Schmadrijoch und Bietschhorn

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Hans Körber ( Section Bern ).

Schmadrijoch und Bietschhorn Am 19. September vorigen Jahres hatten Herr W. Brunner und ich von der Wetterlücke aus dem Bietschhorn Lebewohl zugerufen. Doch das Bild seines Felsenbaues blieb halb lockend, halb drohend festgebannt vor unseren Sinnen und mehr als einen Herbst- und Frühlingsspaziergang machte ich nach den Hügeln des Emmenthals, um mich seines Anblicks wieder zu erfreuen. Als am 1. August 1884 Peter Siegen schrieb: „ Das gute Wetter scheint noch einige Zeit anhalten zu wollen; kommen Sie je eher je lieber ", hatten wir uns mit wenigen Worten geeinigt, noch einmal unser Glück bei dem hochragenden König des Lötschenthales zu versuchen.

Trotz Bedenken über mangelnde Vorübung und trotz meiner nicht ganz guten Disposition dampften wir am 10. August nach Interlaken und erreichten Abends 6 Va Uhr in Begleit der Führer Gonr. Gertsch und Heinr. von Allmen das neuerrichtete Hospiz am obern Steinberg. Wir waren nicht die einzigen Gäste.

ü8Haws Körber.

Drei Herren aus England mit vier Führern trafen fast gleichzeitig mit uns ein.

Klein und primitiv eingerichtet ist das Häuschen am Steinberg; die Küche nimmt kaum mehr Flächen-räum ein, als ein normales Schilderhaus; ein Zimmer zu gemeinsamem Aufenthalt ist nicht vorhanden, so dass das Nachtessen jeder Partie gesondert auf dein Schlafzimmer servirt wurde.

Doch bleibt immer der bescheidenste Zufluchtsort, welcher ein sauberes Bett zur Nachtruhe bietet und die Arbeit des folgenden Tages um etliche Stunden abkürzt, eine große Wohlthat.

Die Engländer beabsichtigten, den schönen Gletscherweg über den Tschingel und Petersgrat zu nehmen. Wir hatten das Schmadrijoch als Uebergangspunkt gewählt. Wissend, daß uns ein strapaziöser Weg bevorstand, legten wir uns schon um 8 Uhr zur Ruhe.

Es war 1 Uhr, als wir uns erhoben; der Mond, im letzten Viertel, schaute klar zum Fensterlein herein. Herr Brunner machte eine Recognoscirung um das Haus und kam wieder mit der Botschaft: Es regnet. „ Das kann ja gar nicht sein, sieh doch den Mondünd doch war es so: eine weiße Wolke zog über uns dahin und platschte in großen Tropfen ihren nassen Inhalt auf das Dach hernieder. Besorgt über so schlechten Anfang erwogen wir die Maßregeln für einen Regentag. Doch es war nur eine kleine Neckerei. Die Wolke zog weiter und nichts störte mehr den Frieden der stillen Nacht.

Ueber die Schafweiden des obern Steinbergs stiegen wir sachte empor gegen den Fuß des Tschingel- jgletschers, wandten uns bei den Schaflägern scharf nach Süden und traversirten in steilem Ab- und Aufstieg das Flußbett der jungen weißen Lütschine. Ein zweiter Bach hemmte unsern Weg; es war der Ausfluß des Oberhornsees, welcher am Fuß der thurm-hohen Moräne des Breithorngletschers seine angeschwollenen Fluthen dahin sandte. Es war zu finster, um einen prakticabeln Uebergang zu suchen, und wir halfen uns, indem wir durch Hineinwerfen von Steinen eine Furth herstellten. In den festgebackenen Schlamm der Moräne wurden Tritte gehackt, um auf ihren Kamm und über diesen endlich auf den Gletscher zu gelangen.

Wir standen am Fuß des Breithorns, dessen Felsenstirn, vom ersten Tagesschimmer kaum erhellt, ernst auf uns niederschaute. Zwei Thore gestatten hier den Eintritt in 's Wallis. Wählt man den Weg westlich vom Breithorn, so gelangt man in vier- bis fünfstündigem Steigen zur Wetterlücke und erreicht von dieser über Firn und Eis steil nach Süden absteigend, das innere Pfafflernthal und die Hütten des Gletsoherstaffels im Lötschenthal.

Oestlich vom Breithorn, zwischen diesem und dem Großhorn, erscheint als markirter Einschnitt im Gebirgskamm das Schmadrijoch, das wir heute kennen lernen wollten. Um am Studirtisch die Natur des Schmadrijoch zu beurtheilen, hüte man sich, das alte Blatt 488 des Topographischen Atlas zu Hülfe zu nehmen. Nach demselben müßte man erwarten, « in mäßig ansteigendes Firnfeld zu treffen, während man sich in Wirklichkeit vor einer eisbekleideten Wand von äußerster Steilheit befindet. Vergleicht man diese Partie des Blattes 488 mit der diesjährigen Exkursionskarte, so fallen angenehm die wesentlichen Verbesserungen auf, welche die letztere zeigt, und wir haben alle Ursache, dem Centralcomite und dem Topographischen Bureau für die Revision dankbar zn sein.

