Über die Romantik der Wegspur, den Weginstinkt und das Verirren

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Dr. Charles Widmer ( Sektion Pilatus ).

Illustration nach Aufnahmen von E. Giger ( Adelboden ), Dr. Ryhiner und dem Verfasser.

Dem Rätsel des Berggenusses nahe zu kommen, haben sich alle Fakultäten schon weidlich gemüht. Naturwissenschaftliche, hygienische, philosophische und theologische Definitionen sind gegossen und umgegossen worden. Der Dialektiker hat sein Gehirn angestrengt, der Poet sein Herz geöffnet. Umsonst! Wir können es doch alle nicht sagen, warum wir in die Berge gehen, was uns hinzieht, in Fels und Eis und Unwirtlichkeit, so mächtig und geheimnisvoll. Wir haben auch kein eigenes Organ, nicht Nerv noch besonderen Sinn und Antenne, um die Bergfreude zu fassen, zu nennen und heimzutun, und wir verstehen nicht, wie diese Freude, die uns auf einem schwindligen Eiskamm, in einem ungastlich feuchten Kamin oder in der Einsamkeit einiger in Nebel getauchter schwarzer Gipfelfelsen so unwiderstehlich überfällt, sich vor jeder anderen Freude in stolzes freies Hochgefühl münzt, das Währung behält, solange die Blutwelle vom Herzen rollt.

Trotzdem liegt gerade auch in dieser wundervollen Unsagbarkeit, die der Bergfreude eigen ist, eine klare Definition. Wenn auch nicht mit mathematischer Formel oder anderer kurz-materieller Scheidemünze, sagen wir damit doch recht genau, wo sie hingehört und wo sie herkommt.

Als Paul Bert, Alessandro Mosso, als die Zuntz, Löwy, Kronecker und hundert andere bergbegeisterte Naturforscher alle Barometer abgelesen, alle Blutkörperchen gezählt, alle Potentialgefälle ausgerechnet, als sie jeden Schweißtropfen, ja die Luft jedes Atemzuges des Bergsteigers analysiert hatten, da mußten sie für den ausschlaggebenden größten Einfluß der Bergeshöhe den Platz offen lassen, und es steht auch in ihren Büchern, daß er nicht mit materiellem Maße zu zeichnen sei. Es fällt uns auch auf, wie wenig von der Methodik, den Zahlen, ja dem förmlichen Rituell, das bei andern Sportsarten je länger je mehr einreißt, wie wenig von einem Sportsjargon, von applausbindenden Mätzchen usw. am Bergsport hängen geblieben ist. Und während überall sonst die Sportsfreude sorgfältigst und genau in Maß und Zahl kanalisiert wird und in Längenmetern, Sekundenteilen und Pferde- längen vibriert, stehen sich im Bergsport immer zwei Inkommensurable gegenüber: der Berg und der Mensch. Und es erleichtert das Eindringen in das Verhältnis zwischen beiden keineswegs, daß bei unserem Sport auch die Bedingungen, die Hindernisse und Schwierigkeiten, die anderswo meistens künstlich aufgestellt werden, zu keiner Zeit auch nicht annähernd eine Konstante bilden.

Ja, es fehlt auch das Sportsinstrument vollständig als materielle Verbindung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Impuls und Erfüllung. Seil, Pickel, Steigeisen, Kletterschuh sind in letztem Grunde nie mehr als moralische Hülfen, und wo sie mehr sein sollen, verliert die Sportsfreude gerade ihren schönsten Akkord.

Noch etwas scheidet in grundsätzlicher Art unsere Sportstätigkeit von jeder anderen. Während hier die Tendenz zur Vergesellschaftung, das Bedürfnis nach Schaustellung, nach „ meetings ", kurz, nach dem Publikum, immer mehr in den Vordergrund tritt, immer mehr zur eigentlichen Sportsbedingung wird, findet der passionierte Alpinist seine Freude entschieden am reinäten, am schönsten allein. Trotz unseres ausgebildeten Gesellschaftswesens werden heute die besten Touren allein oder zu zweien unternommen. Immer mehr sieht man, wie der Klubist die Unfreiheit der großen Gesellschaft vermeidet, wie sein Drang nach Unabhängigkeit und Unmittelbarkeit deutlicher, unwiderstehlicher wird. Man möchte es bizarr, ja verrückt nennen, wenn man sieht, wie ängstlich und steckköpfig unsere Klubisten jedem Zentrum, jedem Verkehrsmittel, jedem Hotel ausweichen, wie ihre Ausrüstung und Verproviantierung Vollkommenheiten aufweisen, die mehr für Nordpolfahrten als für Samstag-Montagtouren passen — wenn dieses Unabhängigkeitsbedürfnis und seine fast unbewußte Fürsorge nicht tief, tief in der menschlichen Natur verankert lägen.

Das Suchen nach bedingungsloser und auch unvermittelter, ganz aus dem Eigenen und Tiefsten fließender Herrschaft über die natürlichen und künstlichen äußern Schwierigkeiten finden wir nun zwar in jedem menschlichen Streben; so ehrlich aber und so abgedeckt wohl nirgends als beim Bergsport, was uns denn seit langem Veranlassung gegeben hat, diesem seelischen Grundzug hier mit Frage und Experiment zu nahen.

Denn dieser Drang reduziert sich, wir mögen ihm Stellung und Qualität wählen, wie wir wollen, unerbittlich auf die Nutzung des Raumes. Alle unsere Sinneswerkzeuge, unser letztes Körperorgan, alle Funktionen der Organismen sind auf Raumnutzung eingestellt, allein eingestellt, und selbst was unsere Empfindung als Zeit, als Folge und Dauer trifft, was unsere Triebe als Zugehörigkeits-, Eigentums-und Ordnungsbegriffe, als Logik und Kausalität begleiten, ist immer angepaßte Raum-beherrschung, und die reinste Erkenntnisfreude, der höchste geistige Genuß, ist zuletzt nichts anderes als „ vollkommenste Orientierung ".

Mit dieser Erkenntnis gewinnen wir schon ein wesentliches für unsere praktisch lebendige Frage. In dem Verhältnis: Innenleben-Außenwelt oder Berg-Mensch haben wir eine Brücke geschlagen. Wenn wir durch Steinwüsten und Eiswehren den Weg auf einen Gipfel gefunden haben, so hat irgend etwas in uns diese Orientierung getätigt.

Auf den Spuren dieses Sinnes wollen wir nun eine Reihe merkwürdiger Entdeckungen machen. Sie werden vielleicht manchem aufmerksamen Berggänger im einzelnen schon begegnet sein; es bedurfte aber ihrer Zusammenfassung und systematisch angelegter Serienbeobachtungen, um ohne Benutzung poetischer Lizenzen oder spekulativer Turnkünste auf solider und wissenschaftlicher Basis in unser Problem einzudringen.

Zu solchen Serienbeobachtungen und Versuchen boten die langen Mobilisations-dienste prächtiges, nie wiederkehrendes Material und Gelegenheit.

Über die Romantik der Wegspur, den Weginstinkt und das Verirren.

Wenn da irgendwo von der großen Straße ein stilles Weglein sich loslöst, um mit einigen sanften Bogen der Wildnis zuzueilen, oder wenn uns an einer Felsecke ein „ ich weiß nicht was " zuraunt, „ hier geht 's hinauf in die Plattenwand ", oder wenn am Bergschrund Fuß und Hand es spüren, lange bevor das Hirn es versteht: hier kommt man hinüber, mit solchem Sprung und mit keinem anderen, dann registrieren wir ein stilles Geschehen in unserem Innern. Daß solches Gefühl aber nicht nur beim berggewohnten Klubisten, sondern bei jedem ausbricht, ja bei jedem in gleicher Art und zur gleichen Zeit, weist uns auf eine unbekannte, wenn auch sehr wohl umschriebene organischeFunktion, deren feineren Details wir nachgehen wollen.

