Piz Roseg über den Nordgrat

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Piz Roseg über den Nordgrat

Illustration nach Originalaufnahmen von Dr. O. D. Tauern ( Sektion Basel ).

Ja, was nützt ein guter Barometerstand, wenn Petrus selbst kein Wetterglas besitzt, um sich danach richten zu können, so dachten wir bekümmert nach zwei langen Regentagen auf der Tschiervahütte, als auch der dritte Morgen keine Besserung brachte. Selbst die Gemsen waren durch den fallenden Neuschnee von den Höhen der Berge heruntergetrieben worden und kletterten dicht bei der Hütte auf der Moräne herum, wo Salz für sie auf die Steine gestreut war. Ihrem Beispiele folgend, beschlossen auch wir ins Tal hinabzusteigen, um etwas am Salz der Kultur zu lecken, oder prosaisch ausgedrückt, uns in St. Moritz recht gütlich zu tun. Gesagt, getan. Unser Gepäck blieb oben, und bald darauf konnte man Freund Stutz, Dr. Franck und mich im Hotel Stefani bei einem köstlichen Mahle sich über die Ungunst des Wetters trösten sehen. Im Lauf des Tages endlich klärte es sich auf, und als wir am Abend wieder in der Tschiervahütte ankamen, war die berechtigte Hoffnung vorhanden, daß wir am folgenden Tage die geplante Tour auf den Piz Roseg würden unternehmen können.

Angeregt durch einen Vortrag des Herrn Dr. Hössli in Basel, hatte ich beschlossen, den Roseg über den selten begangenen Nordgrat, den sogenannten Eselsgrat, zu besteigen. In der Literatur ist dieser Weg Dr. O. D. Tauern.

Im Eisbruch am Roseg.

meines Wissens nur von Th. Middlemoreund H. Cordier 2 ) beschrieben worden, die ihn zum ersten Male am 18. August 1876 gemacht haben. Wolkenlos wölbte sich der sternbesäte Nachthimmel über der eisstarrenden Berninakette, als wir am B. August 1908, morgens um 4 Uhr 20 Min., vor die Hütte traten. Schlaftrunken stolperten wir mit der Laterne über die Eiswogen des Tschiervagletschers direkt hinüber zum großen Eisbruch zwischen Piz Humor und Roseg. Mitten durch den Bruch zieht eine verhältnismäßig wenig zerklüftete Eisfläche empor, die wir mit den Steigeisen noch recht gut erklimmen konnten, ohne Stufen schlagen zu müssen. Oben wurde die Sache schon ernsthafter, als Klüfte und Séracs uns den Weg- zu wehren suchten. Bald wurde der Gletscher flacher und löste sich in ein Gewirr von Spalten auf, die meist mit einer dünnen Firndecke überbrückt waren. Ich muß gestehen, daß ich selten ein derart zerschrundetes Gebiet zu passieren hatte. Nur Schritt für Schritt konnten wir vordringen, nachdem vorsichtig mit dem Pickel das Terrain sondiert worden war. Schließlich kam noch eine Stelle, an der der Gletscher als Ganzes abgerissen war und wir vor einer riesigen 8-10 m. hohen Eiswand standen, die wir erklimmen mußten, um auf das ebene Firnplateau zu gelangen, das in der Mulde zwischen Roseg und Scerscen liegt. In einer kaminartigen Rinne gelang es uns, mit Piz Roseg über den Nordgrat.

einiger Mühe die Eiswand zu überwinden, und schon freuten wir uns, die Schwierigkeiten des Gletschers hinter uns zu haben, als wir gewahrten, daß uns noch eine Reihe riesiger Schrunde von dem leichter gangbaren Terrain trennten. Nach einigen Umwegen und unter Benützung großer Schneebrücken gelangten wir schließlich aus dem Spaltengewirr heraus und ließen uns nieder zu einer Rast und wohlverdientem Frühstück. Es ist unmöglich, eine genaue Route durch den eben geschilderten Schneebruch anzugeben, zumal die Verhältnisse sich dort täglich ändern. Das einzige, was sich sagen läßt, ist, daß man am besten in der Mitte durchkommt. Um jetzt die Felsen des Nord grates zu erreichen, galt es, westlich über eine breite Firnrampe anzusteigen, die mit einem flachen Felskopf am Fuße des Grates endet. Der bereits weich gewordene Neuschnee erschwerte uns etwas das Fortkommen.

