1818 brach beim Giétrogletscher ein Damm aus Eis, und 20 Millionen Kubikmeter Wasser ergossen sich ins ­Bagnes-Tal. Die Flut aus Eis, Holz und Schlamm ­forderte 34 Menschenleben.

Alles beginnt im April 1818, als die Bauern aus Bonatchiesse bemerken, dass der Fluss Dranse für diese Jahreszeit ungewöhnlich wenig Wasser führt. Beunruhigt steigen die Männer das Tal hoch, um nachzuschauen, wo das Problem liegt. Sie entdecken eine Unmenge an Eis, das vom vorrückenden Giétrogletscher abgebrochen und ins Tal gestürzt ist. Damals, vor 200 Jahren, herrschte noch die kleine Eiszeit, die Gletscher wuchsen ein letztes Mal. Die Eismasse verstopft den Durchfluss der naheliegenden Gebirgsbäche. Hinter diesem natürlichen Deich hat sich ein zwei Kilometer langer und 60 Meter tiefer See gebildet.

Furchterregender Befund

Ein Dokument des Notars Pierre-Joseph Jacquemin aus dem Jahre 1837 beschreibt den furchterregenden Befund: «Der Gletscher hat sich über die Felsen von Giétro gestülpt, und enorme Massen sind auf das gefallen, was vom letzten Jahr noch übrig geblieben war (Anm. d. Red.: Die zwei vorangegangenen Winter waren besonders kalt gewesen). Diese kegelförmigen Schutthaufen erstreckten sich von einer Bergseite zur anderen […]. Dieser immense Deich schloss hermetisch alle Durchflüsse der Dranse; das Wasser, das keinen Ausgang fand, hat bereits einen See gebildet.»

Nur noch eine Frage der Zeit

Nachdem die Bauern ihre Entdeckung den Behörden gemeldet haben, schickt die Gemeinde einen gewissen Jean-Georges Troillet aus Lourtier vor Ort. Er soll sich einen Überblick über das Phänomen verschaffen. Mindestens sechsmal steigt er zum Giétrogletscher auf, bis er zum abschliessenden Ergebnis kommt: Es ist alarmierend.

Die Abgesandten von Bagnes, Sembrancher und Martigny informieren im Mai den Landtag, der gerade tagt. Der Landeshauptmann Charles Emmanuel de Rivaz hört sich die Sorgen an und schickt daraufhin den Kantons­inge­nieur Ignace Venetz aus Saas-Fee vor Ort. Am 10. Mai berichtet dieser: «Die Gefahren haben sich nicht verringert. Alle Berichte, die wir Eurer Exzellenz haben zukommen lassen, sind in keinster Weise übertrieben. Die Frage, die sich im Moment stellt, ist nicht, ob das Wasser den Damm übersteigen und das Tal überschwemmen wird, sondern nur noch, wann es passiert!»

Bei der Durchsicht der Archive bestätigt sich der dringende Handlungsbedarf. Denn man findet dort die Beschreibung einer ähnlichen Situation vom Mai 1595. Diese Überschwemmung riss 500 Häuser mit sich und tötete 140 Personen. Dank diesem Wissen beginnen mehrere alarmierte Bewohner des Tales, ihre Möbel in den oberen Stockwerken ihrer Häuser in Sicherheit zu bringen.

Arbeiten unter grosser Gefahr

Kantonsingenieur Venetz kommt zum Schluss, dass ein Stollen gebohrt werden muss, um den See zu entleeren. Er konsultiert zwei Personen: den aufmerksamen Naturbeobachter, Autodidakten und Bauernsohn aus Bagnes Jean-Pierre Perraudin sowie Jean de Charpentier, Ingenieur bei den Salinen von Bex. Sie sollen die Arbeiten in Gang bringen. «Der Ingenieur berechnete die Zeit, im Vergleich zum steigenden Wasser, die man braucht, um einen Stollen in das Gletschereis zu treiben, bevor das steigende Wasser die Arbeiter erreicht», liest man in den Schilderungen des Notars Jacquemin.

Am 12. Mai 1818 beginnen 126 hauptsächlich aus der Region stammende Männer mit der Arbeit am Stollen. Sie lösen sich alle 24 Stunden bei der Arbeit ab. Nach fünf Tagen verlassen die ersten Männer angesichts der Gefahren und der entsetzlichen Bedingungen den Stollenvortrieb. Dennoch: «Das Loch von einer Länge von 608 französischen Fuss wurde am 5. Juni vollendet; es wurde weiter gesenkt, bis am 13. Juni gegen zehn Uhr abends das Wasser eindrang», heisst es weiter in den Schriften.