„ Dort, wo die Schneezyßen herunterkommen, müssen wir hinauf ", sagte Gertsch.

lieber einen sanften Schneehang, dann über die'Eistrümmer einer kürzlich gefallenen Lawine, dann wieder über steilen und immer steiler werdenden Schnee erreichten wir in lVa Stunden die Felsrippe,, welche vom Großhorn herniederläuft. Sie erleichterte uns wesentlich das Fortkommen und wir kletterten über ihren Kamm empor, so lange es thunlich war; aber die Felsen thürmten sich höher und wir mußten hinunter auf das Eis. Und nun begann für den Vorarbeiter der Colonne, Gertsch, welcher vor neun Jahren Herrn Dr. Dübi auf dem nämlichen Weg begleitet hatte, ein schweres Tagwerk.

Die Wand ist von äußerster Steilheit, das. blaue Eis glatt und hart. Gertsch hackte seine Tritte in gerader Linie aufwärts, so weit das Seil reichte; dann rückten wir nach. Während er weiter arbeitete, hingen wir mit möglichst gut eingehauener Pickelspitze in den Stufen, kaum anders als Fliegen an der Wandr und so im vollen Sinne des Wortes unter einander, daß man mit aller Bequemlichkeit die Schuhnägel im Absatz des Vordermannes zählen konnte. Es war ein langsames Vorrücken. Endlich konnten wir einen.

Schmadrijoch und Bietschhorn.41'Streifen gefrornen Schnee gewinnen, dessen Benutzung etwas rascheres Fortkommen erlaubte. Als er leider nur zu bald ein Ende nahm, traversirten wir wieder nach links den Felsen zu. Hier zieht sich zwischen Fels und Eis ein Graben, dessen theilweise glasirte Steine wir zum Weiterklettern brauchen konnten. Es ist der nämliche Graben, welcher am 4. August 1866 die Partie des Rev. Hornby vor jähem Sturz bewahrte. Hornby und Almer hatten im Niedersteigen bereits darin festen Fuß gefaßt, als der noch an der Eiswand befindliche junge Lauener ausglitt und die andern bei ihm befindlichen Männer mit sich riß. Hornby sagt: Sie kamen auf mich herunter, wie ein Blitz, und die ganze Gesellschaft lag in einem Knäuel bunt durch einander.

Wir rasteten, und die Ausschau zeigte, daß wir wohl ordentlich empor gekommen, aber doch noch weit vom Ziel waren. Aus der Tiefe leuchtete das blaue Auge des Oberhornsees herauf und freundlich grüßten die grünen Triften des Steinbergs, die waldigen Hänge von Trachsellauenen, Mürren mit seine » stillen Hütten und stolzen Gasthofbauten. Der Ausblick auf das Flachland, auf den ich mich gefreut hatte, war und blieb jedoch durch Tschingelgrat, Schilthorn und Kilchfluh maskirt. Auf dem Firnfeld des Tschingelgletschers konnten wir die Reisenden, welche mit uns im Steinberg übernachtet hatten, dahin wandern sehen. Aus unserem Sinnen wurden wir geweckt durch den Donner einer Lawine, welche rechts unter uns abstürzte und den Pfad überschüttete, welchen wir in der Morgenfrühe überschritten hatten.

Unter bestmöglicher Benützung der Felsen und unseres Grabens kletterten wir weiter; doch nur zu bald mußten wir wieder hinaus auf das Eis; es war der oberste und steilste Hang. Endlich thürmten sich über uns Felsköpfe empor, welche wir mittelst einer langen, recht ungemüthlichen Traverse umschritten, um das Firnfeld des Joches zu betreten und um 12 Uhr 50 Min. die Kammhöhe zu erreichen. Rechts die schwarzen Felsen des Breithorns, links die schneeigen Hänge des Großhorns und vor uns Lötschenthal und Bietschhornkette.

Donkin, dessen Hochgebirgsphotographien an der Landesausstellung in Zürich verdiente Anerkennung fanden, hat vom Petersgrat aus ein Panorama ( in 4 Blättern ) dieser Kette gemacht, welches das beste mir bekannte Bild ihrer gewaltigen Formation gibt.

Einem Steinhaufen, welcher aussieht wie ein verfallenes Steinmannli, entheben wir eine Flasche, welche nachfolgende Notiz enthält:

30. Juli 1875. Heinr. Dübi, Dr. phil., Fritz Wyß-Wyß mit Fritz Fuchs und Conr. Gertsch. Abmarsch von Trachsellauenen 2 Uhr 30 Min. Ankunft 10 Uhr. Wyß mit den Führern Abmarsch 11 Uhr. Ankunft Großhorn 1 Uhr. Zurück 2 Uhr 20 Min. Abmarsch vom Joch 3 Uhr.

Die Karte war uns wie ein freundlicher Gruß der lieben Freunde. Wir schrieben unsere Namen samt Datum zu den ihrigen und bargen die Flasche wieder in den Steinen. Wird es wohl abermals neun Jahre gehen, bis sie an 's Licht gezogen wird?

