Piz d'Esen

E. Heinzelmann ( Sektion St. Gallen ). ' '

Von Dem Wanderer, der sich über die Albulastraße dem Engadin nähert, fällt schon auf der Paßhöhe im Ausblick auf dies Hochthal und die dasselbe begleitenden Bergzüge vor allem aus eine prächtige, kecke Berggestalt gerade vor ihm auf der rechten Thalseite ins Auge; noch auffallender und imposanter tritt ihm dieselbe entgegen, wenn er vom Scalettapaß hinuntersteigt ins Sulsanathal; ebenso beherrscht diese kühne, prachtvolle Pyramide das Oberengadin von Bevers bis nach Brail hinunter. Es ist der Piz d' Esen ( 3130 m ), nebst Piz Mezzem, der am weitesten gegen das Engadin vorgeschobene Ausläufer der Kette, die sich vom Berninapaß bis zum untern Thal des Spölflusses, zwischen diesem und dem Inn hinunterzieht.

Die Herren E. Imhof, A. Ludwig und der Schreiber dieser Zeilen langten am Abend des 10. August 1897 nach einer Reihe von außerordentlich genußreichen Touren im Berninagebiet von der Bovalhütte herkommend in Scanfs an, wo wir im Sternen bei Herrn Cloetta und seiner Frau aufs beste und freundlichste aufgenommen wurden. Die Besteigung des Piz d' Esen, von Coaz zum erstenmal, seither aber von Touristen nur selten ausgeführt, sollte den währschaften Abschluß unserer gemeinschaftlichen Wanderungen bilden. Und zwar wollten wir den Gipfel nicht auf dem gewöhnlichen, aber weiten Wege von Norden her, aus der Val Torta, erreichen, sondern den Stier gerade bei den Hörnern packen, also den Berg von der Scanfs zugewendeten Seite direkt von der Val Trupchum über die Biais und über den Südgrat bezwingen; wir wußten, oder glaubten zu wissen, daß er von dieser Seite her nur einmal, von Herrn Ingenieur Reber, bei Anlaß von topographischen Aufnahmen, bestiegen worden war, und daß dabei einige heikle Stellen zu überwinden gewesen waren. Bei inzwischen erfolgter persönlicher Rücksprache mit Herrn Reber stellte es sich indes heraus, daß unsere Wege an der Gipfelpyramide vollständig auseinander gingen; er traversierte am Fuße derselben die Flanke des Berges nach links, in nordwestlicher Richtung und erreichte den Gipfel von Norden her über die abschüssigen Platten, während wir direkt über die Felskante in fast genau nördlicher Richtung aufstiegen, also jedenfalls einen bisher noch nicht gemachten Aufstieg ausführten.

Wir verließen Scanfs um 4 Uhr 45 Min.; bald unterhalb des Dorfes auf einer neuen steinernen Brücke den Inn überschreitend, wanderten wir in angenehmster Morgenkühle durch duftige Wiesen sanft ansteigend in die Val Trupchum, die für Naturfreunde seltene botanische und mineralogische Schätze bietet. Auf der rechten Seite des Baches stiegen wir lange Zeit durch den prächtigen Wald Varusch, später über viehbelebte Weiden aufwärts auf die Biais ( 2410 m ), einen der beiden vorgeschobenen, westlichen Eckpfeiler des Piz d' Esen. Hier belohnte unsere bisherige Mühe eine reiche Ausbeute an Edelweiß und an prächtigen Sempervivum-Arten. In mäßigem Aufstieg erreichten wir von da aus in fast östlicher Richtung den kahlen Verbindungsgrat zum Fuße der Gipfelpyramide, rechts neben uns die steilen, außerordentlich verwitterten Abstürze zur Val Müschauns. Bald nachdem wir die Biais verlassen und den Grat betreten hatten, verlor sich die freundliche Vegetation fast vollständig; über öde Stein wüste und nacktes Erdreich, nur noch hie und da von kümmerlichen Silène- und Saxifragapölsterchen bekleidet, stolperte unser Fuß. Und noch ein Kind Floras hatte sich da oben angesiedelt und ergötzte unser Auge: der ziemlich seltene, liebliche Papaver Rhseticum mit seinem schön geformten Blattbüschel und dem leuchtend gelben Köpfchen, auf leichtem Stengel zierlich nickend.

Um 8 Uhr 30 Min. machten wir am Fuße des Kegels, in ungefähr 2800 m Höhe, die erste längere Rast. Das „ Znüni " mundete uns vortrefflich; abgesehen von der Notwendigkeit der leiblichen Stärkung hätten wir hier doch vorderhand Halt machen müssen; denn mittlerweile waren Nebel heraufgezogen und hatten uns unser Ziel neckisch verhüllt; um weiterdringen zu können, mußten wir zuerst unsere Aufstiegsroute übersehen können. Während wir auf den Steinen lagerten, war der Nebel auch wirklich so freundlich, sich zu verziehen, und nun erst sahen wir unsere Bergspitze deutlich von nächster Nähe aus. So gar einladend war nun der Grat allerdings nicht; aber wenn Herr Reber mit seinen Vermessungsinstrumenten hinaufgekommen war, sollten wir, leichtbeladen, auch hinaufkommen, das war unsere einfache Philosophie.

