Über moderne deutsche Alpenliteratur

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Eine Skizze.

Dass heute die Berge vielen Menschen etwas anderes bedeuten als früher, geht aus einem Teil der modernen alpinen Literatur hervor. Sie zeigt, wie die Unrast über den Dualismus der Seele in jedem einzelnen liegt. Aus dieser innern Unruhe und dem Suchen gestaltet der Berggänger, der seine Erlebnisse literarisch verwerten will, Berge und Menschen. Für ihn wird die Seele des Menschen zum Problem in den Bergen. Hier ist der Weg, der eine Zukunft vor sich hat. Darum gibt es kein Rückblicken mehr, nur noch ein Vorwärts. Was kann es Wesentlicheres geben, als den Ausdruck für die Sehnsucht unserer Zeit zu suchen? Darum ist das Werk des heutigen Schriftstellers ebenso hastend und zerrissen wie das Leben der Gegenwart, nicht breit und behaglich, nicht vollendet in der Form und doch den Sieg und die Hoffnung der Zukunft in sich tragend. Wir dürfen uns den Forderungen einer neuen Zeit nicht mehr verschliessen, wir sind die Endmenschen einer Kulturepoche, die das Erbe ihrer Väter zu Grabe tragen müssen, sind die Menschen, die einen neuen Weg suchen müssen ins weite Land der Zukunft, um bestehen zu können vor den kommenden Dingen. Nicht nur im Leben des Berufes und der Pflicht, nein auch im Alpinismus!

Wer hat ein Recht, über die Berge zu schreiben? Ganz sicher der, der sie wirklich erlebt und seinem Erlebnis den treffenden Ausdruck geben kann: der Wissenschaftler aus Forschungsinteresse, der Eroberer als Wegleiter mit seinen Schilderungen und der Künstler. Überblicken wir das weite Feld der modernen alpinen Literatur, so finden wir eine sehr grosse Produktion mit sehr wenig Gipfelpunkten. Ist dies aber nicht überall so? Werke, die einen dauernden Wert in sich tragen, sind selten.

Zunächst will ich die Überleitenden und die letzten Eroberer betrachten, die zwar oft mit den mehr innerlichen Bergschriftstellern parallel laufen, aber doch noch sehr mit einem heroischeren Zeitalter verknüpft scheinen. Die verschiedensten Menschentypen zeigen sich hier: Von der wahren Bergliebe Andreas Fischers bis zum Viertausendersport Karl Blodigs.

Andreas Fischer tritt in den beiden Bänden seiner « Hochgebirgswanderungen » als eine kraftvolle Natur vor uns hin, die ihre Unternehmungen weit über die Grenzen der Alpen hinaus bis in den Kaukasus getragen hat. Fischer spricht als Mann wenig von sich und viel von den Bergen. Gescheit und erfahren weiss er seine gefahrvollen Fahrten in einer biegsamen Sprache vorzutragen. Er ist der einsame Aristokrat der Seele, der aber sein Letztes nicht ausspricht, weil er das für nicht notwendig hielt.

Nach ihm tat dies in einer schrankenlosen Art und Weise Guido Lammer in seinem Buche « Jugendborn ». Dieses Werk ist eine Kampfansage an alle, die sich nicht zur bedingungslosen Freiheit in den Bergen bekennen. Lammer bekämpft seine Gegner rücksichtslos, er ist der Streiter für den Alleingänger, der kein « Das darfst Du nicht tun » kennen kann. Er ist berechtigt, sein Leben tausendmal in die Schanze zu schlagen, um eine Stunde tiefster Wollust in der Gefahr zu geniessen, um ihren letzten Nervenkitzel in sich zu verspüren. Er treibt ein Spiel zwischen Leben und Tod, das nicht ein jeder ertragen würde. Bisher hat er immer gesiegt. Gibt ihm dies nicht das Recht, sein Leben so weiter zu leben? Lammer ist der Sänger des beseligenden Rausches der Gefahr. Als Alleingänger und Mystiker durchstrahlt er die Berge ganz mit seiner Gottsucht und wandert die fernsten und einsamsten Pfade, die es gibt. Die psychologische Vertiefung seiner Alleingänger-probleme bedeutet ihm in seinen Aufsätzen die Hauptsache. Sein Wesen treibt ihn bis zum Extremsten, bis zum Hohn über alle Andersdenkenden. Er ist ein Verächter aller alpiner Regeln, er hat niemandem Rechenschaft abzulegen. Lammer gleicht in seinem Tun einem jungen Bergsteiger, der, von der Ekstase erfasst, alles auf eine Karte setzt, alles vergisst, Zukunft und Leben, um der Berge willen. Unbewusst und feurig tut dies die Jugend in der ersten Begeisterung, Lammer jedoch weiss, was er tut, er wandert bewusst mit dem offenen inneren Auge des gereiften Menschen.