Und als wären die wackern Kameraden wirklich bei uns, hörten wir in der Nähe fremde Stimmen und gewahrten auf etwa 250 m Entfernung fünf Männer am Fuße des Großhorns gelagert. Mit Jauchzen und Zuruf grüßten wir sie.Von ihnen tönte gut Berndeutsch die Frage: „ Wie säget Ihr däm Joch ?" und auf die Antwort „ Schmadrijoch " erhoben sie Jubelgeschrei; ohne fernere Zwiesprache setzten sie bald ihren Weg nach Lauterbrunnen fort. Unsere Stufen sind ihnen vermuthlich wohl zu Statten gekommen. Dem „ Bund " vom 23. August entnahm ich, daß es die Herren Heer-Bétrix von der Section Biel S.A.C. und Bodenehr aus Basel waren, welche über Lötschenlücke und Ahnengrat das Joch erstiegen hatten.

Es war 2 Uhr. Der Himmel überzog sich grau, ein Gewitter begann sich zu bilden. Wir mußten daher eilen, abwärts zu kommen. Hatte uns die Nordseite steiles Eis entgegengesetzt, so bot die Südseite ebenso steilen weichen Schnee, einen Abfall, so rapid, daß wir seinen Fuß nicht erblicken konnten. Die Felsen sind in Terrassen aufgebaut, von welchen nur die Kanten aus dem Schnee hervortreten. Diese Formation gibt dem Schnee, welcher bei einem stetigen Abfall von gleicher Steilheit nicht haften könnte, nothdürftigen Halt.

Wir traversirten zuerst gegen das Breithorn zu, mit äußerster Vorsicht, um nicht eine Lawine loszutreten; dann, das Gesicht gegen die Wand, die rechte Hand am Stock, den linken Arm bis zum Ellbogen in den Schnee eingedrückt, in tiefen Stufen abwärts zur ersten Terrasse und so, immer wieder nach der vortheilhaftesten Richtung spähend, von einer zur UHuns Körher.

andern, bis wir um 5 Uhr auf dem Jägigletscher festen Fuß faßten.

In seinem obern Theil war der Gletscher vortrefflich; denn Lawinen hatten seine vielen Schrunde zugedeckt. Gegen die Mitte zu wurde er schwieriger, er war über seine ganze Breite verschrundet. Hastig " eilten wir vorwärts und wir anerkennen, daß uns Gertsch mit sicherem Instinkt über die Eisrücken und Spalten führte; er trieb vorwärts mit der steten Mahnung: „ Wenn wir nur vor der Nacht von dem Eis loskommen ", denn es wurde immer finsterer. Da zuckte grell ein Blitz, der Donner krachte und mächtiger Regen brach los. und ein Blitz folgte auf den anderen, die Felsen gluthroth erleuchtend.

Leider hatten wir weder Zeit noch Gelegenheit, das große Schauspiel in Muße zu bewundern. Als wir beim Uebergang von der letzten Gletscherstufe auf die Gletscherzunge über azurblaue Trümmer eines Gletschersturzes kletterten, mahnte Gertsch zu erhöhter Eile, denn „ da könnte in dem Gewitter mehr herunter kommen. "

Es war die letzte Fährlichkeit. Naß und müde läppten wir bei inzwischen ganz hereingebrochener Nacht, bald über Steine stolpernd, bald in eine Pfütze tretend, zum Thal hinaus, sehnsüchtig nach der ersten menschlichen Wohnstätte ausschauend.

Um 9 Va Uhr Nachts erreichten wir Guggistaffel, dessen Bewohner, ein junges Mädchen und ihr Bruder, uns auf 's Freundlichste aufnahmen, verpflegten und beherbergten. Es war eine lange Tagereise. In der Clubliteratur finde ich zwei Schilderungen von Schmadri- joch-Uebergängen. Der erste überhaupt ausgeführte ( Hornby, 4. August 1866 ) erforderte von Gletscherstaffel bis Lauterbrunnen die unbegreiflich kurze Zeit von neun Stunden. Diese zähen Gesellen legten die Strecke Breithorngletseher-Lauterbrunnen in 21k Stunden zurück!

Neun Jahre später brauchten die Herren Dübi und Wyß, excl. 5 Stunden Aufenthalt ( welche Nota bene Herr Wyß zur Ersteigung des Großhorn verwendete ) 13 Stunden.

Und abermals neun Jahre später verwendeten wir volle 18 Stunden. Ich muß die Schuld davon auf mich nehmen, da ich mich etwas matt fühlte, zwar nirgends Halte veranlaßte, aber langsam kletterte; ob wohl auch Eiswand und Gletscher schwieriger sind, als in frühern Jahren kann ich nicht beurtheilen.

Andern Morgens lachte wieder die Sonne und mein liebes Lötschenthal glänzte und glitzerte, wie ein junges Mädchen im Sonntagsstaat. Um 8 Uhr waren wir in Ried. Wir trafen unsere Bekanntschaften vom Steinberg am Frühstückstisch mit Kaffee und Toast beschäftigt. Sie begrüßten und beglückwünschten uns herzlich, waren sie doch über unser Ausbleiben gestern Abend in Sorge gewesen.

