Retter aus Nepal lernen von der Schweiz

Seit fünf Jahren bilden Zermatter in Solukhumbu nepalesische Piloten und Bergführer in der Helikopterrettung aus. Seit dem Erdbeben von 2015 geht die Ausbildung einher mit der Hilfe für die isolierte Bevölkerung am Fuss des Everest.

2005 wird der slowenische Bergsteiger Tomaz Humar am Nanga Parbat vermisst. Ein Team der Air Zermatt reist sofort an und rettet ihn im allerletzten Moment. Vier Jahre später gerät derselbe Alpinist erneut in Bergnot, auf 6300 Metern Höhe am Langtang Lirung. Diesmal kommen die Walliser zu spät. Der Pilot Gerold Biner und der Bergführer Bruno Jelk ziehen daraus einen wegweisenden Schluss: Die Nepalesen müssen solche Rettungsaktionen im Hochgebirge zukünftig in eigener Regie durchführen können. Die Walliser beschliessen, in Nepal eine Bergrettungsausbildung aufzubauen.

Nepalesen am Matterhorn

2011 unternehmen die Nepalesen nach ersten Schulungen eine gewagte Rettungsaktion auf über 6000 Metern Höhe am Ama Dablam. Die Aktion endet im Desaster: Pilot und Bergführer verlieren ihr Leben. Das ganze Projekt ist kurzzeitig infrage gestellt.

Heute reisen Piloten und Bergführer aus Nepal regelmässig nach Zermatt, um die Grundlagen der Longline-Rettung zu lernen. «Es sind exzellente Piloten», stellt Gerold Biner fest, «aber sie haben praktisch keine Erfahrung mit angehängten Lasten.» Das ist besonders heikel, weil sie in grossen Höhen, an der Grenze der Leistungsfähigkeit ihrer Maschinen operieren. «Je höher du fliegst, desto weniger erträgt es Fehler.» Die Air Zermatt kann auf 50 Jahre Erfahrung in der Bergrettung zurückgreifen. Zu Beginn musste sie alles selber erarbeiten, was manchmal auch Schaden verursachte. «Wir möchten verhindern, dass die Nepalesen die gleichen Fehler machen wie wir», meint der Chef von Air Zermatt.

Abgelegene Dörfer schützen

Seit dem verheerdenden Erdbeben im Frühling 2015 hat sich die Ausbildung etwas verändert. Vor Ort in Solukhumbu stellen Jelk und Biner Aufgaben zusammen, die den Piloten zweierlei erlauben: etwas zu lernen und gleichzeitig den eigenen Leuten mit Materialtransporten Hilfe zu leisten. Es sind die ganz abgelegenen Dörfer, die am meisten unter dem fürchterlichen Erdbeben im Frühling 2015 gelitten haben. Ganze Dörfer wurden von der Landkarte gelöscht.

Die Erdstösse lösten zudem viele Erdrutsche aus. Sie haben natürliche Staudämme gebildet, hinter denen durch die Monsunregen Seen entstanden sind. Diese laufen manchmal auf einen Schlag aus und verursachen hohe Flutwellen. Solche Flutwellen haben viele Bachbette so tief ausgespült, dass die Dörfer flussabwärts gefährdet sind. Im Herbst 2015 haben nepalesische Piloten im Rahmen ihrer Ausbildung über 700 Kilo Eisen in die Nähe eines Weilers geflogen, der besonders von den Flutwellen bedroht ist. Damit baute die Lokalbevölkerung einen Notdamm aus grossen Steinen, die von einem Metallgitter zusammengehalten werden.

Erste Hilfe per Helikopter

Die Air Zermatt hat aus der Existenz des Spitals von Nicole Niquille in Lukla Nutzen gezogen. Die Stiftung der Freiburgerin arbeitet in die gleiche Richtung wie die Air Zermatt: Auch sie will den ­Nepalesen helfen, so autonom wie möglich zu leben. «Was vor allem fehlt, ist eine gemeinsame und langfristige Vision», erklärt die Schweizer Ärztin Monika Brodmann, die regelmässig nach Lukla reist, um das einheimische Personal zu unterstützen. «Es geht vor allem darum, die Kräfte zu bündeln.» Im Herbst 2015 nutzte die Stiftung ­Nicole Niquille die Synergien, die sich durch die Anwesenheit der Retter und Piloten der Air Zermatt boten, um eine medizinische Erste-Hilfe-Station in abgelegene Dörfer transportieren zu lassen. Monika Brodmann und ihr Team konnten so in vier Tagen mehr als 1000 Personen vor Ort aufsuchen. Einfachste Buschmedizin, gewiss. Aber immerhin eine medizinische Versorgung, die es zudem ermöglichte, vor Ort im Schnellverfahren eine für die Erste Hilfe verantwortliche Person auszubilden.

Gerold Biner und die nepalesischen Piloten nutzten auch eine Übung in gros­ser Höhe, um eine Sendeantenne zu reparieren. Es handelte sich um eine entscheidende Relaisstation, die ausschliesslich von der nepalesischen Rettung genutzt wird. Am Ende soll die Ausbildung nämlich nicht nur den Touristen zugutekommen.

Ziel: eine Nummer 144 für Nepal

Längerfristig sollen vor

Mehr zum Projekt

Die Sendung Passe-moi les jumelles (RTS) strahlt im Herbst 2016 eine Reportage des Autors zum Projekt aus.

Feedback