Über das Tinzenhorn von Nord nach Süd

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Von v Wilhelm Paulcké ( Sektion Davos ).

Rsgeri, Regen — Nebel, Nebel, das waren die, Wetteraussichten, die iòji anfangs August 1895 während meines Davoser Aufenthaltes hatte, und dabei hatte ich den Köpf voll von Plänen, die von den Bergsteigern bisweilen mit dem hochklingenden Worte „ Probleme " bezeichnet werden. Und da soll der Mensch nicht ungeduldig werden? In Gedanken befanden wir, Freund Rzewuski und ich, uns gar oft siegesfroh auf dem Gipfel des Monte della Disgrazia ödet in hartem Ringen an der Berninascharte; doch leider nur in Gedanken! Jeden Abend hofften wir auf den kommenden Morgen, und wenn dieser ebenso trübe und grau anbrach, wie seine Vorgänger, suchten wir uns zu trösten, kramten in Erinnerungen und in Freund Alexanders Photogràphiensçhatz/ Ein Lieblingsplan war glücklich zur Ausführung gelangt, dem Groß-liitzner hatten wir einen neuen Zugang abgerungen; gegen die Ausführung des zweiten Vorhabens schien sich Alles verschworen zu haben. Mit Be-ôorgnis sah ich des Morgens die umliegenden Berge weit hera|b mit Neuschnee bedeckt, und der Gedanke an die Nordwand des Tinzen)iorns hatte nichts allzu Verlockendes. Diesem Bergen galt mein Plan. Trotzig und unnahbar scheinen seine Nordabstürze, fast drohend ragt die stolze Felspyramide in " die Lüfte. Jecjen Tag hat man von Davos dies prächtige Bild vor Augen, und da soll kein Wunsch sich regen, kein Begehren laut werden, den herrlichen Gipfel von dieser, seiner schönsten Seite zu gewinnen?

Vor zwei Jahren schon, als ieh zum erstenmal in Gesellschaft von Herrn und Frau Dr. Gelbke und Freund Rzewuski die Spitze des Tinzenhorns betrat, wollte ich den Abstieg nach Norden allein wagen, ließ mich aber durch den lauten Protest meiner Freunde von dem Vorhaben abbringen, zu meinem Heile, wie ich zugebe.

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über das Timenhorn von Nord nach Süd.

f Doch jfctzt yrilt ich ywp Aufstieg durch die Nordwand berichten. Es ist zwar gut, Retiti man sich ab und zu seine Fehler öder Ansätze dazu ins Gedächtnis zurückruft, um für die Zukunft daraus zu lernen, und gerade auf das Umkehren bei einer verlockenden Tour bin ich am stolzesten; das lernt sich am schwersten« Für Sonntag den 11. August 1895 plante die Sektion Davps ihr jährliches Pieknick, und da für diesen Anlaß von den Festjeitern gutes Wetter garantiert warr rüstete auch ich mich, aber nicht, um mit zu picknicken^ sondern zum Aufbruch nach Filisur und zur Aelahütte; später sollte es dann ins Etigadin gehen. Zu dritt wollten wir den Angriff auf die Nordwand unternehmen: Freund Rzewuski, Herr Branger und ich. '. In solchen Fällen ist'ls nun ein Fehler, wenn man Sektionsvizepräsident ist und wegen der leeren Sektionskasse andern Leuten zum Vergnügen, der Kasse zu Nutz, beim Picknick Arrangieren, Deklamieren, Hofieren Und Einkassieren helfen muß. Da waren wir denn nur zu zweit^ aber Auch so ging es, maßte es gehen J Und einen tüchtigeren Bergsteiger und besseren Kameraden für eine schwierige Bergtour als Herrn Branger hätte ich wohl kaum finden können.