Wir sitzen also z.B. auf der Terrasse des Grimselhospizes, zufällig an drei Mittagen der selben Woche, und halten Siesta, d.h. ruhen von einigen Hochtouren aus, die hier unter sich und mit dem Alltag artikulieren. Wir machen psychologische Studien, denn wir haben gut gespeist, und auf prächtigen Gipfeln hat uns heute früh noch die ganze Welt angehört man hat die Wander-blasen an den Füßen vergessen und ist wundervoll „ objektiv " aufgelegt.

Autos, Fahrräder Posten, Fuhrwerke al- ler Pferdestärken hal- ten hier an. Sie bieten höchstens, was die Zugtiere angeht, ein psychologisches Interesse. In den Bergen fängt die Psyche erst mit den unteren Extremitäten an. WahrhaftigIn der Ebene vielleicht wohl ebenso! Denn in Schule, Kirche, Konzert, Versammlung haben wir die psychische Bilanz und den Überschuß an Willensimpuls zehntausendmal den zappligen, beugenden, streckenden, kreuzenden, niemals rastenden Füßen in verständlicher Sprache abgelesen, während im Kopfe scheinbar nichts vorging. Du siehst es auch keiner Stirne und keinem Auge an, was ihr Besitzer in den letzten Tagen und Wochen Vornehmliches erleben mußte, kaum daß er es selber noch weiß.

Die Beine aber und Füße, sie schreiben eine zuverlässige Geschichte. Aus einem Hühnerauge, aus einer Schwiele an der kleinen Zehe machen wir uns anheischig, jedem auf den Kopf zu sagen, nicht nur, ob er 's gewohnt ist, das historische Bürgerpflaster eines Aargauerstädtchens, den Genf er -Völkerbundsasphalt oder den für Schweizer reservierten Randstein der Bahnhofstraße in Zürich zu treten, sondern auch ohne Hexerei, ob er einen Spazierstock zu tragen pflegt oder eine Mappe unter dem linken Arm, ferner ob er ein Spätaufsteher ist und seinen Bureauweg eilig machen muß, ja sogar, ob er einen bescheidenen Begleiter zur Linken oder eine holde Gefährtin zur Hechten gewohnt ist bei sich zu haben, und viel Intimeres noch mehr.

Also geben wir uns nach diesem Propädeutikum nur mit den Fußgängern ab. Da kommt eben der Hüterbub über die Straße. Er bringt uns mit seinen drei Ziegen, zwei alten und einer jungen, das hochinteressanteste Seelenforschungsmaterial. Sie schnuppern an dem Lederzeug des unten wartenden Wallisereinspänners herum, untersuchen dann aufs peinlichste den Rucksack des Realperführers auf der Stiege, treiben noch einigen Schabernack auf dem Platz und ziehen dann auf einmal, wie mit einem plötzlichen Entschluß, aber ohne Hast, über den Hügel auf ihre Weide, der Bub ihnen nach.

Hier beginnt unser Aufmerken.

Ohne irgend eine äußere Nötigung, sicherlich auch ohne jedes Zutun des Geißbuben, stellt sich der Verein auf einmal zusammen und zieht über den Hügel ab. Drei Tage nacheinander genau die gleiche Reihenfolge: das Zicklein zwischen den beiden Alten; genau auf den Tritt dieselbe Route, über Rasen und Felsschliffe, der Bub immer gleich weit rückwärts und unten am Bergbord. Zufall?

Dann kommen Vereine und Touristenpartien bergwärts und talwärts, eine Schule vom Nägelisgrätli, die noch ins Tal hinunter will. Alle wohl mit einem viel festeren und solideren Ziel als der Geißhirt und die Seinen; dennoch frei, zu halten, w o sie wollen, zu schauen, was sie wollen, frei auch, wie mich jetzt dünkt und gelüstet, sich auf den Rasen zu legen und ins Blaue zu träumen, wann sie wollen?

Warum habe ich 's denn aber nicht getan, heute und gestern?

Warum weiß ich nun alles, was geschehen wird, wie und wo sich die Touristenpartien stauen werden, wo der vorderste Schüler anhalten und auf welche Seite er Platz machen wird für die anderen, wohin die Mädchen sich setzen werden und wohinaus der endlich mit dem Gros anrückende Lehrer seine Imbißinstruktion geben wird, wenn er auf dem Platze anhalten wird?

Und wenn ich leise und geschickt forsche, dann sehe ich, daß ich nicht allein diese Sehergabe mein nenne, sondern daß sie eigentlich jedem eigen ist, der jetzt jenem Treiben zusieht, obgleich, näher betrachtet, in all diesen Bewegungen nirgends weder Notwendigkeit noch Selbstverständlichkeit liegt.

Recht im Gegenteil! Sobald sich das Gehirn nur von ferne darein mischt, mit Verstehenwollen und Überlegen, so verflüchtigt sich dieses Ortsgefühl, diese selbsttätige stille Orientierung. Nicht das Hirn und der Verstand sagen es mir also, was dort geschehen muß, sondern meine Muskeln und Bänder wissen oder, besser, spüren es, und alles Fantasieren und Spintisieren gleitet hoffnungslos an diesem Gefühle ab. Es ist unbeeinflußbar, absolut objektiv.

So „ fühle " ich denn weiter, wie naturnotwendig sich eine weitere Gesellschaft zum Nägelisgratanstieg einstellt, automatisch die Reihenfolge ordnet, unbewußt auf genau dieselben Steine tritt, als gäbe es gar keine andern daneben, zwangsläufig einem Felsklotz ausweicht, als stände darauf „ Frisch gestrichen ", hartnäckig eine unmögliche Abkürzung versucht usw.

Ja, selbst den Einzelgänger, der jetzt rüstig und zielsicher die Straße herauf-schreitet, der weder Vorder- noch Nebenmann mit sich genommen hat, mit dem er durch Über die Romantik der Wegspur, den Weginstinkt und das Verirren.

Rücksicht oder Nachahmung oder Verantwortlichkeit verbunden wäre, auch ihn sehen wir auf kurzer Wegstrecke in seinem Gange allerlei sonderbare Methodik anwenden, die nicht ohne weiteres aus der Überlegung fließen kann. Hier sehen wir ihn ( und mit ihm nun innert Stundenfrist den siebenten Mann an gleicher Stelle ) unmotiviert die Straße kreuzen, dann sich umständlich und eifersüchtig den rechtenWegrand reser- vieren, dann sein Tempo verlangsamen, wo es anscheinend am wenigsten notwendig war, und wo die Straße schon fast eben gegen das Wirtshaus anläuft.

Indessen poltern zum soundsovielten Male von der Paßhöhe kommende Touristen die gleiche, wie es scheint, unvermeidliche Runse herunter, während die alte Abkürzung daneben so viel bequemer und weicher wäre. Doch haben wir selber sie gestern, von oben kommend, auch nicht benutzt. Und nun sehen wir endlich auch die schön gepflegte, prächtige Sehnenkürzung des unteren letzten Straßenbogens, die weder uns, noch hundert andere zu verlocken vermocht hat.

Wir wollen den zwingenden Schluß aus all diesen Beobachtungen aber erst summieren, wenn wir am Vorgebirge drüben, wo die Routen zu den beiden Aaregletschern von der Straße sich abgezweigt haben, etwas den dortigen Bergpilgern gefolgt sind, wenn sie über das Hügelwerk steigen.

