Nachträgliches über das Albulagebiet

Von Bob. Helbling ( Sektion Bachtel ).

Für den Spätsommer 1897 hatte ich mit Freund E. Labhardt ( Sektion Uto ) eine längere Tour im Albulagebiet projektiert. Gar zu gerne hätten wir das eine oder andere dort noch nachgeholt, was trotz der lebhaften Bereisung des Clubgebiets unversucht gelassen worden war. Ich brauche wohl nicht- noch besonders zu erklären, daß wir beinahe völlig unverrichteter Dinge wieder abziehen mußten; denn jene garstige Witterungsperiode, die der September brachte, wird wohl jedem Leser noch in lebhafter Erinnerung sein.

Die Ducankette ist im allgemeinen einer der weniger begangenen Teile des Clubgebietes, und wenn auch in dortiger Gegend kaum mehr „ absolut Neues " zu leisten ist, so giebt es doch noch eine Menge Pfade, die bis jetzt kein Tourist begangen hat, namentlich im westlichen Teile der Gruppe. Die steile, imposante Südwand ist erst an wenigen Stellen betreten worden: am Plattenhorn, Groß- und Klein-Ducan; dagegen verlautete bisher nichts von einer Begehung dieser Felsenmauer westlich vom Gletscher-Ducan. Auch die Verbindungsgräte zwischen den einzelnen Gipfeln sind zum großen Teil intakt geblieben von Touristen — einsame Jäger mögen allerdings auf ihren Streifzügen schon dortherum gekommen sein. Westlich vom Klein-Ducan ist nur das Stück von der Gratdepression zwischen Gletscher-Ducan und Piz Crealetsch bis zum Piz Ravigliel überschritten worden. Herr O. Schuster und Führer J. Engi von Davos stiegen am 23. Juni 1892 vom Ducanpaß in die ebengenannte Lücke und weiter über den Ostgrat zum Piz Crealetsch; von dort aus bestiegen sie noch den Piz Ravigliel, indem sie soweit als möglich den Verbindungsgrat benutzten.

