Über Talbildung in den Alpen und im Vorlande

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von A. Ludwig ( Sektion St. Gallen ).

Ein ganz geringfügiges Maß von Glazialerosion, bewiesen durch Glättung und Schrammung des Felsuntergrundes, wird selbstverständlich allgemein zugestanden. Ob jedoch die eiszeitlichen Gletscher erheblich an der Talbildung mitgearbeitet, d.h. die voreiszeitlichen Talsohlen um mehrere hundert bis viele hundert Meter tiefer gelegt haben, ist eine vielerörterte Streitfrage. Sie bildet auch den Hauptpunkt der Kontroversemit Herrn Dr. Nußbaum, auf dessen Abhandlung „ Über Talbildung in den Alpen " ( Jahrbuch LI des S.A.C. ) ich folgendes zu erwidern habe: 1. Für völlig verfehlt halte ich die Bezeichnung der Alpen als schon in präglazialer Zeit „ reifes " Gebirge. Ich kenne wohl die Lehre von den präglazialen ausgeglichenen Alpentälern und der damit zu verknüpfenden Molasse-Rumpfebene, aber ich vermag nicht daran zu glauben. Die Molasse-Rumpfebene ist sehr willkürlich konstruiert, und gegen ausgeglichene Talböden in früher Zeit spricht eindringlich genug der gewaltige, auch heute noch lange nicht erschöpfte Betrag der in einem so mächtigen Gebirge möglichen Tiefenerosion. Wirkliche „ Reife " mit dem Beginn wahrer, dauernder Breitsohligkeit tritt erst ein, wenn fast keine Tiefenerosion mehr möglich ist.

Wiederholte, langandauernde Vergletscherungen haben in den Alpen den fluviatilen Talbildungsprozeß unterbrochen und in einem relativ jugendlichen Werdestadium erhalten, das uns tiefere Einblicke in das wahre Wesen fluviatiler Erosion gewähren kann als die Betrachtung „ reifer " Mittelgebirge, wie Apenninen, Karpathen, deren weiter vorgeschrittene Talbildung gar keinen beweiskräftigen Vergleich mit denAnmerkung der Redaktion. Auf Wunsch des Zentralkomitees erklärt die Redaktion mit dieser Duplik des Herrn A. Ludwig die Diskussion über dieses Thema nach dreimaliger Erörterung im Jahrbuch für geschlossen.

Alpen zuläßt. Die eiszeitliche Vergletscherung hat konservierend gewirkt. Wenn der Napf wirklich ein „ reifes " Gebirge ist, so spricht er nicht gegen, sondern für meine Behauptung; denn das Napfgebiet war nur während kurzer Zeit beim höchsten Stande der größten Vergletscherung vereist; es konnte also hier seit der pontischen Zeit bis heute die fluviatile Erosion sozusagen ungehindert wirken.

Was in den Alpen als „ Reife " gedeutet worden ist, geht nur auf temporäre oder lokale Breitenerosion zurück, die scharf von der dauernden Breitenerosion der Reifezeit zu unterscheiden ist. Das bekannte Schema für die Talbildung durch Flußerosion ( Stadium I: Einschneiden; Stadium II: Verbreitern; Stadium III: Ablagerung ), das für ein einfaches Tal in homogenem Gestein Geltung hat, wird ( auch von Herrn Dr. Nußbaum ) viel zu schablonenhaft auf die großen Alpentäler angewendet. Hier, wo mächtige Gesteinskomplexe von sehr verschiedener Härte wechsellagern, wird der Vorgang viel komplizierter und erfolgt nicht generell in einheitlicher Längskurve, sondern in einem mehrmals gebrochenen Längsprofil, in dessen einzelnen Abschnitten Stadium I und II, bis zu einem gewissen Grade sogar III, gleichzeitig zur Entwicklung gelangen. Es wechseln in einem großen Alpental mehrmals Schluchten und Becken, Engen und Talweitungen. Tiefenerosion und Breitenerosion sind in aufeinanderfolgenden Abschnitten gleichzeitig tätig, aber in Beziehung auf das ganze Gebirge beziehungsweise das ganze Flußnetz ist diese Phase immer noch jugendlich und gehört zum Hauptstadium I, Dies wird von der Penck-Brück-nerschen Übertiefungslehre nicht berücksichtigt, die mit Hülfe von wirklichen und imaginären Stufenmündungen und alten Talbodenresten ein präglaziales reifes Niveau konstruiert, das z.B. für das Rheintal im Tavetsch in 1800 m, bei Obersaxen in 1300 bis 1400 m Höhe gelegen hätte und in der oberen Bodenseegegend in 900 m Höhe auf das Alpenvorland ausgemündet hätte. Was zwischen diesem präglazialen Niveau und dem Felsuntergrund des heutigen Flußbettes einst lag, wäre in der Hauptsache durch Gletschererosion entfernt worden. Aber gerade in diesem mächtigsten Flußtal der Schweiz versagt die Theorie vollständig. Die wirklichen Stufenmündungen liegen fast ohne Ausnahme viel zu tief. Für die größeren Seitentäler half man sich aus der Verlegenheit, indem man sie als selbst wieder „ übertieft " hinstellte; an andern Orten, z.B. bei der Bregenzer Ache, konstruiert man willkürlich gar nicht vorhandene Stufenmündungen.

Bei dem erwähnten präglazialen Niveau müßte man im Molasselande die Entstehung der Talverzweigung zu einem ansehnlichen Teile der Glazialerosion zuschreiben, und selbst für das eigentliche alpine Gebiet wäre sie für das Tälergeflecht nicht ganz ohne Einfluß gewesen. Aber meine Bemerkung, daß Glazialerosion die reiche Talverzweigung nicht erklären könne, galt weniger der Penck-Brücknerschen Schule als vielmehr jener schärferen Richtung, welche erodierenden Gletschern eine noch viel großartigere Mitwirkung bei der Talbildung zuschreibt, konnte sich also gegen Herrn Dr. Nußbaum, der nicht dieser extremen Richtung angehört, nur insoweit wenden, als er ( Jahrbuch XLVI, 1910, S. 250 ) die zu bestreitende Behauptung aufstellt, daß Wassererosion für die Ausgestaltung der heutigen von Firn bedeckten Formen nicht verantwortlich gemacht werden könne. Gerade zu rechter Zeit ist durch Dr. E. Bächler und Th. Nigg der überraschende hochinteressante Fund des Höhlenbären am Drachenberg ( Taminatal ) in nicht weniger als 2440 m Höhe erfolgt. Es standen also tatsächlich in jener Interglazialzeit die Wald- und die Schneegrenze fiber Talbildung in den Alpen und im Vorlande.

22T Rheinwaldhorn 3398 Zervreila 1780 Vais 1248 Furth 874 Rheinbetl 691 n2 718'500 m ü. M.

Längen und Höhen 1: 2b0,000 Die angebliche Stufeninündnng des Glenners.

Gleichsohlig mündet der Glenner in den Yorderrhein, 600 m tief unter dem zu 1300 m angenommenen präglazialpn Talboden ( P ); die von Penck ( S. 430/431 ) behauptete Stufenmündung ist nicht vorhanden; selbst Vais, in der Luftlinie 18 km taleinwärts, fallt noch unter das präglaziale Niveau.

Alte Terrassen1(1Flax 1712 1B17 X^_ 1500 m ü. M.

Längen 1: 150,000'Höhen 1: 50,000 » Fluss und Gletscher im Oberengadin.

Im Oberengadin, etwa von St. Moritz weg, floß der hochgestaute eiszeitliche Gletscher über Maloja nach dem Bergeil, vermochte aber das ursprüngliche Talgefälle ( Talsohle und alte Terrassen ) nicht zu ändern.

St. Gallen 673! Steinachbeil Mühlegg-Brücke 740 600 m ü. M.

Höhen und Längen 1: 6250 Längsprofil der Steinach bei St. Gallen-St. Georgen.

M Nagelfluh.

Sandstein und Mergel.

R = Resistenzstufe.

B = Gebiet temporärer Breitenerosion..

um mehrere hundert Meter höher als heute; die Vergletscherung war auf die allerhöchsten Gruppen der Alpen beschränkt, und Wassererosion konnte da wirken, wo heute Firn und Gletscher liegen.