Wie an tausend anderen Stellen in den Alpen, löst sich dort der Fußweg in viele Adern auf, die zwischen großen Blöcken, auf schwellendem Polsterrasen sich verzweigen, um dann weiter unten wieder vereint weiterzuziehen. Eines dieser Haupt-äderchen war letzten Sommer frisch abgerutscht und brach an einer Stelle plötzlich ab. Doch konnte im Aufstiege dem Weglein diesen Charakterfehler niemand anmerken. Dessenungeachtet haben 30 Passanten, denen ich sorgsam aufgepaßt habe, alle instinktiv das falsche Weglein vermieden, trotzdem es eigentlich von allen das sauberste und einladendste war.

Wenn wir also in dem Verhältnis, das den Wanderer an seinen Weg und sein Ziel bindet, zahlreiche Momente entdeckt haben, die nichts mit all dem zu tun haben, was dieser Wanderer von diesem Ziele und der Art, es zu erreichen, weiwenn diese Reaktionen zudem quasi ohne sein Wissen vor sich gehen, so haben wir es damit schon ausgesprochen, daß eben, wie so manche andere Kunst und Fertigkeit, die wir aus dem Nichts selbst gemacht zu haben meinen, auch das Finden des Weges in seinen mühseligen Anfängen weit zurückreicht in unsere Ahnenreihe hinauf.

Diese alte und solide Orientierung, die wir also mit uns bringen, ohne daß wir es wußten, haben uns unsere zwei-, vier- und vielleicht nochmehr-beinigen Vorfahren erworben, als sie durch die Jahrtausende hindurch im Kampfe ums Dasein auf dieser Erde ungleichem Gelände sich zurechtzufinden hatten.

Jene elementarsten, einfachsten Reaktionen, Anpassungen, die sich auf den nächsten Stein, ein Grasbord, eine Randlinie, den Horizont richten, jene minutiöse Vorsorge, die auf zehn Schritte voraus den Schwerpunkt verteilt, das Gleichgewicht herstellt, die Arbeitskraft auswirft, dämpft und zurückhält usw., sind aber auch für uns vollkommenste Geschöpfe die wesentliche Hauptsache unserer Wander- und Bergsportstechnik geblieben. Denn was die sog. höheren Sinne, Auge, Ohr, bei den Tieren namentlich der Geruch, zu dieser Orientierung beitragen, ist in Wahrheit nichts anderes als eine elegantere, plausiblere Formel, für eine Seite nur, der angestammten Urkenntnis, die uns die Außenbeschaffenheiten kundtat, ehe ein Auge oder ein Ohr funktionierten.

So bringen denn Auge und Ohr, Geruch und Tastsinn vor allem nur wertvolle Zeugnisse und Bestätigungen alter Kunde, die unser Spür- und Merksinn lange vorher schon verwertet hatte.

So wandern, steigen, klettern wir denn eigentlich willens- und bewußtseinslos, nicht anders als die Würmer, Schnecken und Käfer. Zum Tröste aller freien Willen, die hier etwa protestieren möchten, werden wir bald für Willen und eigentliches Bewußtsein, da sie für das wirkliche Fortkommen und die Einzelarbeit des Muskels nicht vonnöten sind, eine bessere Arbeit finden.

Vorerst müssen wir uns bescheiden und gestehen, daß die Meldungen der höheren Sinne und die Schlüsse des Bewußtseins auch nicht im entferntesten die Hauptbedingung der praktischen Geländeorientierung darstellen. Ihre Wissenschaft ist für die präzisen Bewegungen, für Griff und Tritt und Sprung und Schwung viel zu ungenau und zu summarisch; dann aber fehlt ihr namentlich auch jede positive Befehlskraft.

Eine gelesene Höhenquote, eine geschätzte Entfernung, eine empfangene Beschreibung werden sich niemals in einen Detailbefehl umwerten lassen, bedeuten für die Muskelzusammenziehungen, die Gelenkausschläge, die Schwerpunktsverlegung nichts; höchstens daß sie die ganze automatische Bewegung verzögern, hindern und anhalten können.

Und dies ist der springende Punkt der ganzen Frage.

Die Bewußtseinskomponente, das, was wir aus dem Eingesehenen und Erfahrenen selbst dazu tun, kann niemals fördern und helfen, sondern kann nur „ Halt " oder „ Achtung " rufen; es sei denn, daß sie dieses Fördern durch instinktive oder, genauer, intuitive Unterdrückung der Halt- und Warnerufe indirekt erzielt.

In dieser vermeintlichen Unfreiheit des lieben Ichs liegt nun aber gerade die erlösende Brücke, die aus den Niederungen der eigenen, persönlichen Unzulänglichkeiten hinüberleitet zu dem, was vor diesem Ich seinen Weg suchte und fand; zu den unendlich viel ausgedehnteren Errungenschaften der ganzen Ahnenreihe, die startbereit in unsere Organe niedergelegt wurden.

In Wirklichkeit liegt darin denn auch alles, was wir an Geschicklichkeit mit in die Berge nehmen, mit Zahl und Ziel und Zweck und Zuversicht. Wenn dann das Hirn durch seine Aufklärung erfahren hat: „ es ist noch so weit, es kommen grifflose Platten und ein steiles Schneefeld ", dann kann es aus dieser Kenntnis von sich aus nichts machen. Denn wie man diese Schwierigkeiten überwindet, ist Muskelgefühl und nicht Hirnwissenschaft. Es wird also Halt rufen, von vornherein, oder diesen Halteruf unterdrücken, indem es sich vertrauensvoll auf die Muskeln beruft. Denn sein Begreifen hält sich streng an die Materie.Versuchen wir es doch, nach einer noch so exakten Buchbeschreibung einen Berg zu besteigen! Es wird immer die große Hauptsache fehlen. Das, was aber alle Worte nicht mitteilen, können wir dann einfach und unverlierbar aus einem simplen Beinspreizen eines Vordermannes erlernen. Oder schauen wir den Führer, der vor uns „ Schritt " macht. Felsen, Firn, Eis, nichts ist ihm mehr Materie, alles wird Funktion, Entwicklung, Leben. Jeder Tritt: die Ungültigkeit von Trägheit und Schwere; jede Stufe: ein Sieg über Gewohnheit und hartes Gesetz; jede Platte: Schwung und Rhythmus, sie zu überwinden.

Wenn wir uns aber genau erinnern, sorgfältig beobachten, so entdecken wir, daß sichere Weganleitung und unfehlbare Methodik in weitgehendem Maße auch uns selbst innewohnt. Nach wenigen, schnell überwundenen Einwänden, die vom Verstande ausgehen, besitzen wir plötzlich die Einsicht, daß nicht wir gehen, sondern daß „ es " geht, daß etwas, was hinter dem Denken und Verstehen hervorkommt, nach und nach den Berg und seine Bosheiten durchschaut, seinen Stil errät und fühlt, was kommt.

Die Stützen für diese unwissenschaftliche Behauptung, die vielleicht auf gar .zu exponiertem Bande zu hangen scheint, sind nicht so schwer herbeizuschaffen. Einfache Füsiliere waren nämlich z.B. regelmäßig imstande, oft noch nach Stunden und Tagen, aus dem Klangbild und Rhythmus allein, die Stufenzahl der Treppen verflossener Kantonnemente in der bloßen Gefühlserinnerung genau zu zählen, auch wenn das Steigen dieser Treppen kein gewohnheitsmäßiges gewesen war. Ebenso konnten dabei Geländer und Gesimshöhen, Richtungswinkel für Türen und Fenster aufs genaueste reproduziert werden.

Das Bewußtsein hatte indessen nichts von all dem ins Gedächtnis deponiert. Wenn man es berührte, so erlosch sofort jene Fernprojektion, die ganz im unbewußten Orientierungssinn verblieben war.

