzeln aufzuweisen, was beweisen würde, dass bereits vor den Römern die Erze bearbeitet wurden, während die Römer selbst zahlreiche, Spuren ihrer Anwesenheit zurückgelassen haben in Villa, Somvila, Imvila ( summa

) Dieser Wortstamm hat sich auch in den altrhätischen Alpnamen Cafia oberhalb Yilters und Cavrea oberhalb Valens forterhalten.

A. d. R. villa, ima villa ), Somvic, Imvie ( summus vicus, imus vicus ) u. s. w.

Am meisten spuken wohl die ostgothischen Traditionen in den im Ganzen wenig Sagengeschichte kennenden oberitalienischen Thälern. Die Kirche mit ihren unzähligen Legenden, Heiligen- und Wundergeschichten hat die reiche Phantasie dieser begabten Thalbewohner gefangen genommen, ihre Köpfe mit Aberglauben gefüllt und wohl mit Absicht damit ihre Intelligenz und ihre natürliche Energie unterbunden, um sie zu verhindern, wie andere Bergvölker sich an der grossartigen Gebirgsnatur zu selbstbewussten Wesen emporzuarbeiten, damit sie in erster Linie folgsame Sklaven der Kirche und folgerichtig auch der übrigen Welt seien. Man kann es tief beklagen; allein es ist einmal nicht zu ändern. Es ist auffallend, mit welcher Zähigkeit sie in allen diesen Thälern an der mythischen ostgothischen Königin Theodo- linde festhalten, und kein Thal ohne Piano, Corno oder Castello della Regina ist, eine Bezeichnung, die sich immer auf diese zurückführen lässt. So heissen auch die Höhen oberhalb Saviore Piano della Regina. Langsam erst wurden die ostgothischen Reste aus diesen Thälern nach Rhätien und den deutschen Oasen in Welschtyrol zurückgedrängt; denn der Chronist des Thales, Pater Gregorius, schreibt noch 1690: „ alla tedesca molti vesti- vano ancora pelli di camozzi e pelliccie. "

Es läge wohl viel Reiz darin, in diesen historischen Reminiscenzen weiter zu wühlen; allein es würde zu weit führen. Aus den stolzen, freiheitsliebenden Anhängern der deutschen Kaiser, die mit Barbarossa unter dem Thal-herrn Federici bei Legnano so kämpften, dass „ fere totus populus Camunus remansit ", wie der Chronist schreibt, ist ein tüchtiges, fleissiges, intelligentes, arbeitsames Volk erwachsen, mit welchem gut zu verkehren ist, wenn man es verstehen will, und, was allerdings nicht Jedermanns Sache ist, seines Dialektes willen verstehen kann.

Wir brauchten längere Zeit, um nach Edolo zu gelangen, als das Durchlesen dieser orientirenden Zeilen erforderte; denn erst um 10 Uhr rasselten wir über das Pflaster des alten Städtchens, um im Leon d' oro abgesetzt zu werden, wo wir unser Quartier aufzuschlagen beschlossen. Die Wahl wird nicht schwer; beide Hôtels des Ortes stehen so ziemlich auf der gleichen Stufe der Unvollkommenheit, bei welcher man sich am besten mit geschlossenen Augen seinem Schicksal überantwortet. Das uns vorgewiesene Schlafzimmer schien ordentlich, und da die Nacht wohlthätig uns die übrigen architektonischen Schönheiten des Hauses verhüllte, so übergaben wir uns der Pflege der drei Töchter des Hauses, die an wirklicher Schönheit mit einander wetteiferten und meinem Gefährten, der noch nicht so abgehärtet gegen die Yorzüge einer italienischen Dorfwirthschaft wie ich war, um so leichter über das geheime Grauen, das ihn erfasste, hinweghalfen. Ich bin überzeugt, dass Kaiser Maximilian 1516, als er über den Tonal und die Aprica zur Belagerung von Brescia hinabzog und einige Zeit hier seinen Hof hielt, es besser als wir hatte.

Unterdessen schüttete es gemüthlich vom Himmel in Strömen herunter und versprach uns wenig Gutes für den morgenden Tag. Doch trösteten wir uns bei einem guten Glas Wein und einem ordentlichen Abendessen und legten uns dann nach genauer Inspection beruhigt in 's Bett.

Früh um 5 Uhr stiegen wir bei stets rauschendem Regen in die Corriera von Brescia, um nach dem 4 Stunden entfernten Cedegolo zu gelangen.

Nachdem unser Gespann mit Aufwendung seiner ersten und letzten Kräfte auf der durchweichten Strasse thalab ungefähr eine halbe Stunde getrabt war, war es mit dieser schnelleren Gangart ein für alle Mal vorbei. Nun ging die unbarmherzige Thierquälerei mit furchtbarem Prügeln an, zu welchem Zwecke sich unser Con-duttore einen Adlatus unterwegs anschaffte, der mit frischen Kräften darauf losschlug, ohne jedoch weiter zu kommen. Als der Regen etwas nachliess, fanden wir Beide es für besser, zu Fuss zu gehen, überzeugt, damit schneller nach Cedegolo zu gelangen. Der trübe Himmel, die tief herabhängenden Wolken verdeckten uns die ganze Schönheit des Thales; denn so anmuthig das Spiel des Lichtes in den reichbewaldeten Abhängen mit dem wechselnden Grün der verschiedenen Baumarten ist, wenn sich die glitzernden Sonnenstrahlen in das dichteste Laub gleichsam versenken, um es zu beleben, zu vergolden, die schweren Massen zu lockern und damit die sanften Wellen der Abhänge hervorheben, ein zauberisches Spiel von Licht und Schatten hervorrufen und in die geheimsten Winkel und Falten der Gehänge hineinleuchten, so einförmig und todt ist eine solche Landschaft, wenn sie Grau in Grau gemalt ist, und der Bergstrom zur Seite wie verdriesslich und übel gelaunt seine trüben Wellen über die Felsen in seinem Bette mit eintönigem Rauschen hin-überwälzt, gleichsam immer schneller und schneller, um recht bald aus der drückenden Thalenge, wo die Welt mit Wolken zugemauert erscheint, hinaus in die Ebene, in den See, zu den Sonnenstrahlen zu kommen.

Und als die Strasse zu Ende war, oder besser als " wir die längst mögliche Zeit zur Ueberwindnng der Entfernung verwendet, kamen wir nach Cedegolo ( 417™ B. ), nahmen von unseren Reisegefährten, die in solcher Schnei- ligkeit noch nach dem 80 Kilometer entfernten Brescia wollten, einen mitleidsvollen Abschied und suchten unser Hotel bei Domenico Ricci, gen.

Ciocca auf. Es ist immer misslich, durchfeuchtet, mit nüchternem Magen, nach schlecht zugebrachter Nacht in ein Haus zu treten, zumal wenn es einen kahl, schmutzig und so unwirthlich als möglich anstarrt, kein Feuerchen im Herd, keine lebende Seele als ein schmutziges, halbgewachsenes, noch nicht ganz erwachtes Mädchen zum Empfang bereit ist. Die Wirthsleute lagen eben um 7V2 Uhr noch tief im Bett; hat doch in diesen abgelegenen Dörfern die Zeit keinen " Werth.

Unter solchen Umständen kann man den abstossenden, erkältenden, ungemüthlichen Eindruck den ganzen Tag nicht los werden und sieht in stiller Verzweiflung zum strömenden Himmel auf, der sich nicht aufheitern will und hartnäckig uns den Trost auf baldige Erlösung verweigert. Es war eben im Sommer 1869, von welchem ein Dichter u. A. so schön gesungen:

Auch der Nachtigall'n Getändel Schallt uns nicht mehr liebend zu; Lerchen tragen Regenmäntel Und die Frösche Gummischuh '!

