Streifereien in der Wildhorngruppe

Jakob Schwizgebel ( Lauenen ).

Von Die Wildhorngruppe, zwischen Rawyl und Sanetsch, weist in ihren Reihen eine Anzahl recht stattlicher Felshäupter auf. Erreicht auch nur ein einziges die Höhe von mehr als 3200 m ( Wildhorn 3264 m ), so bieten doch die finstern, zerrissenen und in ihrer Gesammtform doch wieder schönen Felsgestalten einen majestätischen Anblick. In der Mitte der Gruppe, im Süden des reizenden Lauenenthales, erhebt sich der massige Stock des Wildhorns, im Gegensatz zu den kahlen Felsgestalten des Niesen-, Hahnenschritt-und Spitzhornes bis zum Scheitel in einen starren Eispanzer gehüllt. Seine isolirte Lage und seine im Vergleich zu seiner Umgebung bedeutende Höhe machen das Horn zum aussichtsreichsten Punkte weit und breit; dazu kommt noch der Vorzug, daß es mit relativ geringem Zeit- und Kraftaufwand und ohne alle Gefahr bestiegen werden kann. Dies gilt jedoch nur, wenn der gewöhnliche Touristenweg von der Clubhütte aus eingeschlagen wird; anders gestaltet sich die Sache, wenn das Wildhorn von Westen oder Süden bestiegen wird. Hier treten, wenn nicht alle Umstände günstig sind, oft recht schwere Hindernisse dem Besteiger entgegen, während direct von Norden her das Wildhorn jede Annäherung schroff zurückweist.

Es war im October 1879. Auf den höchsten Gipfeln war frischer Schnee gefallen, jetzt war das Wetter wieder ausgezeichnet. So wurde beschlossen, dem Wildhorn einen Besuch abzustatten, da wir uns bei dem außerordentlich klaren Himmel eine herrliche Aussicht versprachen.

Morgens 1 Uhr wurde von Lauenen aufgebrochen. Vier Mann hoch, wovon nur Einer ein Neuling in Gebirgswanderungen, schritten wir beim schönsten Vollmondschein über die Bergwiesen empor. Von ferne tönte das leise Rauschen des Dungelbachfalles zu uns; in schimmernder Klarheit stiegen die riesigen Felshäupter zum sternbesäeten Himmel empor. Wir betraten die Dungelalp, als im Osten der Tag graute. Wo sonst im Sommer frohe Heerden weiden und die Felswände vom Jauchzen der Sennen widerhallen, herrschte Todtenstille. Der eisige Frost hatte den Dungelbach, der über drei Terrassen vom Dungelgletscher herniederstürzt, in starre Fesseln geschlagen. Dröhnend hallten unsere Tritte auf dem hartgefrornen Boden. Mühsam ging 's die glatten, begrasten Halden am Fuße des Niesenhorns hinan und eben, als wir auf dem „ Schafniesen " anlangten, breitete die Sonne ihren Purpurmantel über Gletscher und Firn. Es bot sich uns ein wundervoller Ausblick nach Norden und Westen. In nächster Nähe vor uns der überhängende Gipfel des Niesenhorns, südwestlich das schauerliche Hahnenschritthorn, noch weiter westlich die herrliche Pyramide des Spitzhorns und rechts davon schweifte der Blick in fast unbegrenzte Fernen. Alles weiter Entfernte lag in einen bläulichen Dunst gehüllt, aus dem die Spitzen der Waadtländerberge wie riesige Wachtfeuer hervorleuchteten. Wohl an 1000 m unter uns lagen in der Dämmerung die Thäler des Saanenlandes.

In einer halben Stunde hatten wir den Dürrensee erreicht. Eine Gebirgswelt von großartiger Wildheit öffnete sich vor unsern Blicken. Gegen Süden thürmten sich die Eismassen des Dungelgletschers empor, östlieh vom Kirchli, westlich von dem scharfen Grat, der das Wildhorn und Hahnenschritthorn von Süd nach Nord verbindet, begrenzt. In südlicher Richtung vor uns, mitten aus dem zerrissenen Gletscher, erhob sich die Pyramide des Pfaffenhörnlis ( 2845 m ). Zwischen diesem und dem Felsstocke des Kirchli hatten wir uns unsern Weg zu suchen.