Wir haben solche Experimente mit allen möglichen Fragestellungen zu Hunderten angestellt, die uns zu sagen erlauben: Während das Hirn von unserer jeweiligen Außenwelt kaum eine flüchtige und dürftige Skizze behält, bleibt im Bewegungsapparat ein genauer Plan mit einem unglaublichen Detailreichtum fest haften, und zwar um so fester und deutlicher, je nützlicher, art- und zweckentsprechender diese Orientierung ausfällt. In diesem Archiv finden wir aber in erster Linie nicht sowohl die „ res gesta ", das Vergangene und Erledigte, sondern das prophylaktische, das vorsorgliche Element. Da wurde schnell genau geprüft, wie man z.B. auf jenen Felsvorsprung, wie durch jenen Einschnitt kommen könne; da wurde gefragt, welche der Steilrunsen wohl die richtige sei, da ausgerechnet, was hinter jenem Kamm und jenseits des Firndaches zu erwarten wäre, da wurden alle Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten schon durchgenommen und eingeübt, „ still unter der Hand " und „ unter dem Bewußtsein ".

Wie prompt und zuverlässig diese Spürsinnsaktionen arbeiten und das brauchbare Terrain auslesen, haben wir 1909 und 1910 an wohl 100 Skifahrern auf den Wintersportgründen des Hahnenmooses in exakter Weise verfolgt. Trotz der para- Dr. Charles Widmer.

diesischen Sauberkeit jener wundervollen Schneegefilde verstecken jene Hänge einige tiefe Runsen, mehrere nicht eben bequeme Wasserläufe und sogar ganz perfide Steilabstürze. Seit „ Skigedenken"ist nun aber ein Unfall dort nicht pasB^ä([ Ji siert, mit der einen Ausnahme, deren Verfolg eben mhVeranlassung zu diesen SAG 54 Studien gegeben hat. Ein englischer Offizier fuhr dort eines Mittags über einen Felskopf hinaus und erlitt einen Oberschenkelbruch, nachdem wir tagelang miteinander vorher den Abfahrten gefolgt waren, die zwangsweise, nach unserer Ansicht, alle Hindernisse umgingen, und nachdem er also gerade alle dortigen Schwierigkeiten kannte. Diese Kenntnis allein ist ihm dann zum Verderben geworden, denn sie kam vom Gehirn. Die hundert anderen instinktiven Abfahrtsspuren mußten dieser Gedächtnishülfe entbehren, denn sie waren auf der anderen Talseite aufgestiegen; dafür zeichneten sie dann die Arbeit unseres Orientierungssinnes mit mathematischer Schärfe auf den Schnee. Wo immer in dieser Abfahrt das in den nächsten 50—80 m, das ist den nächsten Pulsschlägen, dem nächsten Atemzug, zu durchfahrende Geländestück sich hinter der Schneelinie verbirgt, wird auf der Spur eine mehr oder weniger ausgeprägte, immer deutliche Korrektur sichtbar. Diese somit ausgesucht überlegungsfreie Richtungsänderung ( denn was kommt, ist ja den Sinnen verborgen ) führt aber mit nicht fehlender Sicherheit immer nicht nur hindernis- und gefahrlos weiter, sondern auch ausgerechnet in der Weise, daß alle dynamischen Faktoren, Schnelligkeit, Gleichgewicht und Stellung des Fahrers usf. unverändert bleiben. In dieser dynamischen Konstanz liegt nun aber gerade der ganze Sport-genuß der Abfahrt begründet; die sie bedingende Fernkenntnis aber erklären wir zwangslos aus der Entwicklungsgeschichte. Bietet die Landschaft mit all ihren Farben und Formen und Fernen dem Naturkundigen auch nichts als eine prächtig geregelte Folge von sinnvollen Notwendigkeiten, in der nichts Unvorhergesehenes vorkommt, so dürfte auch dem Eigner und ersten Nutzer dieser Landschaft etwas von dieser natürlichen Vorsehung zugestanden werden, da doch seine Organe an jener Landschaft groß und geschickt geworden sind.

So löst sich denn in der lebendigen Wirklichkeit, im herrlichen Nahkampf mit den Außenschwierigkeiten all das Mystische und Ahnungsvolle in tiefstem eigenstem Erlebnis auf, und was wir so leben und erfahren, ist weniger die fremde Außenwelt als der warme Pulsschlag, das Straffen und Recken unseres eigenen Innern, das nach uralter Methode jene Hindernisse und Hinterhalte kennt, durchschaut, vorausahnt und besiegt. Deswegen ist unser Blick gerade bei den schönsten Touren, bei den herrlichsten-Stellen ganz nach innen gerichtet und genießt ganz das „ Unbewußte ", während sie.

Über die Romantik der Wegspur, den Weginstinkt und das Verirren.

jede Namen- und Zahlenwissenschaft dann als Störung empfindet. Deswegen geht also der Alpinist nicht wegen der schönen Steine und seltenen Pflanzen und auch nicht wegen der Aussicht in die Berge, sondern um mit angestammtem Recht die Hand auf alten Raumbesitz zu legen.

Deswegen geht es auch meist so still zu in den Felsen und auf den Graten, deswegen versteht man sich dort besser als anderswo wortlos. Man genießt ganz die zuverlässige innere Führung und vertraut ihr, man weiß nicht warum.

Dieser Weginstinkt, der auf uralter Ahnenarbeit aufbaut, den jeder bei sich hat und der immer Recht behält, würde unumschränkte Wirksamkeit besitzen, wenn nicht die Bewußtseinseinsprache wäre, die dem zielsicheren Impuls in den Weg tritt. Diese schon gestreifte, auf den ersten Blick paradoxe Tatsache entmündigt uns nun keineswegs.

Wenn aus der Anschauung und, wie wir vermeinen, genauen Kenntnis von Terrain und Gelände, von Weg und Steg im Gehirn bloß Abwehr-, Halte- und Warnungs-reaktionen erfolgen, wenn wir mit unserem bloßen Eigenwillen nichts unternehmen können, wenn die Wahl unserer Route von tausend längstgegebenen Bedingungen abhängig ist, so liegt dies eben in den Gesetzen unserer Entwicklungsgeschichte; denn sonst könnte es gerade so gut einmal dem Apfelbaum einfallen, nun Zwetschgen tragen zu wollen. Der rechte Bergsteiger ist vielleicht nun am besten im Falle, ohne weises Spintisieren und gelehrte Düftelei dieses Dilemma des Selbstbewußtseins flott zu erledigen. Sein Sport setzt ihn den gewaltigsten, andauerndsten und un-vorhergesehensten Anstrengungen aus. Er kämpft also in der Entwicklungsgeschichte, in jenem immer aktuellen Kampfe um den Raum und die Herrschaft dieser Erde, mit dem Aviatiker, dem Polforscher in vorderster Linie. Er weiß es darum auch am besten, daß dieser Kampf, diese tausend Anstrengungen nach tausend Seiten nichts anderes sind als eine beständige Unterdrückung der Einwände, die von außen ins Bewußtsein hereinfließen. Hier warnt ein schlüpfriges Glatteis, dort ruft eine grifflose Platte Halt; es schreckt die Erkenntnis der Steilheit, der Weite; es kommen die Vorhalte des Hungers, der Müdigkeit, der Verlassenheit. Diese alle, sie wollen, und zwar direkt uns aufhalten, umkehren, wieder heimführen. Der Wille aber, so wie wir ihn verstehen, unterdrückt dieses Wollen, er will gerade nicht. Das Ziel aber, den Gipfel, die Arbeitsvollendung, wir können sie in des Wortes strengem Sinne nicht wollen, höchstens verstehen. Denn dieses Wollen, das die Ausführung im ein, „ zelnen leiten wird, fließtPhot K GigeTt Adeiboden.