Eine ganz andere Natur ist Theodor Wundt. Sein Wanderbuch heisst « Ich und die Berge ». Das Ich ist allerdings nicht so sehr in den Vordergrund geschoben, wie man es durch den Titel glauben könnte. Immerhin zeigt Wundt in der ganzen Anlage eine annehmbare. Auffassung der Berge und des Wanderns. Wandern ist ihm ein Gebot seines Blutes, dem er sein ganzes Leben treu blieb. Wundt lässt uns einen Einblick tun in die Entwicklung seines Wanderlebens, wie er durch all die vielen Jahre stets wieder zu den Bergen zurückkehrte und dort seine reinsten und reuelosesten Stunden verlebte. Aber er zeigt seine alpinen Erlebnisse nicht abstrakt und ohne einen Zusammenhang mit seinem sonstigen Leben. Vielmehr ist ihm Wandern und Leben ein unlösliches Ganzes. Und das Wandern ist ja, mag es auch noch so eifrig betrieben werden, verglichen mit dem ganzen Leben und seinen Aufgaben doch nur ein recht kleiner Ausschnitt, wäre nicht die Erinnerung mit ihren vielen Bildern immer wieder mächtig und befreiend. All die vielen Fahrten Wundts ziehen bunt und farbig an uns vorüber mit ihren Hoffnungen, Erfüllungen und Enttäuschungen. Mitunter weiss uns der Verfasser zu fesseln mit seiner frohen optimistischen Weltauffassung, seinem Humor und seiner frischen Erzählerkraft. Wundt sucht beim Bergsteigen das « ahnungsvolle und verklärte » Schauen über die Welt, sowohl innerlich wie äusserlich. Ganz fern liegt ihm eine rekordsportliche Betonung seiner alpinen Leistungen, denn was sind selbst grosse Taten für Äusserlichkeiten gegenüber dem innern Erlebnis, das der empfangsbereite Mensch dort oben findet.

Ausser diesem leicht zu lesenden Wanderbuch erstreckt sich Wundts schriftstellerische Tätigkeit auch auf zwei alpine dichterische Versuche. Aber sowohl der Roman « Matterhorn » als auch die Erzählung « Höhenflug » sind weder Dichtung noch Kunst. Wundt hätte die Grenzen seines bescheidenen Talentes erkennen sollen, das nicht reichte, Schicksale ausser dem eigenen wirksam und lebenswahr zu gestalten.

Als durchaus sympathische Erscheinung auf ähnlicher Glaubenslinie ist noch zu nennen: Franz Nieberl, der in seinem Buch « Erlebtes und Erdachtes », literarisch nicht gerade hochwertig, doch schlicht und erlebnis-echt von seiner Einstellung zu den Bergen erzählt. Nieberl hat in der Herausgabe technischer Bücher über Klettern und Eisarbeit Besseres geleistet.

