Schienhorn

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IV. Das Schienhorn.

3852 m11,858 Par.F.

Am Montag Morgen, den 30. August, hatte sich das Wetter zwar wieder aufgeheitert; die Wolken aber, die immer noch an den Felswänden umherschlichen, liessen mit Bestimmtheit nur noch einen einzigen guten Tag erwarten. Ich entschloss mich daher, für diesmal den Aletschgletscher aufzugeben, heute aber mich nochmals dem unerstiegenen Schienhorn zuzuwenden.

Der neue Plan hatte sich erst kurz vor dem Abmärsche festgestellt, und da der vorherige ein frühes Aufbrechen nicht erfordert hatte, so war es leider schon ha'b 6 Uhr geworden, als wir ausrückten. Auf dem Wege nach Gletscherstaffel begegneten wir fast der ganzen Bewohnerschaft der obern Dörfer, die truppenweise mit Hab und Gut, mit Pferden und Maulthieren vor dem beginnenden Herbste zu Thal zogen. Wir konnten uns jetzt das Schienhorn, das mit jedem Schritte imposanter wird, hinlänglich betrachten. Seinem Aufbau liegt die Form des gleichschenkligen Dreiecks zu Grunde. Nach dem Lötschengletscher fällt der Berg in beinahe senkrechten Felswänden ab, an denen Schnee nicht auf die Dauer zu haften vermag. Zur rechten Seite des Gipfels gen Westen ragt aus der Kammschneide eine andere sehr scharfe Spitze auf, deren Bildung ich mit derjenigen derAiguillen am Montblanc vergleichen möchte.

Auch besteht sie, soviel ich von Ferne wahrnehmen konnte, aus demselben Stoff wie diese, aus Gneis, und hebt sich mit ihrer hellen Farbe sehr augenfällig von dem übrigen braunrothen Gestein des Berges ab, fast wie ein neuer Lappen von einem alten Kleide. Ueberhaupt bricht der Gneis fast überall auf der Höhe der Berge durch, so z.B. am Elwerück, am Lauinhorn, besonders augenfällig an der ganzen obern Hälfte des Breithorns, so dass sich Hell und Dunkel bei klarem Wetter hier so scharf von einander scheiden, wie bei den heraldischen Farben einer Fahne. Auch zwischen Schienhorn und Thorberg habe ich die gleiche Erscheinung beobachtet. Ich möchte unsere Geologen auffordern, diese äusserst instruktiven Kontaktverhältnisse einer näheren Untersuchung zu würdigen. Der Aufstieg auf das Schien-horn ist nur von der fimbedeckten Südseite möglich.

Um 7 Uhr erreichten wir Gletscherstaffel. Wir meldeten uns auf den Abend wieder in dem Hause des ältesten Siegen an, dessen Frau uns für den Fall, dass wir früher zurück sein sollten als sie selber, den Ort zeigte, wo sie den Schlüssel zur Hausthüre verwahrte. Den " Weg über die Moränen, die wir um 8 % Uhr hinter uns hattenr und hinauf zum Beichgrat kennen wir schon von der Breit-ûornersteigung her. Unsere fünf Freunde, die Sennen auf den Beichflühen, trafen wir wieder an und theilten ihnen ^i heutigen Pläne mit; welches Glück es für uns war,

gethan zu haben, ahnten wir jetzt noch nicht.

Das Wetter hatte sich vollkommen aufgehellt, als

um 12 Vé Uhr die Höhe des Jochs erreichten. Hier Mittag gemacht. Wir stiegen diesmal links hinab Ull(* gelangten in raschen Rutschpartien um 1 Uhr auf dio ebene Fläche des Beichfirns. „ Eben " ist hier im vollsten

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Sinne des Wortes zu verstehen: der Gletscher ist so flach, dass sich für den darauf befindlichen Wanderer seine ganze Oberfläche in eine Linie zusammenzieht, über die sich jetzt als einzig hervorragender Gegenstand ein grösser Felsblock erhebt, dem östlich vom Nesthorn auslaufenden Moränenzuge angehörig.

