Star im eigenen Film Wie Helmkameras und Youtube den ­Bergsport verändern

Spektakuläre Aufnahmen aus der Wand oder dem Steilcouloir, von Tausenden auf dem Bildschirm gesehen: Was früher Profis vorbehalten war, ist dank Helmkamera und Internet für alle möglich geworden.

Schon fast nostalgisch wirken sie, die Aufnahmen der Fernsehproduktion rund um eine Livebesteigung der Eiger-Nordwand aus dem Jahr 1999. Kiloschwer der eigenartige Helm mit integrierter Kamera, Speicher und Batterie. Diese Vorrichtung erlaubte damals etwas Einmaliges. So konnte man so nah wie nie zuvor die Eindrücke aus Bergsteigersicht über die Röhrenbildschirme in Schweizer Wohnstuben flimmern lassen. Was vor 16 Jahren eine teure und aufwendige Pioniertat war, ist für die Generation HD längst Alltag geworden. Vor Monitoren mit hochaufgelösten Bildern bestaunen wir heutzutage aus erster Perspektive manchmal mehr und manchmal weniger aussergewöhnliche Leistungen von Bergsteigern und Skifahrern. Meist gefilmt mit Helmkameras, die nur einen Bruchteil derjenigen wiegen, die Stephan Siegrist und seine Bergführerkollegen bei ihrer Eiger-Besteigung tragen mussten.

Mittlerweile sind sie mit Schutzgehäuse nur unwesentlich schwerer als eine Tafel Schokolade. Auch für gewichtsbewusste Schnellgänger ist eine solche Linse einfach mitzuführen. Der Erfinder der 2002 entwickelten Gopro-Kamera hat sich zwar nicht bei der Eiger-Livebesteigung, sondern beim Surfen inspiriert. Doch hat sie auch im Bergsportbereich von privaten Youtube-Channels bis hin zu kommerziellen Filmproduktionen ihre unverkennbar weitwinkligen Spuren hinterlassen und die Grenzen zwischen Berufsberg­steiger und Amateur im Videobereich bedeutsam aufgelockert.

Höheres Risiko für Actionbilder

Der Urner Profi Dani Arnold sieht dieser Entwicklung gelassen entgegen. «Es ist schwierig, seriöses Bergsteigen mit einem guten Film zu kombinieren», weiss der Speed-Rekordhalter an Eiger- und Matterhorn-Nordwand. Und es sei doch super, «wenn andere auch coole Aufnahmen machen», sagt er entspannt. Er selber ist oft mit Filmemachern und Berufsfotografen unterwegs. Je nach Drehort kommen dabei Helikopter oder auch Drohnen zum Einsatz. Mit einer einzelnen Helmkamera kommt man an eine solch aufwendige Produktion nicht heran.

In Nicolas Hojacs Bergsteigerleben spielt die Kamera dagegen keine grosse Rolle. In Sachen Sicherheit schlägt das Mitglied des SAC-Expeditionsteams gar einen kritischen Ton an. Er gesteht zwar ein: Aufnahmen von Lawinenverschüttungen oder Spaltenstürzen haben auch eine aufklärerische Komponente, das liege auf der Hand. Er ist aber der Meinung, dass Helmkameras Verletzungsgefahren steigern können, da man für actionreiche Bilder ab und an ein höheres Risiko eingehe.

Drama aus der Ich-Perspektive

Hojac verzichtet auf den Einsatz einer Helmkamera, dies hat aber andere Gründe. «Im Gegensatz zum Skifahren oder Downhill-Biken finde ich die Bilder, die mit solchen Kameras beim Klettern und Bergsteigen entstehen, nicht sehr gut», sagt er. Man wechsle häufig und abrupt die Blickrichtung, schaue nach unten und dann sogleich wieder auf die Hände. «Das gibt selten wirklich spannende Bilder», erklärt Hojac. Dazu komme die Nachbearbeitung und das Schneiden des Fimmaterials: «Viele unterschätzen, wie wichtig das für das Endprodukt ist.» Dass ein Film schliesslich so aussehe wie in der Werbung des Kameraherstellers, sei alles andere als einfach.

Etwas anders sieht dies Thomas Scheuner. Bei ihm kommt die GoPro oft zum Einsatz. «Ich mag Fotografie und Film, und dies ist die simpelste Art, Aufnahmen zu machen», erklärt er. Gerade bei Gravity-Sports wie dem Freeriden wirken die Bilder besonders gut, ist sich Scheuner soweit zwar mit Hojac einig. Dass er sich mit Helmkamera risikofreudiger bewege, verneint er aber. «Denn die Kamera läuft immer», sagt Scheuner. Deshalb habe er sich daran gewöhnt, und es sei mittlerweile zur Normalität geworden.

Auch an jenem verhängnisvollen Märztag im Jahr 2011 trug er seine Helmkamera, als er bei perfektem Wetter die Pulverhänge oberhalb von Engelberg hinunterkurvte. Plötzlich löste sich ein Schneebrett und riss ihn in die Tiefe. Das ganze Drama wurde hochaufgelöst aufgenommen aus der Ich-Perspektive.

Auf das Selfie folgt das «Dronie»

Auf dem Videoportal Youtube sahen sich das die Nutzer bereits weit über eine halbe Million Mal an. Scheuner überlebte das Unglück mit einem gebrochenen Lendenwirbel. Er ist sich sicher, dass sein Video auch eine aufklärerische Wirkung hat. In der Tat gehen zumindest viele der über 200 Anmerkungen zum Video in diese Richtung. «Wenn man die vielen Kommentare liest, hat man schon das Gefühl, dass sich die Leute damit auseinandersetzen», so Scheuner weiter.

Den angesprochenen Markt zwischen Profis und Amateuren zusätzlich bespielen wird schon bald ein anderes Produkt. Die Drohnenkamera Lily soll ab kommendem Februar im Handel erhältlich sein. Diese verfolgt den Sportler je nach Programmierung, die über eine Smartphone-App geschieht, in bis zu 15 Metern Höhe. Ganz unproblematisch ist der Einsatz aber noch nicht. Das Gerät erkennt keine Hindernisse in der Luft, und die rechtliche Situation in der Schweiz ist seit einem Jahr strenger. Auch die Aufnahmemöglichkeiten sind nicht dieselben wie mit einem Helikopter. Mit sogenannten «Dronies» revolutionieren die Bilder aus der Verfolger-Selfie-Perspektive die Filmwelt der kleinen Budgets vielleicht ein weiteres Mal.

Bergsteigen im digitalen Zeitalter

In einer dreiteiligen, losen Serie widmen wir uns dem Nutzen und den Auswirkungen der digitalen Möglichkeiten im Bergsport.

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