Noch ein paar Routen und ab ins Bett!

Bouldern ist in, Kletterwände im eigenen Haus ebenso. Man kann sie selber bauen oder als Bausatz kaufen.

Nach dem Abendessen, wenn die Töchter noch vor Energie strotzen, braucht Andreas Hutter nicht zu befürchten, dass sie sich an der Wohnwand abreagieren. Stattdessen steigen sie von alleine in den Estrich. Dort hat ihnen ihr handwerklich begabter Vater eine rund zwei Meter hohe Kletterwand eingerichtet.

«Schon 2013, als sie noch ganz klein waren, zeigten meine Töchter Lust aufs Klettern.» Andreas Hutter trieb gebrauchte Bretter und Klettergriffe auf, die ihm ein Kollege überliess, nahm die Werkzeugkiste zur Hand und machte sich an die Arbeit. «Da ich selber gern klettere, wollte ich meinen Kindern die Freude am Sport weitergeben. Zugleich konnten sie beim Klettern ihre motorischen Fähigkeiten entwickeln.»

Vier Jahre später verfügt das Eigenheim in Neuenburg nicht nur über eine Kletterwand im Estrich: Im Garten steht eine zweite, etwa vier Meter hohe Wand. «Die Wand ist leicht geneigt und hat eine Toprope-Sicherung, an der man Kinder oder Erwachsene sichern kann», sagt Hutter. «Und wenn die Töchter weiterhin so viel Interesse am Klettern zeigen, werde ich vielleicht noch eine Kletterwand an der Fassade des Hauses einrichten.»

Geburtstage in der Vertikalen

Bis dahin haben sich die Anstrengungen des SAC-Tourenleiters auf jeden Fall gelohnt: «Als meine Töchter auch auf Bäume stiegen, fiel mir auf, dass sie sich wohl und sicher fühlten. Wir mussten nicht ständig befürchten, dass sie herunterfallen.» Die beiden Mädchen haben im Übrigen einige Neider bekommen: Freunde und Freundinnen, die am Haus vorbeigehen, bekommen Lust, es auch zu versuchen. «Generell kann man sagen, dass das Klettern seinen Weg in den Alltag der Kinder gefunden hat», sagt Andreas Hutter. So seien Kletterhallen gar zu einem beliebten Ort für Geburtstagsfeste geworden.

Kletterwände als Bausatz

Kletterwände für den Hausgebrauch werden zunehmend auch von Eltern nachgefragt, die keine Handwerker sind. Um diese Nachfrage zu befriedigen, ist unter anderen Michael Roth in die Lücke gesprungen. In seiner Werkstatt in Interlaken konstruiert der gelernte Schreiner und Boulderfan Kletterwände als Bausatz. Diese lassen sich dann zu Hause leicht zusammenbauen. Sein klassischer Bausatz: ein Holzbrett (1 m breit, 2,45 m hoch), ausgerüstet mit Schlagmuttern, Schrauben und zwölf Griffen.

«Vor gut zehn Jahren, als ich mein Geschäft gründete, verkaufte ich nur Griffe», sagt Roth, «mehr und mehr wandten sich Architekten an mich, die Schulen und Kindergärten bauten. Sie wussten, dass ich Schreiner und Boulderer bin. So kam ich zu Aufträgen, Kletterwände auf Mass zu bauen. Schliesslich begann ich, diesen Service direkt anzubieten.»

Endlose Variationen möglich

Für Michael Roth passt das Interesse an den Miniwänden für Zuhause zu den Förderprogrammen für Beweglichkeit, zum Boulderboom und zum Trend, auch auf Spielplätzen Kletterwände aufzustellen. «Allein durch den Austausch von Griffen oder den Vorschlag, nur an Griffen einer bestimmten Farbe zu klettern, können die Übungen fürs Motoriktraining fast grenzenlos variiert werden.»

Ein Argument, das auch Cyrille Boinay überzeugt hat. «Letztes Jahr kauften meine Partnerin und ich eine Wohnung in der Stadt Bern. Unser Ältester kam gerade ins Kletteralter, und da wir keinen Garten mit Bäumen haben, boten wir ihm eine andere Gelegenheit, sich wie ein Affe zu bewegen.»

Ein Dekorationselement

Gemessen an der Grösse fügte sich die Kletterwand erstaunlich gut in die eher kleine Wohnung der Familie ein. «Ich habe die Wand grellorange bemalt», erzählt Boinay, «wenn meine zwei Söhne sie nicht benutzen, verwandelt sie sich in ein ansprechendes Dekora­tions­element.» Und die Matratzen am Fuss der Wand «dienen als Notbett, da wir über kein Gästezimmer verfügen.»

 

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