Bei den untersten Felswänden machten wir Kehrt und wandten uns nordwärts der grossen Firnmulde zu, die vom Gipfel des Schienhorns in breiten Massen zum Beichfirn herabsteigt. Sie theilt sich in drei scharf geschiedene Partien: die unterste ist am wenigsten steil und besteht aus dem vollkommensten rauhen Gletschereis, wie es Jedermann von den sogen. Damengletschern her bekannt ist, die männiglich zur Freude und Bequemlichkeit bis in die Wiesen und Kornfelder herabkommen; die mittlere hat eine stärkere Steigung und ist in die Kreuz und Quere von riesenhaften Firnschründen zerklüftet; das oberste Drittheil, das die östlichen und westlichen Felsmauern himmelhoch überragt, bildet die Spitze. Sie ist gewaltig steil und auf der ganzen Berührungslmie von der mittlern Partie durch einen wohl nicht jeder Zeit passir-Tsaren Bergschrund geschieden. Auch in Rücksicht auf die Mühe der Ersteigung können wir unsere Eintheilung-genau festhalten; der unterste Theil, sozusagen der Positiv, ist leicht, der mittlere mühsam und zeitraubend, der oberste bildet den Superlativ der Schwierigkeiten.

Im Beginn unseres Aufstiegs erschienen wieder Wolken über dem Hörn und hüllten es bis an den Bergschrund herab in ihren blendenden Schleier ein. Doch konnte man den Firnkegel noch ein weites Stück aufwärts in die Nebel verfolgen und sah deutlich, wie abgelöste Schnee-theile unablässig über die eingebogene, lawinendurch-furchte Eiswand herabkollerten. Die unerträgliche Sonnen- hitze machte uns viel zu schaffen und erregte mancherlei Besorgnisse über die Tragkraft der obern Bergtheile.

Nach einer halben Stunde belehrten uns die ersten grossen Schrunde, dass wir uns den Aufstieg viel zu leicht vorgestellt hatten. Die Firnrücken und Kämme, die so regelmässig gleichsam regimentsweise gegen den Bergschrund emporstiegen, verkündeten uns weit voraus, dass wir bis zu der obersten Partie, wo die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen mussten, noch manche Hin- und Rückzüge durch die zwischenliegenden Untiefen würden auszuführen haben. In Folge dessen wollte uns der Stand der Uhr wieder gar nicht gefallen; denn ob wir noch 3, ob wir noch 4 oder 6 Stunden zur Erreichung des Ziels nöthig haben würden, wer war bei der Wolkenumhüllung des Gipfels das zu beurtheilen im Stande? Zur Kontrole unseres Vorrückens diente mir das Nesthorn; wir waren wenig hoher als seine untersten Partien, kamen kaum merklich vorwärts, und doch welche Strecke lag noch vor uns, bis wir über 100'höher standen als der Gipfel dieses gewaltigen Berges! Zu welcher Hast unsre Schritte in dem pfadlosen Spaltenwirrwar durch diese Betrachtung wieder beflügelt wurden, lässt sich denken. Oftmals mussten wir lange vergeblich an den Querschründen dahingehen, bis endlich die gesuchte Firnbrücke gefunden war, oft sogar wieder tief hinabsteigen, um die schon gewonnene und wieder verlorene Höhe zum zweiten, ja zum dritten Mal in Angriff zu nehmen. Je näher wir kamen, desto schlimmere Miene machte der Bergschrund; er musste ein wahres Thal an Breite sein. Nur an zwei Stellen schien eine Berührung mit den diesseitigen Ufern vorhanden: die eine westlich — dort aber verbot nach Kurzem ^ie Gneisaiguille kategorisch den Durehpass; die andere Östlich — hier trat eine senkrechte Eisbastion mehrere hun- dert Fuss hoch und herrlich grün gebändert mit scharfer Ecke gegen die mittlere Firnpartie vor.

Gelang es uns, über ihren Sockel hinwegzukommen, so war viel gewonnen. Zur Rechten der Eisbastion, zwischen ihr und den östlichen Felsmauern, zog sich dann eine kaminartige Firnschlucht empor — der Weg zu dem obersten Kegel. Ihre Passage freilich hing so zu sagen an der Gunst des Augenblicks; denn schon lange hatten die Felsmauern ihr Feuer eröffnet, und polternd und krachend stürzten unablässig theils einzelne Steine, theils ganze Massen gegen die kritische Stelle herab. Der Versuch, dort hindurchzukommen, konnte daher sowohl sehr gut, als sehr schlimm ausfallen. Jedenfalls musste er gemacht werden; denn nachzugeben lag nicht in unsrer Absicht, und was die Zeit betraf, so waren wir bezüglich ihrer durch die Erfahrungen am Breithorn etwas leichtsinnig geworden; mochte es also heute auch noch später werden als vorgestern!

