Schwierigste Route der Welt Der lange Weg zum zwölften Grad

Mit Silence durchstieg Adam Ondra Anfang September die weltweit erste Route im Schwierigkeitsgrad 9c, dem ­UIAA-Grad XII. Bis es so weit war, investierte der tschechische Kletterstar rund 40 Tage in sein Projekt – und ungezählte Trainingsstunden.

«Die erste Schlüsselstelle hat einige Züge, die sehr anstrengend sind. Dieses Loch ist wirklich flach und rutschig, dann kommen ein paar Zangengriffe und dann dieses Einfingerloch für den Zeigefinger, das sehr schlecht ist und das ich sehr gut halten muss. Das ist die Stelle, wo ich mich kopfüber drehe und den Fussklemmer setze, weit über meinem Kopf. Dann muss ich hereinkommen, ausgleichen, und dann folgt die abschliessende Ägypter-Bewegung zur nächsten violetten Express. Dort ist der sehr gute Knieklemmer, und gleich darüber kommt die zweite Schlüsselstelle.»

Geduldig deutet Adam Ondra nach oben und erklärt den Verlauf seiner Route, die 45 Meter lang durch das riesige Dach der Hanshallaren-Höhle führt. Zwischen all den frei in der Luft baumelnden Expressschlingen der verschiedenen Touren ist die Linie nicht einfach zu erkennen. Dort, wo die Höhlendecke am stärksten überhängt, durchzieht ein sich aufweitender Riss den Fels: die erste von drei Schlüsselstellen. Das soll kletterbar sein? Was schlichtweg unmöglich aussieht, entschlüsselt Ondra mit einer Reihe von akrobatisch anmutenden, verrückten Zügen. Er hat die Passage mit dem Grad Fb 8c bewertet; sie ist einer der härtesten Boulder, die er je versucht hat, und sie kommt erst nach der Hälfte der Route. Danach gilt es, noch die beiden anderen Schlüsselstellen im Grad Fb 8b und Fb 7c durchzustehen.

Fledermaus mit Knieschonern

2012 reiste Ondra das erste Mal zu der damals noch wenig bekannten Höhle nach Flatanger an der mittelnorwegischen Küste, 200 Kilometer nördlich von Trondheim. Damals bohrte er die Route Change ein, die – als er sie nach fünf Wochen sturzfrei begehen konnte – zur weltweit ersten ­Route im Schwierigkeitsgrad 9b+ wurde. Begeistert von der phänomenalen Reibung und den Strukturen in dem marmorierten Gestein, einem Granitgneis, kam er im Jahr darauf wieder und richtete weitere Routen ein, unter anderem das Project Hard. Das erwies sich jedoch tatsächlich als so harte Knacknuss, dass er es zunächst ruhen liess. Bis er sich 2016 entschloss, all seine Energie hineinzustecken. Als er nach mehreren Sommerwochen aus Norwegen zurückkehrte, war er zwar immer noch weit davon entfernt, das Projekt klettern zu können. Aber er hatte dazugelernt. Zum Beispiel, dass die einzigen Rastpositionen in der Route aus Knieklemmern bestehen: Ondra verspannt einen Unterschenkel zwischen Fussspitze und Knie und lässt Oberkörper, Kopf und Arme wie eine Fledermaus nach unten hängen, sodass Blut in die Unterarme fliessen kann. Ihm wurde klar, dass er nur dann eine Chance auf einen Durchstieg hatte, wenn er länger in den Knieklemmern bleiben und sich besser erholen konnte. Und dass er, um seine Haut vor Verletzungen zu schützen, Knieschoner tragen musste, die zudem die Reibung zwischen Knie und Fels erhöhen.

Das Project Hard liess ihn nicht los, auch deshalb nicht, weil er realisierte, dass die Route der Schritt zur 9c sein könnte. Wer wäre auch mehr dafür ­prädestiniert gewesen, den nächsten Schwierigkeitsgrad zu erreichen, als der «Zauberlehrling», wie er in seiner Jugend genannt wurde? Schon mit ­13 Jahren kletterte Ondra seine erste 9a, mittlerweile verbucht er 140 Routen in diesem Grad und höher. Mit 16 gewann er seinen ersten Weltcup, bei Weltmeisterschaften dreimal die Goldmedaille. 2014 war er nach Alex Megos der Zweite, dem eine Onsightbegehung einer 9a gelang, und nach Change kletterte er noch zwei weitere Routen im Grad 9b+. Eine Leistung, mit der ausser Chris Sharma, der eine der 9b+-Routen wiederholte, niemand mehr mithielt. Sein Ausnahmetalent und seine Vielseitigkeit stellte Ondra ein weiteres Mal unter Beweis, als er nach dem Abschluss des Bachelor of Business Management im Herbst 2016 erstmals das Yosemite Valley besuchte. Nach nur zweiwöchiger Vorbereitung wiederholte er innerhalb von acht Tagen die Dawn Wall, an der Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson sieben Jahre lang gekämpft hatten.