2. Für unrichtig halte ich auch die Behauptung, die Stufen und Stufenmündungen der heutigen Alpentäler seien durch Flußerosion nicht zu erklären. Meines Erachtens gehören diese Formen gerade zu den charakteristischen Erscheinungen und zum Wesen der Flußerosion, und zwar so lange, bis das Gebirge der wirklichen wahren „ Reife " sich nähert. Der Beweis ist vielleicht am besten in gewissen schwach vergletschert gewesenen Partien des subalpinen Molassegebietes zu leisten, wo selbst die entschiedensten Vertreter der Glazialerosion die Talbildung schwerlich auf Gletscher zurückzuführen wagen. Ein solches Gebiet ist z.B. die Gegend südlich von St. Gallen, von der Goldach gegen Herisau. Urnäsch, Sitter, Steinach und zum Teil auch die Goldach verlaufen quer zur Gletscherrichtung; ihre Täler sind teilweise von interglazialem Alter: die Gletscherbedeckung war nur noch schwach, das Erratikum ist spärlich, und eine Beeinflussung der Gestalt des Flußbettes durch Gletscher läßt sich weder im Quer- noch im Längsprofil nachweisen. Wenn der Gletscher nicht einmal die interglazialen Schieferkohlen von Mörswil wegzuschaffen vermochte, wie hätte er dann in der noeh schwächeren Randzone erodieren können?

Direkt hinter St. Gallen haben wir in der Schlucht der „ Mühlenen " eine wohl 70 m hohe Stufe des Flüßchens Steinach. Sie liegt in fester bunter Nagelfluh, ist also eine „ Resistenzstufe ", bedingt durch widerstandsfähiges Gestein. Solche Stufen treffen wir in den Nagelfluhgebieten häufig, wenn auch selten so ausgeprägt wie in den Mühlenen; sie treten auch im Kalksandstein auf.

An der Goldach münden bei der Martinsbrücke die Seitenbäche in deutlichen Stufen. Zwar hat der verhältnismäßig feste Sandstein der Meeresmolasse ihre Erhaltung begünstigt, aber es sind doch nicht mehr reine Resistenzstufen, sondern ihrem Wesen nach Mündungsstufen oder Konfluenzstufen. Der in tiefer Schlucht in frischem Einschneiden begriffenen Goldach vermochten die schwachen Seitenbäche in der Tiefenerosion nicht zu folgen.

Weiter talaufwärts münden an der Goldach Seitenbäche in weichem Mergel oder wenig widerstandsfähigen Sandsteinen scheinbar gleichsohlig. Verfolgt man aber das Bachbett aufwärts, so konstatiert man doch einen schwachen Gefällsbruch; der Unterlauf des Seitenbaches hat stärkeres Gefälle als der aufwärtsfolgende Teil. So ist es am Landgraben unter Eggersriet, am Holdernbach und Moosbach bei Rehetobel, besonders deutlich am Rotbach bei Teufen und an verschiedenen Seitenbächen der Urnäsch. Es handelt sich um eine allgemeine Erscheinung; die Konfluenzstufe war auch hier einst vorhanden, ist aber im weichen Gestein in raschem ausgleichendem Zurückweichen begriffen und wäre vielleicht heute gar nicht mehr festzustellen, wenn nicht die schwache eiszeitliche Vergletscherung immerhin konservierend gewirkt hätte.

Gefällsbruch im gleichen Sinne ist im st. gallischen Rheintal von Penck für zahlreiche Seitentäler behauptet und als Wirkung der glazialen Übertiefung gedeutet worden. Wie mir scheint, mit Unrecht; denn sein präglaziales Niveau lag bedeutend höher, und die Gefällsbrüche finden wir als typische Erscheinungen auch in Gebieten, von denen Gletschererosion im Ernste nicht behauptet werden kann. Stufen und Stufenmündungen ( Resistenzstufen und Konfluenzstufen ) gehören eben während des ganzen Hauptstadiums I ( Vertiefung mit lokaler temporärer Breitenerosion ) zum Wesen der Talbildung durch Flüsse.

Wenn ein Fluß in der Tiefenerosion gehemmt ist, so arbeitet er nach der Breite. Harte Gesteine leisten der Tiefenerosion starken Widerstand, verlangsamen sie beträchtlich und zwingen den Fluß im talaufwärts folgenden Gebiet weicherer Gesteine zur Breitenerosion, die ihrerseits aber auch harte Gesteine ergreifen kann. So folgt hinter der harten Nagelfluh der steilen Stufenschlucht der Mühlenen und Mülileck zunächst ein kurzes, sanft geneigtes Talstück, dann eine noch erkennbar hervortretende Nagelfluhbank ( Freudenberg-Nagelfluh ) mit nochmaligem schwachem Ansatz zur Schlucht- und Stufenbildung und sodann die ansehnliche, stark überbaute ebene Talweitung von St. Georgen 1 ), in welcher nun nicht nur die weicheren Gesteine, sondern auch zwei harte Nagelfluhbänke vollständig eingeebnet sind. Letztere bilden in diesem bescheidenen, aber typischen Gebiete temporärer Breitenerosion gewissermaßen schlummernde Stufen, die erst später, bei Neubelebung der Erosion und neuer Durchtalung der kleinen Ebene hervortreten werden. Die eingeebneten Nagelfluhbänke zeigen zugleich, daß die Talböden und damit auch ihre späteren Reste, die Terrassen, bis zu einem gewissen Grade vom Gesteinscharakter unabhängig sind.

In den Alpen treffen wir entsprechende Verhältnisse in ungleich größerem Maßstabe. Mächtige Komplexe harter Gesteine bildeten hier die Vorbedingung für gewaltige Resistenzstufen und dahinter folgende Talweitungen. Jeder Alpenwanderer kennt ja den so auffälligen Wechsel zwischen mächtigen Schluchten und weit geöffneten Talwannen. Letztere haben schon in früher Zeit auch die Seitengewässer an sich gezogen, wobei Isoklinaltälchen in weicheren Schichten eine wichtige Rolle spielten; die Talweitungen sind die Stätten der Konfluenz und damit auch der bei Neubelebung der Erosion entstehenden Konfluenzstufen.

Bei genügend langer Dauer der temporären Breitenerosion erlangen Seitenfluß und Hauptfluß Gleichsohligkeit der Mündungen. Später kann aus vorläufig nicht zu erörternden Gründen Neubelebung der Erosion im Haupttale eintreten, und es fragt sich nun, wie aus gleichsohligen Mündungen Stufenmündungen entstehen können. Dabei ist festzuhalten, daß Konfluenzstufen ihrem wahren Wesen und Begriff nach nicht an den Gesteinscharakter gebunden sind, obwohl sie häufig durch resistente Gesteine gewissermaßen verstärkt und länger erhalten werden. Ein prächtiges Beispiel ist die Mündung des Erstfeldertales im Kanton Uri.

W. M. Davis, Penck und ihre Schüler halten die fluviatile Erosion nicht als ausreichend zur Erklärung der Stufenmündungen und schließen darum auf Glazialerosion. Penck 2 ) macht geltend ( S. 432 ), daß bei den Stufen, die infolge einer Neubelebung der Erosion von Flüssen gebildet werden, der tiefere Talboden spitz in den höheren auslaufen sollte, während in unseren Alpentälern die Talböden nach oben meist durch steil ansteigende Talstufen stumpf begrenzt werden.

Die Stufe markiert in erster Linie den Unterschied in der Erosionskraft des schwächeren Nebenflusses und des stärkeren Hauptflusses. Vielleicht kommt auch folgender Umstand in Betracht: Bei neubelebter Tiefenerosion im Haupttale ist das Seitental anfänglich immer noch auf Breitenerosion eingestellt und bleibt es noch längere Zeit. Es schiebt sich zwischen Hauptfluß und dem auf Breitenerosion eingestellten Seitental ein immer höher werdendes Stück mit reiner Tiefenerosion ein, die aber in ihrer Wirkung nach rückwärts gehemmt ist durch das schon vorgezeichnete,auf Verbreiterung, nicht auf „ Zugu berechnete Flußbett des Seitentales und durch schwächere Erosionskraft infolge der bei schwachem Gefälle verringerten Geschiebeführung. Das an und für sich schon schwächere Einschneiden des Seitenbaches wird im Verhältnis zum Haupttale durch die erwähnten Momente doppelt hervorgehoben; es entsteht zunächst nicht ein rasch nach rückwärts sich ausgleichendes, sondern ein gebrochenes Profil mit Stufe. Eine schwächere Stufe bildet sich oberhalb der Konfluenz auch im Haupttale.