Endlich um halb 3 Uhr standen wir am Fusse der Eisbastion. Wir hatten uns nicht getäuscht: nach vorn zwar versank sie in die Tiefe des Bergschrundes; etwas links aber reichte sie mit schmaler Firnbrücke an das diesseitige Ufer heran — ein Glück für uns; denn so war für 's Erste der Steinhagel durch den Körper der Bastion selber von uns abgehalten. Vorsichtig wurde hinübergekrochen; auf einen schmalen Absatz der vordem Eckkante hinauf gelangten wir mit Hülfe eingehauener Stufen. Hier musste ich mit Johannes Stand halten, bis Andreas ein weiteres Stück zurecht gehackt hatte. Unsere Position gehört zu Dem, was der nicht geübte Bergsteiger in 's Gebiet des Haarsträubenden rechnen würde. Der Stand war äusserst locker, und da sich die Eiswand unter unserer Ecke einwärts gebogen zurückzog, so fiel der Blick unmitttelbar in den Bergs chrund hinab, der in einer Tiefe von etwa 100'unter uns seinen unergründlichen Rachen aufsperrte.

Ich war froh, als die heikle Passage hinter uns lag. Die Steine sprangen fortwährend zu unsrer Rechten herab; da wir uns jedoch auf der linken Seite der engen Firnschlucht hielten, so vermieden wir ihre Schusslinie, und nach kurzer Zeit waren wir ausserhalb des Bereichs dieser meiner Ansicht nach grössten Gefahr der Berge.

Alle einschränkenden Felsmauern lagen nunmehr unter uns. Wir befanden uns an dem obersten Kegel des Schienhorns. Auch jetzt stellte er sich ganz so steil heraus, als er uns von unten erschienen war. Wir manceuvrirten auf der östlichen Kante. lieber uns ragten hie und da lange Linien zertrümmerter Felsen aus derselben hervor. Auf ihnen hofften wir rascher fortzukommen; bald aber zeigte es sich, dass dieselben so mürbe und der Aufstieg daran so übertrieben steil war, dass sie uns eine unberechenbare Zeit gekostet hätten. Wir zogen es desshalb vor, uns etwas unterhalb, aber mit den Felsen parallel, im Firn hinaufzuarbeiten. Derselbe war zwar ebenso abschüssig; aber da ihn die Sonne wahrhaft durchgekocht hatte, so sank man mit jedem Schritte so tief ein, dass die dem Abgrund zugekehrten Firntheile füglich als Brustwehr gelten konnten, die vor der Gefahr des Abglitschens bewahrte. Zugleich wurde dadurch aber auch die Anstrengung des Steigens eine ungeheure. Obgleich häufig bis an die Brust im kalten Firn steckend, waren wir doch in Schweiss gebadet und von einem kaum zu löschenden Durste gepeinigt, dieser nöthigte uns zu dem Radikalmittel, an den obersten Felsscherben unsern kleinen mit Wasser gemischten " einvorrath auf einmal auszutrinken; wir hätten sonst kaum mehr vorwärts gekonnt, und beim Herabsteigen liess sich der Durst schon eher ertragen.

Trotz aller wieder gewonnenen Kraft sahen wir nun aber doch ein, dass die Firnkante von hier an unbezwingbar sei, dass wir von ihr abstehen, und wenn wir nicht umkehren wollten, unser Heil anderweit am Berge suchen mussten.

0 Schienhorn! Wie hat man dich bisher vernachlässigt und verkannt, trotzdem dass du manchen gefeierten Riesen der Alpen, wie Tödi, Pleureur, Wetterhorn und wie sie alle heissen, stolz überragest! Doch glaubten selbst wir, die Einzigen, die ausser gewissen Bernern deiner gedachten, da hinauf müsse es eine wahre Bummel-partie sein, und jetzt — jetzt werden wir auf Pfade hinausgedrängt, die selbst den Kecksten mit seinen Grundsätzen über Muth in eine harte Kollision zu bringen vermögen!

Nur ein Ausweg bleibt offen; aber er ist gewagt. Nach Osten versinkt der Berg gegen 4000'tief in den Oberaletsch; der Absturz da hinaus ist grausig steil, und bisher haben wir den blossen Blick in die Tiefe so weit thunlich vermieden. Jetzt heisst es: Grade hinaustreten in den Abgrund und an dem stotzigen Firndreieck, das auf den nackten Felsen lastet, vorrücken bis zu dem Punkt, wo ein seitliches Aufsteigen bis zu der höchsten Spitze möglich wird. Renommiren ist nicht meine Art, die nun folgende Partie aber streifte an die Grenzen des menschlich Ausführbaren; etwaige Nachfolger, falls sie ebenfalls wegen zu grösser Erweichung des Firnkegels diesen Weg wählen müssen, mögen es bestätigen. Die Axt war natürlich jetzt bei jedem Schritte conditio sine qua non.