Am Nachmittag wurde es ungewöhnlich belebt im Hotel Nesthorn: die Herren Heiniger und Rufener von der Section Burgdorf, Prof. Meyer von Knonau, der historische Mitarbeiter am Jahrbuch, nebst Gemahlin, Mr: Repond, Präsident der Section Moléson, dazu mehrere turbulente, junge Engländer kamen an.

Die verschiedenartigen Bedürfnisse dieser unge- wohnten Menge Gäste sollte der brave Wirth Lehner ganz allein befriedigen. Seine Frau war in Gampel und außer einer schauerlichen Köchin hatte er niemanden zur Hülfe, als ein junges, unerfahrenes Mädchen. Da halfen denn Nachbarn und Führer in der Küche Kaffee mahlen, Hühner rupfen und was dergleichen mehr ist. Bei der Table d' hote ging alles aus Rand und Band. Man schrie Herr Lehner hinten und Herr Lehner vornen, und je mehr gerufen wurde^ desto mehr verlor er den Kopf, servirte dem einen nur Fleisch, dem andern nur Gemüse, brachte diesem keinen Wein und jenem kein Brod und — machte sich schließlich gänzlich unsichtbar. Natürlich wich der anfängliche Unwille einer allgemeinen Heiterkeit; man bediente sich nun gegenseitig, und selten ist an einer Table d' hote so gemüthlich Bekanntschaft gemacht worden.

Ein nettes Nachspiel erfolgte vor meinem Zimmer. In Ermanglung einer genügenden Anzahl Betten waren Matrazen im Flur auf den Boden gelegt worden. Gerade bei'm Einschlafen wurde ich durch Brummen und Poltern vor meiner Thür gestört und draußen sprach Einer in sehr ärgerlichem Tone: „ Mais je n'ai pas de place ici, " worauf in markirt englischem Aceent die Antwort folgte: „ Cola ne me rögarde pas. " Am andern Morgen stand im Fremdenbuch: The inn is very comfortable if not overcrowded.

Mittwoch und Donnerstag waren einem erfolglosen Angriff aufs Bietschhorn gewidmet. Wir gelangten bis etwa 300 m unter den Gipfel, da wo man aus den Felsen der westlichen Wand auf den Kamm kommt.

Schmadrijoch und Bietschhorn.f Dichter Nebel und die Besorgniß, es möchte Sturm kommen, veranlaßten Führer Peter Siegen zur Umkehr zu rathen.

Nach Ried zurückgekommen, fanden wir Freude im Haus. Der Storch hatte den wackern Wirthsleuten ein niedliches, kleines Mädchen gebracht. Ich begleitete am Freitag das kleine Menschenkind auf seinem ersten Gange zur Taufe nach Kippel. Peter Siegel » war Pathe. Er trug zur Feier des Tages stolze Hahnenfedern auf dem Hut und — als Junggeselle — einen großen Strauß weißer Rosen im Knopfloch.

Die Katholiken feierten an diesem Tage Maria " Himmelfahrt, daher konnten wir keine Expedition unternehmen. Auch Samstags durfte wieder nichts. Größeres unternommen werden, da ja die Führer dadurch Sonntags von dem Besuch der Messe wären abgehalten worden. Vorstellungen bei Siegen nützten nichts; er sagte, daß er wohl wisse, es werde damit anderwärts nicht mehr so genau genommen, aber er und seine Lötschenthaler bleiben vorläufig noch beim alten guten Brauch.

Für uns freilich sollte der Aufschub verhängnißvoll werden. Die besten Tage mußten wir im Thal versohlendem und hatten dann auf dem Gebirge Sturm.

Immerhin benutzten wir den wunderherrlichen Samstag, den 16. August zu einer Besteigung des sehr lohnenden Hockenhorns ( 3297 " ). Ried um 5 Uhr 45 Min. verlassend, erreichten wir den Gipfel um 10 Uhr 25 Min. und verweilten nahezu 3 Stunden im Genüsse der herrlichen Rundsicht. Fast in handgreiflicher Nähe erheben sich die schwarzen Flühe des -4-ìHans Körber.

Balmhorns, des Doldenhorns und der Blümlisalp. Wie ein blendendes Tuch ist in seiner ganzen Ausdehnung Kander- und Tschingelfirn vor uns ausgebreitet und in schwindelnder Tiefe erscheint der grüne Plan des Gasterenthals. Nach Süden Lötschenthal, Aletschhorn und Bietschhornkette und darüber hinweg der reiche Kranz der Südwalliser vom Simplon bis zum St. Bernhard.

lieber die sorgfältig gepflegten Hocken- und Lau-cherenalpen, deren sammtene Rasenflächen frei von Geröll und Unkraut im schönsten Soinmerflor prangten, stiegen wir thalabwärts und besuchten im Vorbeigang die von Herrn v. Fellenberg erwähnte Höhle, das „ Gallend Loch. " Ihre Mündung hat die Höhe von 2 m und eine Breite von 11km. Das Wässerlein, welches sich sonst aus dem Innern ergießt, war durch Schneeschmelze zum rauschenden Bach angewachsen, welcher die ganze Breite des Bodens einnahm und ein weiteres Vordringen verhinderte. Ueberdies waren wir nicht mit Beleuchtungsmaterial versehen und mußten auf eine Entdeckungsfahrt verzichten. Nur ein kleiner Theil der Höhle, bis zu einer Verengung, welche ohne vorherige Sprengarbeit nicht passirt werden kann, ist explorirt. Voraussichtlich wäre mit geringer Mühe eine Passage herzustellen, welche uns die Geheimnisse des Innern zugänglich machte.