Fröhlichen ifutes rollten wir also am Samstag den 10. August bei herrlichstem Wetter in leichtem Einspänner aus dem lieben Davos, dem ich für dies Jahr Valet sagte, geleitet von den Glück wünschen und Er: mahnungen zur Vorsicht seitens der fast allzu besorgten Freunde. Die Rucksäcke waren hinten auf den Wagen geschnallt, dabei natürlich auet| meine stete Reisebegleiterin: die photographische Camera; der treue Pickel kommt auf den Ehrenplatz neben uns, und bald ruht der Blick auf ihm, bald auf der steil sich auftürmenden Nordwand, die eine lange Zeit als lockendes Ziel uns vor Augen lag.

. Prächtige Landschaftsbilder zogen an unserm Auge vorüber, während der Fahrt auf staubfreier Landstraße; wie schon gar oft und zu jeder Jahreszeit, fesselten auch diesmal die wilden, der Via Mala so ähnlichen „ Zügen " den Blick.Kurz vor Wiesen läßt sich das Tinzenbom jum erstenmale von der Basis bis zum Gipfel überschauen; da treten Camera und Fernglas sofort in eifrige Thätigkeit; ebenso ^ugen wir während des Frühstücks in Wiesen eifrig nach unserer Nordwand, In Filisur wurde als Träger der Jagdhttter Ulrich Schmidt mit der Camera bedacht,. und wir marschierten zusammen um V2 5 Uhr schwer beladen durch die Vài Spadlatscha zur Aelahütte. Wird unser Plan ausführbar sein oder nicht? Darum drehte sich hauptsächlich die Unterhaltung, und mit Ungeduld wird -dei* Augenblick erwartet, an dem wir des Tinzenhorns wieder ansichtig werden sollen. Sowie es sich in seiner stolzen Jähheit erhebt, fast greifbar nahe vor uns, von der scheidenden Abendsonne vergoldet, werfen wir unsere schwere Bürde ab, ruhen uns etwas aus und suchen mit dem Fernglas der schwachen Stellen an den Nordabstürzen habhaft zu werden, was von frühern Standpunkten wegen der großen Entfernung unmöglichwar. „ Es wird gehen, aber schwer ", war das Endresultat, zu dem wir gelangten; jedenfalls wollen wir bis zur Cravaratschasfuorcla gehen und von dort links ( rechts und links immer im Sinne des Anstiegs ) in die Wände über die kleinern Absätze einsteigen; das Weitere wird sich finden.

Als einige Thalbewohner vorbeikamen, sich mit uns in ein Gespräch-: einließen und hörten, daß wir aufs Tinzenhorn wollten, jedoch sahen, wie eifrig wir die Nordwand studierten, meinten sie, ja/ da gehe man aber von Süden hinauf. Auf unsere Antwort* wir wüßten das, wollten aber gerade versuchen^ ob es auf der Nordseite nicht auch ginge, $chüttelten sie den Kopf und meinten, ohne Führer kämen wir da doch nie hinauf^ da ginge es überhaupt nicht; Mettier habe einmal früher dort vergebens probiert, und wo der nicht durchkomme, komme Keiner durch. Widerspruch reizt zum Beharren, wçnn er auch nicht immer siegjesgewisser macht. Da hieß es eben versuchen und den Erfolg entscheiden lassen. Wir luden die Rucksäcke wieder auf den Rücken, nahmen an der Waldgrenze noch reichlich Brennholz mit und wanderten der Hütte zu, welche abends 8 Uhr erreicht wurde.

EinTourist mit Führer hatten bereits ihr Nachtlager auf dem schlechten Heu bezogen, Rev. Cbolidge mit Chr. Allmer jun., deren allerdings frühe Nachtruhe wir unliebsam stören mußten, denn unsere Magen verlangten nach gekochter Speise. So rasch als möglich krochen auch wir auf aie Pritsche zur kurzen Nachtruhe.