Die Verfechter der Glazialerosion halten übrigens Stufe und Schlucht zu wenig auseinander. Gewiß waren die Schluchten einst Stufen, und viele sind es heute noch. Aber es gibt eine große Zahl von Schluchten, die heute durchaus keine Stufen mehr sind, sondern ausgeglichenen Felsgrund aufweisen oder gar schon in das Stadium der Verbreiterung getreten sind, und es gibt viele Schluchten, die mit altem ( interglazialem ) Schutt — keineswegs nur mit jungen Anschwemmungen — hoch aufgefüllt sind. Aus einer Schluchtmündung stets auf eine Stufenmündung des betreffenden Seitentales schließen zu wollen, führt zu ganz unrichtigen Resultaten. Die Bregenzer Ache mündet in einer Schlucht; daher wird hier die Gleichsohligkeit verneint ( Penck und Brückner, S. 429 ), während in Wirklichkeit dem mit ausgeglichenem Gefälle dahinströmenden stattlichen Fluß entlang eine Adhäsionsbahn ohne jede Kehre geführt werden konnte und überhaupt das ganze Tal so sanft ansteigt, daß wir uns in Bezau, am Endpunkte der Bahn, erst in noch nicht 700 m Höhe befinden.

Sowohl Resistenz- als Konfluenzstufen können in Gebieten temporärer Breitenerosion lange Zeit gleichsam latent vorhanden sein, um erst später hervorzutreten. Eesistenzgebiete großen Maßstabes, vorbedingend für weit rückwärtsgreifende temporäre Breitenerosion, waren in früher Periode der Talbildung für das schweizerische Rheingebiet vor allem die Jura- und Schwarzwaldgesteine zwischen Schaffhausen und Basel bis Ölten und sodann die subalpine Nagelfluhzone; ferner die Kreide- und Juragesteine der Voralpen, speziell die über das Rheintal setzende Hohenkastenfalte und die Zone Gonzen-Luziensteig. Als weitere von den zahlreichen Beispielen seien nur genannt der Rofnagneis zwischen Andeer und Splügen, der Verrucano der Gegend Ilanz-Truns und namentlich die kristallinischen Gesteine des Aarmassivs in der Gegend der Schöllenen und Grimsel. Resistenzgebiete mit talaufwärts folgender temporärer Breitenerosion waren von höchster Bedeutung für die Entstehung der heutigen Tal système.

3. Das System hat sich nach der Natur zu richten, und diese soll nicht dem System zuliebe Zwang erleiden. Penck fand in den Gebieten eiszeitlicher Vergletscherung Unvereinbarkeit der Gestalt der Haupttäler und der Stufenmündungen mit dem System für Flußtäler von W. M. Davis und suchte die Lösung in der Aufstellung der Lehre von der „ Übertiefung " durch Glazialerosion ( S. 144/147, 428/434, 801 usw. ). Damit hat ein großer Forscher einen entsprechend großen Fehlgriff begangen. Ihm folgt Herr Dr. Nußbaum mit ähnlicher Beweisführung. Wir halten aber die angebliche einstige Reife der Alpentäler und die vermeintliche Unvereinbarkeit der Stufen und Stufenmündungen mit fluviatiler Erosion für Irrtümer, und es erscheint uns somit die Lehre von der Glazialerosion keineswegs als eine „ logische Deutung von Tatsachen ", sondern als ein auf unrichtigen Prämissen beruhender Trugschluß. Auf falscher Grundlage kann auch die feinste Logik „ fortzeugend Böses nur gebären ". Die Anwendung der Sätze vom zureichenden oder vom ausschließenden Grunde ist in den Naturwissenschaften immer gefährlich, und die Gewaltformel „ Entweder — oder " führt meistens irre, weil die Natur vielleicht eine dritte oder gar vierte, von uns nicht bedachte oder nicht erkannte Möglichkeit gefunden hat. Ich rede hier als gebranntes Kind, ohne zu behaupten, gegen Rückfälle gefeit zu sein.

4. Zwei Arbeitsweisen werden dem angeblich erodierenden Gletscher zugeschrieben. Die eine veranlaßt ihn zur Bildung steifer, einförmiger Tröge; die andere treibt ihn zu reichen Formenwechsel erzeugender „ selektiver " Erosion.

Herr Dr. Nußbaum wirft mir vor, ich vermöge Trog und V-Profil nicht zu unterscheiden. Ich weise diese Bemerkung ruhig, aber entschieden zurück und unterlasse es, meinem Gegner einen naheliegenden Vorwurf ähnlicher Art zu machen, weil ich wohl weiß, daß man in einer derartigen Diskussion bei allem Bestreben nach deutlichem Ausdruck sich doch gelegentlich auch etwa mißverstehen kann. Ich verstehe unter einem Trog eine Hohlform von annähernd halbkreisförmigen oder halbelliptischem Querschnitt und einheitlichem Charakter „ ohne Hörner und Klauen ". Ich habe behauptet, daß in der Mehrzahl der Fälle das Gletscherbett überhaupt kein Trog sei und daß die Trogform oft durch Schuttmassen vorgetäuscht werde, und an diesen Behauptungen halte ich fest. Unter diesen Schuttmassen sind nicht nur seitliche Schuttkegel und Schutthalden zu verstehen, sondern namentlich auch die fluvioglazialen und postglazialen, in Rang und Lage ungefähr den Niederterrassen-schottern entsprechenden Kiesbildungen. Das Vorkommen von trogähnlichen Formen habe ich nie bestritten; sie gehören aber keineswegs zu den durchgehenden Formen der Alpentäler. Wenn man übrigens den Begriff „ Trog " so weit faßt, wie dies Penck, Brückner und Nußbaum tun, so mag man meinetwegen die Betten der großen Talgletscher ruhig als Tröge bezeichnen; es handelt sich ja schließlich um die Sache, nicht um Worte. Und da betrachte man nun einen solchen Trog von oben herab, zum Beispiel den Morteratschgletscher von der Diavolezza oder vom Piz Palü, und man wird finden, daß durch Unregelmäßigkeiten des Felsbettes die Eismasse merklich beeinflußt wird, so daß z.B. durch den auf der Karte nur schwach angedeuteten Felsrücken unter Boval der Gletscher in seinem Quer- und Längsprofil geradezu geknickt wird, durchaus den Eindruck erweckend, daß das Eis- einer schon bestehenden, nicht von ihm geschaffenen Form des Felsuntergrundes sich anzupassen hat. Die beste Karte und Photographie kann diesen Eindruck nicht annähernd so gut vermitteln, wie die direkte Beobachtung in der Natur. Die scharf vorspringende Chünetta oberhalb Morteratsch aber zeigt, was für interessante Dinge an den Seiten und am Grunde des sogenannten Troges zum Vorschein kommen, sobald es dem Gletscher gefällt, sich ein wenig zurückzuziehen. An dem von Imfeid und Meili erstellten Relief der beiden Grindelwaldgletscher ist deutlich genug zu ersehen, daß man Gewalt anwenden oder der Suggestion unterliegen muß, wenn man diese beiden Gletscherbetten mit ihren schluchtartigen Engen und beckenartigen Erweiterungen als Tröge auffassen will. Und der Blick auf ein verlassenes Gletscherbett, z.B. an dem in historischer Zeit enorm zurückgegangenen Grialetschgletscher am Piz Vadret, genügt, um die völlige Unabhängigkeit des Felsbettes von der Eismasse zu erkennen, deren einstigen Querschnitt man bei der Vegetationslosigkeit des verlassenen Gebietes leicht rekonstruieren kann. Was soll man aber erst sagen, wenn sogar das bündnerisch-st. gallisch - vorarlbergische Rheintal mit seinem reichen Wechsel von Vorsprüngen und Nischen und seinen mitten aus dem Tale aufragenden Inselbergen als ein typisches Trogtal bezeichnet wird? Der glaziale Übertiefungstrog ist ein Kautschukbegriff, ein Prokrustesbett, in das je nach Bedarf alles Mögliche und Unmögliche hineingepreßt wird 1 ).