Glücklicherweise richtete ich mich an der lautenYer-zweiflung von Dr. Baltzer auf. Ein solcher Schmutz war ihm noch nie vorgekommen, und mit Grauen ergab er sich fröstelnd in 's Unvermeidliche. Als die Mittagsstunde träge herangerückt kam, und der Regen glücklicherweise pausirte, erklärte er sehr entschieden, keinen Bissen im Hause essen zu können, und so zogen wir hinaus in den Garten hinter dem Haus und speisten in frischer Luft, von Zeit zu Zeit von leisen Regenschauern angespritzt. Unsere Wirthin, eine gutmüthige Wittwe, gab sich Monte Adamello.26D

anerkennenswerthe Mühe, und es war nicht ihre Schuld, wenn ihr guter Wille nicht die eifrig angestrebte Anerkennung fand; denn von dem Schmutz ihres Hauses hatte sie allerdings keine Ahnung.

Am Abend schien es sich aufzuhellen, und wenn man uns auch keine grosse Hoffnung machen wollte, so verhalf uns das Bischen Bläue zu dem energischen Entschluss, lieber im Regen am Fuss des Adamello zu kam-piren, als fürderhin es in diesem Schmutze auszuhalten. Um doch etwas zu thun, wollten wir noch baden, und man wies uns ein köstliches Plätzchen, eine bis zum Rande mit frischer krystallener Fluth gefüllte Grotte, verborgen in einer Schlucht zwischen überwucherndem Grün, wie Claude Lorrain sie gemalt und mit den Nixen und Najaden des Ortes bevölkert hätte.

Im Café des Ortes sprachen wir auch vor und gewahrten bald, dass wir in dem einförmigen Leben des Dörfchens mit unseren Projekten die Löwen des Tages waren. Die guten Honoratioren begriffen unser verrücktes Beginnen nicht und meinten, ancora se fossero inglesi, ja wenn wir Engländer wären; allein auf diese Vedretta komme man nicht hinauf, es sei noch Niemand, nicht einmal ihre besten Gemsjäger, da hinaufgekommen, und vollends da hinüber nach Val Genova zu gehen sei gar keine Rede u. s. w. Diese Anschauung hatte insofern ihre üble Seite> dass wir Niemand finden konnten, der als Träger sich un& anschliessen wolltenur mit Mühe und Noth konnten wir zwei Mann bekommen, die sich bereit erklärten, wenigstens bis zur obersten Sennhütte mit uns zu gehen. Ich musste mit dieser Errungenschaft zufrieden sein, darauf rechnend, von dort aus mit meiner Ueberredungskunst das Weitere zu erreichen. Die sonst sehr liebenswürdigen Herren des Café wünschten uns glückliche Reise, und trotz der Versicherung, sie seien überzeugt, dass wir im Stande sein würden, das Ungeheuerliche zu überwinden, Hang ein etwas spöttisches „ a rivederci !"

hinterdrein. Wir waren also so ziemlich auf uns selbst angewiesen; denn auch der berühmteste Gemsjäger des Thales, ein alter, schlauer Kopf, war zu unserm grossen Glücke, wie die Leute meinten, von seinem drei Stunden im Gebirge liegenden Dorfe Saviore zufällig heruntergekommen und wurde tüchtig ausgefragt, wusste aber trotz seiner Versicherung, jene Gegenden wie seine Tasche zu kennen, Nichts weiter, als dass zu hinterst im Thale eine Vedretta sei, auf welche ein vernünftiger Mensch aber nicht gehe. Dass dieser Vedretta ein Adamello entsteige, wusste unser berühmteste Gemsjäger auch nicht, wie denn überhaupt im Thale Niemand diesen Namen kennen wollte. Aehnliches geschah auch Payer im Tyrol. Der Name ist unzweifelhaft eine von Adamé entsprossene Erfindung der österreichischen Generalstabskarte. Allerdings betreiben diese famosen Jäger die Gemsjagd mehr wie ein Geduldspiel; denn statt dem flinken Gratthiere nachzuklettern, bleiben sie tagelang hinter einem Felsblocke liegen, wo sie einen Wechsel vermuthen, bis ihnen* ein unvorsichtiges Thier zufällig in den Schuss läuft. So ein Regentag in ungemüthlicher Umgebung, ohne jeden Comfort hat etwas Einschläferndes und Entnervendes, und wenn auch die Wetterpropheten nicht viel Gutes voraussagen wollten, so freuten wir uns doch unseres Entschlusses. Viel schlechter konnte es uns doch nicht gehen, und für uns Zwei konnte sich auch ein gezwungener Aufenthalt auf der Alp unter dem Zelte, das ich mitgenommen, noch immer ordentlich gestalten. Auch unsere beiden Engadiner sehnten sich aus der gezwungenen Faulheit hinaus — und das Wetter? Das Thal hat vermöge seiner Nord- Südrichtung ziemlich regelmässige, im Tage zwei Mal wechselnde Luftströmungen von Süd nach Nord und umgekehrt, und die Hauptwetterregel in Ermanglung der gewiss kaum vorkommenden Barometer lautete desshalb in freier Uebersetzung:

Des Abends klar im Thal Des Morgens am Tonal',

so dass, als wir im Heimschlendern die prachtvolle, thal-abgelegene, matterhornartige Pyramide von Paspardo über die Vorberge hereinschauen sahen, wir wohlgemuth zu Bette gingen. Der Morgen des 27. Juli schien frisch und heiter werden zu wollen. Um 5 Uhr machten wir uns auf den Weg, um gegen Cevo und Saviore anzusteigen, Ein ganz guter Saumweg führt steil in Zickzackwendungen hinauf, und kaum ist man an dem Cedegolo überragenden Sanctuarium S. Nazzaro vorbei, so tritt man in einen prächtigen Kastanienwald, dessen dichte Kronen sich über uns wölben, während der mächtige Stamm mit der tiefdurchfurchten Rinde und die bizarren Formen der knorrigen Aeste uns an den deutschen Eichenwald erinnern. Aber ist in diesem der Eindruck ein vorwiegend ernster, die aufstrebenden Stammsäulen, die sanft ausge-buchteten, fein geäderten Blätter gewissermassen styl-voller, so weht im Kastanienwald jene warme, südliche italienische Lebensluft, die sich mit dem grössten Ernste und der grössten Würde verträgt.

Sobald man den Wald verlassen, winden sich die Zickzackwege um die terrassirten Aecker der Bewohner von Cevo herum. Eben ist man mit dem Einheimsen des Korns beschäftigt, und gleich hinterher bricht der kleine, einwendige Pflug, ganz dem etruskischen gleichend, von zwei kleinen Kühen gezogen, den Boden auf, um der Hirse als zweiter Kultur Platz zu machen.

Rüstige Mädchen, den Rock bis zur Hüfte hinaufge-schürzt, im blossen Hemd, gehen mit der Hacke hinten- drein, um die harten Schollen auf diesen nur vom Regen getränkten Aeckerchen zu zerschlagen. Noch jung und frisch wie diese Mädchen waren, gab es manch hübsches Gesicht darunter; freundlich lachten sie uns auf unsern Gruss einen guten Morgen entgegen, unbekümmert um ihre auf diesen Terrassen etwas offenherzige Toilette. Wenn sie einmal verheirathet sind, so ist es mit der Frische und Schönheit bald vorbei. Des Lebens Müh'und Arbeit, die ihnen zum grössten Theile zufällt, lässt sie schnell altern, die Schönheitslinie steigt so reissend schnell ab, dass man unter den Frauen selten mehr ein vernünftiges, appetitliches Gesicht sieht. Gemächlich waren wir nach der hoch auf uns herabschimmernden Kirche von Cevo ( 1050 m B. ) hinaufgeschlendert ( 1 Stunde 50 Minuten ). Man steht am Rande der ersten Terrasse und hat einen schönen Niederblick in das untenliegende Thal, in die jenseitigen, westlichen Höhen, welche Val Camonica von Val di Scalve trennen. Es sind steile, kahle Kalksteinmassen, die lebhaft an das Kaisergebirge im Tyrol erinnern. Wenig ansteigend, gelangt man, immer am Rande der Terrasse hin, nach Saviore ( 1237 m B. ), dem bedeutendsten Orte dieser Adamellothäler, das von reichen Kornfeldern umgeben, behaglich sich an dieser sonnigen Terrasse ausdehnt.

