Ueber den alten Marmorbruch von Grindelwald

Aus Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts wissen wir, dass in alten Zeiten im Grindelwald-Thal farbiger Marmor gebrochen und zu Kunstsachen verarbeitet wurde, obgleich im Thale selbst beinahe jede Spur von Erinnerung an Marmorausbeutung verloren gegangen ist. Der vorige Sommer hat mit seinem ausserordentlichen Abschmelzen der Gletscher die alte Sage wunderbar erfrischt und die Notizen der alten Schriftsteller Grüner, Altmann, Walser etc. auf 's Glänzendste bestätigt. Hören wir, was Joh. Georg Altmann in seinem „ Versuch einer historischen und physischen Beschreibung der helvetischen Eisberge. Zürich 175t. dritte Abhandlung, Seite 33 " darüber sagt:

„ Nahe bei dem Gletscher fanden wir eine schöne Marmorgrube, welche ( auf einem beigegebenen Kärtchen ) mit „ Lit. F. bezeichnet; es lagen auf der Stelle sehr viele Stücke „von dem schönsten gebrochenen Marmor, der allerhand „Farben sehen lässt, als: weiss, gelb, roth und grün; dieser „ wird hernach bei Winterszeit, da man solche mit dem „ Schlitten fortführen kann, nach Untersewen und von dar „ auf dem See und der Aar nach Bern geführt und allda „ verarbeitet. Dieser Marmor ist von solcher Zierlichkeit „ wegen der Verschiedenheit der vielen Farben, so darinnen „ gesehen werden, dass ich zweifle, ob ein Ort zu finden, an „ welchem ein Marmor von so vielen unterschiedlichen und „ so zierlich untereinander gemengten Farben zu sehen sei, „ daher auch die daraus gemachten Tischblätter und Kamin-„formen in fremde Länder versendet werden. Man beobachtet daran, dass etwelche Farben, als wie die grüne und „ rothe, harter als andere, welches der Verschiedenheit der „ Erdsäften, daraus er erwachsen und die Verschiedenheit der „ Farben empfangen, allein zuzuschreiben. "

Und eine Seite weiter:

„ Wir sollen auch nicht vergessen zu bemerken, dass, „ je mehr wir aufwärtsgestiegen, sich auch die Bergart, auf „ welcher sowohl der Gletscher, als das ganze obenher gelegene Eismeer ruhet, verändert; von unten liegt er auf „ einem Fundament, welches von dem schönsten und prächtigsten vielfarbigen Marmor ist, so man sehen kann, oben „ gegen der Fläche beobachtet man, dass der Marmor „ schwarz und mit weissen Adern durchzogen, und ein „ gleiches haben wir beobachtet bis an den Ort, da das „ ebene Eismeer seinen Anfang nimmt, so dass man sagen „ kann, dieses Eismeer sammt dem darunter schwebenden „ Wasser befinde sich in einem grossen Gefäss von Marmor, „ dessen Zierlichkeit die Menschen durch alle Macht und „ Kunst nicht ausdrucken oder nachahmen können. "

Gottlieb Sigmund Grüner sagt in seinem Werk: „ Die Eisgebirge des Schweizerlandes ". Bern bey Abraham Wagner, Sohn. 1760. Erster Theil, III. Abschnitt, Seite 88:

„ Dieser schöne grosse Eismantel bedeckt einen kostbaren schwarzen Marmorgrund, der, wie die unter demselben hervorgespülten Bruchstücke erweisen, meistens mit „den schönsten, würflichten und glänzenden Schwefelkiesen„ angefüllt ist. Auch ringsherum ist derselbe mit einem "Rand von Marmor eingefasst. Auf der Seite des Mettenbergs, hart an dem Gletscher, befindet sich eine der schönsten Marmorarten, die man je sehen kann, mit rothem, „ gelbem, hell und dunkelgrünem, blauem und schwarzem „Gewölke, der daselbst gebrochen, nach der Hauptstadt „ abgeführt und zu allerley Arbeit verwendt, wird."