An manchen Orten aber wird der Zwiespalt der Natur selbst für den so fügsamen Trog zu kraß, und da greift nun die „ selektive Erosion " helfend ein. Diese wäre bei Gletschern, wenn sie wirklich erodierten, keineswegs von vornherein abzulehnen. Selektive Modellierung ist in großem Maßstabe zu beobachten bei Verwitterung und Flußerosion, die den weichen Gesteinen nach arbeiten und die härteren Formen herauspräparieren. Wo es aber nicht anders geht, da wird das Wasser auch mit dem härtesten Gestein fertig, indem der leicht bewegliche Fluß seine ganze Kraft auf ein schmales Bett konzentriert und sich seinen Ausweg in schmaler Schlucht schafft. Dem Gletscher mit seinem breiten Querschnitt ist eine solche Arbeitsweise unmöglich, und selbst wenn man Gletschererosion zugäbe, so könnte das Resultat selektiver Arbeit nur in talsperrenden Querriegeln von hartem Gestein ( ohne Ein-schnitteund dahinterliegenden Becken ( Wannen ) in weicherem Gestein bestehen. Auch Längsrippen von hartem Gestein wären denkbar. Penck handelt darum ganz konsequent, wenn er die übertieften Talböden sich in einzelne besonders übertiefte Becken gliedern läßt, die durch Riegel voneinander getrennt werden. Talflüsse hätten dann die Riegel durchsägt; die Becken aber wären mit jüngeren Anschwemmungen aufgefüllt worden. „ Denkt man sich diese Aufschüttungen und jene Einschnitte wieder beseitigt, so würde der übertiefte Talboden meist in eine Reihe von einzelnen Wannen zerfallen, die Seen bergen " ( S. 302 ).

Noch bestimmter, in anerkennenswerter Deutlichkeit, drückt sich Brückner aus ( S. 619 ): „ Denken wir uns die postglazialen Schluchten geschlossen und die postglazialen Anschwemmungen entfernt, so wandeln sich alle größeren Täler der Schweiz in Ketten von Wannen um, die stufenförmig übereinander folgen und deren jede durch einen Felsriegel talabwärts gesperrt ist. "

Diesen Satz sollte man nicht nur ein- oder zweimal, sondern zehnmal lesen und überdenken; denn er bringt die Resultate der Übertiefungslehre auf die kürzeste und prägnanteste Formel und zieht ihre letzten und schwerwiegendsten Konsequenzen. Ein geheimes Grauen dürfte da selbst manche Bekenner dieser Lehre beschleichen, sofern sie die Tragweite der obigen, geradezu unbegreiflichen Behaup- Über Talbildung in den Alpen und im Vorlande.

tung völlig ermessen. Für viele der großen Talschluchten ist ja ein weit höheres interglaziales Alter schon längst nachgewiesen, und bei andern, wirklich postglazialen Schluchten läßt sich in der Regel in geringer Entfernung ein älterer, mit Moräne oder fluvioglazialen Kiesmassen aufgefüllter Lauf auffinden.

Auf ein besonders typisch verriegeltes Tal, das Prätigau, angewandt, würde die Penck-Brücknersche Theorie besagen: Gletschererosion schuf das übertiefte Becken von Grüsch und Schiers, während die Gesteine der Klus mehr Widerstand leisteten und als geschlossener Riegel stehen blieben. Nachträglich schnitt die Landquart die heutige Schlucht ein.

Der Phantasie des Volkes würde diese Lösung nicht übel behagen, und schon Ebel sprach von einem See im Prätigau. Aber einer ernstlichen Prüfung hält die erwähnte Annahme nicht stand. Denn die Klus ist eine alte Schlucht, deren Felsgrund in Beziehung auf die lokale Erosionsbasis Rheintal wohl schon längst ausgeglichen ist. Die Klus existierte schon in der letzten Interglazialzeit; der Schluchtgrund ist von mächtigen Kiesmassen aufgefüllt, die nicht etwa nur als wandernde Kiesbänke von wenigen Metern Mächtigkeit zu deuten sind, sondern als tief reichende Schuttauffüllung weit ins Prätigau und sogar noch in dessen Seitentäler hineinziehen. Ich halte die tieferen Teile dieser Schuttauffüllung für interglazial; für die tiefsten Lagen ist wohl die Deutung als rißeiszeitliche fluvioglaziale Rückzugsschotter zulässig. Fluvioglaziale Kiesmassen der letzten Eiszeit reichen im Prätigau vielenorts ins Tal hinab und bilden teilweise den heutigen aufgefüllten Talgrund. Der Felsuntergrund liegt in beträchtlicher, wenn auch unbekannter Tiefe. In der Klus fand Rothpletz Moränen, und es ist nicht unmöglich, daß die Schlucht bis in beträchtliche Höhe einst'durch Moränenmassen gesperrt war und daß vorübergehend ein See existieren konnte, was auch von Prof. Heim angedeutet wird ( Geologie der Schweiz, S. 267 ). Bis zu einem gewissen Grade hätte also die Volksmeinung vielleicht doch recht gehabt; nur handelte es sich nicht um einen geschlossenen Felsriegel, sondern um vorübergehende, rasch wieder weichende Moränenaufschüttung in schon längst durchsägter Schlucht.

Nach meiner Auffassung wurden die enge Klus und das weite Becken des Vorder-prätigaus durch Flußerosion gleichzeitig gebildet. Die Gegend der Klus, heute im Volksmunde das „ Schloß " genannt, bot für die einst in höherem Niveau fließende Landquart die günstigsten Vorbedingungen für eine mächtige Resistenzstufe. Das Gestein ist, wohl infolge des größern Kalk- und Kieselgehaltes, viel widerstandsfähiger als weiter taleinwärts im Prätigau. Der enorme Überhang, unter welchem die Ruinen von Ferporta oder Fracstein liegen, findet in den Alpen seinesgleichen nicht leicht wieder, und auch der merkwürdig isolierte Punkt 1162 ( Mannas ) bezeugt die größere Gesteinshärte.Vielleicht ist auch die weithin sichtbare Felswand im Hauptwald bei Unter-Valzeina mit dieser Zone harter Gesteine in Verbindung zu bringen. Die Tiefenerosion war in diesem Gebiet resistenter Gesteine bedeutend verlangsamt. Talaufwärts wurde im Gebiet weicherer Schiefer die Landquart zu temporärer Breitenerosion gezwungen und darin mächtig von den starken Seitenbächen unterstützt. Man findet im Vorderprätigau noch Reste alter Felstalböden im Kapitel-hof ( 800—860 m ) südlich von Fanas, etwas tiefer auch bei Zuzenial, und auch die Felssockel der enorm hohen Kiesterrassen bei Grüsch und Schiers sind wohl als Reste alter Talböden zu deuten1 ). Als in der Klus die dem erwähnten mächtigen Überhang entsprechende Schicht durchsägt war, mochte der Fluß etwas weniger Widerstand finden, und es entstand talaufwärts als Folgewirkung der bei Grüsch und Schiers und unter Fanas so prägnant hervortretende Terrassenabsturz bei immer noch etwas gehemmter Tiefenerosion. Diese Vorgänge sind aber älter als die Bildung der großen eiszeitlichen Schottermassen, von denen die Felsterrassen heute teilweise bedeckt sind.

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Das ganze weite Bündnerland, sowohl im Rheingebiet als in den ennetbirgischen Tälern, ist mit seinem charakteristischen Wechsel von düsteren Riesenschluchten und breit geöffneten, sanfter fallenden, reich terrassierten und hoch hinauf besiedelten Talstrecken ein überaus großartiges Beispiel für die Mannigfaltigkeit und Vielgestaltigkeit der Landschaftsformen, welche die fluviatile Erosion durch das variable Stärkeverhältnis zwischen mehr oder weniger gehemmter Tiefenerosion und temporärer Breitenerosion zu schaffen vermag. Auch trog ähnliche Talstrecken finden in diesem Formenreichtum Raum; es ist gar nicht nötig, hierfür die glaziale Erosion herbeizuziehen. Unmöglich wäre für letztere, selbst wenn sie selektiv wirkend gedacht wird, die tatsächlich vorhandene Einebnung harter Viel ausgedehnter sind im Prätigau noch höhere, ältere Talbodenreste.

Über Talbildung in den Alpen und im Vorlande.

Gesteine auf das Niveau der weicheren Schichten in breiten Talböden. Das konnte nur der Fluß erreichen, der bei Breitenerosion sein Bett um das Vielfache der eigenen Breite seitlich verlegen kann, was dem Gletscher niemals möglich ist. Angesichts dieses Umstandes hat es auch keinen Sinn, den Gletscher in seiner Arbeitsweise und angeblichen Erosionswirkung einfach einem Fluß zu vergleichen oder gleichzustellen.

