Saillon's Umgebung und seine Marmorbrüche

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Prof. F. O. Wolf ( Section Monte Rosa ).

Saillon's Umgebung und seine Marmorbrüche Von Nördlich der bedeutenden Centralmasse des Montblanc zweigen sich zwei etwas niedrigere, aber immerhin noch gewaltig zerrissene, an engen Thalrinnen, steilen Gehängen und malerischen Bergformen reiche Gebirgszüge ab: die Gruppe der Aiguilles rouges und die von Arpille.

" Wie die Gesteinsschichten der ersteren bei Evionnaz das Rhonethal durchbrechen und sich daselbst unter das Haupt der Dents-de-Morcles beugen, so finden wir die Felsecke der Follaterres gegenüber Martinach und die steile Bergwand von Fully bis Saillon aus Felsarten bestehend, die der Gruppe des Arpille angehören und die sich unter dem bis zur Rhone hinabgreifendeh jurassischen Gewölbebogen verhüllen. Und ähnliche geologische Verhältnisse wie bei Martinach - Bathiaz glaube ich bei Saillon zu erblicken. Dort wie hier liegt auf dem Arpillegneiss jurassischer Kalk auf und selbst das Vorkommen eines zwar unbedeutenden Lagers weissen, feinkörnigen Marmors nördlich der Schloss- ruine Bathiaz scheint mir die bei Saillon freilich bedeutend mehr entwickelte Triaszone anzudeuten, in welch'letzterer wir die Marmorbrüche von Saillon zu suchen haben.

Die malerischen Burgruinen von dort und hier sind dem Wanderer wohl bekannt; noch berühmter aber ist dieses « glanzhelle, weite Land von südlicher Färbung, weiten Horizonten und fliehenden Fernen », dieses Sanctuarium der Göttin Flora, seines reichen Pflanzenlebens wegen. Feurige Weine gedeihen ebensowohl auf Ravoire, als in Branson und Fully; dort finden wir noch einige Individuen des Rhus Cotinus, während zwischen Fully und Saillon der prachtvolle Kastanienwald vom weitschallenden Liede der zirpenden Cicade ertönt und sich'der schönste und seltenste unserer Tagfalter, Pandora, über seiner majestätisch gewölbten Gipfelkrone wiegt. Am Fusse dieser knorrigen Bäume birgt sich die grüne Eidechse in dem bunten Blumenteppiche der Vicia Gerardi, onobrychioïdes, Cracca, pisiformis und dumetorum, des Orobus niger, der grossblüthigen, hellleuchtenden Potentilla recta und wohlduftender Orchideen. Die kahlen Felsen bei Saillon ziert die silbergraue Artemisia vallesiaca, das weissflizige grossblättrige Hieracium canatum, das niedliche Hieracium pictum und das saftgrüne Hieracium pulmonarioïdes. Diesen drei gewiss nicht vom Neide gelben Schwestern winkt vom gegenüberliegenden Biedron- Felsen her das noch seltenere, violettblaue Draccocephalum austriacum und vom berüchtigt steilen Isérables herab der längst erkannte Flüchtling Ungarns, Sisymbrium pannonicum genannt. Feigen und Mandeln wachsen hier verwildert, ebenso andere Kulturpflanzen, wie der Krapp, Ysop und Körbel, und die Zierpflanzen Colutea arborescens und Lonicera etrusca. Alle diese Herrlichkeiten werden aber von zwei winzig kleinen, unscheinbaren Pflänzchen, zwei endemischen Walliser Arten, für den Botaniker an Werth übertroffen. Das goldglänzende, zarte Trisetum Gaudini Boiss. entdeckte ich unterhalb Saillon zwischen herabgestürzten Felsblöcken in zahlloser Menge und schon Mürith war der am Fusse der verfallenen Mauern des Schlosses Saillon sich ansiedelnde rundschotige Kreuzblüthler Clypeola Gaudini Trachs. bekannt.