Dr. Charles Widmer.

hinter dem Willen hervor, und des Willens Werkzeug ist gerichtet und aufgezogen, lange bevor sie in unseren „ Sinn fallen ".

Diese Unterscheidung ist aber keine Wortklauberei, sondern ein Scheideweg von fundamental praktischer Bedeutung.

Wir haben sie erproben sehen, wohl hundertmal, während den langen Mobili-sationen, diese fingierten Kundschaftertouren und auf dem Papier ausgeheckten „ Gehirnpatrouillen " irgendwo h in. Sie haben eigentlich immer übel geendet. Öfters leider auch mit Verlusten an Menschenleben. Man versuche doch selbst einmal, „ irgendwohin " zu gehen, wahllos, ohne innere Nötigung, vielleicht der Kaprice eines Dritten folgend: Die Schuhnestel werden brechen, die Steine dir in den Weg rollen, alle Hunde werden dich anbellen, und das Wetter wird umschlagen, alle Ärgernisse werden sich vor dir häufen, und du wirst zornig und geschlagen wieder umkehren.

Man hat gesagt, eine äußere Nötigung, ein Befehl, eine Autorität, ein Pa-trouillenchef vermöchten auch der Schwierigkeiten Herr zu werden, und uns wahl-und zwecklos irgendbeliebig zu führen. In der Anekdote macht sich dies recht glaubwürdig. In Wirklichkeit aber mußten wir doch stets zu eben dem Rezept de& Bergsteigers greifen, mit dem er auch seinen „ zwecklosen " Zweck glücklich erreicht. Wir mußten die innere Nötigung, die dem Hirn und dem Bewußtsein fehlte, in den Muskeln, Bändern, Knochen und Gelenken finden; wir mußten uns des Bedürfnisses erinnern, das dort tief innen besteht, nach Rhythmus und Ordnung, wir mußten das „ Tausenderlei " der Einfälle und Einwände ersetzen durch das Einerlei der Geduld und des blinden Vertrauens, wir mußten wissen von einer heimlichen und unwiderstehlichen Sehnsucht nach Kamm und Grat und luftiger Höhe, nach ungewohnten Horizonten und neuen Schwerpunktsgefühlen. Was sich dann aber einstellte, automatisch, an Sicherheit und Geschicklichkeit, an Wegkundigkeit und Routine, unmerklich und unmotiviert, das ist offensichtliche Absicht und Notwendigkeit, wird Gesetz und Regel. Hier liest die Natur den Tüchtigen, den Tapferen, den Ausdauernden aus, während sie den Bequemen, den Furchtsamen, den Minderwertigen mit Warnruf und Halt nach Hause weist.

Dieser Kampf zwischen dem Verstehen des Intellekts und dem „ Glauben " der überkommenen Erfahrung haben wir nun in der Hand, in objektiver wis-senschaftlicherWeise zu studieren in unserer Fußspur, in der Zeichnung derPfadfährten und Saumwege, in den Windungen u.Wechselfällen namentlich unserer alten Straßen und Bergpässe. Hier spielt der Weginstinkt, die Tätigkeit des Unterbewußtseins, Natürliche Fuß- und Skispur-Kreuzungen mit Rechtswendigkeii.die gewichtigste Rolle.

Über die Romantik der Wegspur, den Weginstinkt und das Verirren.

Ein intensives Bestreben,schnell,umjeden Preis, auch um den der Wegverlängerung, die Höhe zu gewinnen, das Bedürfnis, einmal gewonnenen Horizont nicht mehr preiszugeben, vom Zurückliegenden nicht mehr gestört zu werden, sind durchgehend, wie auch die Neigung, schon vom ersten Anfang an sich dem Endziele zuzukehren. Eine Vorliebe für strenge Süd-Nord-Orientierung, auch wo die Verbindung dies durchaus nicht erfordert, ist auffällig, wie überhaupt eine fast wilde Unabhängigkeit vom theoretischen Wegverlauf, nach Kürze und Bequemlichkeit, deren „ Logik " aber dann immer nachher prächtig zutage tritt. Dann sind eine Reihe von Reaktionen zu regelmäßig und zu augenfällig, als daß wir sie übersehen könnten. Die Bevorzugung aller rechtsseitigen Aufstiege, im großen und kleinen, sei 's an Hügel, Berglehne, Moräne, Couloir ( 90 °/o unserer alten Bergübergänge folgen der Regel — Furka, Grimsel, Gotthard, Splügen, Brenner, mit Wechsel der Seite auf der Paßhöhe, sind Prototypen ), erklärt sich vielleicht unschwierig aus unserer körperlichen Asymmetrie, wie denn das rechte Bein noch viel durchgehender, als die rechte Hand Arbeits-, d. i. Standseite, ist, und auch der militärfernste Massaineger links antritt und links springt. Weniger leicht erklärlich als diese Rechtswendigkeit, die auch tief in unsere Ahnengeschichte zurückweist und an das Schneckenhaus oder die Bohnenranke erinnert, erscheint die Beharrlichkeit, ja eigentliche Zwangsläufigkeit unserer, natürlichen Pfade durch die Jahre und Jahrhunderte hindurch. Schnee-begraben, schuttüberhäuft, bergsturzbedeckt wird sich der Pfad in genau derselben Weise hartnäckig wiederbilden, auch gerade dort, wo breiteste Auswahl, hundert-fältige Verbesserungsmöglichkeit vorliegt. Eklatante Beispiele dieser Art boten sich uns in jüngsten Jahren an der Pörtlilücke, auf dem oberen Wyttenwassergletscher, am Kröntenaufstieg und Segnespaß, wo die Theorie ganz erkleckliche Korrekturen erzielt, der „ Pfad " aber sich von seiner Geschichte nicht emanzipieren kann.

Sehr bemerkenswert ist ferner die konstante Eigenschaft unserer Bergpfade, sich lange vor der nützlichen Zeit in die Bergflanke zu wenden, und viel zu lange dann auch in dieser Höhe zu verbleiben, was später meist brüskes Niedersteigen nötig macht und dem Theoretiker Anlaß zum Falschlaufen gibt. Die Oberaarroute, der Übergang Gemmi-Engstligen, die Sefinenfurgge und viele andere bieten solche unerklärliche Launen.

Diese beschriebenen Pfadeigentümlichkeiten fußen alle tief im Unbewußten. Sie sind vom Verstehen und Denken unabhängig und dienen ganz den Orientierungs-bedürfnissen jenes alten Ursinnes, der in keinem Organe sich abgesondert hat, sondern ungeteilt und unspezifisch allem Lebendigen angehört.

In unseren Bergpfaden ist nun die Zeichnung des Unbewußten meistens in jungfräulicher Reinheit erhalten, wie denn das Hochgebirge überhaupt auch in manch anderer Hinsicht die Stätte bildet, wo Ursprüngliches und Primitives noch geschaut werden kann.