Nach all den trüben Wettererfahruugen war es ein fröhliches Auf* stehen, als ein Blick vor die Thüre festgestellt hatte, daß klarer Ster^ hiinmel einen guten Tag prophezeite. Rasch war Thee bereitet undnossen, so daß wir 5 Uhr 10 Min. abmarschierten. Kaum waren wir eine Strecke gegangen, als ich das Fehlen meines Fernglases bemerkte; also im taufschritt zurück, um diesen wichtigen Kundschafter zu holen. Bald war ich wieder bei den Kameraden und nun gingen wir um; den westlichen Ausläufer des Tinzenhorns Sçidïer herum, stetig langsam ansteigend in die Val Cravaratschas, uns immer an den anfangs begrasten Scidier-hängen haltend. Für spätere Nordwandbesteiger sei bemerkt, daß der Thaleingang bequemer auf der Isohypse der Aelahütte gewonnen wird, wobei das Gehen an den steilen Rasen- und Geröllhängen großenteils vermieden wird, da man bald die Thalsohle erreichen und verfolgen kann.

Um 5 Uhr 50 Min. gelangten wir auf ein Schneefeld im Thalgrunde, Von hier aus ist das Tinzenhorn kaum wieder zu erkennen. D$s ^Bündner Matterhorn " erscheint, wie sein Zermatter Riesenbruder, aus nächster Nähe zusammengedrückt und plump; bei der Steilheit der Wände und ô#ate sieht das Auge nur sehr stark verkürzte Linien gegen den Gipfel %Ur während die Basis in ihrer ganzen Breite sichtbar ist; die Schneefeld©*, -: - lvt, i,., über den senkrechten Tarrassen, die oft bis za 50 Q Neigung haben, erscheinen flach und ihre Begehung leicht.

Gerade begann die Sonne unserem Berge ihre ersten Strahlen zuzusenden, als ich die erste pbotographische Aufnahme machte ( ich versuchte durch Ansteigen auf der Cuolmetseite geringere Verkürzung zu erhalten, doch ich kam nicht hoeh genug, unsere Zeit war zu kostbar; so war der Unterschied zwischen beiden Aurnahmen kein großer. Um 6 Uhr 35 Min. packte Schmidt den Kasten wieder auf, wir querten die Schneefelder am Fuße des Tinzenhorns, einer alten Gemsfährte folgend, und langten 7 Uhr 50 Min. auf der Fuorcla da Cravaratschasx ) an.

Es lohnt sieh reichlich, bis auf die Paßhöhe zu gehen, obgleich man schon an mehreren Stellen vorher in die Wände einsteigen könnte. Der Blick in den Abschluß des àchaftobels, einen wilden Felskessel, in den der uns gegenüberliegende Piz Mietfei mit steilen Mauern abfällt, der zerrissene Grat, der sich von diesem Berg zum Tinzenhorn heriiberschwingt, das grüne Laietsseelein im Grunde und drüben die von leichtem Morgendunst umkleidete Ferne der Berge des obern Rheinthales entschädigen vollauf für die wenigen Schritte, die man zur Erlangung dieses Bildes thun muß. Hier oben erst wurde Frtihstticksrast gemacht, denn Herr Brauger und ich stimmten darin überein, daß auch bei Mähteeitei^ ein schönes und anregendes Gegenüber einem langweilig häßlichen vorzuziehen sei* Nachdem ein gemütliches Plätzchen gefunden war, sprachen wir eifrig dem Inhalt unserer Rucksäcke zu, und herrliche Gitronenlimonade, mein jàôt ausschließliches Getränk auf Bergtouren, erquickte die durstige Kehle. Als der Magen befriedigt war, trat die Camera wieder in Thätigkeit, dann aber hieß es rasch zusammenpacken und aufbrechen, denn es war schon spät und wir hatten Sonne auf dem ganzen Weg. Der photographische Apparat blieb von nun ab zurück und mit ihm sein Träger, den wir ungefähr 3 Uhr nachmittags wieder in der Aelahütte zu treffen hofften; daß wir um diese Zeit noch nicht einmal den Gipfel erreicht haben würden, ahnten wir allerdings nicht; 8 Uhr 50 Min. traten wir die Besteigung der Nord wand an; 6 Stunden sollte ihre Durchführung kosten.