Wunderhübsch ist der Blick nach außen; schickt man sich zum Rückweg an, so erscheint — eingerahmt zwischen den tuff überzogenen finstern Wänden — in sonnigem Glanz die elegante Pyramide des Weißhorns gleich einem leuchtenden Bild in einer Camera -obscura.

Die Südseite des Lötschenthales erscheint, vom Norden gesehen, sei es von der Einsattelung des Löt-schenpaßes, sei es vom Felsenzahn des Hockenhorns,oder von der Firnwölbung des Petersgrates, als eine gleichmäßige Abdachung von so großer Steilheit, daß sie keinen Raum bietet für Alpenwirthschaft. So reich an schönen Alpen, Wohnhäusern und Berghütten die nördliche, der Sonne zugekehrte Thalseite ist, finden wir an der Südwand, auf ihrer ganzen, 18 Kilometer langen Ausdehnung vom Sattelhorn bis zur Hohgleifen keine Alp und als einzige menschliche Behausung die ärmliche, zwischen uralten Lärchenbäumen versteckte Nesthütte.Von der Thalsohle bis zur -durchschnittlichen Höhe von 1900 m ist sie mit gut-geschonter Waldung bekleidet. Zum Schutz des jungen Nachwuchses beobachten die Rieder streng die Vorschrift, daß keine Haushaltung mehr als zwei Ziegen auf den Weidgang schicken darf.

Ob der Baumregion zieht sich als Mittelglied zwischen Wald und Fels ein schmaler Streifen Schafweide hin. Große, schwarzzottige Schafe weiden ohne Hut in diesem Revier. Es kommt hier und da vor, daß sich eines der Thiere von der Heerde absondert, verwildert und im Herbst nicht in 's Thal zurückbringen läßt. Um seiner habhaft zu werden, bleibt nichts übrig, als es wie ein Wild mit der Kugel zu erlegen.

Ueber den Schaftriften steigen verwitterte und schroffe Felsen bis zum Grat empor.

In vertikaler Richtung ist die Thalwand durch viele, in geradem Laufe niederstürzende Bäche getheilt. Wenige Mulden dienen unbedeutenden Gletschern zum 4 Bette. Eine erfreuliche Beobachtung ist es, daß die Schuttkegel im Thalgrund mit Erlen- und Weiden -gestri uch bestanden sind, ein Zeichen, daß den Lawinen und Wildwassern in richtiger Weise vorgebaut ist.

Der Gebirgsgrat hält sich auf der durchschnittlichen Höhe von 3200 m und ist durchwegs zur scharfen Kante zugekeilt. In seiner Mitte jedoch, zwischen Breitlauihorn und Wilerhorn, verbreitert er sich zu den zwei nach Südost geneigten Hochflächen des Bietschgletscher und Baltschiederfirn. Zwischen ihnen erhebt sich, den hohen Grat um weitere 700'n überragend, in kühnem Aufschwung die imposante Pyramide des Bietschhorn, die hohe Warte, welche von Brieg bis Martinach, von der Furka bis zur Dent du Midi das ganze Rhonethal in einem Blick umfaßt. In erschreckender Steilheit, mit zerrissenen, kahlen Wänden erhebt es sich in einsamer Größe weit über alle umgebenden Gipfel.

Ich sah vom Riffelberg das Matterhorn und war stundenlang im Anstaunen seines kühnen Aufbaues versunken; aber es entspricht der Wahrheit, wenn ich eingestehe, daß das Bietschhorn, zum erstenmal vom Lötschenpasse aus erblickt, mir den tiefern Eindruck hinterließ. Ost- und westwärts vom Matterhorn erheben sich Gipfel, deren Höhe oder deren Masse oder zierlicher Bau mit ihm in Vergleich gezogen werden können. Das Bietschhorn steht in seinem Revier einzig da. Das Auge sucht vergeblich nach einem Rivalen, den -es ihm an die Seite stellen könnte.

Seiner Form nach erscheint es als ein von Nord nach Süd gehender äußerst scharfer Grat, von dessen höchster Erhebung ein kräftig vorspringender Westgrat sich abzweigt. Der Hauptgrat .wendet sich in seinem nördlichen Verlaufe nach Nordwesten. Zwischen ihm und dem Westgrat eingebettet liegt das Firnbecken des Bietschgletschers. Südwärts fällt sein Bau in mehreren zerrissenen Gräten fürchterlich steil nach dem Bietschthal ab. Die Ostseite des Bietschhorns ist eine einzige ungebrochene Eiswand, die Westseite nackter, verwitterter Fels, mit wenigen Schneerunsen durchzogen.

Zutreffend, wenn auch wenig ästhetisch, kann es mit einem angegriffenen Zahn verglichen werden, dessen eine Seite die natürliche Glasur noch besitzt, während an der andern die Natur das Werk der Zerstörung vollzieht.