Einen der stärksten Beweise gegen die Glazialerosion bilden tatsächlich die Inselberge.Völlig unzutreffend ist die vergleichsweise Heranziehung von Kolk und Kolkschwelle im Flußtal. Der einzelne Kolk hat für das Tal herzlich wenig zu bedeuten; erst eine Vielzahl aufeinanderfolgender Kolke wirkt bestimmend auf den Charakter der betreffenden Talstrecke ( Enge oder Schlucht, mit Stufen ) und macht sich dann auch noch weit talaufwärts geltend durch temporäre Breitenerosion. Wenn man Kleines mit Gro- Gem überhaupt in Parallele setzen wollte, so müßte man Kolk und Kolkschwelle im Flußtal vergleichen mit Becken und Riegel im angeblich vom Gletscher übertieften Tal. Wer die Inselberge zwischen Oberriet und Götzis oder die Buchberge im Linthgebiet kennt, wird auch die Deutung zurückweisen, es seien hier vom Gletscher stehen gelassene Rie- t. Dr. E. Blumer. ( Aus dem Säntiswerk von Prof. Heim. ) Die Inselberge und Sporne der Gegend Oberriet-Götzis sprechen deutlich genug gegen die angeblich trogförmige Übertiefung des Rheintales.

gel nachträglich durch Flußerosion zersägt worden, denn die breiten schutterfüllten Einschnitte reichen tief unter die heutige Erosionsbasis, den Bodensee- und Zürichseespiegel. Auch selektive Erosion genügt nicht zur Erklärung der Inselberge, deren harte Gesteine einer das ganze Tal einst quer übersetzenden Zone angehören. Es bliebe noch die Annahme, eine schon vor Eintritt der letzten Vergletscherung vorhandene Erhebung sei durch Glazialerosion relativ erhöht worden, indem seitlich in der Tiefe die Abtragung stärker war als am obern Teil. Zunahme der Geschwindigkeit und Erosionskraft des Eises nach der Tiefe ist aber eine unbewiesene und ganz unwahrscheinliche Behauptung. 5. Für eine namhafte Zahl von kleinen Alpenseen kann derzeit eine befriedigende Erklärung noch nicht gegeben werden, während für die Mehrzahl die Entstehung durch Abdämmung, Auslaugung oder Spalten ( Klüfte ) nachgewiesen ist. Die noch unerklärten kurzerhand als durch Glazialerosion geschaffen zu betrachten, halte ich für verfrüht. Und selbst wenn es zuträfe, so läge in diesen winzigen Becken eher der Beweis für die Geringfügigkeit der Gletschererosion als für talbildende Wirkung im großen. Bei vielen kann man gewiß an Abdichtung des früher Unter- irdischen Abflusses durch feinen Glazialschlamm denken. In andern Fällen werden genauere Untersuchungen noch manchen erwünschten Aufschluß bringen. Denn es werden da mitunter ohne nähere Prüfung ganz haltlose Behauptungen aufgestellt. So nennt Herr Dr. Nußbaum in seinem übrigens lesenswerten und anregenden, jedoch das Beobachtungsmaterial gar zu einseitig im Sinne der Glazialerosion deutenden Büchlein „ Die Täler der Schweizeralpen " ( S. 42 ) den Voralpsee einen Karsee. Aber der Voralpsee ist bekanntlich ein typischer Abdämmungssee, gestaut durch einen aus der Gegend der „ spitzigen Köpfe " niedergegangenen großen nacheiszeitlichen Bergsturz, und von einem Treppenkar ist hier keine Rede.

Und nun gar die großen alpinen Randseen! Wenn man die verzwickten Formen eines Luganer- und Vierwaldstättersees der Aushobelung durch Glazialerosion zuschreiben will, so traut man den eiszeitlichen Gletscherströmen höchst eigenartige Winkelzüge zu.

6. Die Gründe gegen die Glazialerosion sind von Prof. Heim schon 1895 in seinem „ Handbuch der Gletscherkunde " übersichtlich zusammengestellt worden, ebenso neuerdings von Dr. E. Gogarten in seiner über die ganze Streitfrage trefflich orientierenden Schrift „ Über alpine Randseen und Erosionsterrassen, im besondern des Linthtales " ( Ergänzungsheft 165 zu Petermanns Mitteilungen 1010 ). In jüngster Zeit ist die 4. Lieferung der „ Geologie der Schweiz " von Prof. Heim erschienen, welche das Problem nochmals in gründlicher Weise behandelt. So vieles davon hätte ich für meine Antwort an Herrn Dr. Nußbaum gut brauchen können. Dennoch habe ich meine schon vorher geschriebene Entgegnung unverändert gelassen. Mögen die Clubgenossen die lichtvollen, auf fünfzigjähriger Erfahrung beruhenden Ausführungen von Prof. Heim an Ort und Stelle selbst nachlesen; sie werden reiche Anregung und Belehrung daraus schöpfen. Ist doch gerade das Kapitel der Talbildung so recht geeignet, jeden beobachtenden Touristen in hohem Grade zu fesseln. Hier kann ich füglich auf systematische Anführung aller in Betracht kommenden Faktoren verzichten und erwähne nur noch kurz gewisse Interglazialbildungen.

In unserer nächsten Nähe bilden die Schieferkohlen von Mörswil ein gewichtiges Zeugnis gegen die erodierende Tätigkeit der Gletscher. Ließ ich vor etlichen Jahren die Frage noch offen, ob es sich hier nur um eine interstadiale oder um eine wirklich interglaziale, zwischen zwei Haupteiszeiten abgelagerte Bildung handle, so haben mich erneute Begehungen entschieden vom interglazialen Alter überzeugt. Mit Herrn Dr. E. Scheibener in St. Gallen, der die Mörswiler Kohlen besonders eingehend untersucht hat1 ), gehe ich in einem Hauptpunkte einig, nämlich darin, daß es sich um eine Deltabildung in einen See handelt, in dessen Nähe unmöglich ein Gletscher existieren konnte. Die von verschiedenen Forschern festgestellte Lage der Kohlen und ihrer Begleitschichten zwischen zwei Moränen, ihre Flora ( darunter Eiche und dreiblättriger Fieberklee ) und ihre Schneckenfauna beweisen, daß sie in einer wirklichen Zwischeneiszeit bei wärmerem Klima gebildet worden sind und nicht etwa in einer Interstadialzeit in einem Stausee in Gletschernähe. Wie aber hätten die interglazialen Schieferkohlen erhalten bleiben können, wenn die nachfolgende würmeiszeitliche Gletscherbedeckung erodierend gewirkt hätte? Nicht umsonst wehrenDr. E. Scheibener, „ Zur Bewertung einiger Schieferkohlenvorkommnisse der Schweiz und Savoyens ". Dissertation, Bonn 1914. Vergleiche ferner Jahrbuch 1911 des Vereins oberrheinischer Geologen.

sich manche Verfechter der Glazialerosion verzweifelt gegen das interglaziale und für das interstadiale Alter der Schieferkohlen. Aber es muß anerkannt werden, daß Penck und Brückner hier nicht etwa einen Versuch künstlicher Umdeutung machen, sondern für Mörswil, Dürnten und Wetzikon und nachträglich auch für Uznach ( S. 1157 ) das interglaziale Alter zugestehen. Wie sie die Erhaltung der Kohlen mit Gletschererosion in Einklang bringen wollen, ist mir und anderen allerdings unerfindlich.

Es gibt aber auch in den eigentlichen Alpentälern interglaziale Bildungen. Den interessanten Hügel, Punkt 2112, im Rosegtal halte ich für eine interglaziale Schuttmasse, die der würmeiszeitliche Gletscher nicht wegzuschaffen vermochte. Dieser mächtige Trümmerwall wird heute vom Rosegbache in schluchtähnlicher Enge durchbrochen und erhebt sich hoch über das Niveau der fluvioglazialen Kiesmassen, ist aber nicht als Moräne aufzufassen. Im gleichen Tal beobachtet man noch an mehreren Stellen ähnliche alte Schuttmassen; auch im Grialetsch- und Dischmatale sind solche vorhanden. Sie sind durch ihr älteres Aussehen und durch ihre Lage leicht von den jungen Rückzugsbildungen der letzten Eiszeit zu unterscheiden. Vielleicht sind auch die großen Schuttmassen der Schwägalp auf der Nordseite des Säntis teilweise älter als die letzte Eiszeit, und eine genauere Untersuchung des verschiedenen Ver-witterungszustandes von Blöcken derselben Gesteinsart dürfte hier die Unterscheidung von altern und würmeiszeitlichen Trümmermassen ermöglichen. Dies gilt auch von der Gegend Wasserauen-Seealpsee. In vielen Alpentälern werden sich bei genauerer Nachforschung die interglazialen Trümmermassen als viel bedeutender und zahlreicher herausstellen, als man bisher annahm, und ein weiteres wichtiges Argument gegen die Glazialerosion bilden.