Nun komme ich zu einer unerfreulichen Erscheinung. Ich meine Karl Blodig und sein Buch « Die Viertausender der Alpen ». Eine Selbst-verherrlichung liegt in dem Werk, die fast nicht zu ertragen ist, und ein Wandertrieb, der fast pathologisch nach Höhenzahlen fahndet und daher mitleidig oder ironisch stimmen muss. Ich frage: Wieso muss ein Mensch alle Viertausender der Alpen erobern? Wieso muss er eines Tages auch noch auf den einen Gipfel steigen, weil er nun nach der neuesten Messung plötzlich 4001 Meter statt nur 3999 Meter hoch ist. Ist das nicht ein verhängnisvoller Irrgang und eine gänzliche Verkennung der Berge, ein Leben und ein Weg ohne Freude, nur um sagen zu können: Alle Viertausender der Alpen waren mein? Und der endliche Gewinn? Ein Buch, das über 10 Franken kostet und alle die glorreichen Aufstiege schildert und sich dabei stets wiederholt! Eine Manie, vergleichbar einem Markensammler, der alles haben muss, um glücklich zu sein. Muss Blodig am Schlüsse seines Weges nicht plötzlich einsehen, dass alles umsonst war, dass man die Schönheit der Alpen nicht in den Zahlen findet? Die Liebe fehlt. Wie heisst es doch?... und hätte der Liebe nicht, so wäre das Leben nichts als eine klingende Schelle und ein tönernes Erz. Oder besitzt das Buch Blodigs wirkliche Bergliebe? Ist es wirklich wahr, wenn der Verfasser am Schlüsse seines Buches behauptet: « Ich stieg auf den Berg, um zu beten? » Kann man wirklich nur auf Viertausendern beten? Aber all dies ist nicht das Wesentliche, sondern der ungeheuerliche Satz Blodigs: « Die Zeit wird kommen, da wird man von mir sagen: Er war ein gewaltiger Bergsteiger. » Doch was ist einer, wenn er nur Bergsteiger, nur Ingenieur, nur Professor ist, und nicht Mensch? Kommt da nicht am Ende des Lebens die Reue des Alters um jeden gehetzten Weg, um das verlorene, wirkliche Erlebnis, weil man zu viel erleben wollte, weil man zu viel nach Zahlen jagte? Als Orientierung für irgendeinen Berganstieg ( nur auf Viertausender ) mag das Buch etwelche Berechtigung haben, allen andern Wert muss ich ihm absprechen. Es wird wohl nicht allzulange dauern, bis es vergessen ist.

Allmählich musste sich doch die Einsicht Bahn brechen, dass man mit Eroberungen und Rekordleistungen dem Wesen der Berge herzlich wenig nahe kam. Das « Ich und die Berge » wird endlich zum Mittelpunkt des Erlebnis-kreises. So gelangen wir nun zum Hauptabschnitt unserer Betrachtung.

Wie anders als alles bisher Betrachtete, wie jugendlich und frisch wirkt Hans Morgenthalers Büchlein « Ihr Berge », das den ganzen ersten Jugend-drang mit seiner besinnungslosen Hingabe an die Berge in durchaus fein-gefühlter und künstlerischer Weise zeigt. Diese Schrift ist in ihrer Art wohl die dichterisch wertvollste der Schweiz, wenn auch nicht alle Stimmungsbilder auf der gleichen Höhe stehen. Morgenthaler ist durchaus Stimmungs-maler; er kann uns mit ganz wenigen Worten das zeigen und sagen, was er will. Ein Bild wecken, schicksalssicher im Leser erstehen lassen, das ist die grosse, wahre Kunst. Er führt uns mit, er findet den Ausdruck, der die Seele beben lässt, mitreisst in gleichem Jugenddrang oder ihr visionartig Erinnerungen aufdeckt durch ein Wortbild, so jugendlichstes, kompromisslosestes Glück für einen Augenblick erstehen lassend. Aber zu allem braucht es nicht nur Berge, sondern auch Menschen.

« Ringsum nur Schnee und starrer Fels und menschenferne Grate...

Wie da die Herzen lieber Freunde stiller... höher und in ihrer tiefen Sehnsucht sich verstehend schlagen. » Die Schilderung des Ringens am Tödi ist prächtig in ihrer Eigenart, schon das Interesse am Berg lässt uns hier das Erzählte doppelt miterleben. Ein Ansatz zur weitern Entwicklung Morgenthalers liegt schon in diesem, seinem ersten Büchlein verborgen. Man merkt, dass ihm etwas fehlt. So wandert er zuerst allein, doch bald auch gerne mit Freunden. Und fast am Schlüsse seines Skizzenbuches gelangt er zum Ewig-Weiblichen, wenn er schreibt: « Wie mag das sein, mit seinem Mädel auf dem Weisshorn oben? » So sind die Berge für ihn wohl voll frohen Wanderglücks und wagemutiger Fahrten, aber er fühlt, dass das letzte Glück fehlt, dass es irgendwo anders errungen werden muss.