Wir betraten den Gletscher etwa eine halbe Stunde oberhalb des „ Dürrensees ". Der Gletscher selbst erwies sich als sehr schwierig. Da, wo er sonst, auf der Westseite des Kirchli sanft ansteigend, sehr leicht zu begehen ist, starrte uns Schrund an Schrund entgegen, viele mit trügerischen Schneedecken überzogen, so daß wir uns nicht getrauten, hier weiter zu gehen. Wir versuchten es daher auf der Ostseite des Kirchli durch die Felsen. Allein diese erwiesen sich als ebenso unwegsam, da der starke Frost das feine Geröll so fest zusammengekittet, daß Pickel und Füße vergebens einen Halt suchten. So stiegen wir denn auf der Ostseite des Kirchli durch ein enges, beeistes Couloir wie durch ein Kamin hinan. Ein einziger Fehltritt hätte Verderben gebracht und hoch auf athmeten wir, als wir auf dem Gipfel des Kirchli standen. Von hier an bot der Marsch über den sanft zum Wildhorngipfel ansteigenden Gletscher keine Schwierigkeiten. Um halb 11 Uhr standen wir auf dem Gipfel des Wildhorns; die Aussicht war wunderschön, allein ein beißend kalter Wind ließ uns nicht zum ruhigen Genuß derselben kommen.

Die Aussicht auf dem Wildhorn ist schon oft beschrieben worden. Sie darf sich kühn zu den großartigsten zählen, die man in den Alpen haben kann. Bis weit nach Frankreich hinein, hin zu dem Jura, den Vogesen und zum Schwarzwald schweift der Blick: Wallis, Waadt, Neuenburg, Bern, Freiburg und Solothurn breiten ihre Thäler und Ebenen vor dem Wanderer aus. Der Genfer-, Neuenburger-, Bieler- und Murtensee erglänzen in den Strahlen der Sonne. Den Glanzpunkt der Aussicht bildet aber der Blick auf die Berner- und Walliseralpen, die, ein Koloß gewaltiger als der andere, ihre Hörner zum Himmel empor-senden.

Der Gipfel des Wildhorns bildet aber auch einen sehr geeigneten Standpunkt, um die topographische Gliederung der Wildhorngruppe selbst zu studiren. Nur in wenigen großen Zügen möge dieselbe hier berührt sein.

Steht man auf dem Gipfel, so bemerkt man, daß vom Wildhornmassiv vier oder, wenn man will, fünf verschiedene Gräte auslaufen. Nach Westen, vom Fuße des Wildhorns, erstreckt sich der scharfkantige Geltengrat, der im Arpelistocksich nordwärts wendet und im Spitzhorn sein Ende erreicht. Auf der Nordseite, zwischen Wildhorn und Arpelistock, ist derselbe bis auf die höchsten Zinnen vom Geltengletscher in einen starren Eispanzer gehüllt, während auf der Südseite die Vegetation stellenweise sich fast bis zur Kammhöhe erstreckt.

Vom Gipfel des Wildhorns fast direkt nach Norden zieht sich ein wilder zerrissener Grat, die sogenannte „ Schneide ", hinab zum Hahnenschritthorn, dessen über 2836 m hoher, noch nie erstiegener Gipfel mit dem vorgelagerten Vollhorn den Abschluß dieses Grates bildet.

Nach Nordost senkt sich vom Wildhorngipfel zuerst steil, dann sanfter geneigt ein gletscherbedeckter Grat in der Richtung der Hauptkette hinab, über den die Besteigung des Wildhorns gewöhnlich unternommen wird. Der vierte Grat fällt nicht so sehr in die Augen. Er zieht sich in südöstlicher Kichtung vom Audannesgletscher hinab nach dem Kawilhorn, die Ostgrenze des öden Steinreviers „ les Audannes " bildend. Um so ausgeprägter ist der letzte, der fünfte Grat, welcher sich vom Wildhorngipfel nach Süden zieht und sich in 's Thal der Morge senkt, dasselbe mit der Creta bessa und dem Prabé östlich begrenzend. Dieser Grat bildet eine wohl 13 Kilometer lange, senkrechte, hohe Felswand. Bios an wenigen Stellen ist es möglich, über dieselbe hinabzusteigen.

Noch ein flüchtiger Rundblick rings um und dann Abschied genommen von dem prächtigen, aber heute schauerlich kalten Punkte. Ein längeres Verweilen war unmöglich. Von Abenteuerlust und Sehnsucht nach dem sonnigen Süden getrieben wandten wir uns dem Wallis zu, obwohl uns die Gegend total unbekannt war. In wenigen Augenblicken hatten wir das Plateau des Audannesgletschers etwa 50 in unter dem Gipfel des Wildhorns erreicht. Hier war der beißende Wind verschwunden. Von den brennenden Strahlen der Sonne war der Firn weich geworden und machte das Gehen mühsam, zugleich wurde uns aber auch durch diesen Unstand das Hinuntersteigen nach les Audannes sehr erleichtert. Der Gletscher senkt sich nämlich sehr steil hinunter und kann nur begangen werden, wenn der Firn weich ist. Hart unter einem gähnenden Schrunde traversirten wir die mißlichste Stelle und erreichten den Bergschrund und auf der Kante desselben die untersten Felsen. Hier banden wir uns vom Seil los und ließen uns unbedenklich, trotz kleiner Schrunde, jubelnd in die Tiefe gleiten, bis wir das öde Karrenfeld les Audannes erreichten. Von hier zieht sich das Sionnethal hinunter. In einigen Stunden hätten wir das oberste Dörfchen Arbaz erreichen können. Doch unser Ziel lag nicht dort. Unter uns lag das Thälchen der Grandes-Gouilles, das sich vom Brozetgletscher in westlicher Richtung nach der Paßhöhe des Sanetsch hinzieht. Dieser strebten wir zu.

