Schuhe, die keine sind Tipps zum Kauf von Kletterfinken

Klettern ist eine Leidenschaft, die sehr glücklich machen kann.Wenn man mal von den Füssen absieht: Die leiden oft in den engen Kletterfinken. Worauf es beim Kauf ankommt.

Fast jede Sportart hat ihre Schattenseiten. Wer schwimmt, kämpft mit trockener Haut, Jogger haben gerne mal Knieprobleme und Tennisspieler leiden neben dem berühmten Tennisarm oft an ausgeprägten Schwielen an den Händen.

Und worunter leiden Sportkletterer? Unter ihren Füssen. Oder genauer: unter dem Schuhwerk, in das sie ihre Füs­se zwängen. Jeder Anfänger – und sei er noch so motiviert – wird da einen Moment erleben, in dem er sich fragt, ob das wirklich die richtige Sportart für ihn ist.

Kleiner als normal

Kletterfinken sind nach normalen Massstäben eigentlich zu klein. Die Schuhgrösse, in der man sonst Schuhe kauft, tut hier nicht viel zur Sache. Und das hat seinen Grund: In kaum einer anderen Sportart sind Füsse und Zehen so stark am Bewegungsablauf des gesamten Körpers beteiligt wie beim Klettern. Winzige Tritte müssen genutzt werden, um sicheren Stand zu gewährleisten. Die Hauptbelastung liegt dabei meist auf der Spitze des gros­sen Zehs. Die spezielle Form des Schuhs und sein möglichst enger, ­einem Socken ähnlicher Sitz garantieren die optimale Kraftausnutzung und unterstützen die Fussmuskulatur.

Doch einfach nur eng reicht nicht – der Schuh muss zum eigenen Fuss passen. Es gibt viele unterschiedliche Fussformen, und für alle gilt: Der Schuh muss den Fuss fest und möglichst ohne Luft umschliessen, das aber gleichmässig. Die Passform muss dem eigenen Fuss an der Ferse wie an den Zehen gut entsprechen. Sowohl in der Breite und Länge als auch in der Spitzenform. Deshalb gibt es inzwischen bei den Leisten sehr viele Varianten, von leicht bis extrem asymmetrisch, von schmal bis breit.

Dazu kann die Sohle im Zehenbereich mehr oder weniger stark nach unten zeigen. Kletterfinken mit extremem Downturn sind besonders beim Bouldern oder in überhängendem Gelände gut, weil man so mit den Zehen besser ziehen kann.

Gummi auf den Zehen

Mit grösserem Schwierigkeitsgrad steigen dann auch die Bewegungs­va­rian­ten der Füsse. In überhängenden Routen wird das Einhaken von Zehen und Ferse wichtig, um nah an der Wand zu bleiben und das Gewicht möglichst gleichmäs­sig zu verteilen. Kletterfinken für Fortgeschrittene sind genau auf diese sogenannten Toe- und Heelhooks ausgerichtet. An den entsprechenden Stellen mit speziellem Gummi verstärkt, bieten sie dem Fuss die nötige Unterstützung bei den komplexen und kraftvollen Bewegungsabläufen. Die jeweilige Gummimischung hat grossen Einfluss auf die Performance beim Klettern. Sie muss gute Reibung bieten und gleichzeitig widerstandsfähig gegen Abrieb sein. Bei den meisten Marken kommt Vibram zum Einsatz, manche Hersteller entwickeln ihre eigenen Mischungen. Eines ist aber allen gemein: Um die guten Hafteigenschaften zu erhalten, sollte man die Sohlen regelmässig reinigen, ein Stofflappen genügt. Ein sauberer Gummi quietscht leicht, wenn man mit dem feuchten Daumen mit Druck drüberstreicht.

Im Sommer übrigens nie Kletterfinken im Auto liegen lassen: Steht das Auto in der Sonne, wirds drinnen rasch so heiss, dass sich der Gummileim löst.

Leder dehnt sich, Synthetik stinkt

Ob man Velcroverschlüsse oder klassische Schnürung bevorzugt, ist Geschmackssache. Ebenso wie die Materialfrage: Leder oder Synthetik? Beides hat Vor- und Nachteile. Synthetik ist formstabiler und damit besser für eine gleichbleibende Performance als Leder, das mit der Zeit nachgibt – doch Leder ist atmungsaktiver. Um das Kind beim Namen zu nennen: Synthetikfinken stinken viel schneller. Hier schaffen Schuhdeos zwar etwas Milderung, doch ganz eliminieren lässt sich das Müffeln eigentlich nie. Wichtig aber: Kletterfinken offen an einem trockenen, gelüfteten Ort lagern, und nicht im Ruck- oder gar Plastiksack.

Grösser auf langen Routen

Kann man am Fels eigentlich denselben Schuh tragen wie in der Halle? Man kann. Doch je nach Einsatzbereich sind unterschiedliche Eigenschaften wichtig.

So sollte der Kletterschuh für Mehrseillängen bequemer und etwas grösser als der Hallenschuh sein, weil er in langen Routen viel länger am Stück getragen wird und man ungleich viel mehr auf den Füssen steht als in Hallenrouten. Dafür muss man in alpinen Routen seltener Toe- oder Heelhooks setzen, weil man meist im senkrechten oder leicht überhängenden Gelände unterwegs ist. Am wichtigsten ist für solche Routen eine stabile Zehenbox, die den Fuss stabilisiert und unterstützt. Anfänger sollten generell keinen zu weichen Schuh kaufen. Ihre Füsse ermüden sonst zu schnell.