Wir stehen in den ersten Stufen. Nur nicht absichtlich neben hinunter geblickt und die Kniee ruhig gehalten. So wird das schon gehen. Einer bewegt sich, Zwei halten Stand, Stand?

Kein, es ist nur mehr ein Hangen an der Firnwandwir ruhen auf dem linken Knie, der rechte Fuss unterstützt von unten, die Hände klammern sich an die oben eingeschlagene Axt. Aber die Neugierde treibt uns doch bisweilen, einen recht vollen Blick in den Oberaletsch zu senden, da „ wo Felsenabgrund uns zu Fussen auf tiefem Abgrund lastend ruht ". Auf die bezeichnete Weise ging es eine ziemliche Strecke vorwärts, wenn ich mich recht erinnere auf 200 gehackten Stufen; denn wir gebrauchten deren 300 bis hinauf auf den Eiskamm vor der Spitze, und dieser lag nunmehr nicht mehr weit über uns.

Auch der letzte Gipfel stand jetzt frei vor unsern Augen. Yom Firnkegel gesondert, erhebt sich derselbe etwa noch 40'hoch als nackter Fels. Er versinkt nach Ost, Nord und West unmittelbar in die bodenlosen Schlünde des Oberaletsch und des Lötschengletschers und steht mit dem Firnkegel nur durch den genannten Eiskamm in Verbindung. Der letztere hat aller Beschreibung nachviele Aehnlichkeit mit demjenigen der Jungfrau, nur dass während dieser eine Länge von 2Ö'besitzen soll, wir es hier mit einer Strecke von mindestens 150'zu thun haben. Wir hatten uns links gewandt und waren, an dem steilen Firnwandgrat in die Höhe steigend, in der Einsattelung angelangt, die der Eiskamm beim Anstossen an den Firnkegel bildet. Leider verlief die Schneide nicht geradeaus, sondern war in der Mitte doppelt unterbrochen und beschrieb in drei gleich langen Theilen ein kleines Bogen-segment nach Nordwest. Sie war messerscharf zugeschneit d erforderte zu ihrer XJeberschreitung die grösste Yor-

) Agassiz und seiner Freunde geol. Alpenreisen. Frankf. a. M. Pag. 372.

sieht und Kaltblütigkeit. Der erste Theil wird im Reitsitz passirt, und jetzt kommt die schlimmste Stelle; denn von dem zweiten trennt uns ein drei Fuss breiter Riss. Hier muss hinübergegriffen, das jenseitige Eis mit den Händen erfasst und aufrecht auf die Füsse getreten werden. Beim Hinübergreifen habe ich die freie Luft unter mir, und durch den Spalt fällt der Blick zu gleicher Zeit auf den Oberaletsch- und den Lötschengletscher. Die Aexte als Balancirstangen benutzend, schritten wir mit angehaltenem Athem zu dem dritten Theile der Schneide vor« Der Absturz nach Osten ist hier etwas weniger steil, und wir können, die Kante unter den linken Arm nehmend, an der Seite hermarschiren. Endlich dürfen wir wieder frei aufathmen, wir sind hinüber; noch ein kurzes Stück über lose Felsblöcke empor, und wir stehen auf der Spitze. Es ist 5 Minuten nach halb 5 Uhr. Meine Führer, die im Bewusstsein ihrer Thaten sich daran gewöhnt hatten, auf andere Bergpartieen etwas verächtlich herabzublicken, wollten die Ursache der bisherigen Unerstiegenheit der von uns bezwungenen Berge jetzt nicht mehr in der wenig beachteten Lage derselben, sondern in ihrer wirklichen Schwierigkeit erblicken. Ich konnte ihnen nicht völlig widersprechen. Die Aussicht vom Schienhorn ist mutatis mutandis in Bezug auf die weiter entfernten Objekte die gleiche wie auf dem Breithorn, unterscheidet sich jedoch wieder durch die total andere Gestaltung der nächsten Umgebung sehr charakteristisch von dieser. Die Wolken, die gleichsam mit uns emporgestiegen waren und uns den Gipfel endlich freigelassen hatten, konzentrirten sich jetzt wieder in grossen Massen um die Flanken der zunächstliegenden Berge. Auch bei hellem Wetter muss die Aussicht den Eindruck grösser Oede, Wildheit und Erstor-benheit machen; denn das Grün des westwärts verlaufen- den Lötschthals verschwindet zu sehr vor der Uebermacht der Eis- und Felskolosse, die allenthalben ihre wettergefurchten Gestalten erheben.