Der Gipfel selbst ist ein in 5 kleinere Erhebungen getheilter scharfer Grat, unter welchen die nördlichste ein schlechtes Steinmannli trägt; die vierte ist die höchste, auf ihr befindet sich die Flasche mit den Dokumenten der Besteigungen. Der südlichste Gipfel, vom vierten durch eine ziemlich tiefe Einsattelung geschieden, ist von ihm an Höhe so wenig unterschieden, daß es lange zweifelhaft war, welchem von beiden die Palme gebühre. Die Frage ist zu Gunsten des vierten entschieden worden. Es bedarf zum Ueberschreiten des ganzen Gipfels vom nördlichen zum südlichen Ende einer kleinen halben Stunde.

Die isolirte Lage des Bietschhorn bringt es mit sich, daß Witterungsumschläge an ihm sich mit besonderer Vorliebe bemerkbar machen. Ist in der Atmosphäre irgend eine Veranlassung zur Wolkenbil- dung, so zeigt sie sich zu allererst an seinen hohen Flanken, und brausen .die Lüfte über das Land, so versuchen sie an seiner Felsenstirne zuerst ihre Kraft. Mancher Besteigungsversuch ist denn auch vereitelt worden. Auch Brunner und ich siegten nicht im ersten Anlauf. Wir brachten es am 14. September 1883 nicht höher als zur Schirmhütte auf Hohwitzen, von wo Schneefall und vereiste Felsen uns zurücktrieben. Am 14. August d. J. gelangten wir bis 3700 m auf den Kamm des Nordgrates, wo Nebel und Furcht vor Unwetter uns abermals zum Rückzug veranlaßten.

Am Sonntag, den 17. August 1884, brachen wir in Begleit von Jos. Rubin von Ried und Jos. Kalbermatten von Weißenried bei guten Auspizien abermals nach dem ersehnten Ziele auf. Wir verließen Ried um 2 Uhr 50 Min. Nachmittags und stiegen auf wohlbekanntem Wege hinauf durch den steilen Wald nach den Weiden am Fuße des Nestgletschers, übersprangen den wildschäumenden Bach und erreichten schon um 5 Uhr 20 Min. die freundliche, nun ausgebaute und wohlverwahrte Schirmhütte auf Hohwitzen.

Wir ließen uns wohl sein in der warmen und säubern Stube, bereiteten unsere Abendsuppe und betrachteten das im tiefen Frieden ruhende Thal mit den hunderten über seine Alpen zerstreuten Häuschen. Bei eingebrochener Nacht machten wir uns die Freude, die Nachtlaterne vor dem Fenster aufzuhängen, in der Absicht, den Bewohnern der jenseitigen Alpen unsere Anwesenheit kund zu thun, damit sie uns zu unserem Vorhaben Glück wünschen möchten.

Nach kurzer Nachtruhe erhoben wir uns gegen 2 Uhr und machten die üblichen Wetterbeobachtungen. Das Ergebniß war nicht erbaulich. Wohl glänzten über uns die Sterne; aber dazwischen zeigten sich Föhnstreifen und im Westen blitzte es aus einer schwarzen Wolkenbank. Rubin machte ein resignirtes Gesicht. Auf einen schönen Tag war nicht zu rechnen; wenn wir uns aber recht beeilten, könnte es möglich sein, vor dem herannahenden Wetter den Gipfel zu erreichen. Also gehen wir unverzagt zum dritten Mal an die Aufgabe. Abmarsch 3 Uhr. Unsere Laterne erhellte uns den Weg. Man steigt von Hohwitzen in eine schnee- und triimmererfüllte Mulde, dann kommt ein gefrornes, sanft ansteigendes Schneefeld, endlich Fels, scharfkantig und steil. Mit rüstigem Steigen erreichen wir in verhältnißmäßig kurzer Zeit um 4 Uhr 50 Min. den Grat des Schaf berg. Der Tag war angebrochen und der Himmel überzog sich grau; vor uns, und .zu unserer Linken erhob sich in finsterer Majestät der Felskoloß des Bietschhorns.

Unsere Absicht war gewesen, Fellenbergs Pfad zu folgen, über den Westgrat den Gipfel zu gewinnen und über den Nordgrat abzusteigen. Unter gegebenen Witterungsverhältnissen mußten wir uns aber sagen, daß heute der kürzeste Weg der einzige sei, welcher zum Ziel führe, und auf alle Varianten verzichten.