7, Herr Dr. Nußbaum täuscht sich also gründlich, wenn er glaubt, daß ich mich „ auch diesmal belehren lassen werde ". Ich trage absolut kein Verlangen nach Rückkehr zu der bestechenden, aber trügerischen Lehre von der Glazialerosion. Ich bin aus keinem andern Grunde von dem Glauben an die talbildende Kraft der Gletscher abgekommen als durch Beobachtungen auf Exkursionen, die ursprünglich zum Zwecke unternommen wurden, weitere Argumente für Glazialerosion aufzufinden. Dabei zeigte sich mir immer mehr, daß diese Theorie an nicht zu lösenden Widersprüchen leidet. Zu kraß sind die Gegensätze zwischen der Wirklichkeit und der Übertiefungslehre, zu gekünstelt die verzweifelten Versuche, die reiche Fülle der zu beobachtenden Landschaftsformen mit Aushobelung durch Gletscher in Einklang zu bringen. Den Vorwurf, die Ansicht gewechselt zu haben, muß ich mir freilich gefallen lassen. Ich weiß dies zu ertragen und halte es für richtiger, eine als falsch erkannte Theorie zu verlassen, als sie gegen bessere Überzeugung mit innerem Unbehagen beizubehalten. Jeder, der sich längere Zeit mit einem schwierigen Problem beschäftigt hat, weiß, daß er im Laufe der Jahre in den Fall kommen kann, früher gehegte Ansichten modifizieren oder gar aufgeben zu müssen. Da aber Herr Dr. Nußbaum den erwähnten Vorwurf in besonders anzüglicher und unterstrichener Form gemacht hat, so sehe ich mich, wenn auch wider Willen, zu einigen Erklärungen genötigt, die ich sonst lieber erst später und in anderer das persönliche Erlebnis weniger berücksichtigender Form gegeben hätte und die mir, wie ich hoffe, von den Lesern nicht als Anmaßung gedeutet werden.

Das Problem der Talbildung interessiert mich seit 29 Jahren, seit meinem Eintritt in den S.A.C., in dessen älteren Jahrbüchern ich neben den touristischen Aufsätzen mit besonderem Interesse die nach Inhalt und Form gleich fesselnden prächtigen Abhandlungen von Prof. Heim las. Später machte ich mich, soweit es mir möglich war, auch an seine bekannten großen Werke, las auch manche seiner kleineren lehrreichen Arbeiten, und unvergeßlich bleiben mir seine in St. Gallen gehaltenen Vorträge. So betrachte ich in dankbarer Verehrung unsern Altmeister Prof. Heim, obwohl ich nicht das Glück hatte, seine Vorlesungen besuchen zu können, dennoch als meinen Lehrer. Gewiß könnte mancher Clubgenosse ein ähnliches Bekenntnis ablegen.

Anfänglich leuchtete mir die Heimsche Theorie von der Talbildung in allen Teilen ein; später erregte mir die enorme Breite der oberen, älteren Talböden Bedenken. Ja, ich bezweifelte die Möglichkeit ihrer Entstehung durch fluviatile Erosion. Das war der Grund, warum ich mich vorübergehend der Lehre von der Glazialerosion zuwandte. Gletscher mit ihrem breiten Querschnitt erschienen mir, wenn sie wirklich erodierten, die aus den nun einmal tatsächlich vorhandenen alten Talbodenresten ( Terrassen ) zu folgernde große Breite plausibler zu erklären als das Hin- und Herpendeln von Flüssen in so hohem Niveau. Aber auch Penck und Brückner und selbst Heß müssen ihre breiten voreiszeitlichen Talböden durch Flußerosion entstehen lassen, wenn auch auf etwas andere Weise ( Penck und Brückner, S. 616 ). Und selbst zu jener Zeit, als ich noch fest an die Glazialerosion glaubte, erschienen mir gewisse Verhältnisse, wie z.B. die auf die Talweitung des Vorder-prätigaus folgende Klus, mit dieser Theorie nur schwer vereinbar. Mit den Jahren wandte ich mich aus schon genannten Gründen gänzlich von der als verfehlt erkannten Lehre von der Übertiefung der Täler durch Glazialerosion ab. Das mit der ganzen Talbildungsfrage im engsten Zusammenhange stehende Spezialproblem der oberen Talböden ließ mir aber niemals Ruhe. Ich habe es die Jahre hindurch verfolgt, mühsam, oft strauchelnd, in mehreren Punkten die Ansicht wechselnd, mit langen Unterbrechungen, stets gehemmt durch hier nicht zu erörternde Verhältnisse, oft an der Lösung des Problems verzweifelnd und dennoch immer wieder zu ihm hingezogen. Und das Resultat? Es ist bescheiden, sehr bescheiden, obwohl für mich von persönlichem Werte. Es ist wenig, ist nicht ein neues Ergebnis und kann doch etwas bedeuten; denn es ist in der Hauptsache nichts anderes als eine Bestätigung dessen, was unser verdientester Alpenforscher schon vor vier Jahrzehnten erkannt und ausgesprochenund seither unentwegt festgehalten und immer und immer wieder vertreten hat. Meine in den allerletzten Jahren in verschiedenen Alpentälern und namentlich im st. gallisch-appenzellischen Molassevorlande gemachten Beobachtungen nötigen mich, meine mehr als zwei Jahrzehnte hindurch gehegten Zweifel an der Möglichkeit außerordentlich breiter, durch Wassererosion geschaffener alter Talböden aufzugeben. Ich vertrete heute den Standpunkt: Prof. Heim hat recht mit seiner Deutung der alten hohen Felserosionsterrassen als Reste breiter, durch fluviatile Erosion gebildeter Talböden, sowie er auch recht hat in seiner Ansicht, daß die tieferen und tiefsten Partien der Talhohlräume ebensogut durch Flußerosion entstanden sind wie die älteren höheren, und wie er auch recht hat mit seiner allgemein gehaltenen Behauptung, daß die Landschaftsformen durch VerwitProf. Alb. Heim, „ Über die Erosion im Gebiete der Reuß ", Jahrbuch XIV des S A. C.

1878/79.

,;ä :^t:-*:- terung und Wassererosion sich durchaus befriedigend erklären lassen, abgesehen von der von niemand bestrittenen Glättung und Schrammung der Felsen durch Gletschertätigkeit. Dagegen scheint es mir, daß wir für die jeweiligen Neubele-bungen der Tiefenerosion nicht in erster Linie Hebungen annehmen, sondern die Ursachen im Gebirge selbst suchen müssen. Immerhin möchte ich nicht Hebungen während des Talbildungsprozesses als absolut ausgeschlossen erklären, und Senkungen der Erosionsbasis ( Rheintalgraben unterhalb Basel ) werden wohl allgemein zugestanden.

Aber, wird der geduldige Leser fragen, wäre es nicht einfacher gewesen, einem Forscher von der Erfahrung und dem Wissen eines Prof. Heim von Anfang an Glauben zu schenken, statt im Kreise herumzugehen und nach einem Vierteljahrhundert wieder da zu landen, wo man abgeschwenkt war?

Gewiß, es wäre einfacher gewesen. Wie es ja auch einfacher wäre, die weisen Lehren, die man in der Jugend erhält, zu beherzigen, anstatt im Leben den Kopf gegen die Wand zu rennen, um schließlich durch Schaden klug zu werden oder auch nicht. Ich bereue dennoch nicht den langen Irr- und Umweg. Man kann auf einem solchen doch auch manches sehen, was man sonst unbeachtet gelassen hätte, wie ja auch mancher Tourist auf einer nicht programmgemäß verlaufenen Bergfahrt mehr gelernt hat, als auf einer glatt abgewickelten Tour. Meine Überzeugung von der Richtigkeit des Hauptteiles der Heimschen Theorie ist heute viel fester gegründet, als wenn ich sie einfach auf Treu und Glauben angenommen hätte.

8. Unter sonst gleichen oder ähnlichen Umständen schneidet der wasserreichere Fluß sich tiefer ein. Man vergleiche Landquart und Plessur oder Linth und Wäggi-taler-Aa. Kleinere, in der Vertiefung zurückgebliebene Flüßchen mit ihren Seitenbächen sind heute für die Erkenntnis der Gesetze der Talbildung oft geeigneter und lehrreicher als größere, in der Ausgleichung des Gefälles weiter vorgeschrittene Gewässer. Sie bieten uns ein Bild des Zustandes, den einst auch die größeren Flüsse zu durchlaufen hatten. Geradezu ideale Verhältnisse zeigt in dieser Hinsicht das st. gallisch-appenzellische Molassegebiet zwischen Rhein und Linth. Vier Zonen von meist sehr harter Nagelfluh, mehrere Sandsteinzonen von verschiedener Härte und zahlreiche Zonen weicher Mergel, dazu eine Tektonik von geradezu geometrischer Regelmäßigkeit schaffen hier günstige Vorbedingungen für den Nachweis, daß die Anlage des Talsystems, die Enge und Weite der Täler, die Stufen und alten Talböden in hohem Grade abhängig sind von der ursprünglichen Hauptabdachung, von Gesteinsbeschaffenheit und Schichtenstellung, daneben aber in bestimmter Hinsicht doch wieder weitgehende Unabhängigkeit von diesen Faktoren aufweisen. Das Gebiet zeigt zahlreiche Felserosionsterrassen; Verwechslung mit Schichtterrassen ist in der gefalteten Molasse nahezu ausgeschlossen. Besonders deutlich, wenn auch meist von geringer Fläche, sind die Erosionsterrassen in der Nagelfluh.