Um die Mittagsstunde des 15. September 1897 stand ich mit Freund Labhardt auf dem Ducanpaß. Ein kalter Wind pfiff von Westen her, und garstige Wolken fegten regenschwanger an den Berggehängen. Kaum hatten wir uns zu einer kurzen Rast hingesetzt, so begann es fröhlich zu schneien. Wenn auch der Himmel seinem Segen gar nicht Einhalt thun wollte, brachen wir dennoch auf, und zwar gegen den Gletscher-Ducan ( 3020 m ), in den Nebel hinein. Der Aufstieg zu diesem Gipfel ist leicht und nicht zu verlieren, man braucht nur dem Grate zu folgen. Dagegen ist es bei guten Schneeverhältnissen vorteilhafter, zeitweise auf dem Gletscher zu gehen; denn auf dem Grat hat man einige kleinere Gegensteigungen. Der oberste Teil des Grates ist etwas steil und bei Neuschnee nicht eben angenehm zu begehen. Das Schneien hörte nach und nach auf, und die Nebel stiegen etwas in die Höhe, aber Aussicht hatten wir doch keine, als wir auf dem Gipfel standen, der, wie die wenigen Gipfelkarten beweisen, ziemlich selten bestiegen wird, und zwar meines Wissens bis jetzt immer über den Nordgrat oder über den Gletscher. Wir hatten im Grunde doch noch Glück gehabt; denn alle Gipfel der nähern und weitern Nachbarschaft steckten im Nebel drin, nur der unsere nicht mehr. Da wären wir also noch verhältnismäßig schlau gewesen! Mehr als der Abstieg über die Südwand, der nicht schwierig sein wird, reizte uns die Gratwanderung hinüber bis zum Piz Crealetsch ( 2986 mj. Während die Nordseite des Kammes bis zu 2000 m verschneit war, war zu unserer angenehmen Überraschung dessen Höhe selbst völlig schneefrei. Der Grat ist etwas zersägt, doch kann man überall gut durchkommen. Vom Gletscher-Ducan aus senkt sich zunächst der Kamm ziemlich steil, dann folgen mehrere kleine Gratzacken, die man entweder leicht überklettern oder seitlich umgehen kann. Bis zur tiefsten Depression, die näher dem Piz Crealetsch liegt, muß man, ohne die Gegensteigungen zu rechnen, reichlich 300 Meter absteigen. Das Gestein, nach Theobald Hauptdolomit, ist scharfkantig und großbrüchig, die Wanderung behält stets den Charakter einer anregenden, hübschen Kletterei. Pikante Stellen fehlen allerdings. Selbstverständlich musterten wir eifrigst die Südwand des ganzen Massivs; mußten wir doch dort irgendwo einen Abstieg finden. An mehreren Stellen reichen steile Couloirs von der Tiefe bis zur Kammhöhe hinauf. Vom Thale aus oder von den gegenüberliegenden Gehängen sehen sie alle recht „ gesinnungs-tüchtig " aus, doch dürften alle gut zu begehen sein; steil sind siezwar sehr und, streckenweise wenigstens, für größere Gesellschaften lästig, nämlich da, wo die Rinnen sich erweitern und mit losem Geröll erfüllt sind. Auch dürfte im Frühsommer Steinschlag zu erwarten sein. Uns lag daran, ein solches Couloir möglichst nahe dem Crealetsch zu finden, da wir andernfalls wieder einige Gegensteigungen hätten überwinden müssen. Ich hoffte im stillen, auch der Westgrat ließe sich vielleicht gut benutzen. Allein es war schon 4 Uhr 15 Min., als wir auf den Piz Crealetsch kamen, und wenn auch der Piz Ravigliel verlockend herüber-winkte, mußten wir für heute uns begnügen. Der Grat zu ihm hinüber senkt sich zwar nicht so tief wie auf der Seite nach dem Gletscher- Ducan, allein er ist nach den Angaben von Herrn Schuster nicht überall gangbar, da er kurz nach dem Gipfel in einem Absturz abfällt; der Grat des Piz Ravigliel ist aber jedenfalls wieder leicht. Östlich, gleich unterhalb des Gipfelkegels des Piz Crealetsch, stiegen wir in ein Couloir ein, das uns ziemlich tief hinunterzuführen schien. Wir fanden zwar das Gestein ab und zu recht brüchig und stellenweise auch viel loses Geröll in der Rinne; einigemal war sie ziemlich eng und traten kleine Abstürze auf, allein schwierig war das Klettern nirgends. Zum Aufstieg möchte das Couloir recht mühsame Arbeit bereiten, da die große Steilheit und das lose Gestein dabei jedenfalls mehr empfunden würden. Das Couloir mündet auf ein breites, geneigtes und mit feinem Schutt bedecktes Band, das sich auf eine weite Strecke an der Südwand des ganzen Massivs hinzieht und infolge seiner gelben Farbe sofort auffällt. Am untern Rand des Bandes folgt wieder festes Gestein, es hat sich dort deshalb ein kurzer