Wir wenden uns links über das schöne Firnfeld des Bietschgletschers, dann mühsamer über die Reste einer vom Bietschhorn gefallenen Lawine und erreichen in einer halben Stunde den Fuß des Nordgrates. Ein ganz steiler Schneehang trennt uns noch von den Felsen. Er wird erstiegen und dann beginnt o 5Hans Körber.

die stundenlange abwechslungsreiche, interessante Felskletterei, welche auf die Kante des Nordgrates führt. Das Massiv besteht aus grobkörnigem weißem Gneiß. Verwittert und zerrissen bietet der Fels, wo er fest ist, guten Tritt und Griff; doch seine Furchen und Absätze sind bedeckt mit losen Trümmern, die Festigkeit manches gewaltigen Blockes, manchen Thürmchens erweist sich als trügerisch; es ist nothwendig, bei jedem Tritt zu prüfen, ob die Unterlage solid ist. Man marschirt eng geschlossen, um nicht die Gefährten durch die trotz aller Vorsicht losgebrochenen Steine in Gefahr zu bringen. Mancher schwere Block, dei- nur auf einer Kante ruht, wird mit leichter Mühe aus dem Gleichgewicht gebracht; funkensprühend und rauchend donnert er in die furchtbare Tiefe. Wiederholt hören wir mit zischendem Laut Steine über ein Schneecouloir zu unserer Rechten niederfahren, unsichtbar und unheimlich, wie ein Gecchoß. Solcher Schneecouloirs ziehen sich mehrere von der Kante bis zum Fuß; sie werden meist in wenigen Schritten traversirt, und immer gleich steil aufwärts arbeiten wir mit Hand und Fuß die Wand hinan. Im obern Revier wird der Gneiß feinkörniger, die Felsthürme und losen Trümmer mächtiger; manche lothrechte Kante wird genommen, indem der Körper schlangengleich sich darum schmiegt; doch ist die Situation nirgends ängstlich. Endlich wird es hell über uns; wir stehen um 7 Uhr 55 Min. auf dem Grat. Einen Augenblick ist es uns vergönnt, in die jenseitige Tiefe des Baltschiedergletschers zu blicken, dann verdecken Nebel die Tiefen unter uns, die Höhe über uns.

So weit waren wir vor drei Tagen auch gewesen und hatten uns durch Zaghaftigkeit und Hoffnung auf besseres Gelingen zum Rückzug bewegen lassen. Heute sind kräftigere Mittel nöthig, als die vereitelte Hoffnung auf schöne Aussicht und die vage Vermuthung, es könnte schlecht Wetter geben, um uns zur Umkehr zu zwingen.

Zehn Minuten Rast und ein Schluck aus der Flasche und aufwärts geht es wieder.

In drei merklich gegliederten steilen Abstufungen zieht sich der verschneite Grat zum Gipfel. Die erste Partie hat die Form eines gewölbten Rückens. Rubin hackt in den guten Schnee sehr comfortable Tritte; wir lassen das Seil, das uns verbindet, ablaufen, so lang es ist; dann folgen wir ihm. Nun wird der Kamm schmaler, wir verfolgen ihn auf der westlichen Seite, doch so nahe der Kante, daß es leicht ist, mit dem Pickel oder auch nur dem bloßen Arm die Gwächte zu durchstechen. Endlich wird auch der Westabhang so steil, daß nur noch direct über die Kante weiter vorzurücken möglich ist. Ich bewunderte Rubin's unerschütterliche Ruhe, in welcher er uns den Weg bahnte. Mit mächtigen, horizontal geführten Hieben ebnete er von Schritt zu Schritt ein Plätzchen, gerade breit genug, um mit beiden eng an einander geschlossenen Füßen stehen zu können. Dazu wogte um uns der Nebel, bald lichter, bald so kompakt, daß wir einander kaum zu sehen vermochten. Luftiger als auf dieser etwa 30 Schritte langen Passage bin ich nie gestanden. Dann verliert der Kamm etwas an Schärfe, wir konnten wieder die rechte, westliche Bergseite nehmen und erreichten in einem letzter? steilen Anstieg um 11 Uhr 15 Min. den schneefreien nördlichsten Gipfel des Bietschhorns. Hier verbindet sich mit dem Hauptgrat der mächtige Westgrat. Nur einen Augenblick erlaubten uns die Nebel, das Gewirr seiner grauen Felsenthürme zu betrachten.

Noch blieb uns der vielbesprochene Gipfelgrat zu überschreiten, um zum höchsten Punkte zu gelangen^ Wir fanden ihn weniger schreckhaft, als wir erwartet hatten. Schmal genug allerdings ist er, nirgends mehr als 50 e°'breit, doch sein lockeres Gestein ist gut geschichtet; was nicht fest liegt, hat längst der Sturm weggefegt. An einer Stelle nur ist der Grat in zwei aufrecht stehenden Platten zu einem Minimum von Breite zugespitzt. Ich halte dafür, diese Stelle könne-nur seitwärts umgangen oder rittlings passirt werden^ Der Mann, welcher je sie aufrecht überschritten hat, ist nicht nur ein Bergsteiger, sondern auch ein Seiltänzer.

Um 11 Uhr 40 Min. erreichten wir den lm breiten und 2 m langen höchsten Gipfelpunkt. Wohl hätten » wir gerne auch noch den südlichen Gipfel betreten, der nahe genug und ohne Schwierigkeit erreichbar vor uns lag; doch hätten wir hin und zurück 20 Minuten Zeit daran wenden müssen, und wir hatten mit den Minuten zu geizen; denn immer dicker wurde die Luft, unruhiger wallten die Nebel und leise begann es zu schneien.

