Paul Geiger: Volksliedinteresse und Volksliedforschung

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Bern, Yerlag von A. Francke, 1912. Preis broschiert Fr. 3.50.

Die sehr verdienstliche Arbeit eines jungen Basler Gelehrten kommt sowohl der Volkskunde als der literarhistorischen Forschung über das Volkstümliche und das Volkslied zugute und macht uns bekannt mit den Strömungen, welche in dieser Beziehung zwischen der Schweiz und Deutschland hin und her gingen. Ausgehend von dem Zürcher Bodmer, bespricht der Verfasser alle dahingehenden Bestrebungen und Leistungen bis hinunter zu dem 1831 in dritter Auflage vom Zofingerverein herausgegebenen „ Liederbuch für Schweizerjünglinge ". Neben den Zürchern Lavater, Heß, Hegner und J. M. Usteri, den Luzernern Ineichen, Häfliger, Stalder und Schnider von Wartensee, dem Solothurner Glutz-Blotzheim, dem St. Galler J. A. Henne und andern vereinzelten treten besonders die Berner hervor. Denn wie Herr Geiger bemerkt, „ lebte hier noch die Hallersche Tradition, fand in den ersten Alpenforschern ihre Fortsetzer, und auch die jüngere Generation der Wyß, Wagner, Meisner knüpfte an sie an. Man war hier den Älplern am nächsten, und diese werden noch immer als die in der eigentlichen Sitteneinfalt lebenden Muster genommen ". Und unter der älteren Generation treten uns besonders die Brüder Samuel und Gottlieb Sigmund Studer in Geigers Darstellung als um die Volkslied- und Volkstumsammlung verdiente Männer nahe. Daneben G. J. Kuhn und J. R. Wyß, der jüngere. In bezug auf den ersteren bringt Geiger manches über das von Dr. Stickelberger in seinem Neujahrsblatt Dargestellte und von mir in diesem Jahrbuch, vol. XLV, pag. 408-409, Besprochene Hinausgehendes, das uns als Ergänzung willkommen ist. Besonders über Kuhns redaktionelle Tätigkeit für die in 4 Auflagen erschienene „ Sammlung von Schweizer Kuhreihen und Volksliedern " und die „ Alpenrosen ", in welcher Tätigkeit er sich mit Wyß begegnete, wird volles Licht verbreitet. Das nämliche gilt von dem Kapitel über „ J. R. Wyß den jüngeren ", obschon hier das gleich zu besprechende Neujahrsblatt von Dr. Ischer von Geiger noch nicht benutzt werden konnte. Aber am wertvollsten, wenn auch nicht am umfangreichsten, erscheint uns das über G. S. Studer Gesagte, dem hier zum ersten Male die ihm auf dem Gebiete der bernischen Volkskunde und des schweizerischen, speziell des älplerischen Volksliedes zukommende Stellung als die eines vorbildlichen Sammlers zugewiesen wird. Ich habe hier manches mir noch Unklare bereinigt und mit Beweisen belegt gefunden, und nur weniges hätte ich gern noch schärfer gefaßt gesehen. So vermisse ich in der sonst sehr instruktiven Schilderung der Hirtenfeste in Unspunnen eine Betonung des Umstandes, daß G. S. Studer bei dem von 1805 als Kampfrichter für die Hirtengesänge funktionierte. Recht pikant sind die Mitteilungen, pag. 50—52, über die Antikritiken, welche durch die Kritiken ausländischer Reiseschriftsteller, wie Küttner, Spazier, Meiners, Heinzmann u.a., über älplerisches Volkstum und Volkslied in bernischen Kreisen hervorgerufen wurden. Ich könnte sie aus zeitgenössischen Büchern und Briefschaften noch vermehren und werde es vielleicht gelegentlich tun. Wenn die Zusätze Ramonds zu W. Coxes Lettres etc. „ eine längere Ausführung über den Kühreihen geben ", so verdankt Ramond, der gar nicht im Falle war, hier aus eigener Erfahrung zu schöpfen, seine Kenntnisse unstreitig Wyttenbach und G. S. Studer. Der letztere ist es unstreitig auch, welcher seinem Bruder Samuel all das Material von Kühreihen und Volksliedern verschaffte, welches dieser 1807—1809 Fr. von der Hagen für dessen Publikationen verschaffte. Man versteht es immer besser, warum sich im Nachlaß G. S. Studers, der im Besitz der Sektion Bern S.A.C. ist, nur noch Reste dieser kostbaren Sammlung finden; er gab eben alles weg an seine Freunde und deren Freunde und starb auch zu früh ( 1808, nicht 1809, wie Geiger pag. 59 meint ), um seine Kollektaneen selber verarbeiten zu können. Daß G. S. Studer der von Meiners angedeutete „ Gelehrte " war, welcher sich um 1788 „ in Bern mit dem Sammeln der echten Volkslieder " abgab, ist auch mir wahrscheinlich, aber dies zu beweisen, muß einer zusammenhängenden Betrachtung von G. S. Studers folkloristischem Werke vorbehalten bleiben. Daß Studer seine Volksliedersammlung betrieb, ohne auf das „ Moralische " ein allzu großes Gewicht zu legen, ist sicher, denn unter den fliegenden Drucken, die er hinterlassen hat, sind einige recht „ fröhliche ". Wenn von Geiger ( pag. 92 ) darauf hingewiesen wird, daß J. R. Wyß in der Architektur der „ Oberländischen Wohnhäuser ein Gebiet findet, das wie die Mythologie der Alpen und die Bergnamen eines genaueren Studiums wert wäre ", so hat Wyß eingestandenermaßen für die beiden letzten Punkte Studer die Wege gewiesen. Mit Recht hebt Geiger hervor, daß Wyß, wenn er in den „ Alpenrosen ", deren Almanach-charakter entsprechend, die Sagen in poetischer Form „ bearbeitete " ( und damit verdarb ), sich in seiner „ Reise in das Berner Oberland " jeglicher Ausschmückung der Sagen enthielt, und ebenso an Grimm die „ genauen Fassungen " sandte. Daß die Niederschrift des Kühreihens „ Nu gschau mi Atti ", bezeichnet: „ von Joseph Pester von Marbach, den 8. Februar 1794 ", welche sich im Nachlaß von Wyß gefunden hat ( Geiger pag. 96 ), aus Studers Sammlung stamme, würde eine Vergleichung der Handschrift und des Papiers wohl zur Evidenz ergeben. Neu und interessant war mir ( pag. 48 ) der Hinweis, daß die 1756 erschienene Erzählung „ Die schöne Alpmayerinn " das bekannte Guggisbergerlied zur Voraussetzung hat. In Summa, ich habe von dem Buche Geigers viel gelernt und möchte es allen Freunden dieser Studien zur Lektüre empfehlen.Redaktion.

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