Absturz gebildet, der aber an mehreren Stellen durchbrochen wird. Die Darstellung dieser Stelle auf der Karte scheint mir keine glückliche. Man glaubt nach ihr, dort eine Reihe Türmchen zu finden; thatsächlich sind sie aber nicht vorhanden, sondern eine kurze Steilwand, die an mehreren Stellen von der Erosion durchbrochen ist. Die Erosion hat jedesmal unten an kleinen Stellen angesetzt, sich dann nach oben, seitlich und bergwärts ausgebreitet; so entstanden trichterartige, offene Kessel. Von unten gesehen, kann die solchermaßen durchbrochene Wand allerdings den Eindruck erwecken, als wäre sie in verschiedene Türmchen aufgelöst, und das um so mehr, weil das darüberliegende Band weniger geneigt ist und etwas schneller abwittert als sie selbst, infolgedessen dann einige Platten über das Band emporragen; dennoch ist dieser Eindruck, wie gesagt, nur optische Täuschung. Vom Band aus kann man demselben folgend nach Osten etwas ansteigen und jenseits einer Ecke über Schutt leicht nach dem Kessel von Crealetsch absteigen. Wir zogen vor, westwärts nach einem der Erosionstrichter abzusteigen und durch denselben leicht den Fuß der ganzen Südwand zu erreichen. Über eine Geröllhalde uns wieder etwas nach Osten wendend, gelangten wir zum Grätchen, welches den Kessel von Crealetsch westlich begrenzt. Dasselbe war mit Gras bewachsen und angenehmer zu begehen als die Schutthalde. Genau 1 Stunde hatten wir bis zum Grätchen gebraucht, also gleichviel wie vor zwei Jahren, als wir die gleiche Wand, aber an anderer Stelle, am Klein-Ducan, durchkletterten. Dieses Couloir ist ziemlich viel länger und etwas schwieriger als jenes, aber angenehmer zu begehen. Leider verschlechterte sich das Wetter wieder, und bald setzte ein feiner, kalter Sprühregen ein. Doch blieben wir auf unserm Marsch nach Bergün hinaus guter Dinge; war es uns doch vergönnt, vom Gletscher-Ducan ( Südwestgrat ) und Piz Crealetsch ( Südwand ) Abstiege zu finden, die für Touristen wenigstens neu sind. Ich möchte deshalb noch beson- ders auf diese Tour aufmerksam machen, weil sie wohl den schönsten direkten Weg von Davos nach Bergün berührt, der in einem Tag sich ausführen läßt. Je nach der zu Gebote stehenden Zeit kann man noch den Piz Ravigliel mitnehmen ( vom Gletscher-Ducan-Piz Crealetsch-Piz Ravigliel 4 Stunden ) oder, statt durch das Ducanthal, über das Älplihorn und den Strehl nach dem Ducanpaß gehen ( Jahrbuch S.A.C. XXXI, pag. 46, Imhof ). Jedenfalls ist diese Tour einer Traversierung des Hoch-Ducans und, wie es scheint, auch des Plattenhorns ( Jahrbuch S.A.C. XXX, pag. 82, D. Stokar ) weit vorzuziehen. Die Wanderung durch die monotone obere Val Tuors fällt weg, oben auf dem Grat bekommt man dagegen Gelegenheit zu fröhlichem Klettern; öde und endlose Schutthalden wie am Hoch-Ducan giebt es nieht, und so unangenehm miserabel wie am Plattenhorn ist hier das Gestein keineswegs. Ob auch in umgekehrter Richtung die Tour so empfehlenswert, lasse ich dahingestellt. Im Jahrbuch S.A.C. XXXI, pag. 366, hatte ich über eine Traversierung des Klein-Ducans berichtet; irrtümlicherweise figuriert diese Tour dann unter den „ neuen Touren im Jahre 1895 ". Herr Dr. E. Burkhardt aus Basel hat den Berg aber schon 1893 bestiegen ( 20. September mit einem Manne aus Klosters, Namens Peter Degen, der mit der Gegend aber ganz unbekannt war ). Herr Dr. E. Burkhardt hat nur teilweise den gleichen Weg eingeschlagen wie wir. Auch er traversierte den Ducangletscher, dann stieg er aber durch ein Couloir an der Nordostschulter des Berges auf die Grathöhe, die er etwas nordöstlich vom Gipfel erreichte. Die Schneeverhältnisse waren damals sehr schlecht. Zum Abstieg benutzte er ein breites, seichtes Couloir ( „ schon mehr Haldewestlich dem von uns benutzten — und gelangte so wieder auf den Ducangletscher, von wo aus nach kurzem und leichtem Anstieg noch der Gletscher-Ducan gewonnen wurde. Der Klein-Ducan wird von den Landeseinwohnern auch „ Gemskirchli " genannt, ein Name, der mir für den Klein-Ducan in der That besser zu passen scheint, als für jene Stelle, welcher die Karte diese Bezeichnung giebt. Er war schon vor 1893 von Landeseinwohnern als Ausschauwarte und Orientierungspunkt auf der Gemsjagd mehrfach bestiegen worden.