Hinter dem Dorfe sehen wir zum ersten Male die Val Salarno ( im untern Theile Val di Brate geheissen ), im Hintergrunde durch die Felsmassen und Eiszungen des Adamellogletschers abgeschlossen, während das silberne Band des Firnrandes sich entmuthigend hoch zwischen den Felsspitzen und Felsköpfen glitzernd und leuchtend hindurch windet.

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Von Saviore übersieht man gegen Südwesten die Thaltiefe von Val Saviore, den Eingang in 's Val Adamè, den Absturz, der zum Arnosee führt, begrenzt von der Vedrette di Saviore und die in Firn gehüllten Spitzen des Monte Frisozzo ( nicht Tredenos, wie die österreichische Generalstabskarte ihn nennt ). In der Gabelung der beiden Thäler unter uns liegen, in das schöne Grün der Matten weich gebettet, die kleinen Ortschaften von Ponte, Fresine, Soregna und Val Saviore, während im Süden der schön bewaldete Monte Coppa ( Colombo der Karte ) dieses liebliche Bild von der Aussenwelt abschliesst. Aus dem Grün der Bäume sieht am Monte Coppa ein grosser Schneefleck ganz vereinsamt hervor; es ist ein Schneeloch, das jahraus jahrein seinen Schnee nie schmelzen sieht. Wenigstens so versicherte man uns. In Saviore suchten wir unsern berühmtesten Gemsjäger auf, weil er uns am gestrigen Tage in Aussicht gestellt hatte, einen Sohn und Neffen, welche noch weit berühmter wie er zu werden versprächen, als Führer mitzugeben. Endlich konnte er aufgefunden werden, nicht aber Sohn und Neffe; diese hatten es vorgezogen, unter irgend einem beliebigen Vorwande zu verduften. Dagegen sollten wir ihm vor das Dorf folgen, wo er uns ganz gut die Haupt-direktionspunkte angeben könnte, denen wir nur zu folgen brauchten, um wenigstens auf das Gletscherplateau zu kommen. Ob wir dann noch weiter kommen könnten, das werde sich, meinte er verschmitzt lächelnd, wohl zeigen. Die Gerechtigkeit muss ich ihm übrigens widerfahren lassen, dass, wären wir seinem Rathe gefolgt, wir am nächsten Tage uns manchen Schweisstropfen erspart hätten; denn die uns von ihm angegebene Direktion erwies sich schliesslich als die einzig gangbare. Wir nahmen Abschied und verfolgten unsern Weg aufwärts, Schweizer Alpenclub.18 gegen das Salarnothal zu.

Erst geht es ziemlich eben, dann nach einer halben Stunde steil durch Wald an dem Absturz hinauf, der diese Thalstufe von der zweiten trennt. Bald zur Rechten, bald zur Linken stürzt der Abfluss der oben gelegenen zwei Seeen schäumend zur Tiefe, ein echtes Waldkind, sich bald im Wald verbergend, bald weiss hervorschimmernd. Nach 2 H2 Stunden eines stetigen und etwas heissen Marsches erreichten wir die zweite Thalstufe, wo der Granit beginnt und die Hütte der Massissioalp ( 1789 m B. ) steht, und nach einem weitern Steigen von 3/4 Stunden über eine kleine Terrasse hinauf die Ebene, wo der Massissiosee sich flach ausbreitet. Er mag einen Umfang von wohl einer Stunde haben und empfängt seinen HauptzuOuss aus dem darüberliegenden Salarnosee und einem weitern, auf der höhern Alp Bos eingebetteten See, an welchem vorbei über die trennende Gebirgskette ein Weg nach dem Parallelthal, der Val Adamè, führt. Hier haben wir zugleich die Baumgrenze erreicht ( 1986111B .); doch zeigen ver-einsamte, mehrere hundert Meter höher stehende Fichten, dass Natur und Menschen gleichzeitig dazu beigetragen, die Baumgrenze stark hinunterzurücken. Die Legföhre begleitet uns in schönen, kräftigen Exemplaren bis zur vorliegenden Höhe, die zum Salarnosee führt, hört aber dann jenseits der untern Salarnohütte ganz auf. Eigenthümlich hat sich, wohl hauptsächlich durch das starke Wurzelwerk der Legföhren, das Terrain vom Seeufer zum Rande der Terrasse gestaltet. Wo man geht und steht, hört man das Wasser unter den Füssen gurgeln und rauschen, so dass man gleichsam auf einer hängenden Brücke den Seeabfluss überschreitet. Dieser hat offenbar unter den Wurzeln die leichten Geschiebe fortgespühlt, und auf und zwischen dem Wurzelgewirr ist die Humusdecke geblieben, die einer üppigen Vegetation Raum bietet.

Da wo zwischen den Wurzeln die Erde nachgerutscht ist, sieht man in einer Tiefe von 2-3 Fuss auf munter vorbeirauschende Wasseradern hinunter. Das rechte Ufer des Sees verfolgend, gelangten wir bald an den sehr steilen Absturz, der diese zweite von der dritten und obersten Thalstufe trennt, und nach dessen Ueberwindung wir hoch am Rande des ziemlich bedeutenden Salarnosees stehen, der finster in die senkrechten Wände der überstehenden Berge eingebettet, vor uns liegt ( Niveau des Seespiegels 2059™ B. ). Die Vegetation fängt nun an sich auf die Thalsohle zu kon-zentriren, und die einschliessenden Gebirgsketten senken sich, uns ihre entblössten Granitglieder zeigend, in schroffen, riesigen Schutthalden zu Thale.

Finstere Wolken, die in den zerrissenen Kämmen gegen Osten und Norden sassen, mochten vielleicht dazu beitragen, dass uns der Salarnosee mit seinem trüben Gletscherwasser gar nicht anmuthig vorkam. Ueber ihm hin, an der untern Salarnohütte vorbei, betraten wir nun die oberste Thalstufe, eine mit üppigem Rasen bedeckte Hochebene, durch welche hindurch in tiefen Kanälen und mäandrischen Windungen die Abflüsse der am Schlüsse des Thals liegenden Gletscher in raschem Laufe strömen. In 40 Minuten ist die obere und hinterste Hütte des Thals erreicht ( 2108 m B. ), wo wir unser Hauptquartier aufschlagen und Weiteres für morgen berathen wollten. Von Cedegolo bis hierher, die 1% Stunden gezwungenen Aufenthalts in Saviore abgerechnet, hatten wir ungefähr 7 Stunden gebraucht. An sich bietet der eben zurückgelegte Weg, wenn man einmal Saviore verlassen hat, nichts besonders Interessantes. Die Umgebung der ist zu wüste, die Yerwitterungserscheinungen der

18* umliegenden Granitgebirge wachsen in zu rascher Progression zu gewaltigen Dimensionen an, als dass der Spiegel dieser Seen irgend wohlthätig auf das Auge wirken könnte.

Es sind stille, unbewegte Flächen, die selbst todt scheinen wie die riesigen Felswände, die sie umschliessen. Man hat so recht das Gefühl, dass sie selbst trotzig nur zu ihren trotzigen Felsen gehören und dem Wanderer, der ihnen nichts abgewinnen kann, nichts sein wollen, gleich als hätten sie an ihren Ufern das Dante'sche „ ma guarda e passa " als " Wegweiser angebracht. Wenn man oben angekommen, ist man keineswegs darauf gefasst, in Gesteinswüsten solcher Verhältnisse einzutreten; denn wenn man auch von Cedegolo hieher 1691 m Anstieg überwunden, liegen die Kastanienwälder, die sonnigen Triften zu nahe, um nicht unwillkürlich einen Druck ob solch gräulicher Einöde, ob solch schärfstem Kontraste zu fühlen. Immer wilder, zackiger, zerrissener ragen die Granitkämme neben uns auf, mit eherner Stirne den Elementen trotzend und die Verwüstung zu Thale sendend, und ein Glück ist es, dass das granitische Gestein hoch oben zurückbleiben muss; denn Schritt für Schritt würde es, Alles vor sich her zerstörend, in 's Thal herniedersteigen. Die Hütte selbst gehörte zu den weder mehr noch minder schmutzigen, wie man sie eben in diesem Theile der Alpen trifft; mit Behagen dachten wir an unser Zelt, in welches wir uns zum Schlafen legen konnten; denn müde genug waren wir nicht, um unter diesen Umständen ohne einiges Zagen an eine Nacht in dieser Hütte denken zu können.