Um 10 Uhr konnten wir endlich die Felsen des Grates in Angriff nehmen. Middlemore und Cordier haben hier einen etwas anderen Weg eingeschlagen, indem sie schon weiter unten den Firn verließen und direkt über die eisdurchsetzte Felswand kletterten, um den Grat erst an seinem oberen Ende zu erreichen. Bei der nun folgenden Kletterei über den luftigen Grat genossen wir den geradezu unvergleichlich schönen Blick auf Piz Bernina mit dem schimmernden Pizzo Bianco-Grat und die unnahbaren Wände des Monte di Scerscen. Feine Nebelstreifen zogen in der Tiefe herum und umflatterten den Fuß des Morteratsch, der sich von hier aus auch in seiner ganzen Schönheit zeigt. Die Kletterei freilich wäre genußreicher gewesen, wenn nicht so viel Neuschnee auf den Felsen gelegen hätte. Am Fuße des großen Gratabsturzes, den man schon von der Hütte aus sehen kann, wurden wir gezwungen, links in die Felsen der sehr steilen Wand auszuweichen. Hier allerdings war es Dr. O. D. Tauern.

warmer und nur wenig Schnee zu finden, dafür aber war das Gestein schlecht gestuft und brüchig, so daß wir nur sehr vorsichtig vordringen konnten. Kurz vor seinem oberen Ende erreichten wir den Grat wieder und hatten hier einige wirklich recht schwierige Stellen zu passieren. Die direkte Fortsetzung dieses Grates bildete ein steiler Firnrücken, der langsam, aber sicher zum Sattel bei Punkt 3599 emporführt, den man auch sonst auf der normalen Route über die Südwestflanke erreicht. Hier wurde um 2 Uhr 30 Min. die Mittagsrast gehalten, bevor wir uns an die Ersteigung des eigentlichen Gipfels machten. Leider hatte sich jetzt ein Wölkchen auf dem Gipfel festgesetzt, das uns den Ausblick Bald mußten wir an den Weiterweg denken und ohne Gepäck zogen wir den langen Firngrat zum nördlichen Gipfel empor, in der Hoffnung, der Nebel werde sich zerteilen, um uns mit der herrlichen Aussicht für die Mlthen des Weges zu belohnen. Dem war aber nicht so, und auf dem Gipfel angelangt, beschlossen wir nach einigem Warten, uns den Übergang zum südlichen zu schenken, da keine Aussicht auf Besserung war, der Nebel vielmehr immer dichter wurde. Um 5 Uhr wieder bei Wir wußten nur, daß et etwa an der Grenz© zwischen den Felsen mnd einem großen Firnhan en den Abstieg durch eine steile '.

er, wie auch auf der Siegfriedkarte zu über h bequem mach links hinunterführt. Die Hänge waren teilweise so steil und hart gefroren, daß wir trotz der Steigeisen mit dem Gesicht wegen des dicken Nebels nicht zu denken war. Endlich gelangten wir unter die Wolkenschicht und konnten frei auf den Roseggletscher hinabblicken, von dem uns nur noch ein Schnee- und Geröllhang trennte. Wir versuchten nun auszukundschaften, wie man am besten den Bruch des Roseggletschers passieren könne, und entschieden uns für die scheinbar spaltenfreie Mitte des Gletschers. Es dunkelte schon, als wir um 7 Uhr 30 Min. in weitem Bogen ausholend die Mitte des Gletschers zu erreichen suchten und froh fiber die wohlgelungene Tour uns überlegten, was wir alles in der Tschiervahütte essen und besonders trinken wollten. Das Wetter klärte auch zusehends auf und in kurzem war der Himmel völlig klar. Doch das Vergessen der Schneehuhnkarte sollte sich noch bitter rächen, denn der anfänglich spaltenfreie Gletscher zeigte bald eine Kluft nach der andern. Die ersten ließen sich noch umgehen, bald aber reichten sie über die ganze Breite des Gletschers, und wir versuchten, durch Springen weiterzukommen, bis auch dies wegen der Breite der Spalten unmöglich war. Wir mußten also zurück. Da, wie wir Piz Roseg über den Nordgrat.