Jetzt aber erzeugte die finstere Wolkenbeleuchtung, von der Sonne theilweise wieder grell unterbrochen, ein fast unheimliches Bild, und die merkwürdigen Lichtkontraste brachten in die an sich schon bunt genug durcheinander geworfenen Gebirgsmassen eine Verwirrung, die wahrhaft an den ersten Tag der Schöpfung erinnerte, an die Zeit, wo die Erde wüst und leer und die Scheidung noch nicht vollendet war zwischen den Wassern und der Veste.

Gross und schön ist die Alpenwelt unter dem Blau eines reinen Aethers; grandios und furchtbar, wenn sich die Wolken über ihr zum Gewitter rüsten, wie es heute Abend ausbrechen sollte. Nie möchte ich diesen Anblick in seinem gewaltigen Ernst vertauscht haben mit der oftgeschauten, friedlichen Pracht eines wolkenlosen Tages.

Das Schienhorn bildet den Mittelpunkt eines durch tiefe Thäler markirten Kreises, auf dessen Peripherie sich als hervortretendste Objekte Nesthorn, die beiden Breithörner, Grosshorn, Mittaghorn und die Kette des Aletschhorns auszeichnen. Das letztere, uns um 1100'überra-gend, bildet natürlich den Glanzpunkt der Aussicht. Ich müsste zu sehr mit Hülfe der Karte kombiniren, wollte ich aus dem Gedächtniss eine Uebersicht der grossen Bergmassen geben, die über diesen Kreis hinaus sichtbar sind; an der Beschauung ihrer Gesammtheit hinderten mich die Wolken, an der Zergliederung der sichtbaren Theile die Kürze der zugemessenen Zeit. Wir hielten uns nur 7 Minuten auf; denn es war die allerhöchste Zeit, mit grosser Eile den Rückweg anzutreten. Diesmal hatten wir nicht vergessen, eine Flasche mitzunehmen, und sie

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wurde mit der Urkunde der Besteigung unter den obersten Steinplatten verwahrt.

Die Manœuver des Aufstiegs .wiederholten sich jetzt in umgekehrter Ordnung. Ich gehe daher über dieselben hinweg; nur sei bemerkt, dass uns die Vorübungen vom Gspaltenhorn bezüglich des rückwärts auf den Knieen Hinabsteigens bis an die Firnbank des Kegels sehr zu Statten kamen, und dass wir auch heute wieder, wie vorgestern am Breithorn, stets alle drei zu gleicher Zeit in Aktion sein mussten, was unsern Abstieg sehr beschleunigte. Am Kegel angelangt, konnten wir wieder den Gang anderer hominum sapientium annehmen; nur die Axt begleitete auch hier noch jeden Schritt mit anklamm er dem Hiebe.

Der Bergschrund sollte diesmal an der Westseite passirt werden. Seine Ueberschreitung machte leider noch grössere Schwierigkeiten als an der Ostseite. Wir hatten uns an der Südwand des Firnkegels im Zickzack sehr misslich gegen seine schmälste Stelle herabzuhacken. Hier mussten wir Posto fassen und auf das tiefe jenseitige Ufer, das nur aus einer unterhöhlten Eiszunge bestand, hinab springen. Andreas wird glücklich von ihr getragen; unter mir jedoch bricht der ganze vordere Hang: ich stürze in die Spalte, und deckendes Eis und Schnee entziehen mich den Augen der Führer. Andreas riss aus Leibeskräften an dem Seil; dieses aber hatte sich mir zum Unglück um den Hals geschlungen, und in dem kalten Schrunde, in dem es mich so poetisch blau umflimmerte, war ich nun in Gefahr, auf die allerunpoetischste Weise erdrosselt zu werden. Einige mit Kraft ausgestos-sene Donnerworte aus der Spalte herauf belehrten meinen Freund und Peiniger über die eigentliche Lage; mir selbst überlassen, befand ich mich wieder in wenigen Augenblicken in Gottes freier Luft.