Um 4 Uhr brachen wir zu einer Eekognoszirung auf, um für den nächsten Tag einen Anhaltspunkt zu gewinnen, und da die Magnetnadel uns die Lage des Adamello gerade zu unserer Linken wies, so stiegen wir den Abhang neben uns hinauf, welcher die Vorstufe zu derjenigen Kette bildet, welche vom Corno di Miller sich in nord-südlicher Richtung bis auf die Höhe der Sennhütte absenkt, um, von da in eine westliche Richtung umbiegend, Val Miller und Val Malga von Val Salarno und Val Brate zu trennen.

Nach einer Stunde starken, steilen Ansteigens lässt man die reiche Vegetation hinter sich zurück und hat nun plötzlich eine leicht geneigte Ebene ungeheurer, glatter Granitplatten vor sich, die weit hinaus sich gegen den Hintergrund des Thales zu dehnen und in ihren Fugen kaum einigen verkümmerten Androsaceen, Aretien und Ranunculus glacialis Raum zum Leben gewähren. Ein ungemein öder und trostloser Anblick, den wir um so mehr empfanden, als schwere, regenschwangere Nebelmassen, wie gewöhnlich in diesem Sommer, auf den Abend sich wieder zusammengeballt hatten und die Granitzinnen zu unserer Linken immer fantastischer erscheinen liessen. Der ganze Hintergrund des Thales war damit angefüllt, so dass unsere Rekognoszirung ganz fruchtlos war, da wir auch nicht die mindeste Orientirung gewinnen konnten; dennoch wollten wir den folgenden Morgen an dieser Richtung festhalten, da sie uns am direktesten dem Adamello zuzuführen schien. Für heute stiegen wir wieder zur Sennhütte hinunter, richteten unter einem Felsen unser Zelt auf und suchten im Schlafe die Beruhigung vor dem sich immer drohender umwölkenden Himmel.

Der folgende Morgen ( 28. Juli ) zeigte uns noch viele, aber von günstigem Winde gejagte Nebel und fand uns um 4% Uhr auf dem Weg, im Wesentlichen, nur etwas höher oben, die gestrige Richtung verfolgend. Der Morgenhimmel wurde immer klarer und zuletzt sonnig und durchsichtig blau, so dass wir fleissigen Schrittes unsern Weg über die nimmer enden wollenden Granitplatten verfolgten, direkt dem nun sichtbaren Corno di Miller zustrebend, der sich in unnahbarer Steilheit vor uns im Norden erhob und den Adamello verdeckte.

Eine Lücke in der Millerkette, die einen Uebergang in 's Mil-lerthal und möglicherweise auf den Millerglestcher zu versprechen schien, wurde unser nächstes Ziel, ward aber resultatlos erklettert; denn jenseits sahen wir über einen mehrere hundert Fuss hohen, ungangbaren Absturz auf den Millergletscher hinunter, während zu unserer Rechten die gewaltigen Felsmassen des Corno di Miller in ebenso senkrechten Wänden in den Gletscher einfielen. Auf der andern Seite des Gletschers starrten uns die schroffen, ganz nackten, aber schön gruppirten, vielgipfeligen Massen des Corno di Baitone ( 3224 m ) und Corno delle Granate ( 3137™ ) entgegen. Hier mussten wir zurück, und nachdem eine weitere Rekognoszirung der östlichen, auf unserer Seite liegenden Wände des Corno die Miller die Ungangbarkeit derselben zum Firnplateau hinauf ergeben, suchten wir das gegen Norden gerichtete Ende der felsigen Ebene, auf welcher wir un » befanden, zu erreichen, um zu sehen, was nun zu thun* Hier öffnete sich uns mit einem Male die grossartige Schönheit dieses Thalhintergrundes. Vor und hoch über uns glänzte uns der Firnrand des Adamellogletschers entgegen, in kühn geschwungenem Halbkreise das Thal abschliessend und zum Theil ganz senkrecht abstürzend. Im Westen beim Corno di Miller ( 3192 m ) beginnend, theilte ihn in der Mitte die felsige Masse des Corno di Salarno ( 3255 m ) und begrenzte ihn im Osten der kleinere Corno di Salarno ( 3166 mB. ), um sich von da aus nördlich hinter den kleinern Erhebungen des Grates zu verlieren, welcher von hier in südsüdwestlicher Richtung mit der

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Monte Adamello.279

Millerkette zu unserer Linken das Salarnothal einschliesst und dieses vom Val Adamè trennt. Jedem Epitheton spottet der Ausblick, der uns nun vergönnt war, und Dr. Baltzer wie ich, die wir, wenn man so sagen darf, ziemlich abgehärtet sind, waren einig, dass wir hier ein Bild vor uns hatten, dem wenige zur Seite sich stellen dürften.

Hinter den schwarz und drohend vom Corno di Miller und Salarno gegen einander vorgeschobenen Coulissen sehen wir den wörtlich ganz senkrechten, viele hundert Fuss hohen Absturz des Adamellogletschers, gleichsam als wäre der Gletscher in seiner ganzen Dicke durchschnitten worden, eine eisige Eiesenwand aufgethürmter Blöcke, durchfurcht von blau schimmernden Eisspalten. Von Zeit zu Zeit stürzt donnernd ein Block hernieder und rollt durch die enge Felsenpforte, welche die beiden Coulissen an ihrem Fusse gelassen, auf die dem Thale zufliessende Gletscherzunge hinunter. Auf der andern Seite des Salarno, zwischen dem höhern und dem kleinern Gipfel sehen wir einen zweiten, etwas sanfter geneigten Gletschersturz, der sich kühn an die Seite des Morteratschsturzes stellen kann und sich am Fusse der vorspringenden Felsbasis des Salarno mit dem ersten Sturz vereinigt, und drittens endlich, rechts neben dem kleinen Salarno, einen dritten- Gletscherarm, der nicht ganz zu Thale reicht und mehr aus Firnmasse zu bestehen scheint. Wenn je das Bild des im Sturze erstarrten Wasserfalles auf Gletscher angewendet werden darf, so ist es hier in diesem unglaublich grossartigen Gletscherzirkus. Man glaubt die mächtige " Welle zu sehen, wie sie hochgewölbt dem drüber liegenden Firnstrom entfliesst, um im Sturze mitten in der gewaltigsten Bewegung zu erstarren. Und welches Leben ist in dieser Er- starrung, im Gegensatz zu der trotzigen Ruhe und Majestät, mit welcher die Frgebirgsmassen ihre Flanken in diesem Eischaos baden und unbewegt ihre stolzen Spitzen in den blauen Aether hineinragen lassen!

Dass Dr. Baltzer der Versuchung nicht widerstehen konnte, seinen gewandten Stift an diesem Bilde zu versuchen und dasselbe zur bleibenden Erinnerung festzuhalten, ist sehr natürlich und keine Frage, dass ihm die Aufgabe, so weit eben in kurzer Zeit möglich, trefflich gelang. Die während seines Zeichnens gepflogene Berathung über das zu Thuende ging dahin, von unserm Standpunkte aus zu dem unter uns liegenden Gletscher hinabzusteigen, ihn zu überschreiten und an der jenseitigen Thalseite den Aufgang über den geschilderten dritten Gletscherarm, rechts vom kleinen Salarno, zu versuchen, also gerade den Weg, den uns unser Gemsjäger angerathen, einzuschlagen.