Es sind schon fünf Jahre verflossen, seitdem ich, vom Botanisiren ermüdet, in der idyllisch gelegenen Mühle « Saillons los bains » gastliches Nachtquartier fand. Wenige Wochen vorher wurde dieselbe in ein Gasthaus umgewandelt und der französische Flüchtling und berühmte Maler Courbet wohnte hier als dessen erster und beinahe einziger Gast den ganzen Sommer über. Die Salence hat sich hier eine tiefe Schlucht gegraben, die einen Besuch wohl verdient; besonders seit dies durch Anlegung eines neuen Weges sammt Gallerien und Brücken sehr erleichtert ist. Es kann sich diese Erosionsschlucht zwar nicht mit der von Trient oder Durnand messen, birgt aber trotzdem der Sehenswürdigkeiten genug; der groteske Riesenkopf, aus dessen Augen, Nase und Mundhöhle silberklares Wasser quillt und über seinen Bart, lange Scolopendrienblätter, herab-träufelt in das von keinem Sonnenstrahle erleuchtete tiefstille Becken, ist jedenfalls einzig in seiner Art. Ein paar Bretterhütten auf seinem Scheitel entstellen den Anblick nicht und dienen zur Fassung einer schon seit alter Zeit bekannten und vom Landvolk benützten lauwarmen Quelle. Dr. Schinner* ) schreibt darüber in seiner naiven Sprache Folgendes:

« II existe près de Saillon une source d' eau tiède minérale. On la croit ferrugineuse; son dépôt est le même que celui des eaux de Louëche. Quelles que soyent ces qualités, les diverses guérisons, que cette eau a opérées sur nombre de personnes encore vivantes, prouvent son efficacité; la source entre dans l' eau dont les habitants de Saillon font usage, et c' est à ce mélange que l'on y attribue l' absence des goitres et du crétinisme. Il est de fait, qu' il ne s' y trouve ni goitreux ni cretin, tandisque Leytron et Fully, qui avoisinent Saillon, en fourmillent.Je suis même instruit de bonne part, que des filles de ce premier endroit arrivées à Saillon y ont perdu le goitre, qu' elles y ont apporté; que des playes regardées incurables, et diverses maladies cutanées, ont été guéries par l' effet de cette eau. » Eben daselbst lesen wir, dass das Schloss Saillon früher der Sitz der edeln Familie von Saillon war, aus der zwei Walliserbischöfe hervorgingen, Wilhelmus II. und Verinus im Anfange des 13. Jahrhunderts. Bald darauf starb diese Familie aus und auch das Schloss wurde von den Wallisern zerstört, anno 1475, nachDescription du département du Simplon ou de la Ci-devans République du Valais, p. 495.

Seit der Rhonekorrektion, resp. Trockenlegung der Sümpfe dieser Gegend, werden diese Uebel jedoch in unsern Tagen auch hier immer seltener.

dem Sieg über die Savoyer in der Schlacht von Planta.

Am westlichen Fusse des Felsens, auf dem die Schlossruinen von Saillon stehen, entströmt dem Schoosse des Gebirges eine mächtige Quelle, einen ziemlich starken Bach bildend, den wir überschreiten müssen, um zu den Marmorbrüchen zu gelangen. Durch Weinberge und dann durch einen lichten Eichenwald ( Quercus pubescens ) steigen wir steil empor und erreichen in ungefähr drei Viertelstunden die beiden erschlossenen Galerieen. Schon vom Thale aus erkennt man die steil aufgebauten jurassischen Kalkmauern, so verschieden in ihrer Structur von den unter ihnen liegenden abgerundeten Gneissmassen des Arpille, wie sie von Saillon zur Grande Garde aufsteigen, dann die Dent de Fully umschlingen und deren eigentlichen Gipfel bilden. ( Von ihr herab stürzen im Frühjahre bedeutende Schneelawinen, deren Schneemassen oft bis tief in den Sommer hinein liegen bleiben, so dass es möglich ist, im Monat Juni auf diesen Schneehügeln stehend von den nahen Kirschbäumen reife Früchte zu pflücken. ) Zwischen dem Jurakalk und dem Arpillegneiss eingeklemmt finden wir ein schmales Band, das der Trias- und zum Theil, laut der ausgezeichneten geologischen Karte von Renevier, der Anthracit-formation angehört.

