Theodor Wundt: Matterhorn

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Es ist eine gute Weile her, seitdem die 1817 geborene, 1893 verstorbene Louise von François, mit ihrer Novelle in Briefen: Zu Füßen des Monarchen, zum erstenmal, soviel ich sehe, in der belletristischen Literatur einen Hochgipfel und Erlebnisse an demselben zum Gegenstand romanhafter Schriftstellern gemacht hat. Allerdings geschieht dies noch in der Form eines schüchternen Versuchs; denn die handelnden jugendlichen Personen, Amédée und Myrtille, genannt Marmotte, der erstere Sohn und Enkel der Montblancführer Bertrix und Museau, die letztere das Pflegekind von Bertrix, welcher sie einst ausgesetzt an der Quelle des Arveyron gefunden haben wollte, sind noch nicht in der Lage, ihre Sehnsucht, zu dem Monarchen, dem „ großen weißen Berg ", hinaufzusteigen, zu befriedigen. Das geschieht erst nach Jahren, als die edle deutsche Dame, die in dieser reichlich sentimentalen Geschichte Vorsehung spielt, zum zweitenmal zu dem Prieuré und nach dem Weiler Les Praz zurückkommt, um dort den braven Bertrix als Krüppel zu finden, weil er im September des Kriegsjahres 1870 mit einem englischen Lord, der seelenruhig im Tal geblieben war, um dem Bergsport und Hannibalstudien zu frönen, eine Rundtour um den Montblanc gemacht und dabei in der Gegend des Großen St. Bernhard wohl seinem unvorsichtigen Touristen das Leben gerettet hatte, selber aber durch Sturz in eine Eisspalteso schwer verletzt worden war, daß er einen Winter lang auf dem Hospiz bleiben mußte, gepflegt von dem Père Anselme, der in einem dunklen Zusammenhang mit der Aussetzung der kleinen Myrtille steht und diese Schuld durch hingebende Bußtat im Dienst der Menschenliebe droben im ewigen Schnee sühnte. Die Erzählung schließt mit dem Ausblick darauf, daß Amédée, der inzwischen in die Compagnie des Guides aufgenommen worden ist, und Myrtille, welche in der Pflege Bertrix'zum „ Hausmütterchen " herangewachsen ist, als junges Ehepaar Monarchen hinaufsteigen werden, um dort ihr Hochzeitsfest zu feiern. Die Novelle ist gekennzeichnet durch eine schwärmerische Verehrung für den Montblanc und das Tal von Chamonix, welches nicht nur bei Einheimischen das Heimweh erzeugt, und durch eine oft in Goethe'sche Worte aus der Schweizerreise von 1779 gekleidete Sympathie für die einfachen Leute des „ geliebten Tals ", welche in ihrer geraden Einfalt der Freude über das leidlich Gute und einer starken Liebe fähig sind. Es weht darin auch ein erfreulicher Zug von Ausgleich zwischen vornehm und gering, katholisch und protestantisch, deutsch und französisch. Und es scheint die deutsche Dame, das ist die Verfasserin, die Nichte des 1870 bei Spichern gefallenen preußischen Generals Bruno von François, nicht anzufechten, daß der eine ihrer Schützlinge, Amédée Bertrix, welcher den Rückzug der Bourbaki-armee mitgemacht hat, vor Begierde brennt nach dem „ Vergeltungskriege, der, wie er tagtäglich nun schon seit Jahren versichert, ehestens ausbrechen wird ". Ich habe diese Novelle, die, von 1873 datiert, 1881 gedruckt, heute noch nicht ganz verschollen ist, deswegen analysiert, weil sie gewisse Leitmotive des Hochgebirgsromans in noch etwas unbeholfener Form vorbringt. Zu diesen kamen rasch andere und schon 1884 war unser Alex. Franke genötigt, in seinen 1881 begonnenen Jahresberichten über die alpine Literatur dem „ Schönwissenschaftlichen " eine besondere Rubrik einzuräumen. Und von Jahr zu Jahr mehrten und vertieften sich die Leitmotive. 