Der Absturz, der von unserem Standpunkte hinunter führte, ist sehr steil; die senkrechten, glatt geschliffenen Felswände sind nur von wenigen Grasbändern unterbrochen, an welchen wir einige hundert Fuss mühsam hinunterkletterten. Wie lange mögen diese hohen Ufer den Eisstrom eingedämmt haben, nachdem er den Boden, auf dessen Granitplatten wir seit Stunden wandelten und der seine untrüglichen Spuren trug, allmälig verlassen? Und wie mochte es wohl in jener Eiszeit hier ausgesehen haben? Nachdem wir den noch unerwartet hoch gewölbten Gletscher überschritten und das jenseitige Ufer erreicht, ruhten wir einige Zeit an der glühenden Sonne, die heiss auf unsern Scheitel brannte, aus, um dann einen bequemen Punkt für unser Nachtbivouak, möglichst weit oben am Gehänge, zu suchen. Da der Adamello an diesem Abend nicht mehr zu erreichen war, wollten wir ihm doch so nahe als möglich rücken, um die frühen Morgenstunden des folgenden Tages recht ausnützen zu können.

Nach ungefähr einstündigem Klettern waren wir bei der letzten Felspartie im Firne, die noch einigen Schutz für die Nacht gewähren konnte, angelangt. Wir beschlossen, hier ( 2895 m B. ) uns niederzulassen, nicht ohne Grass auf Rekognoszirung vorauszuschicken, um wenigstens zu konstatiren, ob man überhaupt hier hinauf kommen könne. Wir mochten so eine Stunde hingebracht haben, als mit lautem Hailoh Grass und Müller, welcher ihm gefolgt war, das steile Firnfeld über uns hin-unterstürmten, und Grass athemlos und jubelnd uns aufforderte, hinaufzukommen, auf der Firnebene müssten wir übernachten, in dem Felskopfe des kleinen Salarno sei Raum genug und schöner und besser als da untendenn da oben sei eine Welt — ja eine Welt — fast so schön wie im Engadin — und dem Adamello sitze man fast auf der Nase. Die wenigen Bedenken waren bald gehoben, und frischen Muthes ging es hinauf.

In einem Stündchen erreichten wir den Rand des Firnplateaus. Es war 6V2 Uhr. Die scheidenden Lichter des Tages übergoldeten mit ihren letzten Strahlen die Häupter um uns herum, und vor uns dehnte sich in ruhiger Majestät mit sanften Wellen, unabsehbar wie ein Meer, der Adamellogletscher aus. Zu unserer Rechten bildete der Dosson di Genova, nordsüdlich streichend, um sich dann zu dem Höhenzuge zwischen Val Salarno und Val Adamè zu verlängern, bei seiner relativ kleinen Erhebung über der Ebene mehr wie ein Felsenriff im Meer erscheinend, das östliche Ufer in seiner südlichen, uns zunächst gelegenen Spitze ( 3268 m ) und in der nördlichen ( 3279 m ) erreichend, hinter dieser die elegante Spitze der Lobbia alta ( 3190 m ), als letzter Punkt der der jensei- tigen Tiefe emporsteigenden Kette, während zu unserer Linken die Vorsprünge des Corno bianco ( 3424 m ) das westliche Ufer abgrenzen, indess er selbst über PizzoFal-cone ( 3438 m ) scheinbar ununterbrochen zum Adamello hinüberreicht, welcher als wuchtige Masse dem Corno Miller gegenüber die Ebene vor uns abschliesst.

Der Vielersehnte liegt fast unmittelbar vor uns, schwerfällig, massiv, eigentlich unschön, aber durch die Masse wirkend. " Während er gegen Osten und Norden steil abfällt, steigt er in schönem Bogen von der südsüdwestlichen Seite auf. Der Corno di Salarno und Miller, uns nur wenige Meter überragend und bis zu ihrer Krone mit Firn überzogen, lassen in ihrer nun so bescheidenen Erscheinung nicht ahnen, wie imponirend sie auf ihrer Südseite aus dem Salarnothal sich erheben, denn von hier aus sind sie nur die Strebepfeiler, welche das gewaltige Plateau gleichsam unterstützen. Ueber die uns zunächst liegende Einsattelung des Dosson di Genova, über welche man auf den Adamè- und Fumogletscher gelangt, sieht der schön geformte Carè alto ( 3464 m ) herüber, und vor uns ungefähr in unsrer Höhe streckt sich zwischen dem Corno bianco und dem Dosson di Genova die Wasserscheide ( 3160 m ), in einer Breite von zirka 5000 m flach in ruhigen Wellen ansteigend, während sie jenseits dem Mandrongletscher zu, nach Payer, zirka 250 m fällt. Ich schalte hier am besten gleich ein, was Payer über dieses ungeheure Gletschergebiet sagt; denn neben dem sich vor uns ausdehnenden Salarno- und Mandrongletscher, welche gewissermassen Eins bilden, wenn auch geographisch auf der Wasserscheide getrennt, und die er zusammen gedacht zu den grössten Oesterreichs zählt, liegt jenseits des Dosson di Genova der Lobbia- mit dem Adamè- und Fumogletscher, allerdings minder mächtig als derMandron, aber immerhin zu den grossen ihrer Species zählend.

Nach Payer hat unser Mandron-Salarnogletscher eine Länge auf österreichischem Boden von 9600 m, auf italienischem von 3400™, zusammen 13,000 m, mit einer Maxi-malbreite von 4100™ auf österreichischer und mindestens 7000 m auf italienischer Seite, hier die Linie zwischen Dosson di Genova und dem Absturz nach Val Miller angenommen. Anderseits zeigt der Lobbiagletscher eine Länge von 5400 m und 30001™, zusammen 8400 m, eine Durchschnittsbreite von 2000 m oberhalb der Felsenenge, in die er durch die Lobbia bassa und Crozzon di Far-gorida plötzlich auf 570 m zusammengepresst wird, und wie sein Nachbar in Folge dessen, in gräulichen Eisstürzen und rascherem Neigungswinkel als er, ungefähr 150 m oberhalb des Mandrongletschers im Thale endet. Auf der südlichen italienischen Seite endet er, durch den Monte Fumo in zwei Theile getheilt, nach Payer merkwürdig zerworfen und zerschrundet, in steilstem Abstürze in den Val Adamè und Val Fumo.

Die lautlose Stille, die grossartige Oede dieser Gletscherregion, der feierliche Ernst, in den sich die allmälig immer dunkler und kälter werdenden Felsen kleideten, machten einen unvergesslichen Eindruck. Payer bezeichnet ihn ganz richtig als den einer vollendeten arktischen Landschaft, und ist dies um so zutreffender, als wie schon angedeutet, diese Gletscher auf einem so hohen Plateau eingebettet sind, dass die höchsten Bergketten relativ nur wie Klippen und Inseln mit geringer Erhebung aus dem Eismeere hervorragen. Nichts erinnerte uns an die Welt der Menschen als das Dörfchen Saviore, das wir weit unter uns am Abhänge thalaus erblickten, und dessen aufsteigender Rauch uns anheimelte.