Das Gestein des obersten Kopfes ist in starker Verwitterung begriffen, daher scharfkantig, teilweise recht locker gefügt, so daß die Griffe sorgfältig geprüft werden müssen; gewisse, ausgedehnte Partien namentlich im untern Teil sind intensiv dunkelrot angewittert; gerade diese Stellen sollten uns, das ließ sich schon von unten erkennen und bewahrheitete sich nur zu sehr, am meisten zu schaffen geben. Dazu steigt der Fels in zahllosen Stockwerken und treppenförmigen Absätzen auf, deren Bezwingung nur durch kaminartige Risse ermöglicht ist. Diese Kamine und Züge, sowie auch die meist schmalen Bändchen zwischen den Felsstufen, waren mit feinerem oder gröberem Verwitterungsgeröll so reichlich bedeckt, daß auch bei der größten Vorsicht nicht vermieden werden konnte, eine Partie davon in Bewegung zu setzen, die oft genug sofort zu einer förmlichen Steinlawine anwuchs, die prasselnd und tosend in die Tiefe stürzte.

Um 9 Uhr 15 Min. traten wir die Kletterpartie an, die uns erst in 2 Va Stunden, um 11 Uhr 45 Min., auf den Gipfel bringen sollte. Im ganzen waren es namentlich 5 — 6 Stellen, die uns schwer zu schaffen gaben. Bald nach dem Einstieg in die Felsen bot sich uns die erste Schwierigkeit: ein kleines, nur etwa drei Meter hohes, aber überhängendes Wändchen mußte genommen werden. Zum Glück waren an dieser Stelle die Felsen durchaus zuverlässig und ein Vorsprung in etwa zwei Meter Höhe bot der linken Hand einen trefflichen Griff, so ging die Sache mit einigen Turnkünsten und gegenseitiger Hülfeleistung gut von statten. Meist ging es nach solchen Stellen ein kleineres oder größeres Stück ordentlich vorwärts; hie und da mußten wir auch von einem Band auf ein anderes traversieren oder sogar etwas absteigen.

An der zweiten schlimmen Stelle war in der Mitte ein kleiner Absatz und eine Art Nische, in die man sich ganz krumm und zusammengekauert mit Not setzen und verankern konnte; der erste kletterte bis zu dieser Nische heran, ihm mußte sofort der zweite folgen, weil das aufgebrauchte Seil dazu nötigte; doch ehe dieser in der Höhlung vollständig sichern Stand fassen konnte, mußte der vorderste Platz machen und die obere Hälfte in Angriff nehmen, da die Höhlung für beide zu klein war; oberhalb derselben war noch eine steil abfallende, sehr ausgesetzte Felsenrippe zu überschreiten, dann erst, wenn es um die Ecke herumgegangen war, konnte oberhalb derselben sicherer Stand gefaßt werden. So rückte hier einer nach dem andern zuerst immer nur in die Nische, dann beim zweiten Angriff vollständig vor. Auch diese Stelle ward ohne Anstand überwunden.

Nicht ganz ebenso glücklich nahmen wir die folgende Stelle. An einem Wändchen, das Händen und Füßen nur wenige und unbedeutende Vorsprünge zum Festhalten bot, glitschte mein rechter Fuß ab, die Hände verloren durch den Ruck ihren Halt auch, und so rutschte ich etwa um Mannshöhe über die scharfen Felsen herunter, mit den Händen immer wieder Griff suchend; aufgerissene und zerschundene Fingerspitzen blieben mir für längere Zeit ein Denkzettel. Wiederholt fragten wir uns an solchen Passagen, wie wohl Herr Reber und seine Mannschaft hier die schweren Instrumente hinaufgebracht haben mochten, hatten wir doch:

5 g2 ?. Heinzelmann.

alle Kraft und Geschicklichkeit aufzubieten, nur um uns selbst weiter zu befördern.