Obwohl die Weiterentwicklung Morgenthalers aus dem Rahmen meiner Betrachtung fällt, möchte ich sie kurz verfolgen. Mit dem Betreten der malaiisch-siamesischen Tropen wird der Traum nach der Weite, neuen Ländern, dunklen Urwäldern und anders gearteten Menschen Wirklichkeit. Der Verfasser lernt in seinem Buche « Matahari » dem Leben einen neuen Horizont abgewinnen, den bisher allein die Alpen bildeten, und findet sich nun plötzlich nach der Rückkehr in die Heimat nicht mehr zu seinen Bergen zurück. Sie sind ihm nicht fremd, doch er braucht sie nicht mehr. Aus einem neuen rastlosen Suchen entstand bald darauf sein Skizzenbändchen: « Ich selbst ». Morgenthaler will abrechnen mit der Gesellschaft, mit seinen lieben Mitmenschen. Er erhebt sich aber noch gar zu wenig über den Standpunkt einer Anklage gegenüber den Menschen und dem Leben hinaus, denn ein Künstler muss bei aller durchaus erstrebenswerten Leidenschaftlichkeit doch sachlicher sein als der Verfasser. Er muss mehr erkennen und nicht allzusehr bekennen. Die Skizzen sind oft sehr packend, oft mit beissender Satire geschrieben. In der Erinnerung, im Rückblick schätzt der Dichter aber die Berge immer noch als die, die ihn den ersten Schritt tun liessen auf der mühevollen Leiter der Erkenntnis. Und wenn sie nur dies tun könnten, so ist es schon viel. Vollkommen alpha und omega des Lebens wird die Frau in Morgenthalers neuestem Romane « Woly, Sommer im Süden ». Der Verfasser stellt wiederum ein Eigenerlebnis dar, er kann nicht weitergreifen und sich vom Ich zum Erleben der Welt wenden. Ich hoffe, dass wir von Morgenthaler noch Schöneres und Tieferes erwarten können. Er muss den Weg finden, der ihn aus der Einsamkeit seines Ich-Chaos ins weite Reich des wirklichen Lebens hinausführt.

In starker Anlehnung, formal und inhaltlich, an Morgenthalers « Ihr Berge » enstanden ein Jahr später Othmar Gurtners « Schlechtwetterfahr- ten ». Die Skizzen sind zum Teil wirklich nett zum Lesen, die Prägnanz und Sicherheit des Ausdrucks seines Vorbilds fehlt aber. Gurtner kann hier nicht mit wenigen Worten packen, weil er das Bild oft nicht findet, das uns eine Situation unverzüglich hinstellt. Seit seinem Erstling ist Gurtner unentwegt weitergeschritten, beschaulicher geworden, breiter und behaglicher in seinen Schilderungen, ist mehr Wandergeselle und nicht mehr Renner zu höchsten Alpengipfeln. Er hat erfühlt, dass die Landschaft auch ihre Werte besitzt im kaum Wahrnehmbaren, nicht so Augenfälligem, wie die allerhöchsten Gipfel es sind, und gibt uns feinsinnige Schilderungen seiner Fahrten « Auf alten Pfaden im Lauterbrunnental ». Wir lassen uns gerne von ihm führen zu den verborgenen Wundern, die er uns weist. Er weiss auch so hübsch mit uns zu plaudern, dass wir seinen verlockenden Worten gerne Glauben schenken und ihm folgen zu den schlichten Alphütten, den rauschenden Gletscherbächen und den stillen Wäldern seiner Heimat.

« Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Windl » So tönt es im besinnlichen Wanderbüchlein. Und doch ist dieses stille Wandern so schön, daure die Fahrt auch nur eine kurze Morgenstunde und gleiche das Leben auch nur einem schäumenden Strome, der nicht weiss, wann er über den Abgrund steinerner Wände geschleudert wird.