Unser bevorstehendes Nachtquartier war öde genug. Mit Mühe konnte zwischen den Blöcken das Zelt aufgerichtet werden, und fröstelnd sassen wir auf den Steinen herum, indem der über Nacht immer wehende Nordwind aufgesprungen war und uns nicht angenehm durchsäuselte. Ehe wir 's uns versahen, sassen wir mitten in den dicksten von Nordwest herangewehten Nebeln, und kaum hatten wir uns frierend unter das Zelt zurückgezogen, so fing es sehr ungemüthlich an mit eisigen, vom Wind gepeitschten Tropfen an unsre Zeltwände zu schlagen, dass es klirrte. Es war gut, dass Dr. Baltzer und ich so nahe beisammen lagen, dass wir uns immer auf 's Kommando auf unsrer harten Unterlage drehen mussten, denn so gaben wir uns warm, während die armen Führer und Träger draussen schutzlos dem Unwetter preisgegeben waren und uns wirklich dauerten. Wenn wir aus unserm Zelte in die Nacht hie und da hinaussahen, so konnte man wohl eine auf dem Gletscher auf- und abtrabende, dunkle Gestalt erblicken, die zur nothdürftigen Erwärmung sich in einem Dauerlauf übte. Gegen Mitternacht wurde es wieder klar, der Mond schien hell und versprach einen schönen Morgen; allein es war beissend kalt und ein von Dr. Baltzer bereiteter Becher heissen Grogs eine wahre Erquickung. Wir hatten natürlich keine Schwierigkeit, uns zum Aufbruch zu rüsten, da die mondhelle Nacht uns ganz gut erlaubte, ohne die mindeste Gefahr den vorliegenden Gletscher zu überschreiten, und bald ging 's unter Hinterlassung sämmtlichen Gepäcks und der Träger um 2Va Uhr des 29. Juli dem lang ersehnten Ziele zu.

Fast eben hinspazierend, erreichten wir in einer Stunde den Fuss des Hornes ( 3280 mB. ), der sich auffallend ausgesprochen gegen die Ebene absetzt, und fingen nun

an, da, wo sich derselbe nach Westen wendet, aufzusteigen. Das steile Gehänge und die sehr harte Firndecke zwangen uns bald zum Stufenhauen. Immer heller wurde es um uns her, immer rosiger färbte es sich im Osten, und als wir um 4:ij2 Uhr unsern Fus* auf die Spitze setzten, stieg golden der Feuerball hinter der feinen Eisspitze der Presanella empor. Es war ein erhebendes, nicht zu beschreibendes Gefühl, in solchem Momente auf dieser Höhe das ersehnte Ziel erreicht zu haben.

Easch wurde Umschau gehalten. Ein eisiger Nordwind durchfröstelte uns ( Temp. 2 o C ), allein wir achteten dessen nicht, war doch, obschon gegen Westen, so ungefähr am Gotthard herum, dichte Nebel die Aussicht abperrten, diese sonst eine ganz unbegrenzte. Norden und Osten war ganz frei, ebenso der Süden, mit Ausnahme der in den tiefen Thaleinschnitten lagernden Nebel, die uns den Ausblick auf die Ebene und den Iseosee versperrten. Als wahrer König thront der Adamello unter seinen Vasallen, tief unter uns liegen die Bergamasker, die Berge der Val Camonica. Der Corno di Baitone, der uns gestern noch so riesig vorkam, ist zusammengesunken, und nur die gegenüberliegende Presanellakette strebt zu unsrer Höhe herauf; ja die Cima di Nardis überragt uns ganz sichtlich, ebenso die fantastisch gezackte Dolomitmauer der Brentakette, welche im Osten wie die Presanella im Norden uns umgibt. Leider ist die Beleuchtung für diese beiden so mächtigen Gebirgsmas- sen ungünstig; die Presanellakette gibt sich durch die dahinter stehende Sonne einen so schwarzen Schatten, dass wir die grossartige Gliederung erst im Verlauf des Tages ersehen, während die Brentakette in der uns zugewandten Westseite, vom Sonnenlicht kaum berührt, ihre festungsartige Silhouette am Himmel abzeichnen

konnte. Am imponirendsten nimmt sich das Bernina-massiY aus, und unwillkürlich kehrt das Auge wieder zu ihm zurück. Im Westen durch die kühne Gestalt des Disgrazia, im Osten durch die Pyramide des Bernina begrenzt, breiten sich dazwischen die grossen Gletscher so mächtig aus, erheben sich so viele spitze Silbergipfel, dass man ihm die Palme der ganzen Aussicht zuerkennen muss. Die Ortlergruppe würde vielleicht ebenso wirken, wäre sie nicht von der Presanellakette halb verdeckt, so dass ihre runden, massigen Köpfe trotz ihrer Bedeutung nicht zur vollen Geltung kommen können. Dagegen ist die ganze Reihenfolge der hörnerreichen Stubay er ferner, der Zillerthaler Alpen und die Massen der Dreiherrenspitze, des Venedigers und Grossglockners von gewaltiger Wirkung. Nach Osten und Nordosten sieht man weit in die zwischen Steyermark und Vicenza liegenden venetianischen Gebirge hinein. Man kann so recht an ihnen die nach der lombardischen Ebene abfallende Gebirgslinie erkennen, wie sie im Gegensatz zu derjenigen vor uns flacher verläuft. Während über den lombardischen Seebecken die Berge steil von relativ bedeutender Höhe mit geringer Vermittlung gegen die Seen und die Ebene abfallen, ziehen sie sich im Venetianischen weit hinunter, um erst bei den euganeischen Hügeln die Ebene zu schneiden.

Zwischen der Berninagruppe und dem Ortler sehen die schön geformten Unterengadiner Pyramiden, die dahinterliegenden Berner hervor, und eine Unzahl aufge- thürmter Bergmassen, zu deren Entwirrung ein eingehendes Studium und mehr Zeit, als wir hatten, vonnöthen wäre. So viel ist sicher, dass kaum ein Berg so glücklich wie der Adamello ist, wie ein Feldherr vor der Front eines Heeres von ungezählten Bergen und Spitzen, den erha- Monte Adamello.287

bensten Schöpfungen unserer kleinen " Welt, zu stehen. Meine alten Bergamasker-Bekannten sah ich gern wieder als schön gegliederte, respektable Masse Yor uns, als Frondeurs die Kalkgebirge des Val di Scalve in vereinzelten Bergindividuen von sich abzweigend. Gerade unter uns in tausendschuhiger Tiefe liegt der Aviosee in wilder, öder Umgebung, und gerne folgt das Auge dem Thalzug, um an den Matten von Vione und Temù, deren freundlichen Häusern mit dem weissen Kirchlein den Blick ausruhen zu lassen. Am vollen Genuss hinderte uns störend genug der eisige Nordwestwind, der uns um-pfiff. Mit wahrer Todesverachtung setzte sich Dr. Baltzer dennoch hin, um zu zeichnen; aber leider beschränkte die erstarrende Temperatur seine Aufgabe. Da er noch weiter zeichnen wollte, und unsre von dem Regen des vorigen Abends ganz durchnässten Führer allmälig zu Eiszapfen wurden, Messen wir ihn nach l3/4 Stunden zurück, um allmälig zu unserm Standort zurückzukehren. In einer halben Stunde waren wir am Fusse des Horns, da der Firn noch zu hart, die Wölbung des Abhangs noch zu steil war, um hinunterfahren zu können, und gemüthlich wanderten wir in einer weitern Stunde unserm letzten Nachtquartier zu. Belebt war diese Einöde nur durch eine Gemse, welche, aus den hohen Felsen des Salarno emporgeschreckt, auf eine Distanz von höchstens 100 Schritten ruhig vor uns hintrabte, dann stehen blieb, um uns zu genauer Besichtigung näher kommen zu lassen, und dann wieder etwas vorgaloppirte, bis sie unter dem Kreuzfeuer unsrer Rufe und derjenigen unsrer Träger hinter der Lücke des Dosson di Genova verschwand. Sie war, was sich aus der Jagdmethode der italienischen Gemsjäger, wie ich sie geschildert, zur Genüge ergibt, keineswegs das schöne, gejagte Thier unsrer Schweizerberge;

die Gletscherreviere sind ihr „ Freiberge " genug. Unsre armen italienischen Träger waren noch nicht warm geworden; in ihren leichten Sommerkleidern waren sie weder für die arktische Kälte der Gletscher auf 10,000'Höhe, noch einen eisigen Regen eingerichtet, wie wir ihn erlebt. Der eine von ihnen wollte uns nicht mehr folgen; er hatte genug am Vorgeschmack. Ich gab ihm mein Zelt, dessen wir für die Folge entbehren konnten, zur Weiterbeförderung mit, und konnte den zweiten, einen braven Burschen, der schwer belastet unermüdlich neben uns hertrabte, bestimmen, mitzugehen. Er heisst Gelmi Giovanni, detto Busetta, tagliapietra ( Steinhauer ) seines Zeichens, wohnt in Cedegolo und ist nun genügend orientirt, um als Führer dienen zu können. Die in diesem Sommer unvermeidlich aufsteigenden Nebel vertrieben Dr. Baltzer bald von seinem luftigen Sitz; er holte uns eine Stunde später ein und vollendete die Zeichnung unsres Bivouaks, so weit es eben der herumziehende Nebel erlaubte. Namentlich das von Grass errichtete Steinmännchen, welchem dieser, die zufällige Form der Steine benutzend, einen nach Italien fliegenden Vogel — er meinte, dass man sich einen sehnsüchtigen österreichischen Adler darunter denken könne — aufsetzte, musste auf der Zeichnung nebst dem eidgenössischen Ordonnanzzelte seinen Platz finden.