Alle diese Mitteilungen verdanke ich der Freundlichkeit des Herrn Dr. E. Burkhardt, welcher so gütig war, mir auch noch eine Reihe anderer Besteigungen, die er in jenem Gebiete ausgeführt hatte, zu skizzieren. Er bestieg unter anderm auch das Leidbachhorn ( 2912 m ), und zwar, „ wie es hieß ", als erster Tourist. Der Aufstieg geschah über die Leidbachalp und den gewaltigen, formenschönen Nordgrat des Berges, wobei stets die Kammhöhe innegehalten wurde, der Abstieg durch ein steiles, unschwieriges, aber kniebrechendes Schuttcouloir nach Sertig.

Ich will hier gleich auch noch eine kurze Bemerkung zur Aela-Rundtour anführen. Der Rote Grat, der Tinzenhorn und Piz d' Aela verbindet, wird bei dieser sehr empfehlenswerten Wanderung bekanntlich im Aelapaß überschritten, man kann aber auch noch an anderer Stelle ohne Schwierigkeit einen Übergang bewerkstelligen. Allen Aelabesteigern, die von der Clubhütte aus den Berg bestiegen haben, ist wohl die Lücke östlich Punkt 2937 in Erinnerung; denn man genießt ja von dort einen köstlichen Blick hinunter zu den prächtigen Lajets. Dieser Blick allein macht diesen Übergang schon genußreicher, als es der Aelapaß ist. Von der Lücke aus führt eine Runse nach den Lajets hinunter, die wohl steil, aber nicht schwierig ist für jeden Touristen, der etwas kniefest. Von ihrem untern Ende braucht man eine gute Stunde zur Fuorcla da Tschitta. Wählt man diesen Übergang, so lernt man ein Stück des Aelaweges kennen und kommt zudem mitten in die furchtbar verwitterte Felsmasse des Piz d' Aela hinein, ohne sich den Mühen einer Besteigung auszusetzen. Touristischen Wert bekommt diese Runse noch, weil man sie vorteilhaft benutzen kann, wenn man vom Piz d' Aela in die Val d' Err absteigen will. Auch zum Aufstieg aus der Val d' Err wird sie wohl zu gebrauchen sein; denn die Route, welche die Herren Purtscheller und Dr. Blodig einschlugen, wird nur weniger Leute Sache sein. Ich überschritt #diese Lücke mit Herrn A. Gröbli ( Sektion Bachtel ) den 22. Juli 1893 bei leider zweifelhaftem Wetter.

Ein anderer Gipfel, der sehr vernachlässigt worden ist, und zwar aus völlig unerklärlichen Gründen, ist der Piz Michel ( 3163 m ), der äußerste nordwestliche Eckpfeiler des Clubgebiets. Der Piz Michel ist ein recht schöner Berg, und wenn auch ganz leichte Zugänge zu seinem Gipfel führen, so dürfte doch manch einer, der Kesch, Aela und Tinzenhorn hinter sich hat und deshalb von seinen Kletterkünsten recht viel zu halten beginnt, an dessen Südwand harte Nüsse zu knacken finden. Ich bestieg den Berg am 6. August 1895 mit Freund E. Labhardt, nachdem kurz zuvor ( am 3. August ) reichlich Schnee bis zu den Alpen herunter gefallen war. In Tinzen hatten wir für einige Tage Quartier genommen, waren aber recht froh, als am Morgen des 6. August das Wetter aufheiterte, und wir wieder etwas unternehmen konnten. ( 7 Uhr 10 Min. Abmarsch von Tinzen. ) Nach kurzem Marsch verließen wir den Thalboden der Val d' Err und stiegen von der Hüttengruppe vor Pensa zur Alp Castellas an und von dort weiter über die Mähder von Murtiratsch nach dem Bleis Ota-Grat ( Punkt 2551 ), wo wir von 10 Uhr bis 10 Uhr 45 Min. Rast hielten, im Anblick des Tinzenhornsund der mächtigen Südwand des Piz Michel.