Raummangel zwingt mich zu äußerster Beschränkung in der Angabe von Beobachtungen, welche gerade im erwähnten Gebiete meinen so viele Jahre hindurch gehegten Zweifeln an der Möglichkeit erstaunlich breiter älterer Talböden ein Ende bereiteten. Die unbedeutende Steinach hat bei St. Georgen einen 500 m breiten Talboden geschaffen; ungleich breiter aber waren ihre heute nur noch durch Terrassen angedeuteten älteren Talböden. Die kleine, 1 km lange, schmale, aber deutliche Ebene von Rotmonten-Rosenberg bei St. Gallen ist nur von ganz spärlichem Erratikum bedeckt, schneidet die Schichten, ist unzweifelhaft eine Erosionsebene und kann wohl nur als Teil eines einst viel größeren, heute nur noch in Resten vorhandenen Talbodens gedeutet werden. Lehrreich, geradezu imposant ist der Anblick des breiten Sitterbettes von Häggenswil bis Bischofszell. Schon hier kann man von der hie und da gehörten Meinung, die Schlucht oder „ Klamm " oder das V-Profil seien die typische Form des Flußbettes, gründlich kuriert werden1 ). Gehen wir in ein benachbartes, älteres Niveau, z.B. in der Gegend von Wittenbach oder Waldkirch, so werden die noch vorhandenen, aber mit Moränen oder Schottern bedeckten Talböden schon ungleich breiter; dies gilt auch für das appenzellische Molasseland. Für die höchsten Niveaus gelingt es wohl, die alten Talbodenreste in zusammen-gehörige Systeme von weitem Geltungsbereich zu bringen, während dies für die tieferen und tiefsten, für jeden Fluß gesonderten Niveaus nicht gilt.

Die hohen, oft breiten und weithinziehenden Erosionsterrassen der Alpentäler kennt wohl jeder aufmerksame Tourist zur Genüge. Besonders auffällig erschien mir von jeher die in 1600—1800 m gelegene mächtige Hochfläche des Landquartberges südlich von Schiers. Sie ist heute von kleinen Tälchen durchzogen, zeigt aber noch deutlich ihren Charakter als einstige, aus dem viel höheren Gebirgskörper herausgearbeitete Erosionsebene und erscheint uns nur noch als Rest eines früher noch viel breiteren und längeren Talbodens.

„ Was bleibt da von den Seitentälern noch übrig ?" fragte ich einst im Zweifel an die enorme Breite der alten Talböden. Verfolgen wir aber den Gedanken weiter, bis die Seitentäler und Seitenkämme verschwinden, so gelangen wir zu einer Ebene oder vielmehr zu einem System von Ebenen und schließlich zu einer allgemeinen Fastebene für den Anfang der Talbildung, und das ist gar nichts Absurdes. Denn daß der Alpenkörper in den Anfängen der Durchtalung eine solche Oberflächengestaltung besaß, wird von vielen Forschern angenommen, und auch das Gesetz von der Konstanz der Gipfelhöhen steht mit der Herausarbeitung aus einer Fastebene beziehungsweise aus einem System von Ebenen im Einklang. „ Von der Ebene wieder zur Ebene ", das ist der Anfang und das Ende der Talbildung.

Hier verdient nun auch die schon erwähnte Schrift von Dr. E. Gogarten eine bessere Würdigung als an früherer Stelle2 ). Seine scharfsinnige Studie fußt auf. ausgedehnten Beobachtungen im Linth-, Wäggital- und Zürichseegebiet, ist reich mit Zahlen belegt, bieget in genauen Profilen ein Bild der Terrassen des genannten Gebietes, verwendet die vollständige Literatur und gibt sehr interessante geschichtliche Rückblicke. Gogarten ordnete die Terrassen und kam zu 17 Systemen, einem Resultat, das zunächst enttäuschend wirkte. Mit einem gewissen Bedauern, daß aus so intensiver Arbeit keine positiven Schlüsse zu ziehen waren, legte man die Schrift aus der Hand. Denn was sollten uns 17 Terrassensysteme sagen? An ebenso viele Hebungen zu denken, erschien geradezu widersinnig. „ 17 ist auch eine Zahl ", heißt es scherzweise im Volksmund. Aber in der Frage der alten Talböden war damit scheinbar nicht viel anzufangen, und man sagte sich auch, daß die Untersuchungen in anderen Alpentälern gewiß nicht zu der gleichen, sondern meistens zu einer kleineren Zahl von Terrassensystemen führen würden. Meine Zweifel, ob es sich um so gewaltig breite, einheitliche fluviatile Talböden handeln könne, blieben damals noch bestehen, und ich suchte die Lösung in der Annahme von seitlich vereinigten Paralleltälern.

Heute aber, in Würdigung des Einflusses der Resistenzstufen auf die temporäre Breitenerosion, erscheinen mir die 17 Systeme, zu denen Dr. Gogarten gelangte, in einem etwas anderen Lichte. Man könnte an die 17 oder 18 Bänke harter Kalknagelfluh denken, die zwischen Reichenburg und Niederurnen mit weichen Mergeln wechsellagern und die ebenso vielmaligen, heute noch in Terrassen und Stufen angedeuteten Wechsel von Breiten- und Tiefenerosion bedingen konnten. Aber so einfach ist die Sache gewiß nicht. Zwar bei Niederurnen, wo nach den Gogartenschen Profilen die Terrassen geradezu schwarmweise auftreten, dürfte man als tiefste Ursache in der Tat den erwähnten Gesteinswechsel betrachten. Aber an ein weiteres gesondertes Rückwärtsgreifen in den hintern Teil des Glarnerlandes vermag man kaum zu glauben. Es treten auch hier wieder schwarmweise Terrassen auf, und hier müßte man als Ursache eher den Gesteinswechsel in den- Jura- und Kreideschichten der Gegend von Glarus annehmen. Damit sieht man sich vor die Frage gestellt, ob die von Dr. Gogarten durchgeführte Verbindung der Terrassen zu ausgeglichenen Talböden für die ganze Tallänge berechtigt ist. In höherem Niveau konnte die Linth ebensogut Wechsel von Talböden und Schluchtstufen zeigen, wie heute das Wäggital. Temporäre, lokale Ausgeglichenheit war ja allerdings auch möglich, denn „ lokal " kann in dieser Frage sowohl wenige Kilometer als auch das Zehnfache davon bedeuten. Das hängt wesentlich von der Mächtigkeit der im Unterlauf des Flusses noch nicht beseitigten Resistenzstufen ab.

Möchte es Herrn Dr. Gogarten gelingen, seine große Arbeit durch den Nachweis zu krönen, daß der Wechsel von Terrassen ( alten Talböden ) und Stufen seine Ursachen im Gebirge selbst hatte, nämlich im Gesteinswechsel und in der durch Konfluenz und Ablenkungen beeinflußten Wasserführung. Ich glaube, daß sich für das st. gallisch-appenzellische Molassegebiet und auch für das Prätigau ein solcher Nachweis leisten ließe. Aber für das Linthtal wären in der Arbeit von Dr. Gogarten die nötigen exakten Grundlagen schon vorhanden, und die auf solchem Material beruhenden Resultate wären höchst wertvoll.