Um 9^2 Uhr traten wir unsre Wanderschaft über den Gletscher an. Sie ist für die ersten Stunden auf diesem fast ebenen Plateau ein wahrer Spaziergang; nur an den immer höher werdenden, uns seitlich begleitenden Bergzügen und dem nach Ueberschreitung der Wasserscheide immer mehr sich offenbarenden Hintergrunde des Genovathals merkt man, dass es abwärts geht. Wir steuerten, unbehelligt durch Spalten, in der Richtung des Stielendes des Dosso di Marocaro, wo die von diesem aus einem Firnthälchen kommende seitliche Moräne in den Hauptstrom einbiegt, dem festen Lande zu, fuhren zwei Terrassen, über welche der Gletscher mehrere hundert Fuss hoch abfliesst, hinunter, und liessen uns leider verleiten, statt über die Moräne die Seitenhänge zu gewinnen, an dem an seinem westlichen Ufer verführerisch glatten Gletscherstrom hinunter zu schlendern, zu unsrer Rechten das wilde Chaos des zu Thale stürzenden Gletschers, welcher hier in unglaublich phantastischen Formen seine Massen in Eisburgen, Klippen, Zacken, Hörn er, Nadeln zerklüftet, den jähen Abhang heruntergleiten lässt, um dann immer ruhiger werdend, gleich wie ein dem Wassersturz enteilender Strom, in mächtigen Wellen der Enge zuzufliessen, durch die er von 1500 m mittlerer Breite auf 150 m zusammengedrängt, seinen letzten Sturz fast senkrecht 500 m hinunter thut.

Ich überlasse es Dr. Baltzer, die eigenthümlichen Erscheinungen dieses Gletscherlaufs nach ihren auffallenden physikalischen Gesetzen zu erörtern, kann aber nicht umhin, hervorzuheben, dass an packender Gewalt, an bezauberndem Reize diese Gletscherpartie ohne Rivale sein dürfte. Die üppigste Phantasie wäre unvermögend, sich diese Fülle der bizarrsten Formen, die Mächtigkeit der Erscheinungen, diese Welt von Eistrümmern zu denken. Es ist Schade, dass wir an diesem Gletscher die satte, blaugrüne Färbung des Eises nicht haben, an welche man in der Schweiz gewöhnt ist. Das Eis ist wie undurchsichtig, weissgrau, weissblau, weissgrün, ja grau, als wenn es mit dem Granitstaub der umliegenden Berge überpudert wäre, so dass die Tümpel an seiner Oberfläche uns nicht wie Saphiraugen anlachen, sondern mit milchigem, trübem Wasser angefüllt sind.

Schweizer Alpenclub.19. ',;,,,.:

Neben dem starren, riesigen " Wellengewoge hinschreitend, glauben wir am Sturz hinunter zu Thal steigen zu können; denn die Veneziaalp, die Bedolealp und der dazwischen liegende Lärchenwald lachen uns verführerisch, 500 m unter uns, entgegen. Allein bald müssen wir uns überzeugen, dass an ein Hinunterkommen nicht zu denken; denn wir stehen am Rande von senkrechten, glatten Felswänden, die an 400 m hoch den ganzen Thalhintergrund bis zum Fusse der Lobbia bassa und bis zum Abstürze des Lobbiagletschers umsäumen und zu unsrer Linken in gleicher Höhe sich bis zur Höhe der Bedolealp fortsetzen. Es brauchte eines mehr als halbstündigen horizontalen Fortkletterns an den steilen, mit der gefährlichen Festuca überwucherten Grashalden, unter der drückend in diesem Kessel konzentrirten Mittagshitze ( wir waren um 12 Uhr 10 Minuten an der Gletscherenge angelangt ), um uns zu überzeugen, dass da kein Fortkommen möglich, und dass wir wieder hinaufklettern müssten, um weiter oben, wenn thunlich, den Weg zu kreuzen und dann zu verfolgen, der von den Mandronseen an der Mandronhütte vorbei zu Thale führen musste. Allein in diesen rauhen Gegenden, wo nur wenige Sommerwochen sich Ziegen und Schafe aufhalten, ihre kleinen Steige sich hundertfach kreuzen, war der Weg nicht zu finden, so hoch wir auch ansteigen mochten. Schlucht um Schlucht kreuzten wir, es nicht wagend, ihren Wasserläufen zu folgen, da, wie wir gesehen hatten, sie in ihrer letzten Partie immer als Wasserfälle zu Thale stürzten, bis wir endlich unter dem Widerspruch der in solchen Fallen sich zu Dutzenden aufdrängenden Meinungen uns trennten, und Jeder, seinem Instinkt folgend, den Weg suchte. Ich kam mit Grass zuletzt im Thale an, und wenn sich auch Keiner von uns eines schönen Weges zu rühmen hatte, so

hatte ich am wenigsten Ursache dazu. Einen halsbre-{îhendern Weg habe ich sobald nicht gemacht; das schönste Edelweiss, das ich noch je gefunden, sowie die massenhaften würzigen Erdbeeren, denen wir in der letzten halben Stunde begegneten, war nur ein geringer Ersatz für die Ach und Weh während des stundenlangen Kletterns. Unwillkürlich wurden übrigens im Herabsteigen die Schritte durch die Aussicht auf den Hintergrund des Thales aufgehalten; denn über dem zwischen Malga Bedole und Malga Yenezia sich ausbreitenden Lärchenwald erhob sich in steilen, schwarzen Wänden die Lobbia bassa, an deren beidseitigen Flanken der Mandron -und der mächtige Lobbiagletscher hinunterströmen und nicht weit von einander am Fusse der Lobbia im Thale enden. Weit hinauf bis zum Beginne ihrer Abstürze konnte man diese gewaltigen Eisströme verfolgen, die Gesichtslinie gekrönt durch die Eiszinnen und Eisburgen, die wir am Mandrongletscher in der Nähe bewundert, und nicht minder phantastisch den Lobbiagletscher zieren. Der Mandron alto zu unsrer Eechten, der Meni ci-golo zu unsrer Linken, dieses Bild abschliessend, und das Ganze durch den grünen Wald vor uns eingerahmt, bot ein Bild dar, welches sich unvergesslich in die Seele einprägt und nur nachgefühlt, nicht in seiner überwältigenden Schönheit beschrieben werden kann. Tausendfältig glücklich musste ich bei diesem Anblicke, wie bei manch'andern der in diesen zwei Tagen empfangenen Eindrücke den Menschen preisen, der solche grossartige Offenbarungen des Schöpfers in sich aufnehmen und sie erfassen kann. Es ist ein unvergänglicher Gewinn für 's Leben.

Unsre Irrfahrten hatten uns eine kostbare Zeit ( wenigstens 2 Stunden ) gekostet; denn erst um 5% Uhr ka-

wir an der Malga Bedole an. Da Dr. Baltzer mit

19* meiner Zeit rechnen musste, waren wir wohl oder übel genöthigt, statt hier zu bleiben und zu übernachten, thalaus nach dem 5 Stunden entfernten Pinzolo zu wandern.