Morgenthalers « Ihr Berge » wie Gurtners « Besinnliches Wanderbüchlein » sind Breviere für den Bergfahrer, jenes für den Brausekopf und den Stürmer mit dem alleinigen und unbedingten Glauben an seine Berge, dieses für den beschaulichen Menschen, der es als das Schönste einschätzt, einmal abseitige, wunderlich verschlungene Wanderpfade zu suchen, die zwar nicht auf einen mühsam zu erkämpfenden Grat führen, aber doch durch den stillen Blick auf die grossen Berge einen Frieden und eine Erlösung vom Bann der Tage schenken, die der Held über den Abgründen oft gar nicht kennt.

Oskar Erich Meyers « Tat und Traum » ist eines der bedeutendsten Werke der modernen alpinen Literatur. Wenn die Eindrücke auch nicht so frisch nach der Tat hingeworfen anmuten und die unbedingte Hingabe und den Erlebnisglauben Morgenthalers nicht gleich hinreissend besitzen, so ist zu betonen, dass kaum ein anderer Schriftsteller in der Gestaltung des Ich-Erlebnisses in den Alpen so tief gegangen ist wie O. E. Meyer. Seine Liebe ist dunkel und schwermütig und kann sich nie zur humorvollen Darstellung des Gesehenen und Erlebten aufschwingen. Es gibt Leute, die dies als einen Mangel empfinden, mit der Begründung, dass geniale Künstler in hohem Grade das Talent humorvoller Wiedergabe gehabt hätten. Dagegen möchte ich die Frage aufwerfen: Hat schon jemals ein Dichter seine Religion humorvoll dargestellt, wenn sie ihm wirklich Erlebnis war? Und für Meyer sind die Berge und ihre Besteigung ein Kult. Inhaltlich wie stilistisch steht das Buch über dem Durchschnitt, denn es besitzt das, was die Bücher der meisten Berufskollegen Meyers nicht haben, Geschmack und Sinn für das Wesentliche.

Meyer führt in die Tiefe seelischer Konflikte und zeigt Sehnsucht, Wille und Schwäche in einem. Aus der Not der eigenen Seele heraus ist das Buch entstanden. So bildet es einen Markstein am Wege zur Verinnerlichung des Berggedankens wie auch auf dem recht dornenvollen Versuchspfade zu einer Neugestaltung des alpinen Erlebnisses.

Der Hauptteil der Fahrtenschilderungen der ersten Abteilung des Buches, « Der Weg », spielt sich in den Schweizer Alpen und im Montblancgebiet ab. Das ist nur zu erklärlich, denn die höchste Monumentalität der Berglandschaft findet sich erst dort. Wir werden auf die Höhe von manchen Walliserriesen geführt und mit der Geschichte des « Weissen Berges » bekannt gemacht, der dem Verfasser mehr als andere Gipfel das Symbol unerhörtester Sehnsucht ist. Eingehend wird vom Gebiete um Sixt und Barberine erzählt, das dem Verfasser besonders wert erscheint, weil er dort zum ersten Male die Liebe zu den Bergen fand. Den fernen Weltteil berührt Meyer in der Schilderung einer afrikanischen Bergfahrt, um die sich eine tiefe, seltsame Melancholie webt. Zeigt der erste Abschnitt von Meyers Buch einen Sucher und Dränger, so ist der zweite Teil, « Das Ziel », rein auf das innere Erlebnis eingestellt. Für den Feinfühligen, der in seinem Bergsteigen mehr als nur einen Kampf mit der Natur oder als das Steigen in den sogenannten « Gesundbrunnen » sieht, gibt es manche Stelle, die ihn zu tiefem Nachdenken zwingt. In dem Abschnitte « In Exilio » und in den « Bekenntnissen » finden sich Dinge, die zum ersten Male gesagt sind. Sie zeigen so schön den Dualismus der Seele. Hier ist ausgesprochen, was über die Berge gesagt werden kann, ein ungestümer Anfang, da nichts anderes mehr zählt auf der Welt, ein Kampf mit den Bergen als Sieger und endlich eine Erlösung durch die Schau zu den Bergen, die fein und erhaben am Horizonte des Lebensganges stehen und sich still einfügen, nicht mehr begehrt und nicht mehr dämonisch wirkend, sondern sich ein-fügend in den Rhythmus der Erde. Meyer belebt das an sich tote Gebirge mit seinem Ich. Es ist ihm alleinig darum zu tun, den Empfindungen und den Regungen seiner Seele nachzugehen, denn schliesslich ist es doch die Hauptsache und allein massgebend, was die Bergwelt vom Beschauer aus wird, nicht was sie ist. Auch Meyer spürt, dass das Bergsteigen nur eine kleine Teilerscheinung des Lebens sein kann, wenn er wirklich alle Mannigfaltigkeiten des Lebens auskosten will. Nur die Jugend findet in den Bergen ihr restlos beglückendes Ideal und flieht zu ihnen vor den Aufgaben des Tages, die ihrer warten. Heute sehen wir die Berge so, morgen schon anders. So drängt sich das Wissen schicksalsicher auf, dass es noch ein Glück gibt « anderer Art in jener andern Welt ». Und im Finale klingt der Gedanke an, dass auch der Berg in das Leben des Menschen keine endgültige Erlösung bringen kann, dass die letzte Erfüllung tief im einzelnen liegt. Meyer ist Tragiker, tiefer Gefühlsmensch und Stimmungsgeniesser, es fehlt ihm die Vitalität von Morgenthaler, er spielt nicht souverän mit den Worten wie Henry Hoek und wirft auch keine unnützen Anklagen und Verteidigungen seines Tuns auf wie Guido Eugen Lammer Aber er trifft öfters den innersten Ton des Herzens.

