Plaisirklettern - Sicherheit - Breitensport

In den letzten zehn Jahren konzentrierte sich die Breitenentwicklung im Bergsport auf das Klettern, wobei der sogenannte Plaisirgedanke zunehmend in den Vordergrund trat. Vom Führerautor Jürg von Känel als Titel seiner Werke verwendet, ist das Plaisirklettern zum Inbegriff für eine gute Absicherung mit fixen Sicherungsmitteln geworden.1 Diese Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Ausgehend von bereits heute bestehenden Tendenzen wird nachstehend versucht, ein Bild der sich daraus ergebenden Konsequenzen zu entwerfen.

Breitensportliche Anforderungen Um eine länger anhaltende Breitenwirkung zu erzielen, muss eine sich neu ausbildende Sportart über eine Anzahl besonders attraktiver Eigenschaften verfügen. Dazu gehört, dass die betreffende sportliche Tätigkeit von allen Interessierten nach einer relativ kurzen Anlern- und Ein-übungsphase mit einem optimalen Mass an Sicherheit möglichst locker und unbelastet betrieben werden kann. Plaisirklettern lässt sich überdies noch mit dem Naturerleben kombinieren und bietet - im Rahmen eines weitgehendst kalkulierbaren Risikos - einen Hauch von Abenteuer.

Von den Anhängern des Plaisirkletterns einerseits und von jenen, die sich mit dieser breitensportlichen Entwicklung des Kletterns nicht abfinden können, anderseits werden nun aber sehr gegensätzliche Ansichten bezüglich der Gefahr vertreten, die man beim Klettersport einzugehen bereit ist. Entsprechend unterschiedlich sind die von beiden Seiten geforderten Massnahmen im Bereich der Sicherheitsvorkehrungen.

« Objektive » Absicherung und « subjektive » Sicherheit Unterschiedliche Ausgangslage Bei der Absicherung lassen sich zwei Gesichtspunkte unterscheiden, die man als « objektiv » und « subjektiv » ( bzw. als « äusseren » und « inneren » Sicherheitsaspekt ) bezeichnen könnte. Beide Aspekte werden in der Diskussion, die besonders in Deutschland teils schon fast fundamentalistische Züge angenommen hat, gegeneinander ausgespielt und dabei auch durcheinandergebracht.

Die « objektive » Absicherung basiert auf der Routenausrüstung mit fixen Sicherungsmitteln. Eine Routenausrüstung, die sich dadurch auszeichnet, dass die Bohrhaken mit einer gewissen Regelmässigkeit und zudem an allen besonders schwierigen und stürz- ( bzw. verletzungs- ) gefährlichen Stellen gesetzt sind, bietet zweifelsohne eine höhere objektive Sicherheit als alle mobilen Siche-rungsmittel.2 1 Das Plaisirklettern spielt sich auf Routen ab, die gewisse, wenn im einzelnen auch nicht genauer definierte Voraussetzungen erfüllen: Sie sind gut mit fixen Sicherungsmitteln ( in den allermeisten Fällen mit Bohrhaken ) ausgerüstet, so dass kaum zusätzliche Sicherungsmittel ( wie Klemmkeile, Friends, Schlingen, Haken ) eingesetzt werden müssen, führen durch festen Fels und bewegen sich im untern bis mittleren Schwierigkeitsbereich der Sport-kletterskala ( vgl. « Zum Stellenwert des Plaisirkletterns », ALPEN 4/98, S.18ff. ).

2 Ob ein selbst gelegtes mobiles Sicherungsmittel einen Sturz auch wirklich hält, hängt von einer ganzen Anzahl letztlich nicht kalkulier-barer Faktoren ab: z.B. wie es gelegt und wie es beim weiteren Vorankommen des Seilersten noch bewegt wurde und wie die Sturzbahn verläuft. Zudem lassen sich mobile Sicherungsmittel mangels natürlicher Möglichkeiten oft nicht dort plazieren, wo der Absi-cherungspunkt seine Aufgabe am wirkungsvollsten erfüllen kann.

e V a < ai Q Das Plaisirklettern ermöglicht Jungen wie Älteren mit einem durchschnittlichen Trainingsstand, eine schöne Natursportart locker und unbeschwert geniessen zu können.