Nicht nur konnten wir nieht die Veneziaaip am Fusse der Gletscher besuchen, sondern wir verloren notwendigerweise, in die Nacht hineinmarschirend, eine Summe der Schönheiten des Genovathals, welches deren tausendfältig enthält. Tief eingeschnitten senkt es sich nicht stark nach Pinzolo zu, nämlich auf nahezu 5 Stunden Länge, da die Yeneziaalp 1^90 m und Pinzolo 766 m ü.M. liegt, nur 924 m. Dafür steigen aber auch die Thalwände, namentlich die nördlichen der Presanellakette, ungemein steil auf, meist auf 5—600 m Höhe senkrecht von der ersten Bergstufe abgerissen. Da nun die aus den obern Regionen und Gletschern:kommenden Wasserläufe sich bei der ungemeinen Schroffheit der Gehänge meist tief in Schluchten eingefressen und in einem Sprung diesen letzten Abhang zu überwinden haben, so erhält das Thal durch die Unzahl der Wasseradern und die dadurch bedingten Wasserfälle einen ganz eigenthümlichen Charakter, welcher gar wohlthätig die stille Einsamkeit seiner Wälder und Hänge belebt und mit den aus seinem Hintergrunde hervorschimmernden Gletschern und firngekrönten Bergkolossen seinen etwas schwermüthigen Eindruck mildert.

Unter den Wasserfällen sind die hervorragendsten an der linken Thalseite die doppelarmige, wasserreiche Piscia di Nardis, die in mächtigem Tosen an ( nach Sonn-klar 160 m ) hoher, senkrechter Felsenwand herunterstürzt, auf der rechten der Laresfall, den man von seinem Ursprung an, zu oberst am Gletscherrand, in seinen bald in den Gebirgsstufen verschwindenden, bald über die nächstfolgenden stürzenden mehrfachen Fäl- Monte Adamello.29%

len. verfolgen kann, bis er im letzten Falle ( 200 m S. ), in graziösem Bogen offenbar aus einem; ausgehöhlten Felskessel in der Hälfte seines Sturzes aufspringend, zwischen und über dem Grün der Baumwipfel seine prächtige Schaumsäule vor dem " Winde leicht hin und her wiegt, sowie drittens die 100 m S!. hohe Sturzsäule des Eio Fargo-ridaDer ganz ordentliche Saumweg, welcher von Mas-simeno an abwärts fahrbar'wird, führt zumeist neben oder über der mit jedem Schritte anwachsenden, wilden Sarcahin, welche die feierliche Stille des Thales durch ihr Kauschen angenehm unterbricht. Die wenigen Sägemühlen, welche nur im Sommer betrieben werden, und die Alpwirthschaft während der drei Sommermonate bringen allein Terkehr von Menschen in dieses Thal. Bei seiner Configuration lässt sich leicht begreifen, dass hier der Winter mit seinen Schrecken, seinen donnernden Lawinenstürzen unbeschränkt herrschen muss.

Die Nacht senkte sich leider rasch herab; trotz unseres beschleunigten Schrittes wurde es bald ganz dunkel, und mit Mühe konnte man sich orientiren. Endlich zeigten sich unter uns die Lichter von Caresolo, und, nachdem wir so glücklich waren, Jemanden zu treffen, der uns bei den vielfach sich im Thale kreuzenden Wegen den richtigen nach Pinzolo zeigte, strebten wir mit allem Eifer unserm Ziele zu; denn seit 2V2 Uhr mit wenigen Ruhepunkten auf dem Marsche, sehnten wir uns nach unserm Nachtquartier. In Pinzolo schlug es 11 Uhr ( um 6 % Uhr hatten wir Bedole verlassen ), als wir einmarscbirten. Ein paar gutmüthige Nachtschwärmer, die zu unserm Glücke uns begegneten, zeigten uns das Wirthshaus all' Aquila bei Bonapace, das wir sonst nun und nimmer gefunden hätten. Meister Bonapace hatte anfänglich wenig Lust, uns einzulassen; denn er war mit den Seini- gen im ersten Schlafe;

allein endlich that er auf, stärkte uns mit einem ordentlichen Nachtessen und wies uns treffliche Betten an, die uns bis tief in den Morgen hinein festhielten.

Ich berühre nur noch kurz die von mir angegebenen HÖhenwerthe. Auf österreichischer Seite bis einschliesslich des Adamello, soweit sie mit seinem und dem Presa-nellagebiete zusammenhängen, entnahm ich sie der trefflichen Monographie von Payer. Auf der italienischen Seite entbehrte ich dieses Hülfsmittel und suchte die barometrischen Werthe mit dem sich auch diesmal wieder als ganz vortrefflich bewährenden Aneroïd von Goldschmidt zu gewinnen. Als Anhaltspunkte zur Eeduktion konnte ich mich nur der ziemlich entfernten Stationen von Mailand und Bergamo bedienen, ersteres in gerader Linie 130, das zweite 85 Kilometer entfernt, die ausserdem noch den Nachtheil haben, dass sich ihre Beobachtungszeit nur zwischen 9 Uhr Yormittags bis 3 Uhr Nachmittags bewegt, ein Uebelstand, der gerade im Sommer, bei hohen Hitzegraden ( der Thermometer schwankte während meiner Beobachtungstage an beiden Orten zwischen 28° und 34° Celsius ), durch am Abend in der Ebene oft auftretende und durch die Nacht dauernde Gewitter die momentane Depression des Barometers nicht registrirt, und daher meine meist zwischen 3 und 9 Uhr fallenden Beobachtungen beeinflussen musste. Dann zeigte Bergamo, den Bergen naher liegend, immer einen 15—30 mm höhern Barometerstand wie Mailand. Trotzdem erhielt ich auf dem Adamello, bei 3547 m P. Höhe, nur einen Plus-Unterschied von 54 m, also 0,015224 per Meter zu viel. Ich zweifle nicht, dass, wenn ich mehr und dem Gebirgsstocke näher, namentlich den herrschenden Nord-Nord-Ost-"Wind berücksichtigend, nördlich gelegene Beobachtungsstatio- nen gehabt hätte, die Differenz ganz oder nahezu verschwunden wäre.

Trotzdem reduzirte ich um obigen Bruchtheil die ganze Reihenfolge der bis dahin gefundenen Werthe, was um so richtiger erscheinen dürfte, als andre durch Payer trigonometrisch fixirte Punkte ungefähr diese Differenz als Constante bei der Vergleichung ergaben. Die von mir gewonnenen Höhenquoten sind übrigens alle mit B bezeichnet und kann nach dem Vorstehenden deren absoluter Werth ermessen werden. Die auf unserm Weitermarsche im südlichen Ortlergebiet gewonnenen Beobachtungen konnte ich für absolute Zahlen nicht mehr verwerthen; denn je mehr wir uns von den erwähnten Stationen entfernten und uns in Gebirgssysteme vertieften, deren Hauptthäler eine von Nord-Süd ganz entgegengesetzte Richtung in ihren Hauptzügen verfolgten, so musste auch mit Berücksichtigung der dadurch bedingten herrschenden Luftbewegung der barometrische Druck über diesen Gebirgsknäueln ein wesentlich anderer als in der Ebene draussen, somit die Anhaltsstationen sehr zweifelhaften Werthes sein. Dagegen für die Ermittlung der relativen Zahlen, d.h. der senkrechten Abstände zwischen zwei Punkten, leistet das Aneroid überall seine sehr werthvollen und angenehmer Dienste und den Beweis seiner absoluten Brauchbarkeit und Zuverlässigkeit. Die Uebelstände werden immer die nämlichen da sein, wo die barometrischen Stationen entweder ganz selten, oder die Möglichkeit nicht gegeben ist, gleichzeitig im Thale beobachten zu lassen; sie sind unzertrennlich von der Methode der barometrischen Höhenbestimmungen.

W'-WÊSff;...:

II.

Abhandlungen.

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