Und etwas weiter:

„ Auf der Nordseite aber gegen den Eiger, „ oben bei der vorgemeldten Ebene, und unten bei dem Aus-kaufe des Gletschers, sieht man den schönsten schwarzen „ Marmor, mit weissen Adern durchflochten. "

Die späteren Schriftsteller wiederholen meist die Angaben von Altmann und Grüner, so G. Walser in seiner „ Kurzgefassten Schweizer Geographie sammt den Merkwürdigkeiten der Alpen und hohen Berge. Zürich 1770 ", wo er unter Marmor, bei der Aufzählung schweizerischer Mineralien, Seite 503 sagt: „ im Kanton Bern, auf der Seite „ des Mettenbergs, hart an dem Gletscher, befindet sich „ der schönste Marmor, den man finden kann, mit rothem, „ gelbem, hell und dunkelgrünem, blauem und schwarzem „ Gewölke. "

Ebenso führt Grüner in seiner „ Anzeige der Schweizerischen Mineralien " die von ihm mitgebrachten Handstücke von Grindelwaldner Marmor an: „ Grindelwald bei'm Gletscher: 1 ) Fleischfarbig grau genebelt. 2 ) Aschfarbig „ dunkelgrau genebelt. 3 ) Grauroth gesprenkelt. 4 ) Dunkel-„gelb mit lichtgelben Adern. 5 ) Grau mit dunkeln Streifen. „ 6 ) Rosenroth und gelb vielfarbig gesprenkelt. Endlich „ 7 ) vielfarbig gesprenkelten zwischen Wetterhorn und „ Schreckhorn und schwarzer Marmor mit weissen Streifen „ vom Gletscherberg am Eismeer in Grindelwald. "

J. Wyss in seiner „ Beschreibung des Berner Oberlandes " wiederholt diese Angaben, sagt aber nichts Näheres darüber, da zu seiner Zeit die schöne Marmorgrube schon lange in der Dämmernacht des Gletschers ruhte. Es ist anzunehmen, dass innerhalb der Jahre 1770—1779, wo das Vorrücken der Gletscher ein sehr bedeutendes war, die Verschüttung und Zudeckung dieser Grube stattgefunden Jiabe und das ziemlich plötzlich und rasch, da, wie wir sehen werden, man offenbar nicht einmal mehr Zeit hatte, die fertig behauenen Steine wegzuschaffen oder in Sicherheit zu bringen.

Ebensowenig finden« wir eine Erwähnung dieses Marmorvorkommens in König, Wyttenbach oder im Aufsatz von Kuhn in Höpfner's Magazin.

Noch kein Jahr ist der untere Grindelwald-Gletscher in diesem Jahrhundert so rasch und constant zurückgegangen als im vorigen Sommer 1865. Der Wirth an der Gletscherhütte, der zugleich die Grotten im Gletscher aushaut, hatte schon seine zweite Grotte gegen Mitte August's angefangen, da ihm die erste durch Abschmelzung unbrauchbar geworden war, als er eines Tages auf einem eben erst ausgeaber- ten Stück Moräne einen merkwürdig regelmässigen Block rosenrothen Steines erblickt. Bei näherer Untersuchung ist er im höchsten Grad erstaunt, zu sehen, dass der Block fleischrothen Marmors auf allen sechs Seiten ganz regelmässig und rechtwinklig behauen ist, und als man den Block gewaschen und hatte trocknen lassen, liess sich in den Vertiefungen der Spitzhammerschläge noch ganz deutlich in schwarzer Farbe geschrieben: L 150. lesen. Der Block wurde in Sicherheit gebracht und den Nachsommer über den Fremden gezeigt, welche übrigens an diesem merkwürdigen Stücke weit weniger Interesse hatten, als die Einheimischen.

Bei einem zweiten Besuch in Grindelwald vorigen Herbst, im November, erfuhr ich die Sache von Hrn. Pf. Gerwer und Hrn. R. Bohren, Wirth zum Adler. Ich begab mich sofort zum Gletscher - Wirth Schlunegger, der mir den räthselhaften Block zeigte, mit der Bemerkung, es seien noch mehrere zum Vorschein gekommen,, meist behauen, grösser, aber nicht so schön wie dieser.