* ) Das Tinzenhorn hatten wir kurz vorher am 2. August bei prächtigem Wetter bestiegen. Die Fahrt war etwas abenteuerreich, aber nachgerade hat sich um dieselbe ein Sagenkreis gebildet, so daß ich nicht umhin kann, hier den wahren Thatbestand festzustellen, und zwar um so mehr, weil auch Führer P. Mettier in seinem Büchlein „ Die Bergüner Berge " mit schlechtverdeckter Schadenfreude von unserer Fahrt berichtet, aber ganz falsch. Allerdings verdammt spät, erst 2 Uhr Wir hatten im Sinne, letztere zu durchklettern. Direkt südlich des höchsten Gipfels, da, wo die Schutthalden am weitesten in die Wand hinaufreichen, betraten wir die Felsen, die, in mächtige Bänke geschichtet, sich steil emportürmen. Unten war die Kletterei leicht, nach oben aber wurde sie immer schwieriger. Die ersten Bezwinger der Südwand waren Mr. W. A. B. Ooolidge und die beiden Führer Devouassoud; ob wir den gleichen Weg gingen wie sie, möchte ich aber bezweifeln. Wir hielten uns immer nahe dem Grat, welcher sich vom Gipfel zu Punkt 2996 zieht. Knapp bevor wir dessen Höhe erreicht, also etwa 200 Meter direkt unter dem Gipfel, gerieten wir an eine recht schwierige Stelle. Meine noch nicht geheilte Hand machte mich zum Klettern nicht übermäßig disponiert. Labhardt versuchte mit aller Mühe über die Stelle hinaufzukommen.

nachmittags, waren wir bei klarem Wetter von der Hütte aufgebrochen, wohl führerlos, aber nicht „ des Weges unkundig ", war ich ja schon vor zwei Jahren in jener Gegend gewesen und hatte speciell das Tinzenhorn genau studiert. Audi dürfte man nicht mehr so ganz „ des Weges unkundig " sein, wenn man die gesamte einschlägige Litteratur studiert hat. Labhardt und ich hatten damals ( also 1895 ) doch schon eine mehrjährige alpine Praxis hinter uns, und darf uns aucWMettier glauben, daß wir keine solche alpine Idioten mehr waren und „ führerlos, des Weges unkundig ", so spät einen Berg wie das Tinzenhorn angegangen hätten. Wir kamen auch ganz gut auf den Gipfel bis zum Steinmännchen, und mich nimmt es äußerst wunder, was denn Mettier das Recht giebt, trotz unsern Eintragungen im Aela-hüttenbuch einfach anzunehmen, „ den Gipfel haben sie wohl nicht erreicht ". Wir wären auch ganz gut gleichen Abends noch zur Hütte zurückgekommen, wenn wich nicht unglücklicherweise beim Abstieg über eine Wandstufe ein Stein an der rechten Handballe getroffen hätte. Die Wunde hinderte mich außerordentlich beim Klettern, so daß die Dunkelheit leider heranbrach, gerade als wir einige Meter oberhalb des bekannten horizontalen Bandes ankamen. Wir hätten schließlich das Band auch in der Dunkelheit forcieren können; allein da das Wetter noch gut war, beschlossen wir, lieber zu warten, als etwas Unsicheres zu unternehmen, und darin wird uns wiederum jedermann, auch Mettier, Recht geben müssen. Allerdings nach Mitternacht verschlechterte sich das Wetter immer mehr, und als wir beim Tagesgrauen über das Band kletterten, begann es zu schneien. Salonfähig sahen wir schon nicht mehr aus, als wir zur Hütte zurückkamen, aber auch P. Mettier wird „ nicht im besten Zustand " zurückkommen, wenn er bei heftigstem Schneien und Regnen von der Tinzenhornscharte über die Schuttbänder nach dem Bot Rotond und zur Aelahütte absteigt. Einzig und allein, weil mich der Stein getroffen hatte, und nicht weil wir des „ Weges unkundig " gewesen wären oder weil wir führerlos waren, hatten wir die Hütte gleichen Tags nicht mehr erreicht; denn der Stein, der sich löste und mich traf, hätte mich auch getroffen und wenn zehn Führer in jenem Momente zur Stelle gewesen wären, da weder Labhardt noch ich sein Fallen verursacht haben. Ich möchte daher Führer Mettier bitten, unsere Tinzen-hornbesteigung in Zukunft nicht mehr quasi als Beweis anzuführen, wie schlecht

