Überfordert, erschöpft, verirrt Berggänger sind häufig blockiert

Hinter gut einem Viertel aller Notfälle in den Bergen steckt eine Blockierung. Besonders hoch ist der Anteil auf Klettersteigen. Häufig haben die Betroffenen ihre Tour unterschätzt.

Seit Jahren steigt die Zahl der Bergnotfälle fast stetig an und hat 2018 mit deutlich mehr als 3000 Personen einen Höchststand erreicht («Die Alpen» 04/2019). Doch nicht hinter jedem Bergnotfall steckt ein Unfall. Im langjährigen Durchschnitt kann gut ein Viertel aller Beteiligten von der Bergrettung gesund oder nur leicht verletzt gerettet werden. Man spricht in diesen Fällen von Blockierungen. Mit anderen Worten: Die Betroffenen sind nicht mehr in der Lage, ihre Tour fortzusetzen oder umzukehren, sie haben sich verirrt oder stecken fest. Die Ursachen solcher Ereignisse sind je nach Tourenart unterschiedlich:

Die Tour wurde nur ungenügend oder gar nicht geplant und die Auswahl des Ziels nicht auf die persönlichen Ressourcen abgestimmt (Fitness, alpintechnisches Können, Zeitbudget, Verhältnisse). Die Folgen sind Erschöpfung, Überforderung, einbrechende Dunkelheit usw.

Unerwartete Verhältnisse, ein Wettersturz oder höhere Gewalt (verklemmte Seile, Naturgefahren, Materialversagen) tritt auf.

Hoher Anteil auf Klettersteigen

Der hohe Anteil von Blockierungen am gesamten Bergnotfallgeschehen ist nicht zuletzt auf die Alarmierungen mit den Mobiltelefonen zurückzuführen, die ungefähr seit den 1990er-Jahren auch im Gebirge ziemlich flächendeckend möglich sind. Da erst seit 2005 die vollständigen Zahlen aller Geretteten zur Verfügung stehen, sind Vergleiche mit früheren Jahren nicht möglich. Seit 2005 hat der relative Anteil von Blockierungen am ganzen Bergnotfallgeschehen nicht mehr zugenommen, zeigt sich aber je nach Aktivität sehr unterschiedlich. Mit fast 60% weitaus am höchsten ist er auf Klettersteigen. Klettersteige werden offensichtlich häufig unterschätzt. Zudem ist die Einstiegshürde tief, weil sich am Ausgangspunkt die erforderliche Ausrüstung oftmals einfach mieten lässt.

Eine plötzliche Häufung am Doldenhorn

Auch bei Hochtouren ist der relative Anteil an Blockierungen mit rund 45% hoch. Stellvertretend für viele derartige Notlagen stehen die Ereignisse am Doldenhorn, wo im Sommer 2018 bei 4 Rettungseinsätzen insgesamt 14 blockierte Alpinisten gerettet werden mussten. Das 3638 Meter hohe Doldenhorn war vor Jahrzehnten vor allem wegen des Galletgrats ein sehr beliebtes Tourenziel und wurde auch im Rahmen von SAC-Sektionstouren häufig begangen. Im oberen Abschnitt bot dieser Grat fast eine reine Firntour. Seit den 2000er-Jahren ist er im Sommer mehr und mehr ausgeapert, und die wenigen übrig gebliebenen Firnpartien sind oft vereist. Obwohl die heikelsten Abschnitte mit Ketten versehen sind und der letzte Aufschwung vor dem Gipfel gar mit einer Strickleiter, ist diese Route deutlich heikler und anspruchsvoller geworden. Wie bei vielen ähnlichen Touren ist es deshalb wichtig, ein ideales Zeitfenster auszuwählen. Das steht auch im SAC-Führer. So wird die Route seit einigen Jahren nicht mehr oft begangen, und Rettungseinsätze am Doldenhorn sind eher selten. Weshalb dann plötzlich diese Häufung? Offenbar kursierte im Internet ein ziemlich euphorischer Tourenbericht, auf den sich andere Berggänger etwas leichtfertig verlassen haben ...

Sinnvolle Einsätze oder Vollkaskomentalität?

Berggänger, die in einer Blockierungssituation die Bergrettung alarmieren, haben sowohl in der breiten Öffentlichkeit wie auch in Alpinistenkreisen keinen guten Ruf. Tatsächlich ist es stossend, wenn wegen verfehlter Tourenplanung bei einbrechender Dunkelheit mit der Begründung «Erschöpfung» nächtliche «Taxidienste» angefordert werden. Denn nächtliche Rettungsflüge oder Suchaktionen zu Fuss bergen für die Retter auch mit moderner Technik zusätzliche Risiken und Unwägbarkeiten. Auf der anderen Seite gibt es aber begründete Fälle, in denen Berggänger besser die Rettung alarmieren. Denn in vielen Blockierungssituationen kann so letztlich ein schwerer Unfall verhindert werden.

Blockierungen können auch tragisch enden. So sind von 2005 bis 2018 insgesamt 51 Tourengänger wegen einer Blockierung ums Leben gekommen. Hauptursachen: Die Person ist allein unterwegs gewesen, oder äusserst schwierige Wetterbedingungen haben einen Rettungseinsatz verunmöglicht. Dazu der Hinweis eines sehr erfahrenen Rettungsspezialisten: «Wenn unerwartete Probleme auftreten, sollte man umkehren, solange man dazu noch in der Lage ist.»

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