Sogar das Auftreten des Marmors ist daselbst angedeutet, aber mit zweifelhaftem Alter. Gerlach, in seiner Geologie der penninischen Alpen, erwähnt das Marmorlager von Saillon nicht, wohl aber andere, wie mir scheint ähnliche, Marmoreinlagerungen im Gneiss- und Glimmerschiefergebirge des Sesia-, Strona-und Tocethals, am südlichen Abhang des Monte-Kosa-massivs, die altberühmten Marmorbrüche von Ornavasso und Candaglio. Welcher Bildung diese Marmor-ablagerungen, mit denen zugleich Kalk, Dolomit und selbst Serpentin auftreten, angehören mögen, ist auch für Gerlach ein Käthsel. Vielleicht könnte durch das vergleichende Studium beider Vorkommnisse mit denen auf den Inseln Paros und Euböa Licht in diese noch ungelöste Frage gebracht werden, indem auch hier der zur Glanzzeit der attischen Bildhauer gebrochene Marmor im Gneiss und Glimmerschiefer auftritt.

Neuere Geologen sehen ja in allen krystallinischen Schiefern umgewandelte Gesteinsmassen und ich glaube desswegen, dass man nicht sehr irre, den Marmor als metamorphosirte Liaskalke zu erklären.

Jedenfalls waren die naheliegenden Gneisse auch in Saillon von Einfluss, wenn nicht auf die Bildung, so doch sicher auf die Modificirung der verschiedenen Marmorgattungen, worauf ich bei Besprechung dieser einzelnen zurükkommen werde.

In der Zürcherischen Zeitschrift « Die Eisenbahn », Band VII, Nr. 21, vom 23. November 1877, und im 6. Jahrgang des Pariser Journals « L' architecte », Nr. 15 vom 13. April 1878, finden wir, wahrscheinlich aus derselben Feder, zwei ausgezeichnete Artikel, welche die Marmorbrüche von Saillon ausführlich und richtig beschreiben. Der leztere ist der offizielle Rapport der mit der Prüfung beauftragten Kommission dieses auf der Pariser Weltausstellung von 1878 preisgekrönten Marmors.

È6L. Der erstem Arbeit entnehme ich im Aaszage Folgendes, ihr nur noch wenige eigene Beobachtungen beifügend.

« Die Ausbeutung der Marmorbrüche von Saillon geschieht durch Vermittlung von zwei Gängen, die 500 Meter von einander entfernt sind. Die Höhe der Anlage über dem Thal beträgt zirka 200 Meter für die untere und 400 Meter für die obere Galerie. Da die Neigung der Bänke in der Kichtung der Axe des Thales etwa 35 ° beträgt und die Stollen vom Mundloch an mit etwa 30 ° ansteigen, so können die gebrochenen Blöcke leicht zu Tage gefördert werden. Die Stollen selbst erfordern keine andere Unterstützung als die natürlichen stehen gebliebenen Pfeiler. > « Es werden zwar gegenwärtig nur drei Marmorlager ausgebeutet, allein ein Sondirungsschacht, welcher in der obern Galerie angelegt wurde, beweist das Vorhandensein von drei ferneren Lagern. Die jetzt bearbeiteten drei Lager enthalten folgende Marmorarten:

« Dieser Marmor, dessen Aechtheit ( als Cipollin ) anerkannt ist, zeigt ein blaugrünes, weissliches oder gelbliches ( ivoire ) Colorit; das Lager besteht aus zwei Theilen: das obere, in einer Dicke von 80 Centimeter, mit vorherrschend dunklem oder blaugrünem Reflex, während der untere Theil, von mehr als 1,5 Meter Dicke, viel heller oder in der Farbe alten Elfenbeins mit etwas grüner Mischung sich darstellt.

« Ausser für feinere architektonische Arbeiten kann dieser Marmor, weil er Blöcke von 8-10 Meter Länge liefert, zu Säulen in grossen Dimensionen angewendet werden. Solche Prachtstücke können in der Kirche St.Sulpice in Paris bewundert werden, wo sechs Säulen dieser Marmorart den Altar der heiligen Jungfrau zieren; diese rühren von den Ausgrabungen der Ueberreste eines ehemals römischen Tempels in den Thermen her.

« In neuerer Zeit wurde der in Saillon wieder aufgefundene Cipollin u. A. in der neuen Oper in Paris, ferner in den Kirchen Fourvières ( Lyon ) und St .François de Xavier ( Boulevard Montparnasse in Paris ) und auch in vielen Blöcken ( besonders in neuester Zeit in England ) zu andern Zwecken angewendet.

