Stille Orte alpiner Nostalgie Betrachtungen hochalpiner Bedürfnisverrichtungsanstalten

Das Klo im Gebirge ist ein Spezialfall alpiner Architektur. Grund genug, sich ein paar Fragen zu stellen, aber auch Antworten zu finden.

Gewöhnlich ist das Klo kein Thema. Es ist einfach. Es wird benutzt und gleich nach dem Spülen wieder vergessen. Das Klo wird erst zum wahrlich dringlichen Thema, wenn es gerade keines gibt oder aber wenn es an Orten zu stehen kommt, an denen es irgendwie nicht so ganz hingehört. So stehen etwa in der Stille des Hochgebirges noch stillere Örtchen, deren Anblick Fragen und Überlegungen von nachgerade philosophischer Tragweite aufwerfen. So etwa diese: Warum darf man beim Scheissen eigentlich nie die Aussicht geniessen?

Sichtbarkeit und Verstecken

Diese Frage ist in der Formulierung etwas provokativ. Aber sie ist berechtigt. Hüttenklos zeigen nämlich einen Kontrast, der uns auch im Alltag begegnet: Menschliche Bedürfnisverrichtung spielt sich auf engstem Raum und – bis auf seltene Ausnahmen – ohne Blick auf die Welt drum herum ab. Draussen gleissen die Gipfel der Berge im Gegenlicht des Sonnenuntergangs, von drinnen sehen wir auf die Bretter vor unserer gerümpften Nase. Obwohl wir ja durchaus Zeit hätten, die Aussicht zu geniessen, schliesslich müssen wir zwar, aber eigentlich nichts anderes. Gerade diese Aussichtslosigkeit übrigens lässt die Tageszeitung als Beigabe in Toiletten so attraktiv erscheinen, versetzt sie uns doch in die Welt und ihre Ereignisse. Mehr Aussicht allerdings ist nicht. Dieses verdauungsendproduktorientierte Versteckspiel bringt uns zur Frage:

Wer versteckt hier eigentlich wen?

Auch wenn sich manche der kleinen Häuschen in den Bergen fast organisch in ihre Umgebung fügen: Sie stehen an Orten, an denen sie gar nicht anders als auffallen können. Und so ergibt sich das Paradox, dass hier auffällige Orte geschaffen werden, die doch eigentlich etwas verstecken sollen: Unsere Nacktheit und die Verrichtung einer biologischen Notwendigkeit. Sind wir es eigentlich selbst, die uns verbergen wollen, oder sind es die anderen, die uns nicht sehen wollen? Sie ahnen es: Beides stimmt. Denn Scham ist, sehr frei nach Sartre, selbst beides: Sie ist die Anerkennung des Umstandes, dass ich so bin, wie andere mich sehen oder sehen könnten. Und Scham ist Kultur: Vielleicht kennen Sie den lautstarken und freudigen Mitteilungswillen, der erfolgreiche kindliche Ausscheidungserlebnisse umgibt. Mit der Akkulturation im Erwachsenwerden verstummt dieser Mitteilungswille, und es schliessen sich die Toilettentüren. Wir Einzelnen wollen dann im selben Masse verborgen sein, wie uns unsere Kultur zum Verstecken zwingt. Und so errichten wir selbst an den entlegensten Orten möglichst enge kleine Mauern, die uns im rechten Moment vor allen anderen und etwas auch vor uns selbst verbergen.

Ob Gämsen dürfen und die Frage der Nostalgie

Daraus lässt sich folgende These ableiten: Toiletten sind Orte radikalster Individualität.

Allenthalben ist von einer zunehmenden Individualisierung die Rede. Gemeint ist damit die individuelle Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Lebensentwürfen. Letztlich bezieht sich diese Individualität kurioserweise jedoch immer auf andere, denn ich kann nur in den Augen anderer ein wirklicher Individualist sein. Aber wenn Sie eine Toilette heimsuchen, dann sind sie wirklich auf sich als Individuum zurückgeworfen. «Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein», wie bereits Goethe trefflich formulierte. Worauf Sie da zurückgeworfen sind, ist Ihr Ich in seiner Körperlichkeit und dringenden Notwendigkeit. Ich muss, ich sitze oder stehe oder hocke da und niemand sonst. Ich bin frei. Und ich habe Zeit, mit mir und nur für mich. Klingt das nicht wunderbar?

Ich wage ja, zu behaupten, dass viele grosse Gedanken auf dem Klo entstanden sind, auch wenn das niemand gerne zugeben wird. Insofern sind Toiletten Orte der Introspektion, des Denkens, also philosophische Orte per se. Unter diesem Blickwinkel muss meines Erachtens sogar die Kunstgeschichte umgeschrieben werden. Erinnern sie sich an den Denker von Rodin? Und wo sitzt der wohl? Genau.

Warum, so die nächste Frage, darf die Gämse einfach so und ich nicht?

Als Berggängerin richten sich die Blicke oft auf den Weg, um sicheren Schrittes wandern zu können. Bereits in den Niederungen erfüllt der Blick nach unten zudem die Funktion der Ausweichwarnung. Zum Beispiel dann, wenn wir geschickt die Hinterlassenschaften des Braunviehs umgehen müssen. In höheren Gefilden dann sind Verdauungsreste gern gesehene Hinweise auf wildes Getier wie Gämsen oder Steinböcke, Hasen oder Murmeltiere. Während uns nun aber der Blick auf diese Spuren nicht nur nicht stört, sondern gar mit freudiger Hoffnung erfüllt, die Spurenhinterlasser vielleicht alsbald selbst zu Gesicht zu bekommen, würden äquivalente menschliche Spuren uns eher zu Bemerkungen über die Verrohung der Sitten und die Rücksichtslosigkeit unserer Spezies veranlassen. Genau um uns vor solchen Entrüstungen zu bewahren, stellen wir diese kleinen Häuschen auf, die zudem belegen, dass Menschen, auch am Berg, wirklich jeden Scheiss sammeln. Und wie immer müssen wir es auch gleich wieder übertreiben: Anders als die Tiere markieren wir nicht einfach am Berg, sondern wir markieren gleich den Berg. Zum Beispiel mit einem Toilettenhäuschen.

Futuristisches ist noch selten

In all ihrer Befremdlichkeit sind alpine Toiletten auch Orte der Nostalgie. Angesichts von neueren SAC-Hütten, die eher die Landung Ausserirdischer vorwegzunehmen scheinen, muten viele der alpinen Exemplare der Gattung Klo fast ein wenig nostalgisch an. Sie gemahnen an eine Zeit, als Dinge noch wirklich zweckmässig waren und das WC-Papier rau und ursprünglich, als Hirschleder statt Goretex vor den Hütten hing, als Männer weisse Bärte trugen und als Klara noch in Frankfurt wohnte.

Rayk Sprecher

ist Fakultätsmanager an der Hochschule Luzern. Der vorliegende Text ist eine gekürzte Fassung der Eröffnungsrede zur Vernissage der Ausstellung «Stille Orte» des Fotografen und Autors Marco Volken im Biwak des Alpinen Museums Alps in Bern.

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