Eine steile Geröllhalde führte uns glücklich hinunter in das einsame Hochthälchen. Hier führt auch der alte Geltenpaß von Lauenen nach dem Sionnethal vorbei, der in den fünfziger Jahren zweimal von den Herren G. Studer, Professor Ulrich, Weilenmann u. s. w. begangen wurde. ( Siehe: Berg- und Gletscherfahrten, Band II, pag. 1. ) Tiefe, feierliche Stille herrschte rings in diesem abgelegenen Erdenwinkel, stundenweit sind die nächsten menschlichen Wohnungen entfernt. Ringsum liegen öde Steinwüsten, aber auf wenigen begrasten Stellen zaubert die glühend heiße Sonne eine Vegetation von wunderbarer Pracht hervor. So übergletschert der Geltengrat auf der Nordseite ist, so überraschend sind die schönen, leuchtenden Alpenblumen auf der Südseite in dieser Höhe. Wer ein wenig zu lesen versteht im Buche der Natur, dem sind diese äussersten Vorposten des Pflanzenwuchses liebliche Boten milderer Zone. Er kann nicht anders, als stille stehn bei diesen Pflänzchen und sinnend sein Auge verweilen lassen auf ihren leuchtenden Blumenkronen. Diese Oasen in der Steinwüste ließen uns auch das Fehlen der rauschenden Gletscherbäche weniger empfinden. Bios an einer einzigen Stelle, vom Brozetgletscher herunter, rieselte ein kleines Bächlein, an dem wir unsern brennenden Durst stillten.

Mühsam über Steintrümmer kletternd strebten wir der Paßhöhe des Sanetsch zu, ein hartes Stück Arbeit!

Da rollen plötzlich oben am Geltengrate Steine durch die engen Runsen hernieder und wie wir emporschauen, stehen auf einem kleinen Felskopfe zehn Gemsen, die uns neugierig zuschauen, auf die erste Bewegung unsererseits aber die Flucht ergreifen und bald hinter dem Geltengrat verschwinden.

Endlich winkte uns die langersehnte Paßhöhe. Auf einer kleinen Anhöhe, von der wir einen herrlichen Ausblick auf den Zanfleurongletscher und die rechts von demselben sich emporthürmenden Hörner ( Montbrun, Oldenhorn, Stellihorn ) hatten, machten wir einen kurzen Halt und staunten mit ehrerbietigen Blicken die schauerlich zerrissenen Felswände an, in denen der Arpelistock westlich zum Sanetsch hinunterfällt, dann zogen wir zwischen Montbrun oder Sanetschhorn zur Linken und Arpelistock zur Rechten über die herrliche Ebene des Sanetsch hinaus.

Als wir bei einer kühlen Quelle uns erlabten, tönte schwaches Jauchzen an unser Ohr und nach einiger Zeit bemerkten wir vier kleine schwarze Punkte, die sich abwärts bewegten, an den Wänden des Spitzhornes. Wir lagerten uns, um die kleine Karawane, die offenbar mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, zu erwarten, und nach ungefähr einer Stunde hatten uns die kühnen Bergsteiger erreicht. Es waren vier Lauener. Sie hatten am Morgen von Lauenen aus auf dem gewöhnlichen Wege das Spitzhorn bestiegen und waren dann, statt auf dem gleichen Wege zurückzukehren, durch die zerrissenen Felswände auf der Westseite des Spitzhornes auf den Sanetsch hinunter gestiegen, wo wir zusammentrafen.

Von hier weg machten wir den Heimweg gemeinschaftlich. Wir stiegen vom Sanetsch eine halbe Stunde wieder bergan zu einer Terrasse auf der Westseite des Spitzhorns, dem sogenannten „ Gaggen ", und erreichten endlich Abends 8 Uhr die langersehnte Heimat nach 19-stündiger Abwesenheit wieder. Die Tour war lohnend aber lang gewesen. Zu den Rasten hatten wir nicht mehr als 2 Stunden verwendet.

P. S. Dieser Bericht über den Wildhornweg e des Itinerars ( v. pag. 61 ) ist, da der Verfasser nicht dem Verbände des S.A.C. angehört, der Redaction durch gefällige Vermittlung des Präsidenten der Section Wildhorn zugekommen, welcher, wie die folgende Arbeit über die siebente Wildhornroute beweist, hinlänglich Gelegenheit hatte, Hrn. J. Schwizgebel, Lehrer in Lauenen, seit 1880 als Führer patentirt, als tüchtigen Gletschermann und Pfadfinder kennen zu lernen.A. TV.

Feedback