Unbedingt beraten lassen

Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Herstellern, deren Kletterfinken unterschiedliche Passformen, Qualitäten und Eigenschaften mitbringen. Sie hier alle aufzuzählen, würde wohl den Rahmen sprengen. Letztlich muss man sich selber auf die Suche machen. Der Weg in den spezialisierten Fachhandel lohnt sich. Denn hier sind oft ambitionierte Kletterer beschäftigt, die ihr ganzes Know-how in die Waagschale werfen können. Auch die Shops in den Kletterhallen sind meist zu empfehlen. Häufig kann man hier die Favoriten auch gleich an der Wand testen.

Und noch ein Tipp: Neue Schuhe besser gegen Abend testen, wenn die Füsse etwas geschwollen sind. Dann kauft man sie eher in der richtigen Grösse und nicht zu klein. Was auch hilft: Beim Kauf den Schuh unbedingt auf Tritten oder Türabsätzen mit der Spitze oder dem Aussen-/Innenrist belasten. So merkt man rasch, ob sich der Schuh eventuell auf dem Fuss dreht – also zu gross ist, oder ob er schmerzt – also zu klein ist.

Kein Schuh, sondern Sportgerät

Wer schliesslich sein ideales Modell gefunden hat, schwört darauf. Doch was tun, wenn der Liebling löchrig wird? Es gibt mittlerweile einige spezialisierte Betriebe, die das gute Stück wieder einsatzfähig machen. Newrada (newrada.ch) in Samedan etwa oder Gecko Resoling in Zürich (geckoresoling.ch) nehmen Reparaturen auch auf dem Versandweg entgegen.

Zu guter Letzt sei jedoch nicht verheimlicht, dass es Gesünderes für die Füsse gibt als Kletterfinken. Vor allem Kletterer mit bereits vorbelasteten Füssen, die etwa unter einem Hallux leiden, müssen besonders sorgfältig nach dem für sie optimalen Modell suchen – doch mit einem kompetenten Verkäufer klappt auch das.

Kletterfinken sind ein Sportgerät zum Anziehen und eben nicht zum Gehen gemacht, sondern zur Bewegung in der Vertikalen. Und sie ermöglichen Erfolgserlebnisse in einer der faszinierendsten Sportarten, die es gibt!

Schuh je nach Felsstruktur wählen

Kletterfinken werden unter anderem auch für drei Felsstrukturen gemacht: Platten, Leisten, Überhänge

Platten: Geeignet ist ein mittelharter oder eher weicher Schuh ohne Vorspann. Er sollte in der Grösse grosszügiger gekauft werden und nirgends schmerzen.

Leisten/Löcher: Geeignet ist ein im vorderen Fussbereich eher härterer Schuh, mit oder ohne Vorspann. Spitze muss gut auf grossem Zeh sitzen und sollte sich bei Belastung von Innen- oder Aussenristkante nicht auf dem Fuss drehen.

Überhänge: Geeignet ist ein Schuh mit leichtem oder starkem Vorspann, extra Gummibelägen über den Zehen und einer möglichst satt sitzenden, stabilen Ferse. Er sollte sehr satt sitzen, aber bei Belastung dennoch nicht schmerzen.

Tipps vom Profi

Petra Klingler, die aktuell erfolgreichste Sportkletterin der Schweiz und Mitglied des SAC Swiss Climbing Team, verbringt viel Zeit in ihren Kletterfinken. Wer wüsste also besser darüber Bescheid als sie?

Petra, wie sehr leiden deine Füs­se unter den Kletterfinken?

Meine Füsse mussten sich schon an die Form gewöhnen, und anfangs musste ich doch einige Blasen aushalten. Aber ich glaube nicht, dass das Klettern meinen Füssen schadet. Sie sind sicherlich nicht die schönsten, jedoch sind sie kräftig und stabil.

Wechselst du je nach Disziplin das Schuhwerk?

Ich trage grundsätzlich immer das gleiche Modell, egal ob Lead, Bouldern oder Speed. Aktuell habe ich noch ein zweites Modell für die Outdoorklettereien.

Müssen Kletterfinken wirklich immer wehtun?

Ich mag es nicht, wenn meine Füs­se schmerzen. Wenn der Schuh neu ist, muss man manchmal schon ein wenig die Zähne zusammenbeissen, aber das wirklich nur am Anfang. Sobald Schuh und Fuss sich aneinander gewöhnt haben, sollte das sehr schnell nachlassen.

Gibt es das «perfekte» Modell?

Wer das absolut perfekte Modell möchte, muss sich wahrscheinlich ein Paar massanfertigen lassen. Aber bei der grossen Auswahl findet man sicher ein Modell, das eine gute Passform hat. Aus­serdem lernt man auch, mit einem bestimmten Modell zu klettern, und passt die eigene Technik dem Schuh an.

Wie pflegst du deine Füsse, damit sie dir die Kletterfinken nicht allzu übel nehmen?

Allgemein mache ich nicht viel Besonderes, denn meine Füsse sind seit mehreren Jahren an die Belastung gewöhnt. Doch es ist wichtig, eventuelle Blasen gut zu pflegen und bei Schmerzen sehr gut zu beobachten. Und viel eincremen hilft sicher auch.

Welche Tipps kannst du für den Kauf von Kletterfinken geben?

Es kommt darauf an, wie fortgeschritten man bereits ist. Für Anfänger würde ich einen eher bequemen und stabileren Schuh empfehlen, da der Spass am Klettern ja nicht wegen schmerzender Füsse verloren gehen sollte. Je höher das Niveau, umso mehr kommt es auf die Füsse an. Man sollte in der Spitze ein gutes Gefühl für die Tritte haben und in der Ferse genügend Halt, um einen festen Hook setzen zu können. Doch das Wichtigste ist, dass man dem Schuh vertrauen kann und sich damit sicher fühlt.

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