Im Tal beginnt Philippe Morand, Präsident des Zehnden Martigny, ungeduldig zu werden und organisiert einen Evakuierungsplan. Zudem lässt er auf den umliegenden Bergen ein Alarmsystem mit Feuern einrichten, die bereit zum Anzünden sind. «Die Kirchgemeinden ihrerseits veranstalten öffentliche Gebete, um die göttliche Barmherzigkeit zu erbitten», erzählt Christine Payot, Historikerin und Autorin des Buches Giétro 1818. La véritable histoire.

Dammbruch fordert 34 Tote

Trotz allen Vorkehrungen gibt der Damm nach. «Am Mittwoch, 16. Juni, um halb fünf kündigt ein fürchter­liches Krachen den Bruch an», beschreibt Pierre-Joseph Jacquemin die Katastrophe, «im Folgenden entfliehen die Wassermassen mit ungeheurer Wucht durch den entstandenen Durchgang, ergiessen sich 100 Fuss hoch in die Mauvoisin-Schlucht und reissen die Brücke mit sich.» Um 17.10 Uhr erreicht die Flut Le Châble. Um 17.45 Uhr wird in Chemin Alarm geschlagen. Die ­Feuer werden entzündet, ein Kanonenschuss wird abgegeben, und in Morand läuten die Kirchenglocken Sturm. Um 18 Uhr rollt ein Strom aus Eis, Holz und Schlamm durch Martigny. Die Pont de la Bâtiaz, die gedeckte Holzbrücke in Martigny, wird mitgerissen. Um 18.30 Uhr ist der Spuk vorbei. Der Grossteil der Einwohner von Martigny hat sich auf den Hängen des Mont-Chemin in Sicherheit gebracht. Um 23 Uhr erreicht die Flut den Genfersee. Am Ende gibt es 34 Todesopfer zu verzeichnen. Vier in Bagnes und fünf in Sembrancher, die anderen starben in Martigny. Darunter sind vor allem ältere Leute und Mütter mit Kindern. Alle diejenigen, die Mühe hatten, schnell genug zu reagieren.

Am Morgen nach der Katastrophe versammelt sich eine vom Landtag organisierte Kommission vor Ort. «Bei ihrer Ankunft stellten die Untersuchungsbeauftragten fest, dass die Einwohner bereits wieder arbeiteten. Das zeugt von ihrem Pragmatismus. Ausserdem handeln sie, ohne auf Befehle von oben zu warten», sagt der Historiker Arnaud Meilland. Die Tragödie löst in der Schweiz und im Ausland eine enorme Welle der Solidarität aus. Es dauert zwei Jahre, bis die Spenden aus ganz Europa verteilt sind.

Anfang der Glaziologie?

Heute wird die Katastrophe oft als Ursprung der Gletscherforschung angeführt. Dem widerspricht Emmanuel Reynard, Professor der physischen Geografie an der Universität Lausanne: «Es ist nicht angebracht, zu behaupten, dass es sich hierbei um den Anfang der Glaziologie handelte», sagt er. «Korrekt ist nur, dass alle gemachten Beobachtungen, Messungen und Expertisen bei der Schaffung dieser Wissenschaft eine wichtige Rolle gespielt haben.» Und er fügt hinzu: «Die anhaltende kleine Eiszeit, die Entwicklung der Naturwissenschaften und der Beginn des Tourismus haben sicherlich das Interesse an Gletschern mitgefördert. In diesem Sinne hat die Tragödie von Giétro zwei Welten zusammengeführt, die der Bauern und die der Wissenschaftler.» Denn: Die Gletschertheorie, die davon ausgeht, dass Findlinge von Gletschern transportiert worden sind, wurde von Louis Agassiz 1837 an einer Konferenz der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft vertreten. Bestätigt wurde sie endgültig zwischen 1840 und 1841 dank einer Arbeit eines gewissen Jean de Charpentier. Grundlage für die Theorie war aber die Beobachtung des Bauern­sohns Perraudin.

Zur Vertiefung

Christine Payot, Giétro 1818. La véritable histoire und Giétro 1818. Une histoire vraie, Editions du Musée de Bagnes, 2018

Christian Berrut, 1818, ein Film zum ­Gedenken an das Giétro-Unglück vor 200 Jahren, Filmic & Sons, 2018