Öfters aber erfahren die Pfade noch die Korrektur des menschlichen Geistes; sie werden von menschlichem Sorgen und Wähnen, von Bewußtsein und Willen beeinflußt. Da suchen sie sorglich die Ströme und Wasser zu meiden; so führten unsere alten Straßen die kriegerischen Eidgenossen fast brückenlos aus der Innerschweiz nach Oberitalien, von Chur bis Sitten usw. Aber auch an ganz kleinen Wässerlein, die wir heute, wenn 's sein muß, mit Sprung und „ Schuhvoll " riskieren, machte die Wasserscheu die größten Respektsbogen. Anderwärts macht man große Zacken um unliebsame Herren herum, oder man geht den Wäldern nach und den Baumgärten, meistens offenes Gelände ängstlich vermeidend. Deutlich und unmißverständlich aber behauptet sich auch in diesen gemischten Pfaden, wo die bewußte Sorge mitspricht, stets die alte unbewußte Leitung. Man sieht so unsere Vorfahren den versteckten Tal- und Waldweg zugunsten des „ sichtigen " Kamm-und Höheweges wieder verlassen. Viele Gegenden ( Napfgegend, Arniweg, Guggisberg etc. ) haben so schon jahrhundertealte Höhenpfade zur Verbindung erkoren, bei anderen ( Jurakämme, Albiskette, Lägern ) mag sich sogar, wie alte Chroniken verstehen lassen, eine richtige Kammfreude daran beteiligt haben, die die unbewußte Führung, gleich uns, in vollen Zügen genoß.

Hört der Einfluß des Unbewußten auch bei den Straßenbauten nicht ganz auf, die mehr mit Sprengkapsel und Theodolit als mit dem natürlichen Orientierungssinn trassiert wurden, so können wir vollends an jeder unserer Touren, an jeder Schülerreise, an jedem Vereinsbummel dartun, daß das „ genus Mensch " den Bahnen seiner frühesten Vorfahren nicht entwachsen ist. Fast immer wird es so gehen, daß nach kurzem Allotria, das schnell verschwindet, bald, je offener die Touristenseele, desto prompter, das stille Innenleben einsetzt, das die freie Hirnarbeit ablöst und jene Reaktionen zeitigt, die wir eben beschrieben haben.

Nein! Der Mensch kann wirklich nicht gehen, wo er will; er geht immer, wo er muß. Da hat uns der erprobteste und selbstsicherste Ftthrer-rechts eines ausgedrillten Elitebataillons auf dem Bellenzer Exerzierplatz die prächtigsten Experimente für den Satz geliefert. Er sollte, wie schon vielzuviele Male, das Bataillon zum Defilieren führen. Der hohe Kamin in Ravecchia gab wunderbar die Richtung an. Und in einer ganzen Woche hat er 's nicht zustande gebracht, 300 Schritte gegen diesen Kamin gerade anzulaufen.

Da half alles Korrigieren und Dreinschimpfen nichts. Es blieb immer ein sanfter Bogen nach links hinaus, schon von den ersten 20 Schritten ab. Dann kam eine unwiderstehliche Schrittverkürzung, man fiel regelmäßig aus dem Schritt, und im Bestreben, die Richtung herzustellen, drängte das Ganze wieder zuviel nach rechts. Es half auch nichts, daß „ man " dann auf Schritt und Tritt nachwies: daß die Abschwenkung nach links von den finsteren Schlag- Über die Romantik der Wegspur, den Weginstinkt und das Verirren.

schatten herkam, die den ganzen Tag an den Carassohängen lagen, daß die Tempoverlangsamung und die kurzen Schritte vom Rauschen des Tessinflusses verursacht waren und die Überkorrektur nach rechts mit einer großen Mauer zusammenhing, die man sich anschickte, unbewußt zu umgehen, die Hindernisse blieben unüber-w i n d l i c h. Erst, nachdem man mit einem unerhört schnellen Geschwindmarsch den Sinnen den Kamin und allen Bewußtseinsinhalt ausgeblasen hatte, wurde endlich etwas wie ein Gradausmarsch, aber schön war anders.

Als Gegenstück zu diesem Führer-rechts, der vergeblich gegen seine instinktive Führung ankämpfte, haben wir auf den pfadlosen Tessiner Alpen, wo üppigste Vegetation meistens jede Andeutung einer Wegrichtung ausläßt, mit unseren Soldaten Gelegenheit gehabt, natürliche Pfadspuren zu zeichnen, die gänzlich frei von jedweder Beeinflussung blieben. Wir reproduzieren hier einige dieser typischen Pfadstrecken, deren Konturen immer eine elegante Selbstverständlichkeit auszeichnet, während theoretisch entworfene Wege niemals diesen feinen ästhetischen Genuß vermitteln und eben auch bloß in Theorie, d. i. auf dem Plane, „ verstanden " werden. Die Natur führt uns also, da wir nun einmal nicht gehen können, wo wir wollen, nicht nur ganz von selbst den sichersten, sondern auch den schönsten und genußreich- sten Weg.

Damit haben wir auch die rich- tige Formel für das Verirren in den Händen. Sich verirren heißt stets, der natürlichen intuitiven Orientierung nicht gehorchen; heißt immer, dem natürlichen Fühlen das motivierte Besser wissen an bestimmter Stelle entgegensetzen. Lange bevor wir daran denken, stehen wir, durch die Entwicklungsgeschichte, zu unserem Berg, zu unserem touristischen Ziele in einem festen Verhältnis. Wir folgen einer inneren Nötigung und erreichen gewöhnlich ganz unbewußt das Ziel.

Wie das Straßenpflaster einer rechten Stadt, weist nun auch unser Organismus, d. i. die Seele samt dem Körper, oder wie wir es nennen wollen, stets mindestens irgendwo eine Stelle, wo er in Entwicklung und Verbesserung begriffen ist. Hier ist immer, wie beim Straßendamm, etwas abgedeckt und offen, und wir sehen die geheimnisvollen Schächte, Röhren und Kabel, an die wir vorhin nicht dachten. Hier nun erfährt jene unbewußte Führung, jene Automatie einen Unterbruch. Durch etwas Sinnfälliges werden wir aufgehalten, verwarnt, zurückgewiesen; hier mißt sich der Impuls mit der Erkenntnis, die bewußte Erfahrung mit der unbewußten. Hier ist die interessante Stelle unserer Entwicklungsleiter, wo wir entweder mit plausibelm Einwände umkehren oder aber ohne plausibeln Grund weitergehen und merken, daß es doch geht, von selbst geht.

Wo man sich also verirrt oder den Weg nicht gefunden hat, da hat immer dieser Kampf zwischen wohlmotivierter Erkenntnis und nicht motivierbarem Gefühl stattgefunden, und ist es immer auffallend leicht, an Ort und Stelle wenigstens die äußeren Einflüsse zu finden, die Anlaß oder Vorwand gegeben haben, die unbewußte Führung zu korrigieren. Man weiß gewöhnlich, warum und wo man sich verirrt hat, während man nie weiß, warum man recht gegangen ist.

Vom Verirren ist selbstredend die absolute Unzulänglichkeit auszuscheiden, wie sie elementare Gewalt veranlassen mag. Es möge aber doch auch hier betont werden, wie merkwürdig selten diese Intervention der Naturmächte bei den alpinen Mißgeschicken mitzählt. Auch das sogenannte planlose Herumirren zählen wir nicht, oder vielmehr beweist es vielleicht am besten unsere These durch Kurzschluß. Denn der so Verirrte wird dann nicht in unzugänglichen Felsen, sondern kurz und schmerzlos dort stranden, wohin ihn sein unbewußtes Senkblei zieht, wie der verirrte Gaul meistens nicht weit von einer soliden Stalltüre.

Dann haben wir uns alle aber schon in Tat und Wahrheit verirrt, sind an Orte hingelangt, wohin uns keine Absicht zog, oder haben Orte verfehlt, wohin wir sicher vermeinten hinzugelangen.

Da hat nun aber die neuere Psychologie unverbrüchliche Methoden aufgestellt, die zu sagen erlauben: Dies gibt 's gar nicht! Dann hatten wir eben zuunterst doch nur die ausgeführte Absicht in uns, und das andere, nun das war dann... der freie Wille!

Der „ Berg " ist da ein unerreichter Seelendeuter vor allen anderen und meldet rasch alle unsere kleinen Faulheiten und Feigheiten.