Joseph Ittlinger hat sich zuerst einen Namen gemacht als Verfasser von gut geschriebenen, sachlichen Werken über die praktische Ausübung des Alpinismus. Nun erzählt aber Ittlinger in zwei stattlichen Büchern auch von seinem Erlebnis der Alpen. Sein erstes heisst « Von Bergen, Menschen und anderen Dingen ». Das Erlebnis des Wanderns ist herausgehoben aus dem spezifisch Turistischen ins Allgemeinmenschliche. Im Ausdruck etwas breit und hie und da stark theoretisch, kann der Verfasser nicht immer den Augenblick, der ihm vorschwebt, auch in der Phantasie des Lesers erstehen lassen. Als Beispiel möchte ich das « Gespräch auf dem Gipfel » erwähnen, das mich persönlich wenigstens vollkommen kalt liess. So sind die letzten Aufsätze des Buches, die fast novellistisch erzählen, der unbedingt schwächere Teil, weil Ittlinger die Kraft der Gestaltung ausserhalb des Ich nicht hat. Gross und stark im Ausdruck ist der Verfasser aber dort, wo wirklich Eigenerlebtes zutage tritt, und es ist, als ob mit der Grosse, Gefahr und Einsamkeit eines Berges sein inneres Auge die Tat schärfer erfasse und die Seele selbst das Wort forme, das sie finden muss. So steht im Mittelpunkt als weitaus bester Abschnitt « Die Wächte ». Dieser mehrtägige Kampf am Peutereygrat des Montblanc reisst unwiderstehlich mit hinauf in die Eisregion des höchsten Gipfels Europas. Im Buche « Ewige Berge » ist der Verfasser noch epischer, breiter geworden als in seinem Erstling. Beschaulichkeit auch mitten im Kampfe könnte man sagen. Gründlicher befasst sich Ittlinger mit den Erscheinungen und Erlebnissen seiner Wandertage. Er ist weise geworden und steht über den Dingen. Schade nur, dass die Eindrücke hie und da doch gar zu umständlich hingelegt werden, so dass auf diese Art die Stimmung weniger prägnant zum Ausdruck kommt. Gleiche Impressionen halten andere, so Hans Morgenthaler, in wenigen Worten besser fest. Auffällig ist ebenfalls, wie Ittlinger hie und da Popularphilosophie treibt, die dem Werke sicher nichts nützt.