Flußablenkungen in früher Zeit haben für den heutigen Verlauf der Täler bestimmend mitgewirkt, vielleicht durch Vermehrung oder Verminderung der Wassermenge auch in der Stufen- und Terrassenfrage eine wichtige Rolle gespielt. Aber es ist derzeit kaum möglich, diesen Schluß bestimmt zu formulieren. Für sehr beachtenswert halte ich die Ansicht von Dr. Gogarten, daß die Linth in hohem Niveau, als die sehr- widerstandsfähige Nagelfluhzone Speerllirzli noch nicht durchsägt war, sich in der Richtung Sargans dem Rheine zuwandte.Vom Säntis aus gesehen, macht auch das obere Toggenburg ( etwa vom Leistkamm-Hädernberg-Schindelberg an ) durchaus den Eindruck, daß es sich in frühem Stadium der Talbildung über Wildhaus nach dem Rheine entwässerte. Die Steinach bei St. Gallen wandte sich einst mit viel größerem Einzugsgebiet, das ihr teilweise durch die Goldach entrissen wurde, der Sitter zu und ist heute durch Ablenkung nach dem Rheingebiet ( Bodensee-. furche ) zum Flüßchen eines Hakentales geworden. Es scheint, daß Ablenkungen in den Zeiten temporärer Breitenerosion bei etwas verschiedenem Gefälle benachbarter Täler besonders leicht zustande kamen, wobei jeweilen einem rückwärts-greifenden Seitenbache des ablenkenden Flusses die Hauptrolle zufiel. Auf diese A. Ludwig.

Weise sind wohl auch Gaffia und Partnun, die einst über Aschüel nach dem Schraubach sich entwässerten, in der Richtung Dalfazza der Landquart tributar geworden. Flußablenkungen und Flußanzapfungen waren sehr häufig und sind da und dort auch heute noch im Gange; im kleinen z.B. beim Untern Brand ( 832 m ) bei St. Gallen.

9. Mit voller Berechtigung kann Herr Dr. Nußbaum meine Ansicht über die seitliche Vereinigung von Paralleltälern ( richtiger Paralleltalstücken ) angreifen. Denn hier handelt es sich noch um keine wohlfundierte Theorie, sondern um eine Hypothese, die mich selbst nicht völlig befriedigte, weil mir immer noch ein notwendiges Glied in der Kette der Vorgänge zu fehlen schien. Und wenn ich dasselbe jetzt auch gefunden zu haben glaube und es für möglich halte, daß die erwähnte seitliche Verschmelzung in höheren Niveaus der Talbildung eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt hat, so frage ich mich dennoch, ob das erwähnte Prinzip für große Verhältnisse allgemein anwendbar sei und ob ich es nicht verfrüht auch für die tieferen Niveaus angewendet habe.

Die Karrenbildungen habe ich schon früher ( Jahrbuch XLIX S.A.C. ) als Kleinmodell für gewisse Vorgänge der Talbildung bezeichnet. Vereinigung mehrerer seichter Parallelrinnen zu einer einzigen tieferen Rinne konnte ich wiederholt beobachten, so noch vorletzten Sommer in den Karren des Schrattenkalkes zwischen Thierwies und Säntis und zwischen Säntis und Meglisalp. Dabei drängte sich das fehlende Kettenglied von selbst auf. Die Vereinigung der Parallelrinnen vollzieht sich auf einer etwas weniger geneigten Gesteinspartie, auf einer Art von Horizontalterrasse in dem nicht durchgehend gleichmäßig ausgebildeten Kalkstein. Die Verschmelzung beruht also auf lokaler ( temporärer ) Breitenerosion bei etwas gehemmter Tiefenerosion. Nun lassen sich die vorwiegend chemischen Erosionsvorgänge der Karren- Pliot. Bruno Beck, Museum SL Gallen. ( Säntisrelief von Prof. Heim. ) ( Rheintalevseite des Säntisgebirges. ) Links von der Bildmitte Vereinigung von Parallelrinnen zu einer breiteren und tieferen Rinne.

bildung nicht ohne weiteres auf die mechanischen Vorgänge der Flußerosion in größeren Verhältnissen übertragen. Aber ich beobachtete ähnliche Erscheinungen in größerem Maßstabe an den steilen Wänden zwischen Altmann und Wildhauser Schafberg. Parallele Rinnen durchsetzen die steile Schrattenkalkwand und vereinigen sich darunter auf sanfter geneigtem Neokomgehänge auf öfters pultförmigen Ab-lenkungsstellen. Noch auffälliger sind die Verhältnisse auf der Nordseite des Höhenzuges Horst zwischen Meglisalp und P. 2158. Hier vereinigen sich die aus steiler Felswand herabkommenden Parallelrinnen auf weniger steilem Gehänge in trichterförmigen Nischen, deren gelbgraue Farbe sich von den zwischen den Nischen stehengebliebenen grünen kegelmantelartigen Rasenvorsprüngen merkwürdig abhebt. Darunter folgt in steiler Felswand ein neues System von Parallelrinnen. Ähnliche Erscheinungen waren bei tadelloser Sicht vom Säntis aus auch in der Ferne zu beobachten, z.B. auf der Nordostseite der Falkniskette gegen Laveina und am Absturz des Panüeler Schroffen ( Scesaplana ) gegen Solaruel. Und weit im Süden schien der herrliche Piz Palü mit seinen charakteristischen Parallelrippen und Furchen an die Geltung des gleichen Gesetzes für die eigentlichen Hochgebirgsformen zu erinnern.

In den Karrenbildungen geht an der Vereinigungsstelle der bisher zwei Parallelrinnen trennende Rücken oft in eine hoch über der neuen tieferen Rinne verlaufende Terrasse aus. Auf sanfter geneigten Gesteinspartien sieht man in den Karren mitunter auch noch andere interessante Formen, richtige „ Kare " im kleinen 1 ), förmliche Lehnstühle mit breitem tiefem Sitz zwischen ausgeprägten Gratkanten. Auch beobachtet man unter der die Vereinigung der Rinnen befördernden horizontalen terrassenartigen Partie oft ein neues System von seichten Rinnen, von denen manche wohl als geköpfte alte Rinnen anzusehen sind, während andere als wirkliche Neubildungen erscheinen. Kurz, die Karrenbildungen erscheinen mir höchst lehrreich für das Studium der Talbildung; leider aber wird jeweilen, wenn die Sache besonders interessant zu werden verspricht, das ganze System abgeschnitten durch fast horizontal verlaufende oder schief abwärts ziehende, breite und tiefe kluftartige Rinnen, von denen ich die Analogie mit den großen Längstälern der Alpen noch nicht zu behaupten wage.

Ich halte den Gedanken von der Entstehung mancher Talhohlräume aus vereinigten Paralleltälern für der Prüfung würdig und glaube, daß er sich bis zu einem gewissen bescheidenen Grade mit der Heimschen Theorie vereinigen läßt. Ich habe mich allerdings auch schon gefragt, ob nicht umgekehrt aus breiten alten Talböden durch neubelebte Tiefenerosion Paralleltäler hervorgegangen seien. Dann aber fragt es sich, ob jene Ebenen nicht ihrerseits wieder aus der Vereinigung von noch älteren Paralleltälern entstanden sind. Lassen wir alles Hypothetische beiseite, so sehen wir in der Natur immerhin einen Vorgang, der an die seitliche Vereinigung von Paralleltalstücken erinnert, nämlich die Vereinigung mehrerer Kare zu einem einzigen Großkar oder zu einer weitgedehnten Terrasse2 ).

10. Herrn Dr. Nußbaum gegenüber bemerke ich zum Schlüsse, daß seine Ausführungen meine Ansicht über die Geringfügigkeit der Glazialerosion nicht im geringsten haben ändern können. Anderseits bilde ich mir auch nicht ein, daß meine Argumente ihn nun zu einer Änderung seiner Auffassung bewegen werden. Aber ich glaube bestimmt, daß sich Herr Dr. Nußbaum als eifriger Beobachter im Laufe der Jahre von der Natur selbst belehren lassen und seine Ansichten über die talbildende Kraft der Gletscher aufgeben wird. Ich.weiß aus eigener Erfahrung sehr wohl, daß sich fast jedem für Flußerosion vorgebrachten Grunde theoretisch ein Argument für Glazialerosion gegenüberstellen läßt. Aber eines haben die Verfechter der Flußerosion sicherlich voraus: Auch heute noch sehen wir das Wasser an der Arbeit; in historischer Zeit, ja noch bei Menschengedenken, haben Flüsse ihr Bett in ansehnlichem Maße vertieft oder verbreitert, während noch niemals beobachtet worden ist, daß ein Gletscher sein Felsbett in jüngster Zeit nennenswert verändert hätte, und wenn die von Lyell ausgesprochene, für die moderne Geologie so fruchtbringend gewordene Erkenntnis, daß sämtliche in früheren erdgeschichtlichen Perioden erfolgten Ereignisse durch heute noch wirksame Kräfte und Erscheinungen zu erklären sind, auch auf die Talbildung angewendet wird, so ist diese auch in den tieferen Niveaus eben durch die Vorgänge erfolgt, die wir heute noch vor unseren Augen sich abspielen sehen: durch Verwitterung und Flußerosion.

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