In Orpierre ( Falaise du Chateau ), einem bestens ausgerüsteten und entsprechend beliebten Klettergebiet nordwestlich von Sisteron im Durance-Tal Zur « subjektiven » Absicherung ( eigentlich sollte es heissen: zur « subjektiven Sicherheit » ) gehören insbesondere die mentale Stärke, die Erfahrung, die Technik in der Anwendung mobiler Sicherungsmittel, kurz alle Eigenschaften eines Kletterers, die ihm erlauben, sich von einer wesentlich schlechteren « objektiven » Absicherung nicht beeindrucken zu lassen bzw. das im Fall eines Sturzes bedeutend höhere Risiko « wegzustecken ».

Unterschiedliche Konsequenzen Es handelt sich hier somit um zwei ganz verschiedene Sicherheits-Be-trachtungsweisen, die auf unterschiedlichen Kriterien beruhen.

Mit der Betonung der subjektiven Sicherheitskomponente steigt das bergsportliche Anforderungsprofil und erhält entsprechend elitäre Züge. Den « ideologischen » Rahmen dazu bildet meist eine gewisse Mystifi-zierung des Abenteuers und der heroischen Seiten und Wurzeln des Alpinismus. Ein solches nostalgisch-elitäres Bergsportverständnis ist nicht zuletzt eine Reaktion auf den heutigen mehr breitensportlich ausgerichteten Charakter des Plaisirkletterns. Ob von der hier ansetzenden Abwehrhaltung gegen das Plaisirklettern eine wegweisende Wirkung ausgeht, ist allerdings fraglich. Dessen ungeachtet sind neben einer plaisir-gerechten « objektiven » Absicherung vor allem dort, wo das Plaisirklettern Editorial Q.

4 in einer alpinen Umgebung stattfindet, die im Rahmen des subjektiven Sicherheitsdenkens verlangten Fähigkeiten im Umgang mit alpinen Gefahren zu fördern.

Wird die objektive Sicherheitskomponente in den Vordergrund gerückt, so steht der breitensportliche Gedanke im Zentrum. Das Sportklettern hat sich inzwischen - wenn auch in einer durchaus gemässigten und den Schutz der Gebirgswelt berücksichtigenden Form - in eben dieser Richtung weiterentwickelt.

Sicherheitsbedürfnisse und Absicherung Die Vorstellungen bezüglich Klettern, Absicherung und Sicherheit haben sich in der Vergangenheit gewandelt und werden sich weiter wandeln. Heute werden immer mehr neue Routen nach Plaisirkriterien eröffnet, bereits bestehende, die diesen Anforderungen nicht mehr genügen, werden immer weniger begangen, zugleich nimmt ihr Gefahrenpotential mit jedem Jahr zu.3 In vielen Gebieten der Schweiz ( sowie in Frankreich und andernorts ) werden Kletterrouten, die bezüglich Schwierigkeitsgrad und Felsqualität den breitensportlichen Plaisirbedürfnis-sen entsprechen, auch gemäss den dafür üblichen Absicherungskriterien ausgerüstet und saniert - ein sicher bedürfnis- und zukunftsgerechtes Vorgehen. Die Vorstellung, Kletter-routen4 auf dem historischen Stand ihrer Erstbegehung « einfrieren » und damit ihren « Abenteuergehalt » konservieren zu können, ist illusorisch -weder das vorhandene Material, noch sein Zustand, noch die Ausrüstung, noch die Bedürfnisse sind dieselben geblieben! Auch « alpine Geschichte » ist und bleibt Geschichte, d.h. Vergangenheit. Sie ist aus diesem Blickwinkel zu betrachten und zu würdigen. Die Entwicklung geht jedoch ständig weiter, was - bezogen auf eine Sanierung - bedeutet, dass die heutigen fixen Sicherungsmittel gemäss den heutigen Massstäben und Vorstellungen einzusetzen sind, und diese werden zur Zeit ganz klar durch den breitensportlich orientierten Plaisircharakter geprägt. Dass Si- cherheit nicht allein durch die Form der Absicherung definiert wird, bleibt dabei unbestritten. Ebenso unbestritten bleibt aber auch, dass eine durchgehend fixe Absicherung im Fall eines Sturzes die grösstmögliche Sicherheit bietet.