1905 konnte der Unterzeichnete ( Jahrbuch XLI, pag. 337 ) konstatieren, daß es „ literarische Mode geworden war, die Motive von Romanen, Novellen, epischen und lyrischen Gedichten den Bergen und ihren Bewohnern zu entnehmen ". Das Motiv von dem braven Führer, welcher einen jugendlichen Touristen, trotzdem er ihn im Verdacht hat, seinem Mädchen nachzustellen, aus Not und Gefahr rettet, verbunden mit dem von dem sympathischen Engländer, welcher den besagten Touristen durch eine Gewaltkur zu heilen sucht, indem er ihn ohne Führer auf alle möglichen Berge schleppt und dabei richtig in die Patsche bringt, taucht 1899 in dem Gedicht: Nivoline von Virgile Rössel auf, welches ich im Jahrbuch XXXV, pag. 350 besprochen habe; das Motiv von dem durch Zufall, Absicht oder Verbrechen herbeigeführten Absturz des Bergsteigers, welches schon bei der Matterhornkatastrophe von 1865 seine mythenbildende Kraft und Anziehung für findige Novellisten bewiesen hat ( siehe Jahrbuch XLVII, 194/95 und 199 ), spielt eine kleine Rolle in dem 1897 erschienenen Roman von Ed. Rod: La haut, auf Kosten der objektiven Wahrheit, und eine leider sehr große in dem alpin-psychologischen Roman von A. Dessauer: Verstiegen? 1902 ( siehe Jahrbuch XXXVIII, pag. 409 ), auf Kosten des guten Geschmacks und einer reellen Psychologie und mit einem Stich ins Perverse in der Schilderung der Personen und des Konfliktes, der mit dem Selbstmord durch Absturz eines im Verkehr mit zwei ungleichen Geliebten aus dem sittlichen Gleichgewicht gekommenen Dr. phil. eine unbefriedigende, weil unwahr-haftige Lösung findet. Ich übergehe andere Behandlungen dieses und ähnlicher Probleme des Hochgebirgsromans, um endlich auf den Anlaß zu diesem Exkurs, den Roman Wundts zurückzukommen. Der gegenwärtig wieder im aktiven Kriegsdienst stehende General Theodor v. Wundt hat sich schon früher mit dem Matterhorn nicht nur als Bergsteiger, sondern auch als Schriftsteller beschäftigt. In dem von ihm verfaßten, von der Sektion Berlin D. & Ö.A.V. 1892 herausgegebenen Prachtwerke: Das Matterhorn und seine Geschichte, hat er das Kapitel, in dem seine eigenen Matter-hornfahrten dargestellt sind, in die Form einer Hochzeitsreise gekleidet und ihm die entsprechende Färbung gegeben. Jetzt ist er in seinem Roman zu dem Löwen von Zermatt zurückgekehrt und läßt an dessen Flanken eine Geschichte sich abspielen, deren handelnde Personen ein deutscher, erfindungsreicher und berggewandter Ingenieur, eine vom Spleen geplagte, aber sonst edel veranlagte amerikanische Milliardärs-tochter, deren gewissenlos spekulierender Vater und sein intriganter Sekretär, eine gemütvolle und aufopferungsfähige deutsche Waise und ein biederer Tirolerführer sind; dazu als Komparsen die übliche internationale Besucherschaft von Zermatt und der Riffelalp, deren Interesse zwischen Sportneugierde und Salonklatsch hin- und herpendelt. In einer sehr lebhaft geführten Handlung, in welcher drei meisterhaft geschilderte Matterhorntraversierungen, eine Leichenbergung, Anspielungen auf die an diesem Berge je und je vorgekommenen Abenteuer, Heldentaten und Unglücksfälle geschickt verwoben sind und durch welche die dämonische Anziehungskraft dieses Gipfels, aber auch die sittlich läuternde Wirkung der Hochgebirgsnatur auf alle, die sich ihr mühselig und beladen nahen, geschildert werden, finden wir die üblichen Leitmotive, aber zum Teil in überraschend neuer Weise verwendet. Wirrsal und seelischer Konflikt entsteht dadurch, daß Ellen Sanders bei einer aus bloßem Sensationsbedürfnis mit Hermann Gronau und dem braven Sepp Hintersteiner unternommenen Matterhornbesteigung sich innerlich und äußerlich ihrem idealistisch träumenden und doch kraftvoll wirkenden Begleiter, welcher ihr in einem kritischen Augenblick, da sie vor seiner und ihrer Liebe fliehend beinahe abgestürzt wäre, das Leben rettet, angleicht und sich mit ihm verlobt. Aber auf diesen Höhenrausch folgt bei der Rückkehr nach Zermatt bald wieder „ der lange Alltag mit seiner nüchternen, zermürbenden, gleichmachenden Gewalt ". Die beiden müssen sich trennen, für kurze Zeit nur, wie sie glauben, und sich versprechen. Hermann, um in der Heimat zu dem seiner Hülfe benötigenden kleinen Bergwerk seines Oheims und kargen Wohltäters zu sehen; Ellen, um zunächst ihrem Vater, von welchem sie finanziell

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