Er kam am Seil wohl 20 Meter höher als ich, und geduldig ließ er sich vom Schmelzwasser, das über die Felsen in Menge troff, durchnässen, als aber Steine und Eisstiieke von oben kamen, kehrte er schleunigst um. Wir berieten, was zu machen sei. Die gar nicht leichte Felskletterei, die noch gefolgt hätte, wäre bei den damaligen Schneeverhältnissen gefährlich und zeitraubend gewesen; wir erinnerten uns auch der unheimlichen Episode, die Mr. Coolidge dort erlebt, und kehrten um, mit der Absicht, den gewöhnlichen, leichten Weg, den Herr Carl Diener gefunden, einzuschlagen. Abends 4 Uhr stehen wir an der Stelle, wo an der Westecke des Massivs ein sehr breites Band erst gerade hinauf, dann schräg aufwärts zu Punkt 2767 führt ( 4 Uhr 30 Min. ). Von Punkt 2767 geht man weiter über eine Schutthalde, rechter Hand den Westgrat, linker Hand den langen Nordwestgrat; man kommt so auf den Nordgrat und nach kurzer Kletterei auf den Gipfel. Halbmetertief lag weicher, nasser Neuschnee auf dieser ganzen Strecke, die uns recht Mühe machte. Dennoch standen wir 5 Uhr 20 Min. auf dem Gipfel, früher, als wir gehofft hatten. Mit Recht rühmt man die herrliche Thalsicht des Piz Michel, aber auch wilde und ernste Momente fehlen der Aussicht nicht. Mit Interesse blickten wir die steile Südwand hinunter zu den in schwindelnder Tiefe liegenden Hütten von Murtiratsch. Wundervoll grüßen aus südlicher Ferne Monte della Disgrazia und Piz Roseg. Indessen steigen wir schon 5 Uhr 30 Min. wieder ab und eilenden Schrittes erreichen wir wieder den Erker bei Punkt 2767; weiter stürmen wir hinunter über die Colms da Betschs und Colms da Michel; durch herrlichen Hochwald gewinnen wir die Wiesen von Senslas und von dort gemächlich bummelnd 7 Uhr 45 Min. das stille Tinzen. Blutigrot, von schwarzen Wolken umsäumt, hatte sich die Sonne hinter die Berge geneigt.

Merkwürdigerweise haben die beiden ersten Partien den Piz Michel für höher angesehen, als das Tinzenhorn. Wenn das nun auch nicht richtig ist und infolge einer kleinen Differenz der Piz Michel der niederste der Bergünerstöcke ist, so sollte er gleichwohl nicht dermaßen vernachlässigt werden. Ich empfehle ihn nochmals und Kletterern seine Südwand insbesonders.

Bis jetzt sind folgende Wege eingeschlagen worden:

1. Südwand und Südostgrat. 1. August 1867. Mr. W. A. B. Coolidge mit den Führern François und Henri Devouassoud. Alpine Journal, Bd. IV, pag. 51.

2. Von Norden. 14. Oktober 1869 die Herren H. Dlibi und E. Ober mit Führer Peter Jenny und Dermont. Neue Alpenpost, Bd. XI, pag. 121. Zu diesem Weg führte Herr E. Hildgard mit Führer Mettier eine Variante aus, indem er, statt, wie die Partie Dübi im Kleinen Schaf-tobel selbst, über den Grat von Fuorcla dadeins bis Punkt 3089 anstieg. Neue Alpenpost, Bd. XI, pag. 154.

3. Von Westen. 8. Juli 1887 Dr. C. Diener allein. Österreichische Alpenzeitung, Bd. IX, pag. 307. Auch zu diesem Weg ist eine Variante ausgeführt worden und zwar von Mr. W. A. B. Coolidge mit Ch. Almer jun., 16. August 1895, indem diese Partie rechts von Dieners Route an der Nordseite des Westgrates aufkletterte. Alpine Journal, Bd. XVII, pag. 590.

Das Albulagebiet ist als Clubgebiet recht eingehend durchforscht worden, nach allen Richtungen. Auch allgemein ist es fleißig besucht worden, wie die Tourenverzeicbnisse des Jahrbuches beweisen. Möge das neue Clubgebiet ebenso die verdiente Beachtung finden.

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