Zukünftige Entwicklungen?

Die zunehmende Verbreitung künstlicher Kletteranlagen wird das Interesse und die Fähigkeit, Felsrouten mit mobilen Sicherungsmitteln selbst abzusichern, auf absehbare Zeit weiter schwinden lassen. Gleichzeitig werden sich Kletterwände -neben den Hütten - zu Zentren vor allem des auf die jüngeren Mitglieder ausgerichteten Sektionslebens entwickeln. Nur wo solche Kristallisationspunkte genutzt werden, wird man in Zukunft ein breites, alle Altersklassen und Interessen ansprechendes Aktivitätsspektrum anbieten können. Die Attraktivität und der Erfolg von Kletterwänden werden in zunehmendem Mass von der Bereitschaft und der Fähigkeit der Betreiber ( Sektionen oder kommerzielle Unternehmen ) abhängen, in regelmässigem Wechsel neue Routen zu kreieren Die Anforderungen an die Ausrüstung mit fixen Sicherungsmitteln haben sich verändert und werden sich weiter verändern. Vor ca. 30 Jahren in der damals mehrheitlich « technischen », von unzuverlässigen Haken gespickten Franzosenführe an der Ein-stiegsvariante der Nordwand der Westlichen Zinne ( Dolomiten, I ) 3 Vgl. dazu den Beitrag in den vorliegenden ALPEN auf S.13 « Tödlicher Unfall wegen mangelhafter Routenausrüstung ?» 4 Es geht hier nur um reine Kletterrouten; bei Hochgebirgsrouten ist die Ausgangslage etwas anders.

b Vgl. dazu die beiden Beiträge in den vorliegenden ALPEN, S.47 « Auswechselbarer Bohrhaken » und « Demontierbarer Kletter-Bohr-haken M 10 » und so ständig neue Herausforderungen zu bieten.

Auch bei der Sanierung und Beschreibung von Felsrouten zeichnen sich neue Entwicklungen ab: Der in diesem Heft vorgestellte demontierbare Bohrhaken5 könnte erstmals eine Sanierung in zeitlich regelmässigen Abständen und damit einen kontrollierbaren Routenunterhalt erlauben. Gleichzeitig wird die Information über den Absicherungsgrad der Routen ausgebaut werden, indem -ähnlich den Schwierigkeitsangaben -in den SAC-Kletterführern zukünftig der aktuelle Absicherungsstand jeder Route mit Hilfe einer speziellen Skala klassifiziert wird.

Die Möglichkeit einer periodischen Routensanierung und ihre Berücksichtigung in den Führern werden eine ganze Reihe interessanter Fragen aufwerfen. Es sei hier nur jene der Finanzierung herausgegriffen. Ob in diesem Zusammenhang bald einmal der Gedanke eines Kostenbei-trags durch den obligatorischen Erwerb einer « Klettervignette » aktuell wird? Könnten dann vielleicht auch Bergregionen etwas mehr vom « Klettertourismus » profitieren? Vorgängig dürfte es jedenfalls einen ganzen Strauss recht heikler Probleme zu klären geben!

Gewiss trägt das hier gezeichnete Bild stark spekulative Züge. Doch nur wer sich rechtzeitig mit möglichen Entwicklungsrichtungen auseinandersetzt, wird von ihnen weder überrascht noch überrollt werden.

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