also schon gesehen hatten, auf der Seite des Piz Roseg nicht durchzukommen war, beschlossen wir, uns zu dem moränenbedeckten Felsgrat zwischen den zwei Armen des Roseggletschers durchzuschlagen. Ein gut Stück in unseren Spuren zurückkehrend gelang es uns auch, über einige in der Dunkelheit höchst schauerlich aussehende Spalten den festen Boden zu erreichen. Lustig eilten wir dann über die erwähnte Felsrippe hinab. Anstatt uns aber rechts zu halten, wo uns eine Moräne bequem zum Vereinigungspunkt der beiden Gletscherarme geführt hätte, gingen wir links und wurden zu unserm Schaden gewahr, daß hier die Felsrippe in glattgeschliffenen Rundhöckern zum Gletscher abstürzte. In dem unsicheren Lichte des eben aufgehenden Mondes kletterten wir unter ziemlichen Schwierigkeiten hinunter. Zum Zurückgehen waren wir zu faul, es hätte sich aber doch gelohnt! Alle Augenblicke waren wir mit unserer Weisheit zu Ende und mußten vor irgend einem senkrechten Abstürze umkehren. Aber endlich und zuletzt hat man 's dennoch durchgesetzt, was hauptsächlich den Kletterkünsten von Freund Stutz zuzuschreiben ist. Durch diese vielen Umwege und Zeitverluste war es so spät geworden, daß es keinen Sinn mehr hatte, zur Tschiervahütte zurückzukehren. Wir beschlossen daher, in der nahen Mortelhütte zu nächtigen. Wir eilten also über den ebenen Gletscher dahin, wo sie nach der Karte liegen sollte, und entdeckten sie auch glücklich nach einigem Herumklettern über Moränenschutt.

Dr. O. D. Tauern.

Leider befindet sich die Hütte in einem sehr verwahrlosten Zustande, und es würde sich außerordentlich lohnen, wenn etwas für die Hütte getan würde. Es ist z.B. nicht einmal ein Ofen in derselben. Auch für Skitouren wäre die Hütte recht günstig gelegen, aber in ihrem jetzigen Zustande ist es ein Ding der Unmöglichkeit, dort zu hausen.

Im herrlichen Sonnenschein lag der Roseggletscher vor uns mit seinem Kranz von firnbedeckten Gipfeln, als wir ziemlich spät am folgenden Morgen vor die Hütte traten. Wir mußten aber doch lachen, als wir das Terrain sahen, das uns tags zuvor so viel Mühe bereitet hatte. Denn bei klarem Wetter, oder wenigstens mit der Schneehuhnkarte in der Hand, wären wir im Nu unten gewesen, und hätten nachher nicht versucht, den Gletscher an der unmöglichsten Stelle zu passieren, wie wir es im Dunkeln getan hatten.

Von der Rosegtour selber waren wir ganz außerordentlich befriedigt, denn sie bot Arbeit und Abwechslung genug, und das inmitten einer geradezu überwältigenden Szenerie. Ich muß wirklich sagen, wer den Roseg in seiner ganzen Pracht und Größe kennen lernen will, der sollte die Route über den Nordgrat, den sogenannten Eselsgrat, wählen und nicht den leichten, aber eintönigen Weg über die Westflanke.

Dr. O. B. Tauern ( Sektion Basel ).

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