Sie ist H.F. Ein kleines Rätsel ist gelöst

Ein Nähschächtelchen mit einem ­Gedicht, verfasst von einer unbekannten H. F.: Lang rätselte man, wer das hilfreiche Utensil 1910 in der Guggihütte ­deponiert hatte. Ein Artikel in «Die Alpen» hat für Aufklärung gesorgt.

Wer ist H. F.? Das fragte ich in der Augustausgabe 2017 von «Die Alpen» im «Historischen Moment». Sie oder er hatte zur Einweihung der dritten Guggihütte SAC am 7. August 1910 ein Nähset mit Gedicht auf dem Deckel des Schächtelchens gespendet, das sich immer noch in der Hütte auf dem Nordwestsporn des Mönchs befindet.

Nun weiss ich: Hinter den Initialen verbirgt sich Hermine Anna Fiechter-Stöhr. Geboren am 4. Dezember 1874 in Wien, hatte sie am 4. Juli 1903 Ernst Fiechter aus Interlaken geheiratet. Sie verstarb am 23. November 1945 in Interlaken. Hermine und Ernst Fiechter hatten zwei Kinder, Elsa und Walter. Dieser ist der Vater von Ursula Borter, welche in Interlaken wohnt und von März 2000 bis Mai 2005 als Co-Hüttenwartin der Finsteraarhornhütte arbeitete. Als sie in «Die Alpen» von H. F. las, erinnerte sie sich sofort an ihre Grossmutter. Eine Frau, die ein Nähset stiftete, offenbar gerne Gedichte schrieb und vielleicht mit einem Mitglied der SAC-Sektion von Interlaken verheiratet war: Das konnte nur die Hermine sein! Ursula Borter griff zum Telefon und meldete die Antwort dem Verfasser der «Historischen Momente». Ihre Grossmutter sei eine leidenschaftliche Trachtennäherin gewesen, das Schreiben von Gedichten habe in ihrer Familie eine lange Tradition, ihr Grossvater habe sich stark im SAC engagiert, sagte Ursula Borter. Und sie lud den Verfasser nach Interlaken ein, um noch mehr zu erzählen und ihm die Fotoalben zu zeigen.

Schicke Kleidung und Pickel

Ernst Fiechter war ein aktiver Clubist in der SAC-Sektion Oberland, wie die Sektion Interlaken von 1873 bis 1915 hiess. Er amtete als Delegierter an den AV, als Beisitzer, Tourenchef und Sektionspräsident. Er förderte den Bau der sektionseigenen Wintröschhütte ob Habkern. 1896 gründete er die Bijouterie im Haus Trafelet an der Jungfraustrasse in Interlaken, später zü-gelte er das Geschäft an die Bahn-hofstrasse. Heute verkauft dort Christ Uhren und Schmuck.

Hermine Stöhr war Filigranistin und Trachtennäherin, arbeitete in diversen Bijouterien in Europa – und lernte so ihren Mann kennen. Sie führte zunächst die Bijouterie Fiechter in Wengen. Doch das Geschäft musste wegen des Ersten Weltkrieges und der folgenden Wirtschaftskrise aufgegeben werden. Sie arbeitete natürlich auch im Hauptgeschäft in Interlaken, zum Beispiel dann, wenn ihr Mann in den Bergen unterwegs war. Dass sie sich in den Bergen ebenfalls wohlfühlte, zeigt ein Foto von einem winterlichen Ausflug.

Auf dem in der «Alpina» von 1910 gedruckten Foto der Guggihütte-Einweihung sieht man in der vordersten Reihe eine Frau in schicker Kleidung und mit Pickel. Ob dies Hermine Fiechter war, konnte auch ihre Enkelin nicht mit letzter Sicherheit sagen: Hermine Fiechter könnte ihr Nähset ja ihrem Mann mitgegeben haben.

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