Sigmund Grolimund Volkslieder aus dem Kanton Solothurn

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Volkslieder aus dem Kanton Solothurn, gesammelt und herausgegeben von Sigmund Grolimund. Basel, Verlag der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, 1910. Preis Fr. 2.40, gebunden Fr. 3.

Auch diese Publikation, Nummer 7 der Schriften der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, bietet neben dem allgemeinen Interesse, das sie für Volkstum und Heimatschutz der Schweiz hat, manches für uns besonders Beachtenswerte, weshalb ich es begrüßte, daß mir der Vorstand der Schw. G. f. V. diese Broschüre zur Besprechung zugesandt hat. Es ist klar, daß alpine Volkslieder im Kanton Solothurn nicht das Herrschende sein können, immerhin hat der Umstand, daß Glutz-Blotzheim, der solo-thurnische Volksdichter, auch diesen seine Liebe zuwendete, fördernd gewirkt. So finden wir unter Nr. 34 das bekannte Rigilied in einer in Grindel, dem Heimatdorf Grolimunds, gesungenen Variante, unter Nr. 37 ebenfalls von dort Schweizers Heimweh, von J. R. Wyß d. J., von 1811. Die Nummern 62—67 sind alle Sennenlieder oder Ähnliches, die in Grindel gesungen werden. Autochthon, d.h. von A. Glutz stammend, sind davon Nr. 64: „ 0 chönnt i doch de Berge zue ", Nr. 66: „ S' isch nüt lust'gers uf der Erde als e Chüejerbue " und Nr. 67: ..Morgens früeh, wenn d' Sunne lacht und sich alles lustig macht ". Dagegen sind Nr. 62: „ Jetzt kommt die lustige Frühlingszeit, wo alle Bäumeli blühn ", Nr. 63: „ Wie lieblig tönt 's i Berg und Wald, der Mai isch do ,'s isch nlimme ehalt " und Nr. 65: „ Ach wenn 's doch einmal Sommer war'und auf de-n-Alpe grüen " Importware aus Österreich ( Tirol oder Steiermark ), wie schon die Dialektformen die „ Sennerin " beweisen. Immerhin scheinen sie durch Ähnlichkeit der Sitten und Sprache sich im Schwarzbubenland ein gewisses Bürgerrecht erworben zu haben und mögen darum einer Sammlung von Solothurner Volksliedern noch anstehen; ebenso natürlich das in Grindel gesungene „ Gsätzli " Nr. 95 b: „ Mi Vater isch e Appezäller ". Dagegen war ich befremdet, die Nummern 47, 51, 55 und 56 in dieser Volksliedersammlung zu finden, da sie nach meinem Gefühl nicht hineingehören. Die erste ist überschrieben: „ Das kurze Röckerl " und ist ein Tiroler Volkssängerlied, von welchem Herr Grolimund in den Anmerkungen sagt: „ Diese Nummer gehört schon mehr zu den modernen Liedern, doch habe ich es seit vierzig Jahren nicht mehr gehört. " Da sich also der Volksgeschmack der Schwarzbuben von diesem seichten Geleier dauernd abgewendet hat, so hätte es füglich ausgemerzt werden können; denn es kann sich doch nicht darum handeln, solche „ alte Lieder durch Sammeln vor dem Untergang zu retten ". Solches Unkraut verdirbt leider sowieso nicht. Noch schlimmer steht es mit dem aus Gesungenem und Gesprochenem gemischten Stücke Nr. 51: „ Ich, ich spiel gern den Herrn ", und gar den Couplets Nr. 55: „ Adam und Eva " und Nr. 56 mit dem Kefrain: „ Das ist nun wohl historisch wahr, doch auf unsre Zeit nicht anwendbar. " Nr. 51 hat Herr Grolimund in Rodersdorf gehört, kennt aber keinen Verfasser. Von Nr. 55 heißt es in den Anmerkungen: „ Ich habe dieses Lied seit vierzig Jahren nicht mehr singen hören ", und von Nr. 56: „ Verfasser ?". Alle drei sind erbärmliche Produkte der Tingeltangelpoesie, wie sie vor 40 Jahren — ich erinnere mich, daß gerade diese drei Stücke damals das Entzücken der commis voyageurs bildeten — in ihrer Sünden-Maienblüte war. Jetzt sind sie in den Städten durch eine noch weniger witzige und noch ge-pfeffertere Ware verdrängt worden; auf dem Dorfe scheinen sie verschwunden zu sein, und darum sollten sie nicht in Sammlungen einbalsamiert werden. Sie verstänkern diese nur. Und daß in solchen Pfützen „ das Denken und Fühlen, das Lieben und Hassen, das Darben und Kämpfen des Volkes sich spiegele ", das denkt der Herausgeber gewiß selbst nicht. Ich glaubte, diesen Mißgriff mit aller Schärfe rügen zu müssen, nicht aus Prüderie, die mir ganz fern liegt, sondern weil solche Lieder nicht aus dem Volke gesammelt sind und nicht wieder ins Volk zurückdringen sollen, wenn seine Freunde es verhüten können. Die Publikationen der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde haben sich so gut eingeführt, daß solche momentane Versehen ihrem Ansehen nicht schaden können, wenn sie sich nicht wiederholen. Da im übrigen die gerügten Stücke unter den 101 Nummern der Sammlung verschwindende Ausnahmen bilden, so wird man es mir wohl glauben, wenn ich von dieser Bereicherung der volkskundlichen Literatur eine gute Meinung habe und Grolimunds Volkslieder im ganzen und großen nur empfehlen kann.Redaktion.

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