Mit Carl Egger komme ich wieder auf einen Schweizer zu sprechen. Nach seinem Buche « Im K a u k a s u s », das von seinen Fahrten in diesen wilden und selten durchforschten Bergen erzählt, hat er nun den Bergsteigern ein bekenntnisreicheres Werk überreicht in dem dünnen und schlanken Bändchen « Aiguilles ». Voll köstlichen Inhalts sind die sechzig Seiten, wenn auch hie und da nicht ohne Schärfe, wenn es gilt andere Ansichten zu geissein. Man sollte vielleicht milder sein, wenn man sein ganzes Leben lang so beharrlich Berge stieg, manchen Gipfel betrat und manchen Menschen kennen lernte. Frohe Wanderfahrten ziehen an uns vorbei. Das Leben schillert ungestümer und reicher in den steilen, granitenen Wänden der Montblanc-Aiguilles, jede Minute bringt neues Lebensbewusstsein, erfordert neues Erkaufen des Lebens. Wir finden keine langen, aufdringlichen und umständlichen Turenschilderungen, nur kurze Ausschnitte, ein Beleuchten wichtigster Phasen ( nicht nur äusserlicher ) mit Worten, die das Wichtige treffen. Unaufdringlich eingestreut entdecken wir ein paar feine Weisheiten, die mehr Wert besitzen als aller Kampf um einen Kamin oder um einen Grat. Atmen, leben, frei, so unendlich frei sein und den einen herrlichen Augenblick geniessen, allen dunklen Abgründen, allem Wissen um schwersten Abstieg zum Trotz, das ist tiefstes Glück. Ersehntes Ziel, doch nicht Ruhepunkt ist der höchste Gipfel, nicht Einziges und Letztes im Leben, doch etwas Schönes und Unvergessliches die Berge.Vielleicht ist es das beste, das man über das Büchlein sagen kann: Es ist die Frucht eines am Leben weise Gewordenen. Sprachlich ist Egger gewandt, wenn auch hie und da ein Zurückfallen in etwas alpin-stilige Sätze festgestellt werden muss. Schade auch, dass sich ein Abschnitt findet, der sich mit den Triebfedern und dem Warum des Bergsteigens auseinandersetzt. Ist dies nicht so unnütz wie die oft gestellte Frage: Warum denn leben? Jede Art von Schwülstigkeit und Renommisterei fehlt. Und dies berührt sehr angenehm.

Nun zu Henry Hoek. In seinem Buche « Wanderungen und Wandlungen » finden sich drei der bedeutsamsten Aufsätze, die je über das Bergsteigen geschrieben worden sind. Kaum einer hat als durch und durch moderner Mensch die Berge und ihr Wesen so scharf begriffen. Der erste Aufsatz behandelt das Thema « Die Schönheit der Berge ». Mit diesem Worte ist eigentlich schon vieles gesagt über die individuelle Verschiedenheit in der Anschauung und Beurteilung der Schönheit der Berge. Hoek zeigt, wie die Schönheit der Berge langsam erst wurde, wie sie vielleicht eines Tages nicht mehr sein wird im Anschauungskomplex des Menschen, und wie jeder sie anders sieht. Und aus diesem Grunde hat alles geschriebene Wort über die Alpen nur einen bedingten Wert. Und oft ist es gerade ein weniger talentierter Schriftsteller, der seinen auf ein gleiches Empfinden eingestellten Leser mehr packen kann als einer, der nur ausgeklügelte und abgewogene Worte findet. In dem « Versuch einer Kritik des Alpinismus » zeigt Hoek, wie verschieden die Tätigkeit, die wir mit dem Worte Alpinismus bezeichnen, war, ist und sein wird. Er weist auch nach, wie stark die Sportidee noch mit dem Alpinismus verknüpft ist. Endlich zeigt er uns die Menschenarten, die bergsteigen, und aus was für Motiven heraus sie es tun. Dabei streift er das erotische Problem sowie die Stellung der Frau zum Bergsteigen. Er will beweisen, dass die Frau als anderes, natürlicher orientiertes Wesen dem Bergsteigen nicht die gleichen lustbetonten Gefühle abgewinnen kann wie der Mann, weil sie auf diese Art von Kampf nicht eingestellt ist. Der letzte der drei Aufsätze spricht « Über die alpine Darstellung ». Der Künstler sollte endlich an die Aufgaben, welche die Berge stellen, herantreten, denn die Alpenliteratur war und ist meistenteils noch sportlich, geographisch etc. gerichtet. In der Dichtung aber muss die poetische Wahrheit vorherrschen, nicht die objektive. Der Schreibende legt das, was er während des Schreibens fühlte in der Erinnerung, sozusagen retrospektiv nieder. Es ist durchaus nicht notwendig, dass er im Momente des Erlebnisses die gleichen Wortbilder in sich getragen hat, wenn er uns nur die Wertung der Stunden wiedergeben kann, wie er sie als wahr und erlebt empfindet. Leicht und sicher spielt die Sprache Hoeks mit Wortbildern. Sie lässt Ausblicke frei zum Weiterbauen und Weiter-denken. Und Denken ist ein anziehendes Spiel für den Menschen.