Auch auf der Westseite hielt uns das Spaltengewirr der Firnpartie wieder lange auf; aber wo immer sich ein Schlupfloch zum Entkommen zeigte, ging es mit Windeseile die Kreuz und Quere hindurch. Ja an den untern abschüssigen Gletscherpartieen wurde sogar auf dem harten Eise hinabgerutscht, ein Vergnügen, das mir in meiner bisherigen Praxis noch nicht vorgekommen war, und wobei ich so sehr nach vorn und hinten durch die beiden Führer gezerrt wurde, dass ich Gott dankte, als dieses widerliche Experiment bei den Schutthalden am Beichfirn sein Ende fand.

Ohne Rast und Ruhe ging es jetzt nach dem Beichgrat hinauf. Die Anstrengung und die Erschöpfung des Laufens wollte uns mitunter fast zu Boden drücken; aber wir setzten es durch und langten in der mir noch jetzt unbegreiflich kurzen Zeit von kaum 2 Stunden, vom Gipfel des Horns an gerechnet, auf dem Joche an. Diesmal war es aber schon Dreiviertel auf 7 Uhr, und die Dämmerung scheuchte uns ohne Aufenthalt davon.

Die Firnmulde zum Distelgletscher hinab fanden wir so erweicht, dass wir lange nicht so rasch über dieselbe hinunter kamen als bei der Rückkehr vom Breithorn. Es war daher bereits sehr düster geworden, als wir rechts auf die Felsen abschwenkten, und die einzelnen Absätze, die sonst so leicht zu begehen sind, erforderten bereits die äusserste Vorsicht. Zu unsrer Freude wurden die Jodler der Führer von den Sennen auf den Beichflühen wieder beantwortet; aber die Rufe erschollen noch aus grosser Tiefe und schienen sich leider allmälig zu entfernen. Sollten die Leute, ein Gewitter fürchtend, nach Hause eilenüns zu warten hatten sie ja keine Pflicht. Ich hoffte auch, ohne sie würden wir uns trotz der Dunkelheit auf den Moränen zurechtfinden; meine Führer aber schienen diese Hoffnung nicht zu theilen.

Sie nahmen die Sache sehr ernst und drängten zur grösstmöglichen Eile. Leider hatten uns die Felsen so lange aufgehalten, dass es wirklich Nacht geworden war, als wir die steilen Grashalden der Alp erreichten. Gespenstig blinkte der hellgraue Strom des Lötschengletschers aus der Tiefe herauf; kein Stern leuchtete am schwarzbe-deckten Himmel, und über dem Petersgrat begann es zu wetterleuchten.

Das Seil war natürlich längst von uns losgebunden; jetzt hatten wir Mühe, uns gegenseitig nicht aus den Augen zu verlieren, und bei dem unsichern Jagen über die abschüssigen Halden sah man bald den Einen, bald den Andern die Erde küssen. Endlich sind wir an dem Ort, wo wir die Sennen vermuthen; aber wir finden ihn bereits verlassen. Auch unsre Rufe beantwortet nur noch das höhnende Echo vom Distelberg. Jetzt erklärte Johannes, der bisher stillgeschwiegen, weiter gehe es unmöglich; statt im Felsenwirrwar da unten Hals und Beine zu brechen, sei es klüger, die Nacht hier oben zuzubringen, möge im Uebrigen über uns ergehen, was da wolle. Andreas und mir gefiel dieser Rath durchaus nicht; wer wagt, der gewinnt, meinten wir; desshalb frisch in die Moränen hinein! Den Fusspfad haben wir ja gefunden, verlieren werden wir ihn nicht. Wir eilen daher, so rasch es die Finsterniss gestattet, weiter. Nach einiger Zeit verkünden uns grosse, schwarze Blöcke zur Rechten und Linken, dass wir in der gefürchteten Trümmerwüste angelangt sind. Nun aber das Seil wieder heraus, sonst ist an ein Zusammenbleiben nicht zu denken.

Immer lauter rollt der Donner durch die Gebirge; jetzt fallen grosse Tropfen auf uns nieder. Ein wilder Sturm hat sich erhoben und peitscht uns den immer stär- ter werdenden Regen wie mit Ruthenschlägen in die Gesichter.