Während Schmidt noch ruhig sitzen blieb, um uns zu beobachten, stiegen wir über ein schräg nach links ziehendes Band hinan; das Seil hatten wir gleich beim Aufbruch angelegt. Noch war der Schnee gut, so daß man sich Stufen treten konnte, und in leichter Kletterei kamen wir über die ersten niederen Felsstufen weg; durch kleinere, schnee-erföllte, oft kaminartig sich verengende Runsen war bald das erste Schneefeld der ersten großen Terrasse erreicht; diese wurde nun nach rechts bis ziemlich nahe an den Nordgrat, der zur Cravaratschasfuorcla \^: ,i1:;.::*-i ' .". ' :, Wilhelm abfällt, schräg aufwärts gèquçrt. Da der neue Schnee durch äie immer stärker wirkende Sonne erweicht wurde, mußte große Vorsicht beobachtet werden; schon, weiter unteß in den Schneerinnen tropfte das Schneewasser auf uns herab, und wein einer a«f den andern wartendwir gingen von nun ab immer nur abwechselnd vorwärts — gerade unter einer Felswand stand, lief das Wasser in Hals, Ärmel und Stiefel, und bald quatschten bei jedem Schritt melodisch die patschnassen Bergscbuhe.

Überall rieselt und rinnt es; wir stehen unter der zweiten großet* » Senkrechten Felsstufé, der höchsten im Massif. Wenn diese zu mache » ist, haben wk das Schwerste überwunden, vielleicht den Bieg gewonnen* Wo aber anpacken? Überall glatter Fels, von herabfließendem Sclwi^e-^ wasser fortwährend gekühlt, steile pralle Wände, an denen ieh trotf ineitfêr ziemlichen Länge keinen ordentlichen Griff erreichen kann. Wie der Gletscher sich in der Randkluft yom Fels abhebt, so war hier, wie meistens, wo Schnee am Fuße steiler Wände liegt, eine Art Miniatur-randspalte ausgebildet. Auf den Kamm des Schnee walls nun stellte sich Herr Branger, lehnte sich mit den Händen gegen den Fels/der, unten eingebaucht, oben etwas überhing; ich klettere auf seine Schultern; durch die schwere Last bricht unten die Schneôkante etwas aus, aber Herr Branger steht fest, ich habe ( Jritfe erfaßt, finde* auch Tritte und arbeite mich an der naßkalten Wand in die Höhe; doch es geht schwer und langsam aufwärts; bald wird wieder Halt gemacht, denn der Fels macht die Finger erstarren. Während beide Füße und eine Hand einigermaßen Halt haben, w&ndert die andere Hand, in die Tasche, um erwärmt zu werden; dann gebt es wieder vorwärts^ bis eine neue Pause zur Erwärmung nötig wird. Endlich, hurrah! ich kann über den obéra Rand %r Bteilwand sehen und erblicke das große Schneefeld der fplgenfleC Terrasse. .:Die erste Hälfte des Weges ist zurückgelegt. Ich fasse festen Stand, lege das Seil um den fest eingestoßenen Pickel und Herr Branger folget nach. Bald stehen wir wieder beisammen und halten Bat, wie es weiter gehen soll. Wir queren das steile Schneefeld; immer nur einer geht vor-> wärts, bis die ganze Seillänge ausgegeben ist, dann folgt der andere* Diese Vorsicht'ist unbedingt geboten, da die Gefahr des Abrutschen s der Neuschneeschichte voji ihrer Unterlage, dem alten harten Winterschneef bedenklich droht. Wir suchen deshalb auch die nächste Felswand mög--liehst direkt zu erreichen und steigen unter ihr entlang bis zur schmälsten Stelle der Terrasse; es ist überhaupt die niedrigste Felsstufe an der Bordwand und sie ist bald überwunden.