Unsere hierhergehörige Kasuistik ist reich und pikant. Hier nur ein Schulbeispiel daraus: Da sahen wir vor einigen Jahren an einem späten Abend zwei brave Füsiliere zu Tode erschöpft, mit blutenden Händen und zerrissenen Kleidern, an einem ganz unmöglichen Orte auf die Straße der hinteren Val Morobbia treten. Sie hatten am Morgen einen Patrouillenauftrag auf den Jorio erhalten, woher sie um Mittag zurück sein sollten, und hatten sich verirrt. Zuerst etwas geflissentlich, denn sie wollten die zwecklose Mühe in einer sehr nahen und sehr kühlen ( es war im Juni ) Kantine besser anlegen. Dann ist aber der Bogen nach rechts etwas zu weit geraten und das Verirren ging nun ganz von selber nach dem Parallelogramm der Kräfte. Dabei kam das Pflichtbewußtsein instinktiv viel mehr zur Wirkung, als der böse Wille es eigentlich haben wollte, denn die Schläulinge nahmen den Camoghè und die wilde Morobbiaschlucht mit in ihre „ Abkürzung ", wie sich 's später heraus-stellte.Wenn aber unsere Bergabsicht tief in einem artgeschichtlichen Verhältnis wurzelt, so wundert es uns auch nicht, daß der Weginstinkt durch Bewußtseins- und Willenseinwurf nicht so leicht sich aus dem Sattel heben läßt.

Geschieht es doch, so sehen wir wieder die beschriebenen Reaktionen und ihre Gegenbestrebungen in der Eeihenfolge ihrer Wertigkeit vor sich gehen, wpbei aber die Beimischung des Bewußtseins, das- die subtile Anpassung nie geübt hat, die natürlichen Korrekturen übertreibt und forciert.

r-.;-.., Über die Romantik der Wegspur, den Weginstinkt und das Verirren.

Wieder steigt man so viel zu früh empor, zu lange nicht hinunter, man klebt an Rand und Bord, an Sims und Band und Gras und Baum, man füllt das Jen-seitige und das Verdeckte mit Wahn und Trugschluß, aber im Gegensatz zum natürlichen Weg, der aus alter Übung sich grundlos, man weiß nicht warum, zurechtfand, hat das Verirren im Hirne seinen Fehler sauber motiviert. Wir können also definieren: das Verirren ist ein Raisonnieren der höheren Sinne gegenüber dem solideren aber unbeweislichen, angestammten Ortsgefühl.

Deshalb sehen wir so auffallend wenig Alleingänger falsch gehen und dafür so viele Paare und Pärchen, deshalb steht am Beginne so manchen Irrweges eine weise Überlegung, eine schöne Markierung oder gar ein treuer Wegweiser.

Hier ist der Ort, auch von der Karte etwas zu sagen, die uns ja das Verirren unmöglich machen sollte.

Das Kartenlesen setzt aber gerade so viel an Orientierung voraus, als eben zusammengezählt wir oben unbewußte Entwicklungserfahrung nannten, und keine auch noch so vorzügliche Karte wird uns je ohne diese vorgängige natürliche Orientierung irgendeine Auskunft geben können, zumal in unseren Bergen nicht. Die Orientierung fragt in unserem Organismus niemals nach der Kartenformel oder irgendeiner auf dem Papier notierbaren Auskunft; kurz es ist eben wieder nicht das Gehirn, sondern ein dynamisches Muskelgefühl, das den Weg sucht und findet.

Aber wir entwerten durch diese Einsicht unsere schönen Karten ja keineswegs, im Gegenteil! Wenn sie uns auch im Terrain immer nur Bestätigungen und Kreuz-beweise des schon Festgestellten schenken, so sind diese Bestätigungen dafür um so wichtiger, je genauer sie sind.

Ohne diese primären und primitiven Feststellungen des namenlosen Ortssinnes haben wir einmal, nach der Formel unseres kartenbewaffneten Rechthabens, von Indemini kommend, statt des gewollten Tamaro, die Gradicioli besteigen helfen müssen. P. 1815 wurde dann für die anderen zum Motto rotondo, der Monte Ferraro zum Monte Canusio, die Fontaneila zur Caselloschlucht usf., es stimmte alles aufs Tüpflein bis nach Mugena hinunter, wo wir dann endlich, wenn auch nicht de jure, so doch de facto triumphierten! Und haben nicht vor Jahren noch viel bedeutendere Klubisten sich blutig gestritten, ob sie auf dem Piz Blas oder dem Rondadura gewesen seien.

Während so die Karte das Instrument des Bewußtseins ist, möchten wir den Bergführer das Werkzeug des Unbewußten nennen. Seine Methodik ist ganz auf den natürlichen Spürsinn gestellt, und man macht deshalb einen wichtigen Fehler, seine Gewandtheit aus Übung und Gewohnheit zu erklären. Haben sich denn nicht unsere Führer auch im Himalaya und in den Anden bewährt? Frage ich aber meinen Führer am Balmhorn, das wievielte Couloir man nehmen muß, oder am Fieschergletscher, in welcher Quote er die Spalten queren will, so würde ich ihn verwirren, und er wüßte keinen Bescheid. Und das ist eben seine Stärke, sonst wäre der Bergsport Akrobatik.

Trotzdem aber nun unsere natürlichen wie die Verirrungspfade zum größten Teil dem Unbestimmten der niederen Sinne entspringen, können wir sie mit aller wunschbaren Genauigkeit zeichnen und messen, gleich jeder mathematischen Kurve, und zwar in den Fußspuren über Firn- und Winterschnee.

Senden wir also einen Füsilier mit Auftrag und Richtungsangabe über ein pfadloses Schneefeld, so werden wir seine Fußspur, auch wenn möglich, ja wünschenswert, niemals, auch nicht einmal ungefähr, die Gerade einschlagen sehen. Dagegen sehen wir, wie der Bewegungsapparat hirnlos sich von vornherein auf das Ziel einstellt, Talschwenkungen, Höhendifferenzen früh einleitet. Ferner wird er alle Störungen, Fährnisse, Unsicherheiten vorzeitig weit umgehen und meiden; er wird alle Randkenntnisse und Horizontbereicherungen auskosten; er wird seinen Schritt verkürzen und sein Tempo verlangsamen, wenn er in einen Schatten tritt oder in die Hörsphäre eines tosenden Wassers. Ebenso ganz unbewußt wird dann ein Bedürfnis nach rechtsseitiger Anlehnung deutlich.

In dieser, meist einen sanften Bogen nach rechts beschreibenden Kurvenspur sehen wir dann weiter eine Reihe von Unebenheiten, kleinen und großen Winkeln. Sie zeichnen mit mathematischer Exaktheit die Konflikte der beiden feindlichen „ Seelen " in der Menachenbrust und weisen die Stellen, wo die Vorhalte des Bewußtseins, Entfernung, Müdigkeit, Hunger, Einsamkeit, mußten unterdrückt und abgeworfen werden. Die Kontrolltätigkeit der höheren Sinne, namentlich dès Auges, die man hier deutlich zu werden erwartet hatte, wird kaum irgendwo kenntlich. Sie ist wohl da, nicht doch um Richtung und Zielpunkt zu weisen, sondern wieder mehr als geometrischer Beweis. Mit ihrem Auftreten, sobald also der bestimmte Kirchturm oder die erwartete Klubhütte deutlich wird, ändert die Spur nun nicht SAC54 etwa die Richtung, sondern es wird im Gegenteil regelmäßig jede Überlegungs-korrektur beiseite geschoben, und die alte Spürsinnlinie wird, bestätigt und befestigt, desto sicherer fortgesetzt, wobei das Tempo vielleicht beschleunigt wird, Rhythmus und Schrittlänge aber, nur geschlossener, die genau gleichen bleiben. So können wir der natürlichen Spur auf 2000-3000 m weit folgen, ohne daß die unbewußte Leitung in Wichtigem gestört würde. Ist über diese Entfernung hinaus, die bei unseren Soldaten wenig variierte, anderswo aber gewöhnlich kaum 1 km beträgt, das Endziel nahe, so werden alle Wegleitungen im Endspurt untergehen, den nun wieder das Unbewußte allein anbefiehlt. Unbewußt und unwillkürlich zeichnet nun die Wegspur zum ersten Male die Gerade und nimmt in dieser bekanntermaßen auch die ungewohntesten Hindernisse.