Der erwähnte Block hat 2'Länge, 14 " Breite und etwa 7 " Dicke und ist vom reinsten fleischrothen Marmor, den ich noch in den Alpen gesehen habe; der Marmor ist dicht und sehr feinkörnig, von einigen, krystallinischen Kalkspathadern durchzogen, mit grauen und gelben Flecken. Die sechs Seiten des länglichen Parallelopipeds sind alle behauen und zwar mit tiefen spitzigen Löchern, was auf Spitzhammer-Arbeit, die Oberfläche ziemlich glatt geschliffen, was auf Rutschung und Gletscherpolitur deutet. Littera und Ziffer L. 150 sind deutlich zu lesen, obgleich die Farbe nur noch in den Löchern der Bearbeitung erkennbar ist. Es wäre wünschenswerth gewesen, dieses interessante Stück einem Museum oder einer bautechnischen Sammlung zu acquiriren, aber Schlunegger bildete sich ein, einen Gold-klumpen an diesem Curiosum gefunden zu haben, und verlangte einen unsinnigen Preis. Nun durchstöberten wir die Moräne in allen Richtungen und kamen bald zum grossen, von Schlunegger aufgefundenen Block. Dieses ist ein Prachtstück. Circa 3'lang, 2, 5 " hoch und eben so tief, ist er auch rechtwinklig gebrochen und zeigt auf den Flächen deutliche Spuren der Bearbeitung. An der unteren Ecke rechts ( in der Stellung wie er beim Auffinden lag ) zeigt er ein 4 " langes Stück Bohrloch, ein Zeichen, dass zu dieser Zeit das Sprengen mit Pulver schon gebräuchlich war. Die Oberfläche dieses grossen Blockes zeigt noch weit mehr Gletscherpolitur und Kantenabrundung, als der kleinere, so dass die Spitzhammerlöcher theilweise verschwunden sind. Der Marmor dieses Blockes ist sehr unregelmässig gefärbt: rosenroth, fleischroth, gelblich, grau und weiss wechseln mit einander ab; dicht, feinkörnig, krystallinisch-körnig, geht der Marmor stellenweise in einen grünlichen Thonstein über. Diese grünen Ausscheidungen sind etwas Charakteristisches für die Marmore der alpinen Zwischenbildungen, es scheint ein dichtes Gemenge von Chorit und Thonstein zu sein, der stark mit krystallinisch-körnigem Kalk gemengt ist.

Diesen grossen Block hatte Ende September Schlunegger innerhalb eines Nachmittags ausabern sehen. Jetzt lag er bereits ( nach l'/a Monaten ) gegen 40'vom anstehenden Eise entfernt. Unsere Nachforschungen nach anderen behauenen Marmorblöcken waren vom schönsten Erfolg gekrönt. Einer, der bei 3'lang, 2'breit und etwa I'dick ist, in Form einer Tafel, zeigt die eine Seite ganz bebauen und trägt eine tief eingegrabene Ziffer IIII in vier 3 Zoll langen und 1/2 Zoll tiefen Einschnitten. Ein anderer, kleinerer Block zeigt auch bloss eine behauene Seite, während die übrigen noch roh sind. Alle sind mehr oder weniger geschliffen, abgerundet und zeigen gekritzte Oberfläche. Der Umstand, dass mit Ausnahme dieser Blöcke, die alle, auch die kleinsten, eine gewisse quadratische Form zeigen, auf der Erdmoräne des unteren Gletschers sehr wenige Blöcke und Bruchstücke von farbigem Marmor vorkommen, beweist, dass der Bruch oder die Grube im anstehenden Fels betrieben wurde, von dem der Gletscher wenig Material loszureissen vermag. Der Umstand ferner, dass sämmtliche Blöcke auf der rechten Seite ( Mettenberg ) des Gletschers auf der Moräne lagen, spricht deutlich für eine noch vom Gletscher bedeckte, wahrscheinlich an dem den Mettenberg mit dem Eiger verbindenden Felsband gelegene Marmorgrube, die, wenn der Gletscher fortfährt, sich zurückzuziehen, in wenig Jahren an 's Tageslicht treten dürfte.

Es kann somit gar kein Zweifel obwalten, dass besagte Blöcke aus der Grube stammen, welche vor einem Jahrhundert Grüner und Altmann noch gesehen haben und aus offenbar in vielen älteren Häusern der Stadt Bern befindliche röthliehe, fleischrothe und gelbe Kaminplatten und Consolen herrühren.

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