Doch, wie nun weiterIn prallen Wänden türmt sich die vierte Terrasse vor uns auf, nasser abgewaschener Fels überall. Vergeblich sucht das Auge nach Haltepunkten für die Hand, Einige Stellen, die Ü^Ä Über das Tinzmhom von Word nach Süd.3Ï vielleicht sonst passierbar wämir sind spiegelblank von hartem Eis überglast. So werden wir nach links gedrängt und steigen auf dem Schneefeld etwas abwärts. Die Zeit ist bedenklich vorgerückt, die Sonne steht hoch und sendet ihre heißen Strahlen auf uns herab, auf uns und den Schnee, der immer weicher wird. Schritt um Schritt geht es abwärts, fast bei jedem Tritt rutscht der Schnee unter dem Fuße weg und hartes Eis kommt zum Vorschein. Da heißt es eben, den Schnee mit dpm Pickel wegscharren und-Stufen schlagen. Immer steiler wird der HaTigj wir kommen in die Rinne, die durch die Mitte der ganzen Nordwand fast bis zum Gipfel zieht. An der andern Seite derselben wieder senk* rechte Felswände. Wo ist jetzt der AuswegÜber uns ist die Rinne durch einen fast èenkrechten g^fro^nen Wasserfall abgeschlossen, rechts von demselben auch alles blank überglast; ja, wenn da kein Eis wäre, möchte es schon gehen, aber solieber nicht! .—Da ziehe ich die steilste Felswand vor, deren Gestein, etwas von der Sonne erwärmt, nicht bei jedem GrìÈ die Pinger erstarren macht. Also hinüber, zur Felswand, auf die linke Seite der Eisrinne. Schon seit'g^rautner Zeit flogen Eisstückchen auf uns herab, was oft empfindlich weh that; da größere Gefährten diesen Vorboten folgen könnte«, warten; wir nicht lange, sondern queren das steile Couloir. Bevor wir dieseft Selbst betreten, wird schon der Schnee so steil, daß man das dem Hange nähere Knie durch den Schnee vorbeistoßen muß, um wieder einen Schritt vor » wärts thun zu können.

In der Rinne selbst ist vor dem Stufenschlagen ein Wegscharren des Schnees nicht mehr nötig, ein gelinder Stoß mit der breiten Haue des Pickels genügt, um ganze Schichten Schnee loszulösen, die zischend hinabfahren und in einer schlundartigen* Verengung des Couloirs verschwinden. Blankes dunkles Eis tritt zu Tage, hurtig fährt der Pickel hinein, klirrend splittern Eisstücke umher und springen, schurren mit hellem Klang oder klappernd in die Tiefe, die Musik für den Bergfahrer, wjelcbe die lautlose, sonst nur von den Schlägen der Eisaxt gestörte Stille uxiterlbricht^ Stufe um Stufe, Schritt um Schritt etwas nach abwärts geht es zu einem Felsabsatz der gegenüberliegenden Seite. Das Seil ist zu kurz, als daß Herr Branger hüben am Felsen Posto fassen kann, eine feste Versicherung ist nicht möglich, er muß das Couloir selbst auch betreten und dort, so gut es geht, das Seil um den im Eis verankerten Pickel legen. Wenn jetzt aber einer fSllt, ist 's um beide geschehen.

Es ist dies einer der Fälle, wo man eigentlich nicht angeseilt bleiben sollte; wenn man sich sicher aufeinander verlassen kann, soweit dies von Menschen überhaupt gesagt werden kann, mag man durchs Seil verbunden bleiben. Deshalb sollten aber nur gleichtüchtige Gefährten zusammengehen, die beide den Schwierigkeiten die Spitze zu bieten vermögen. Doch^ wie ..-v*, v,,. ,,-:^^,, Wtthelm Paulçke.