Unsre Lage beginnt bedenklich zu werden. Da unterbricht ein greller Blitz, unmittelbar vom Schlag gegleitet, die Finsterniss. Einen Augenblick stehen die Reihen der Berge wie in Flammen gehüllt vor den geblendeten Augen — dann wieder pechschwarze Nacht, Sturm, Regen und Donnerrollen; es muss dicht bei uns eingeschlagen haben. Auseinander hätten wir stieben mögen bei den furchtbaren Blitzen, die nun folgten; unsre grenzenlose Ohnmacht den rasenden Elementen gegenüber, und besonders auf so gefährlichem Boden, erzeugte in den ersten furchtbaren Minuten Angst und Schrecken. Aber nein, gerade jetzt heisst es ja alle Sinne zusammennehmen und mit aller Kraft das Leben gegen die entfesselten Naturgewalten vertheidigen. Nein, es sank uns nicht der Muth, der, wenn irgend, so hier von Nöthen war; ich fühlte, wie so zu sagen mit jedem Momente ineine Sinne sich schärften, und namentlich die Augen, jetzt auf 's Höchste angestrengt, Messen uns über das Ziel des nächsten Schrittes fast nie ganz im Ungewissen. Freilich nicht immer; denn mehrmals stürzte sowohl ich als auch die Führer über hohe Trümmeretagen herab, ohne uns jedoch merkwürdiger Weise ernstlicher zu beschädigen. So sahen wir einmal, gerade bei einem hellen Blitz, Johannes von hinten tief gegen uns herabfliegen, gleich darauf verlor ich den Boden unter den Fussen und wurde mehrere Manneshöhen gegen einen brausenden Wildbach ^abgeschleudert.

Und nun diese Wildbäche! Ja in ihrem Bereich ist Utrecht jeder Ausweg verloren, und doch sollen ihrer eiI%e zwanzig der Reihe nach passirt werden! Das aber ls* eine Arbeit von vielen Stunden; wer will ihr Ende kleben? Wenn kein Gott uns hilft, wir kommen heute Nacht aus dem fluthenden Wirrwar nicht mehr heraus!

Und dabei die verderblichen Blöcke, der rasende Sturm, der wolkenbruchartige Regen, der übertäubende Lärm des allgemeinen Aufruhrs in den Lüften wie auf dem Boden, die pechschwärze Finsternisses waren mit die bängsten Stunden meines Lebens. Vom heissen Tage schon waren die Wasser ungewöhnlich angeschwollen, jetzt erhöht sie das Gewitter zu tobenden Strömen, und wenn, was meine Führer befürchten, plötzlich das Phänomen der Runsen losbricht, wenn alle die Blöcke klein und gross von den Wogen mit fortgerissen werden — was dann ?!

Doch welcher Schein in der FerneLichter erblickten wir in der Thalrichtung. Sollte man kommen uns aufzusuchen? Ach nein; wie klammert man sich in der höchsten Noth nicht an die schwächste Hoffnung an! Das können ja nur die Lichter auf Gletscherstaffel sein, und die Strecke, die uns davon trennt, ist weit genug, dass wir sie nimmer durchmessen zu können glauben. Trotz eiligster Hast kommen wir nur erbärmlich langsam, ja so gut wie gar nicht vom Fleck; dennoch sind bereits einige Bäche passirt, die tobenden Wellen gingen uns bis an die Hüften und warfen uns fast zu Boden. Jetzt braust es wieder stärker. Trotz der Finsterniss erblicken wir unsicher das schäumende Weiss eines wahrhaft diabolisch wilden Gletscherbachs. „ Der ist viel zu gross, " schreit Andreas, „ hier müssen wir bleibenNein, " ruft Johannes, „ nur an der Seite hinab, drunten wird er sich schon vertheilen; dann können wir die einzelnen Arme passiren !" Er hatte Recht; auch hier kamen wir nach langem Suchen, nach vielen Sturzbädern in der kalten Fluth, endlich hindurch. Aber die Lichter scheinen ja doch in Bewegung! Wieder glaubten wir einige Minuten,