An der vierten Stelle, einem engen, steilen Kamin, war Ludwig vorangeklettert, soweit er konnte, worauf auch Imhof und ich einstiegen und uns dann in möglichst guter und gesicherter Stellung postierten. Auf einmal ertönte von oben ein unheimliches Geprassel und von Ludwig, den wir nicht sehen konnten, wiederholte Ausrufe des Schreckens. Wir glaubten unten nichts anderes, als Ludwig sei im Stürzen begriffen. In aller Eile zog ich als zweiter das Seil so fest und so kurz, als es mir nur immer möglich war, an, und Imhof und ich duckten uns, so gut wir konnten, unter die Felsen, denn die Steine prasselten hageldicht an uns vorbei und dieser Steinregen schien kein Ende zu nehmen. Zum Glück waren es nur die Steine, die herunterkamen; Ludwig stand oben fest und sein ängstlicher Ruf hatte uns nur auf diese Geschosse aufmerksam machen wollen. Und auch hier standen der bange Ernst und der mutwillige Scherz dicht bei einander. Imhof hatte sich dicht unter mir unter eine Felsplatte geschmiegt. Ganz an die Wand geklebt, berührte ich mit einem Fuße seinen Hut und Kopf, ohne dies in der Aufregung sofort zu bemerken. Er hielt meinen Fuß für einen heruntergerollten Stein und wagte nicht, den Kopf im leisesten zu bewegen, aus Furcht, der vermeintliche Stein könnte auf ihn niederstürzen. Als wir nach überstandenem Schrecken über diesen Irrtum ins reine kamen, da konnten wir nicht anders, wir brachen in ein unaufhaltsames Gelächter aus.

Schon von hier aus konnten wir die Spitze des Berges, die unsern Blicken längere Zeit durch hervorspringende Felsbastionen entzogen war, wieder sehen und uns zugleich überzeugen, daß wir gewonnene Sache hatten. Und doch bot sich uns ganz gegen unsere Erwartung noch eine solche heikle Stelle; da konnte Ludwig so lange keinen rechten Stand fassen, daß wir andern zwei uns beide vom Seile losbinden mußten; dann wurden die Pickel aufgeseilt und schließlich folgten wir beide an-angeseilt nach. Aber von hier aus erkannten wir unzweifelhaft, daß der weitere Aufstieg durchaus keine Schwierigkeiten mehr bieten werde, und in der That: 10 bis 15 Minuten später setzten wir unsern Fuß auf den stolzen Gipfel.

Zwei volle Stunden gönnten wir uns Ruhe auf dieser prächtigen Warte und genossen in vollen Zügen und nach Behagen die reizende Aussicht. Am liebsten weilte unser Blick auf dem freundlichen, grtinen Thalgrund des Engadins, das wir von Brail bis gegen Samaden hinauf mit seinen stattlichen Dörfern, aufgereiht an dem silbern glänzenden Bande des Inn, vollständig überblicken konnten, während vom Unterengadin keine Ortschaft vollständig und deutlich, wohl aber ein Stück des Thalgeländes auf der linken Flußseite heraufgrüßte. Natürlich war auch ein imposantes Gipfelheer zu erblicken; die Glanzpunkte darin waren die Berninagruppe, die Albula- und Silvrettagruppe, die Gruppe des Piz Vadret, die nächste, wilde Umgebung zum Piz Quatervals sowie Piz Fier und Casanna hin.

Gegen Norden fällt der Piz d' Esen zunächst in großen, im obersten Teil schneefreien Platten steil auf ein Schneefeld ab; beim Abstieg verfolgten wir aber zuerst den Grat in östlicher Richtung etwa 80—100 Schritte weit und betraten so auf etwas weniger steiler Stelle das Schneefeld, das wir nun in nordwestlicher Richtung mit aller Vorsicht traversierten. Dann konnten wir bald wieder in nördlicher Richtung abbiegen und das Firnfeld direkt hinuntersteigen. Der weitere Weg, mit Überschreitung des Kammes, der sich gerade gegen Cinuskel hinunterzieht und von diesem über die Val Flin, bot im obersten Teil eine außerordentlich genußreiche Wanderung mit entzückendem Niederblick auf das Thal unmittelbar zu unsern Füßen mit den lieblichen Dorfschaften Brail, Cinuskel und Scanfs, im mittlern Teil durch steilen, heißen Wald eine recht ermüdende, weiter unten über würzig duftende, fast ebene Wiesen bis an den Inn hinunter eine recht angenehme, die uns in 41/* Stunden, punkt 6 Uhr, wieder nach Scanfs führte.

War auch die Tour, die den Schluß unserer gemeinsamen Wanderungen bildete, länger und schwieriger ausgefallen, als wir vorausgesetzt, nach keiner Hinsicht bereuten wir doch, sie unternommen und durchgeführt zu haben. Erprobte, ausdauernde Gänger, aber auch nur solche, dürften den Aufstieg wiederholen und an der flotten Kletterei wie wir hohen Genuß finden; es ist kaum zu bezweifeln, daß da und dort kleine Varianten ausgeführt werden könnten; leicht wird dieser direkte Aufstieg von Scanfs aus unter keinen Umständen sein und daher der Piz d' Esen wohl nie von dieser Seite zahlreichen Besuch zu erwarten haben.

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