selten iet dies Verhältnis zwischen Führer und Tourist zutreffend $ hö Gegenteil, da liegt es meist so, daß der Tourist, auf die erprobte Sicherheit und Gewandtheit des Führers bauend, oft mehr wagt, gedankenloser und leichtsinniger geht, als er es verantworten kann. Und es ist ein unverantwortlicher Leichtsinn, wenn der nicht ganz sichere Tourist vom exponiert stehenden Führer — bei vielen Touren ist ja gute Sicherung oft unmöglich— sich am Seil über schwierige Stellen heraufhelfen läßt, Stellen, an denen das Ausgleiten des einen den Sturz beider bedeutet. Auf im allgemeinen gefahrlosen Touren mag jeder einen Führer mitnehmen, solange « dieser wirklich als führender, den Weg zeigender dient. Sowie er jedoch als Transportmittel verwendet werden soll und zum schleppenden ziehenden Kuli erniedrigt wird, wobei seinXeben von der mehr oder minder großen UngescHicklichkeit des Touristen abhängt, wird dies ein frivoles'Spiel! Denn was für ein geringes Äquivalent bietet der Führerlohn dem Mann, der Leib und Leben einsetzt für das Heil seines Schutzbefohlenen ?! Bei schweren und gefährlichen Touren ist daher das führerlose Gehen meiner Ansicht nach, das Richtige, es ist zu befürworten, nicht zu verdammen, wobei unter Führerlosen allerdings nur solche Leute zu ver-v stehen sind, von denen jeder selbständig den sich bietenden Schwierigkeiten gewachsen ist, jeder sicher und zuverlässig in Fels und Eis voran zu gehen befähigt. Daß dazu viel Erfahrung, viel Übung und, neben sachgemäßer Ausrüstung, Energie, Ausdauer und Mut gehören, ist selbstverständlich 5 abçr nur der Führerlose kann die Anlagen zu diesen Eigenschaften erheblich steigern, sein Auge und Gedächtnis schärft sich für die geringfügigsten Kleinigkeiten, an denen der geführte Tourist achtlos vorübergeht; sein Körper wird geschmeidig und fähig, schwierige Stellen glatt zu überwinden, über die der Geführte achtlos sich ziehen läßt oder die er am strammen Seil gehalten} passiert. Jedenfalls sollte der Tourist ièim Gehen mit Führern, was wohl aus vielen Gründen von der Mehrzahl der ÀlpeRWàn derer beibehalten werden wird, es nie so weit kommen lassen, daß der Führer physisch und moralisch allein Herr der Lage ist und über ihm steht, daß des Führers Können immer utid immer wieder für das Vorwärtskommen ausschlaggebend ist, wenn sich bei jeder Schwierigkeit die Unfähigkeit seines Herrn geltend macht. Bèi der Besteigung wirklich sehwörer Berge steht der Naturgenuß in zweiter Linie; Hauptzweck ist die Freude, physische Hindernisse zu besiegen, die Lust am Wagen, das Bestreben, jedes Ängstlichkeitsgefühl zu besiegen, Mut und Energie %n stählen. Wer schwere Berge besteigt, eben weil es schwere Berge sind, und sich dabei ziehen, schieben oder sonstwie helfen läßt* bei dem fällt der Hauptzweck, der Grund, warum man solche Touren unternimmt, fort. Er hat kaum einen moralischen Nutzen davon; es hat ihn ( eine bestimmte Summe Geldes gekostet, wofür der oder die Führer das WrRisiko des Transportes zum Gipfel und wieder herunter auf sich nahmen. Wenn er dann aber nach vollendeter Besteigung, deren Durchführung er lediglich der Kraft und Tüchtigkeit seines Führers verdankt --, " wovon genug Beispiele zu nennen wären — prahlend dieselbe " ungefâhriich,,leicht, anregend nennt, so ist dies eine nicht scharf genug zu verdammende Frivolität, womit er vielleicht dem Neuling aus dem Flachland imponiert, womit er aber auch, zumal wenn er solche Äußerungen noch in Zeit'Schriften drucken läßt, eine unselige Saat aussäet, die nur zu leicht blutig aufgeht. Die Norm dessen, was schwer heißt, wird dadurch so heruntergedrückt, daß jeder Unberufene zu Touren veranlaßt wird, die von einem passiven Bergsteiger leicht genannt wurden, obgleich sie für den selbstständig gehenden des Schweren genug bieten. Nur was wir ohne jede Hülfe überwinden, können wir annähernd < richtig beurteilen, und dabei werden wir leichter Schwierigkeiten zu hoch anschlagen als zu gering. Wer seinen Gegner überschätzte, istt selten schlecht gefahren, wohl aber, wer ihn unterschätzte. Gedankenloses Drauflosgehen nun gar ist nirgends schlechter angebracht, als in den Bergen1 ).