« Beifolgend noch das Urtheil des Herrn Charles Garnier, des Architekten der grossen Oper in Paris, in deren Monographie er sich Seite 210 und 211 in folgender Weise über die genannte Marmorgattung ausspricht :« Parmi ces marbres, il en est un qui a un intérêt particulier: c' est celui qui forme, avec deux types différents, les deux gaines placées à droite et à gauche de la grande porte de l' escalier, au niveau de l' entrée de l' orchestre. Ce marbre est du Cipollin; or, jusqu'à ce dernier temps sauf les carrières de file d' Eubée, où l' on trouve encore les restes de l' ancienne exploitation faite par les romains, les gisements antiques deHerr Charles Garnier hat mir auf mein Anfragen freundlichst erlaubt, sein Urtheil hier wörtlich wiederzugeben und einen kleinen unbedeutenden Irrthum zu corrigiren.

F. O. Wolf.

ce marbre décoratif étaient perdus; et depuis plus de quinze cents ans les blocs de Cipollin, que l'on a employés dans divers monuments, provenaient tous des débris des temples d' autrefois. C' était là au point de vue de la décoration marmoréenne un très-grand inconvénient; car de tous les calcaires rubanés, le Cipollin est, sans conteste, celui qui est le plus beau, le plus somptueux et le plus riche de coloration douce et harmonieuse. Je m' étais adressé en Grèce pour avoir quelques morceaux de ce marbre précieux; mais l' ex est délaissée et il aurait fallu payer ces morceaux bien plus, cher que je ne le pouvais, et même plus cher qu' ils ne valaient. J' avais donc renoncé à doter l' Opéra de cette belle matière, lorsque, un an environ avant l' achèvement des travaux, je reçus des échantillons de ce marbre, provenant d' une carrière du Canton du Valais en Suisse. L' échantillon qui m' était soumis avait toutes les qualités de dessin et de coloration du Cipollin antique et enthousiasmé par la nouvelle découverte de ce marbre, je voulus que l' Opéra possédât les premiers morceaux qui devaient être extraits. Je fis marché à un prix modique et qui n' atteignait pas la valeur des marbres ordinaires, et commandai immédiatement deux gaines qui devaient être prises dans deux bancs différents, l' un ayant un coloration douce et pâle, l' autre une coloration plus vive et plus soutenue. Ces deux échantillons d' une nouvelle carrière ont certainement un grand intérêt, et si à l' avenir les découvertes du canton du Valais se continuent, et si, grâce à cette exploitation, le Cipollin peut encore être employé dans la décoration marmo- réenne, il- ne sera peut-être pas indifférent de savoir que la France a la première encourage cette renaissance d' une si splendide matière. » « Die drei übrigen Lager, über deren Vorhandensein der Schachtdurchbruch genügende Beweise liefert und die in den untern, schon jetzt in der Ausbeutung begriffenen Schichten beginnen, folgen aufeinander in nachstehender Weise:

« Viertes Lager. » « Gleichfalls antiker Cipollin, jedoch fast ohne grünen Thon. Der weisse Grund, mit schmalen blauvioletten Adern durchzogen, herrscht darin vor. Mächtigkeit 1,50 Meter.> « Fünftes Lager. » « Tiefschwarzer Marmor von besonderer Festigkeit und in einer Mächtigkeit von 1 Meter. » Diese Marmorsorte wird durch starkes Erhitzen vor dem Löthrohre schneeweiss, ist also durch Kohlenstoff schwarz gefärbt, was wieder von einer Umwandlung, in diesem Falle durch Einfluss anthracitischer Gesteine, Zeugniss ablegen würde.

« Sechstes Lager. » « Marmor mit prachtvollen grünen Flecken auf weissem Grunde, ein Lager, dessen Mächtigkeit zwar noch nicht ermittelt ist, da der Schacht darin in einer Tiefe von l,so Meter aufhört, ohne dasselbe durchbrochen zu haben.

« Wie aus Vorstehendem ersichtlich ist, liefern die Brüche von Saillon eine ganze Sammlung vom feinsten Marmor, der theilweise im Handel noch gar nicht vor- 28

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kommt und desswegen jeder Konkurrenz spottet. Be- sonders darf aber nicht übersehen werden, dass der Cipoüin nur noch in den Brüchen von Saillon vorkommt und desswegen folgerecht als ein Monopol von sehr grosser Tragweite zu betrachten ist, weil er heutzutage seiner Schönheit wegen, so gut wie zur Zeit der alten Römer, zu Decorationen der einen oder andern Art angewendet werden wird, sobald er bekannt geworden ist. » &

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