Enormes Trainingspensum

Im Jahr 2017 konzentriert Adam On­dra sich fast vollständig auf das Project Hard. Zusätzlich zum periodischen Aufbau mit seinem baskischen Trainer Patxi Usobiaga holt er sich die professionelle Unterstützung des Vorarlberger Physiotherapeuten Klaus Isele. Dieser sorgt nicht nur dafür, dass Ondra verletzungsfrei bleibt, er berät ihn auch hinsichtlich einzelner Bewegungssequenzen. Und er arbeitet Übungsprogramme für ihn aus, um spezifische Muskeln aufzubauen, etwa die Beinmuskulatur für die Knieklemmer. Dafür nimmt Ondra mehrmals die achtstündige Fahrt von Brno nach Dornbirn in Kauf, wo Isele lebt. Sein Trainingspensum ist enorm: Sechs Tage die Woche trainiert er fünf Stunden in der Kletterhalle. Schliesslich installiert er sogar am Campingplatz in Norwegen eine Kletterwand, damit er auch vor Ort gezieltes Krafttraining absolvieren kann.

Als der 24-Jährige im Mai erneut nach Flatanger aufbricht, hat er fünf Paar Kletterschuhe mit unterschiedlichen Gummimischungen im Gepäck. So kann er ausprobieren, welche Sohlen in den Fussklemmern am besten halten – und klettert letztendlich mit zwei unterschiedlichen Schuhen. Diesmal ist auch Klaus Isele dabei und beobachtet ihn in der Route. Für zwei, drei Sequenzen schlägt er leicht andere Lösungen vor, kleine Abweichungen der Körperposition, um das Drehmoment zu minimieren. Für Ondra eine entscheidende Verbesserung: «Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das selbst nie herausgefunden hätte.»

Nach dieser akribischen Vorbereitung gelingt ihm im Mai der Durchstieg der ersten Schlüsselstelle. Im Juli ist er zurück und schafft es, vom Beginn der ersten Crux bis zum Ende der Route durchzuklettern. Nun fehlen nur noch die ersten 20 Meter, im Grad 8b. Die hat er bisher immer mit einem Aufstieg am Seil überbrückt, um sich den wirklichen Schwierigkeiten zu widmen. Drei Tage später die Ernüchterung: Sobald er nur fünf Züge von unterhalb der Crux dazunimmt, ist er nicht mehr erholt genug, um die Schlüsselstelle klettern zu können. Er probiert es ein zweites Mal, stürzt wieder. Völlig verausgabt und reichlich frustriert muss er mehrere Tage Pause einlegen.

Ondra hat längst aufgehört, die Versuche zu zählen. Inzwischen hat er um die 35 Tage in die Route investiert, die Ruhe­tage zwischen den Versuchen nicht mitgerechnet. Nur wenige Kletterer projektieren Routen über so lange Zeit. Dass sich das Projekt als so viel schwieriger erweist als alles, was er bisher geklettert ist, bestärkt ihn darin, die Route mit 9c zu bewerten. «Noch nie in meiner Laufbahn habe ich für eine Passage so lange gebraucht wie für die erste Boulderstelle – es ist die komplexeste Route, die ich je probiert habe.»

Dann erwischt Ondra auch noch eine Erkältung, die ihn um Wochen zurückwirft, weil er die Kraft erst wieder von ­Neuem aufbauen muss. Damit sich die Muskeln nicht zu stark zurückbilden und die neurologischen Muster für die Bewegungen erhalten bleiben, führt Isele Simulationstrainings mit ihm durch, bei dem Ondra mit geschlossenen Augen die Kletterstellen visualisiert und im Liegen die Schlüsselzüge ausführt, während der Physiotherapeut für ihn die Griffe und Klemmstellen mit seinen Händen formt.

Vom Boden weg

Nach dem körperlichen und emotionalen Auf und Ab im Juli kehrt Adam Ondra Ende August mit gemischten Gefühlen nach Flatanger zurück. Vom ersten Versuch an hat er den Eindruck, dass etwas anders ist. Am 3. September, seinem vierten Klettertag, fühlt er sich vom Vortag etwas müde. Er hat keine hohen Erwartungen, aber er bewegt sich, wie es seine Art ist, schnell und dynamisch. Entgegen seiner Gewohnheit – sonst begleitet er jeden schwierigen Zug mit ­einem Stöhnen oder Schreien – bleibt er völlig ruhig, klettert in seiner eigenen Welt, in völliger Stille und Harmonie, wie er es später beschreibt. Erst kurz vor dem Ausstieg, als er doch noch etwas kämpfen muss, wird er lauter.

Nachdem er den Umlenker geklinkt hat, ist es mucks­mäus­chen­still in der Höhle. Kein Jubelschrei wie sonst ist zu vernehmen. Ondra hängt im Seil, Tränen der Freude und Erleichterung in den Augen. 26 Jahre nach der ersten Route im elften UIAA-Grad, der Action Directe von Wolfgang Güllich, hat er den glatten zwölften Grad gemeistert. Das Project Hard ist kein Projekt mehr: Er nennt die Linie Silence.

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