Doch nun wieder zurück zur Eisrinne am Tinzenhorn, die indirekt schuld an dieser längeren Auseinandersetzung war; es wird Zeit, daß wir bald aus ihr heraus kommen. Wieder macht es Schwierigkeiten, vom Eis auf den Fels zu gelangen, aber es geht; bald stehen wir auf einem kleinen Felsbande unter senkrechten Wänden. Während der kurzen Atempause sehen wir uns nach der Möglichkeit weiterzukommen um; einfach Scheint es nicht zu werden. Wieder will die gewöhnliche Körperlänge nicht ausreichen, wieder bietet mir Herr Branger seine Schultern. Einige kleine Griffe und Tritte helfen mir etwa çinè Manneshöhe über ihn hinauf, dann aber geht es nicht weiter, der Fels hängt etwas über; vergeblich tastet die Hand nach oben, kein Halt, kein Griff ist zu fassen; ein etwas höherer Tritt hilft dem Körper wenig höher; wieder geht die Hand auf die Sucher wieder ohne Erfolg; wenn die Linke vergebens suchte, hat vielleicht die Rechte mehr Glück. Fest wird die linke Schulter gegen einen Felsvorspruög gedrückt, und während die rechte Hand nach oben tastet, findet die Linke in einen engen Riß eingeklemmt Halt. Der Versuch,durch geringes Heben der Fußspitzen für die Hand oben einen gutçn Griff zu erreichen, nützt auch nichts. Die Brust atmet schwer und àie hochgehaltenen Hände, die mit größter Anstrengung den Fels umklammern, beginnen ..* ) Anmerkung der Bed, Zu der oben stehenden flotten Expektoration möchte ich mir als alter Bergsteiger, der fast ausschließlich „ mit Führern " gegangen ist, doch die Bemerkung erlauben, daß der geehrte Clubgenosse die vorkommenden Falte der rekommandierten Kollis, die gegen eine Taxe hin- und herspediert werden, mit obligatem Einschreiben auf dem Gipfel und in der Clubhütte, etwas zu sehr verallgemeinert hat.

wieder zurück, ehe die letzte Kraft Strecke herab zu sicherem Stand erfordert " die größte ist noch ein senkrechter FelsabsatZj dann kommt die jäh in die Tiefe schießende Eisrinne. Langsam geht es abwärts, Herr ;&ran^gb*eist mir mit Worten die einzelnen Tritte, denn der KtfrfNBf wird teilweise so durch die Felswand abgedrückt, daß ich nicht sehen kann, wo ich hintréte; das ist hier reine „ Gefühlssache ". Sowie meinte tief genug unten sind, bietet Herr Oranger wieder seine aufopfern-? den Schultern,läßt sich etwas in die Knie, und aufatmend stehe ich nebfn ihm auf dem kleinen Bandé, Während ich mich nun etwas niedersetzte, Atem zu schöpfen unc| etwas auszuruhen, quert Herr Branger das Bändchen noch ein Stück weiter nach links, wo sich zwei Auswege zu bieten scheinen '; er probiert, gleich dbr erste Versuch gelingt, und bald höre ich ihn von oben herabrufen? daß es auch ganz gut weitergehe, so daß ich gleich nachfolgen kann; zuerst über das recht schwierige untere Stück, nach dessen Überwindung uns zwei Möglichkeiten offen stehen. Von dieser Stelle aus führt ein Band wieder hinüber auf die oberen Behneefelder, über diese zum Gipfte^ leicht und unbedenklich, wenn die Schneeverhältnisse gute sind » Am Tage unserer Besteigung wäre es bei der sieber drohenden Lawinengefahr wohl ein verhängnisvoller Gang geworden; möglich, daß wir glücklich hinübergekommen wären, voraussichtlich aber wäre alle bis hierher angewàhdte jfühe durch eine rasend schnelle Thalfahrt zu nichte gemacht worden. Wir zogen es deshalb vor, auf viler Felsrippe, die das Couloir links begirenzt, zu bfeiben.