Merkwürdig blass wirkt neben diesen drei Aufsätzen der übrige Inhalt des Buches. Hoek erzählt in buntem Durcheinander von seinen Sommer-und Winterfahrten in den Alpen. In zwangloser Folge ziehen die Bilder an uns vorbei. Chronistengeist beherrscht den Abschnitt über « Zehn Jahre Skilauf », oft ist es eine Aufzeichnung von Höhenquoten und Gipfeln, so dass man sich fragt: Musste dies wirklich gedruckt werden? Ein stimmungsvoller Fluss beherrscht die Turenschilderungen zwar oft, aber nur zu oft ist er durch etwas abstrakte philosophische Erläuterungen unterbrochen, die als tote Gebilde fremd und haltlos dastehen. Hoek begeht den Fehler, dass er sich in diesen Schilderungen zu sehr an Nur-Bergsteiger wendet, während es ihm doch viel mehr gegeben ist, mit denkenden Wandermenschen aller Arten zu plaudern. Darum wirkt das Büchlein von seinen Weltwanderungen « Wege und Weggenossen » um so vieles wahrer und unmittelbarer. Fröhlichster Humor wechselt mit tiefer Wehmut, das Lachen eines Augenblicks mit dem Weinen, mit dem Wissen um die tiefste Sinnlosigkeit des Lebens. Ein wahrer Lebenskünstler hat das geschrieben, der als Leitmotiv die Worte von Angelus Silesius voransetzt:

« Ich selbst muss Sonne sein und muss mit meinen Strahlen Das farbenlose Meer der ganzen Gottheit malen. » So führt uns Hoek durch die Wunderländer der Erde.Vom hohen Norden bis zu den Anden Südamerikas, von den Alpen in die kahlen Wälder Hollands mit Ski, Seil und Pickel, im Flugzeug, Ballon und Auto. Und bei allem, was er uns erzählt und wo er uns auch hinführt, immer findet er den Ton, der unsere Seele mitschwingen und mitfühlen lässt. Leise ist angedeutet, durch welche Motive man dazu kommen kann, seinen Wanderkreis immer weiter auszudehnen, von den Alpen ins weite Land, von Europa in den fremden Weltteil, und wie man schliesslich nach langen und doch so köstlichen, herrlichen Fahrten und Irrfahrten am Ende aller Enden zu sich selbst zurückkehrt und die innere Ruhe vor den Menschen unerschütterlich findet. So schliesst sich der Ring eines vielbewegten Wanderlebens.

Ich bin am Schlüsse meiner Skizze angelangt. Was nun? Wagen wir einen Blick in die Zukunft zu werfen! Wir stehen an einem Wendepunkte des Weltgeschehens, vor der Schwelle neuer Ereignisse, auch in der Dichtung. Wird einer nun kommen und das Werk über die Berge und die Menschen schreiben, das ein paar erahnt und gewollt haben? « Zeigt uns den Menschen in den Bergen », das ist das erste und letzte Erfordernis an die Dichter der Alpen. Der Blick muss vorwärts gerichtet bleiben. Nicht der Fluch der Gegenwart soll uns kümmern, nicht eine dunkle Zukunft. Aber wir müssen mehr gelöst werden von der Gebundenheit an die Materie, wir müssen weiter und freier blicken lernen, wir müssen den Helden der Wände zeigen, dass es in erster Linie einzig und allein darauf ankommt, Menschen zu sein. Auch die alpine Literatur darf nicht mehr Fachliteratur sein, sie muss eintreten in den grossen Rhythmus wie alle Werke, die Sehnsucht atmen, sie muss Menschliches hinauftragen in die hohen Berge, die Qual und das Glück der Seele aufdecken und endlich das Heldengesangmässige lassen. Alfred Graber.

Weissmies.

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