sie kämen uns entgegen, eitler Wahn! Die Veränderung unsres Standpunktes nur verändert auch den ihrigen. Wären wir nur auf den Beichflühen geblieben, die Gefahr wäre zehnmal geringer! Doch zurück mögen wir nicht. Zwar die zurückgelegte Strecke ist verschwindend gegen die noch bevorstehende; aber es ist eben eine unsrer menschlichen Eigenthümlichkeiten, uns lieber in eine grössere, unbekannte Gefahr zu begeben, als einem schon überwundenen Schreckniss uns zum zweiten Male unterziehen zu wollen. Mehr als anderthalb Stunden mussten schon verronnen sein; das Unwetter nahm noch immer zu, unsre Aufregung steigerte sich auf 's Aeusserste. Die Gewissheit, dass uns von Aussen Hülfe gebracht werde, wie hätte sie uns beruhigt; aber immer und immer wieder die gleiche Täuschung! Doch nein, endlich entscheidet sich 's anders; ich werde den Moment nicht vergessen, wo Andreas, der eisenfeste Mann, mit vor Freude fast bebender Stimme uns für gewiss zurief: „ Sie kommen !" Ja wahrlich, sie kommen! Der Schein einer Laterne trifft bereits die nächsten Felsen, und wer ist es, der in wenigen Augenblicken vor uns stehtEin paar starke Männer hätten wir erwartet, mit wettergebräunten Gesichtern, die vor keiner Gefahr zurückbeben, wenn es Menschenleben zu erhalten giltaber nein! Im nahenden Lichtstrahl erblicken wir die beiden Mädchen, die wir auf den Beichflühen kennen lernten, und die uns jetzt wie zwei rettende Engel auf der Moräne erscheinen. Achtung vor solchem seltenem Heldenmuthe! Die kindliche Freude der Beiden, dass sie uns gefunden, dass sie die Ersten wären, die uns gefunden hatten, wollte kein Ende nehmen. Welcher Kontrast gegen unsre Lage noch vor wenigen Minuten! Damals noch stand uns das Schlimmste vor n, jetzt sind wir geborgen, und binnen einer

Schweizer Alpenclub.

Stunde wird der schützende Port von Gletscherstaffel erreicht sein.

Die Mädchen erzählten uns, wie man, in Angst um unser Leben, auf verschiedenen Wegen aufgebrochen sei, um uns zu suchen; daher die Menge der gesehenen Lichter. Sie selbst aber, am Weitesten voraus, seien zuletzt der Richtung unsrer fernher hörbaren Rufe gefolgt, und so hätten sie sich bis zu uns hindurchgekämpft. Allmälig zog die Hauptmasse des Gewitters dem Rhonethal zu; aber der Regen strömte unaufhörlich fort. Wie schnell kamen wir jetzt vorwärts im Vergleich zu unserm tastenden Suchen in der Finsterniss! Nachdem einmal der Pfad verloren war, waren wir viel zu weit oben geblieben und auf dem besten Wege gewesen, geradezu in den Distelgletscher hineinzusteuern. Dem weitentfernten Gletscherstaffel hatten wir uns trotz übermenschlicher Anstrengung noch um keine Viertelstunde genähert gehabt.

Allmälig trafen wir auch die übrigen Partieen, die nach uns gesucht hatten. Unser Weg in 's Thal war ein wahrer Triumphzug; bei jeder neuen Begegnung die grösste Freude, die herzlichsten Glückwünsche. Die biedern Lötschthaler lernte ich an diesem kritischen Abend in einer Weise kennen und achten, die sie in meinen Augen als einen der bravsten und unverdorbensten Stämme der ganzen Schweiz erscheinen lässt.

Als wir endlich die Moränen verliessen und auf dem weichen Boden der Wiesen angelangt waren, war unsre Schaar auf die Zahl von etwa 30 Personen angewachsen, und im Scheine von vier Laternen ging es rüstig auf Gletscherstaffel zu, wo die ganze noch anwesende Bewohnerschaft unsrer mit Sorge geharrt hatte. Um 10 Uhr waren wir am Ziele. Fast zwei Stunden lang hatten wir also in der Gefahr geschwebt, bis endlich die so unge- ahnte Rettung erschienen war.

Wie gerne wären wir jetzt sogleich in das Haus des ältesten Siegen eingetreten, um unsre durchfrornen und durchnässten Glieder am flackernden Feuer zu erwärmen; aber die fromme Sitte unsrer Begleiter gestattete dies noch nicht. Erst musste für die glückliche Erhaltung ein Danklied gesungen werden, und dies geschah unter freiem Himmel, im strömenden Regen. Ergeben in 's Unvermeidliche, harrten wir wie Soldaten auf ihrem Posten dabei aus, findend, dass es zwar schön sei, zu danken, dass man es aber unter solchen Verhältnissen besser dem Gewissen der Einzelnen überlassen hätte.

Endlich treten wir in die Hausthüre. Die schützende Hütte umgibt uns, und wir finden die verdiente Ruhe bei freundlichen Menschen. Die Natur war uns noch zum Schlüsse in einer Grosse und Furchtbarkeit erschienen, die Der nicht ahnt, der ihre Schrecknisse nur vom Hörensagen kennt. Jetzt hatte der Donner ausgerollt, der Sturm sich gelegt; Alles athmete neue Lust und Leben, und durch die stille Nacht rauschten die Wildbäche in volleren Akkorden ihre ewig rollenden Triumphlieder.

So endeten meine Gebirgsfahrten im Jahre 1869.

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