Jedenfalls war die eben überwundene Kletterstelle der Schlüssel fcur Besteigung, denn nur in seltenen Fällen dürfte die Wand, die uas den Weg direkt hinauf versperrte und nach links hinüber drängte^ nicht vereist sein. Die Kletterei ging nun auf festem Gestein mit festen Griffen und Tritten gut von statten, ein breites Schneefeld trennte uns von dem zur Linken liegenden Scidiergrat, so daß wir immer die Mitte der Nord? seite innehielten. Ungefähr an der sogenannten schwersten Stelle dés alten Weges, der „ hohen Stufe ", erreichten wir den Gipfelgrat und standen kurz darauf .3 Uhr 20 Min. beim Steinmann, welcher mit siegesfrohem Hurrah begrüßt wurde.

Ein schwer errungener Erfolg in den Alpen freut doppelt, zumal wenn er ungewiß schien, wenn man ihn sich selbst und nicht der Kraft und Wegkunde eines Führers verdankt. Sechs Stunden hatte die-schwere Arbeit in Fels und Eis gewährt. Jetzt aber meldete sich der Magen, der die Zeit über vernachlässigt worden war; mit ihm muß man sich besonders in den Bergen gut zu stellen wissen, denn hat er einmal etwas übelgenommen, dann wehe seinem Besitzer! so wurde er denn w -.r

Doch alles, was man von einem Berge sehen kann, anziehend zu schildern, dürfte nur einer geübten und begabten Feder gelingen; und wer alles wissen möchte, dem rufe ich zu: „ Komm seibat hinauf, sieh selber !" Herrlich, unsagbar schön ist alles, und wer könnte durch Schilderung MV der Pracht gerecht werden? Jeder Versuch dazu ist nur wie ein Kinderstammeln, Yergliehen mit dem vollendeten Gesänge eines ergreifenden Liedes; doch wie dieses verklingt, so entschwindet auch uns beim Abstieg rasch ein Berg nach dem anderen, und wir müssen unsere Aufmerksamkeit dem Weg zuwenden, dessen oberster Teil wegen des Neuschnees Vorsicht heischt. Dann aber geht es auf dem uns beiden bekannten gewöhnlichen Wege leicht abwärts. Die Wolken hatten sich indes immer dichter zusammengezogen, und der Wind pfiff in den zerzackten Wänden des Scidiergrates seine bald schrille, bald brausende Melodie. Einzelne Tropfen begannen zu fallen, mit raschen Sprüngen ging 's Über die Geröll-halden} und bald betraten wir die Rasenhänge oberhalb der Hütte, die wir 7 Uhr 30 Minr erreichten, 2lk Stunden nach Aufbruch vom Gipfel, begrüßt und beglückwünscht von Ulrich Schmidt, der uns etwas entgegengekommen war, froh, seiner Besorgnis enthoben- zu sein. Er hatte sich schon Gedanken gemacht, der gute Kerl, und tiberlegt, was er thun wollte, wenn wir in der Dunkelheit noch nicht zurück wären. Wasser hatte er bereits aufs Feuer gesetzt, bald brodelte die Suppe, und während Nebel die Hütte umzog, während Sturm und Regenschauer sie umtobten, illumi-nierten wir mit Herrn Brangers bunten Papierlaternen und unseren Lichtern den gastlichen kleinen Raum in froher Stimmung nach der wohlgelungenen prächtigen Tour; und beim ersten Schluck Veltliner Weines hieß es: „ Vivat sequens! möge er mit gleichem Genuß die Nordwand begehen wie wir !"

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