Da diese Schlußetappe aber nun wohl immer sehr viel später einsetzen kann, so sehen wir auch lange vorher bei den uns interessierenden Touren mit zunehmender Entfernung sehr bezeichnende Wegäußerungen. Der hundertfältig gehäufte Bewußtseinseinwand stoppt da, nach unseren Beobachtungen an reichlich tausend Touren und militärischen Märschen, an stets instinktiv gekennzeichneten Geländestellen die ganze Bewegung. Hier, d.h. immer jenseits irgendeines Hindernisses, einer Randlinie, einer Ortschaft, einer Brücke, und nie vorher; aber mit vorausliegender freier Bahn für unsere natürliche Orientierung, wo der Rhythmus des Kommenden schon gefühlt wird, rekapituliert das Bewußtsein seine Einwände und stellt die Anfrage an das Unbewußte.

Dem Laien werden diese Stundenhalte zwar einfache Ruhepausen sein, in denen nichts Besonderes geschieht. Man ißt, man trinkt, man lacht, man singt, kurz, man findet etwas Gewohnheitsmäßiges, Automatisches, etwas Unbewußtes. In Wahrheit wird aber in dieser obligaten Automatie, die sich unwiderstehlich einstellt, der Bewußtseinseinwand, das, was Bedenken hat, untergetaucht, und das Impulsive, Selbst-tätige erhält noch einmal und noch einmal Oberhand.

Deutlich wird diese Psychologie aber wohl dann jedem, wenn mit Entfernung und Hindernis sich der Bewußtseinseinwand mit Zentnerschwere an das Arbeitsorgan Dr. Charles Widmer.

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O -Q tn ü du hängt, den impulsiven Strebebogen unserer Wegspur umbiegt und mit Macht nach rückwärts kehrt oder sonst einem erdachten Ruhepunkt des Verstandes entgegen. Und da das menschliche Gemüt immer nur das Relative kennt, kommt es selten zu einer entschlossenen Umkehr, sondern zu einem Bogen, der die Resultante der seelischen Kontroverse zeichnet.

Hier geschieht nun das klassische Verirren. Der Bogen kann sich wirklich zum vollständigen Kreise schließen und somit wieder in die Höhe des Ausgangspunktes zurückkehren.

In der Ebene haben unsere Soldaten öfters solche Kreise beschrieben. Auch Skifahrer, die die ersehnte Abfahrt nicht erwarten mögen, sind ihnen ausgesetzt. Wieder wird der Irrfahrts-bogen fast immer nach rechts hinaus geführt. Im Hochgebirge führt er naturgemäß sehr bald zur Unzulänglichkeit, zum Ort, wo es nicht weiter geht!

Die Einzelbewegung aber, die den natürlichen Pfad verläßt und das Verirren einleitet — das wollen wir noch einmal unterstreichen—",geht immer vom Bewußtsein, von etwas Erkanntem, Überlegtem, Gedachtem aus, während wir an den natürlichen unbewußten Pfad automatisch gebunden sind.

Deshalb können wir, wenn verirrt, auch meistens recht genau sagen, wo, an welcher genauen Stelle dies geschehen ist. Es ist die Stelle, wo wir uns überlegt haben, wo wir, mit mehr oder weniger verstecktem Hintergedanken, den Weg bewußt korrigierten. Darum ist die Situation des Verirrens fast immer hell beleuchtet im Bewußtsein und läßt sich ohne Schwierigkeit rekonstruieren, selbst aus den Reaktionen von unbeteiligten Drittpersonen, die nachher den gleichen Weg machen. So aber, und weniger mit der anekdotenhaften Nase, ÖJ3 öd CD X!

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finden die Hunde den Hasen; so finden wir die Verirrten und andere verlaufene Schäfchen, wenn wir ehrlich und menschlich auf alle die kleinen Schwächen achten, die uns selbst am Ärmel zupfen. Übereinstimmend mit diesem sehen wir denn auch bei unserem natürlichen Wegfinden, auf unserer fortschreitenden Schneespur Hunderte von Reaktionen, die nichts anderes wollen, als eben den Einfluß dieses Bewußtseins, dieser Einfälle ausschalten und darunter die sichere Führung der angestammten Automatie gewinnen.

So wird das Tempo ein ruhiges und konstantes, der Rhythmus des Marsches ein regelmäßigerer, fast genau mit der Pulszahl übereinstimmender.

Jede Folge und Ordnung, jede Linie und Gesetzmäßigkeit im Gelände gibt ein Fortkommen, einen Weg. An den mutwilligsten Kämmen und auf den holprigsten Moränen erleben wir Gesetzmäßigkeiten und Reihen, die die Selbsttätigkeit einschalten und das bewußte Tun löschen.

Dasselbe Paradoxe besteht endlich auch in der Tatsache, daß des Nachts der Verirrungsbogen nicht größer, sondern kleiner wird, daß das Verirren in Dunkelheit tatsächlich auffallend selten ist, weil die Bewußtseinseinsprachen, die „ Obacht " und „ Halt ", dann keine Handhabe mehr finden.

Wer hätte nicht schon an sich selbst erfahren, daß gleiche Strecken des Nachts weniger Zeit brauchen als bei Tag, daß man „ ungesinnt " über Gräben und Pfützen kommt und die Kleider auch unendlich weniger beschmutzt.

So kommen wir denn nach tausendfachem Erlebnis, nach unvoreingenommener Untersuchung und sorgfältigster Beobachtung immer wieder auf dieses Paradoxe, Sonderbare, Verkehrte.

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o co Was aber spiegelt dieses anderes als das Versagen der Namen-, Zahlen- und Etikettenwissenschaft, als die klägliche Dürftigkeit des modernen Materialismus, dessen offizielle Scheuleder nur so weit zu denken erlauben, als sein starres Schema geht, und der die Welt jetzt so arm, so furchtbar arm gemacht hat.

Für uns wenigstens, die wir unsere tiefste Wahrheit und unser reinstes Glück in den Bergen erleben, wollen wir jenes hoffnungslose „ Ignorabimus " nicht gelten lassen, das der Materialismus unter seine Arbeit zeichnet.

Und gerade dort, wo das Verstehen aufhört, wo die Sinne nichts mehr kennen als nutzlose Anstrengung, wüste Einöde und unwegsame Verlassenheit, gerade dort fühlen wir, daß die Welt uns gehört, gerade dort erleben wir die schönste Offenbarung und die herrlichsten Genüsse. Gerade dort auch sind wir am besten ausgerüstet mit natürlichen Fertigkeiten, organischer Geschicklichkeit und vollkommenem Naturempfinden. Gerade dort liegt unser ganzes, reiches Erbteil aus der Entwicklung.

Darum auch ist es nicht bloß ein Recht des Auserwählten, dorthin zu gehen, sondern eine Pflicht, die Pflicht, sein Menschentum ganz auszuüben.

Darum müssen wir auch hingehen und es immer wieder kosten, denn das Schönste am Berg ist sein Geheimnis.

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