Nach kurzer Rast, um 11 Uhr 50 Min., traten wir den Rückweg an. Eilig überschritten wir den scharfen Kamm und kamen ziemlich unangefochten Schmadrijoch und Bietschhorn.bt bis zum Fuße der nördlichsten Erhebung. Da brauste aus Westen ein Windstoß, der uns mit Schnee überschüttete; es folgte ein zweiter und dritter, und immer rascher und heftiger folgte einer dem andern, und; der Schnee stürmte von unten und oben in tollem Wirbeltanze auf uns ein, mit Eiskrystallen uns schmerzhaft in 's Gesicht treffend und uns fast den Athem nehmend. Am ärgsten war es auf dem Nordgipfel, als wir uns zum Abstieg anschickten. Wohl uns, daß wir vom Aufstieg her unsere guten Tritte hatten und nicht erst im Schneesturm den Weg zu bahnen brauchten. Wir waren übrigens Alle wohlgemuth und kletterten, so gut und schnell es gehen mochte, die schneidige Schneekante hinab. Gesprochen wurde gar nicht. Kam einmal ein besonders heftiger „ Blast ", so ließ man sich auf ein Knie nieder und hielt sich fest am eingerammten Pickel. Obschon wir kein Gefühl von Kälte empfanden, muß die Temperatur ziemlich tief gewesen sein; denn bald waren unsere Kleider mit Reif bedeckt, der Pickelstiel, sogar die Brillengläser mit einer Eiskruste überzogen, der Bart zum Eiszapfen zusammengefroren. Wir sahen aus wie die Grönlandfahrer. Mit unverminderter Heftigkeit tobten Wind und Schnee, bis wir am Fuße des Schneegrates angelangt waren; 50™ tiefer in den Felsen wurde es still. Ueber uns wirbelten die Nebel, unter uns ruhiger wind- und schneefreie Luft. Dem Notizbuch entnehme ich, daß es 3 Uhr war, daß wir also drei Stunden lang den Sturm ausgehalten; in der Erinnerung ist mir die Episode wie eine kurze aufregende halbe Stunde.

Wir ruhten, stärkten uns und machten Toilette, indem wir das Eis aus den Haaren kämmten; dann kletterten wir langsam und vorsichtig auf dem Weg, den wir emporgestiegen waren, die starre Felsenflanke hinab. Ich hatte hierbei etwa auf halbem Wege den kleinen Unfall, daß ein verrätherischer Stein unter meinem Fuße abbrach. Einen Augenblick hing ich nur mit der rechten Hand an einer Kante, wobei ich im Oberarm einen heftigen Schmerz empfand. Meine Kameraden zogen das Seil an, und bald fand ich mit den Fußspitzen wieder Stand und konnte ungehindert den Weg fortsetzen. Spätere Untersuchung konstatirte eine Muskelzerrung, welche mich jetzt no^h in mancher Bewegung hindert. Wir erreichten um 5 Uhr 40 Min, den Fuß der Felsen und um 6 Uhr 40 Min. das Bietschjoch. Es war uns noch ein Blick in 's Wallis gestattet, dessen Höhen von Gewölk umzogen waren, dessen Thäler und waldige Hänge dagegen außerordentlich plastisch in unheimlich schwarzgrüner Farbe sich zeigten. Wir gratulirten uns, heute die Besteigung unternommen zu haben; denn morgen wird das Wetter sicher nicht gut sein und vielleicht auch eine Reihe von Tagen noch nicht.

Ich war recht müde geworden, und mühsam ging es die spitzen, rothen Felsen des Schafbergs hinab. Die Schneefelder, auf die wir endlich gelangten, zeigten große Flecken rothen Schnees; an der Oberfläche erschienen sie dunkel, darunter rein rosa. Ich schätze die Dicke der rothen Schicht auf 2om.

Die Nacht war hereingebrochen; da leuchtete aus den Felsen vor uns ein Feuer auf und ein Licht kam uns entgegen. Mr. Fairbanks vom A. C, welcher zur Schirmhütte gekommen war, um morgen das Bietschhorn zu versuchen, erwies uns diese Freundlichkeit, um uns das Auffinden des kleinen Schutzhauses zu erleichtern.

Um 8 Uhr 30 Min. erreichten wir dasselbe und brachten wieder die Nacht unter dem gastlichen Dache zu.

Am andern Morgen reisten wir über Ried und Gampel heimwärts.

Es mag erwähnt werden, da es mir für das Bietschhorn charakteristisch erscheint, daß wir zum Abstieg einige Minuten mehr Zeit brauchten, als zum Aufstieg. Erfordert der letztere Kraftaufwand, so ist beim ersteren mehr Vorsicht nöthig, und bei nicht ganz zähen Naturen macht sich die Ermüdung geltend.

Unser Zeitaufwand war folgender:

Aufstieg:

Htttte-Bietschjoch.. 1 Stunde 50 Min. Bietschjoch-Grat.. 3 Stunden 05 „ Grat-Gipfel. 3 „ 45 „ Zusammen 8 Stunden 40 Min.

Abstieg:

Gipfel-Grat 3 Stunden 20 Min. Grat-Bietschjoch. Bietschjoch-Hiitte.. 1 Stunde 40 „ Zusammen 8 Stunden 50 Min.

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