Uebergang vom Erstfelder- in's Leutschechthal

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Von Prof. Schiess-Gemuseus in Basel.

Uebergang vom Erstfelder- in 's Leutschechthal Die Aufgabe unseres schweizerischen Alpenclubs ist bekanntlich eine mehrfache, wie der 1 unserer Statuten dies deutlich ausdrückt. Er will das schweizerische Hochgebirgsland allseitig genauer erforschen, näher bekannt machen und dessen Besuch erleichtern. Die Bergbesteigungen sind also nur Mittel zu diesem Zweck und zwar nicht einmal das Mittel, sondern nur ein solches. Es ist vielleicht ganz am Platze, sich dies hie und da einmal klar zu machen und sich zu sagen, dass verschiedene Bestrebungen nicht nur ihre Berechtigung unter uns haben, sondern absolut da sein müssen, soll der Verein leben und gedeihen. Der Tourist mit und ohne Gletscherseil und Bickel, der Gipfelbezwinger und Passliebhaber, der Botaniker und Geologe, der Zoologe und der Ethnologe, sei er nun Dilettant oder eigentlicher Fachgelehrter, der Militärschriftsteller und Ingenieur und « last not least » auch der Liebhaber von Allem, was sich um Berge dreht und um Schweizer- berge speziell, wenn ihm auch sein Gangwerk oder Herz und Lunge jegliches Steigen unmöglich machen, sie alle haben Platz, vollen, gleichen Platz in unserer Mitte; sie alle sind uns nothwendig. Offen gestanden scheint es mir immer, dass die Spitze der Schöpfung, der Mensch der Alpen bei unsern literarischen Produktionen viel zu kurz komme, und ich spreche hier nicht nur von dem, was wir in Basel schreiben und vorlesen, sondern auch vom Jahrbuch. Es hat das freilich seine guten Gründe. Leider macht die kleine Skizze, die ich Ihnen heute zu bringen mir erlaube, hievon keine Ausnahme!

Als unsere kleine Gesellschaft, bestehend aus meinem Bruder, meinem bald 11jährigen Knaben und mir, am Morgen des 29. Juli 1875 in das kleine Wirthshaus in der Klus, der Mündung des Erstfelderthal gegenüber, eintrat, war der Himmel ziemlich nebel-umhangen. Wir waren nicht allzufrüh von Flüelen aufgebrochen, der zweifelhaften Wetteraussichten wegen, und wollten uns erst in der Klus entscheiden, ob unser Plan, den Uebergang vom Erstfelderthal in 's Leutschechthal zu versuchen, praktikabel sei. In der Frühe hatte mich ein deutscher Tourist, mit dem ich auf der Terrasse des Kreuz in Flüelen bei meinen meteorologischen Beobachtungen zusammentraf, gefragt, ob es wohl gerathen wäre, in 's Gebirge vorzudringen. Da dieses Vordringen für ihn eine Wagenfahrt auf den Gotthard bedeutete, konnte ich ihn schon ermuntern; für unser Ziel mussten wir aber etwas höhere Anforderungen stellen. In Schaddorf waren wir Zeugen der kriegerischen Vorbereitungen zur Unterdrückung des Arbeiterputsches in Göschenen. Ein ziemlich buntes Durcheinander vor dem alten Zeughaus versetzte uns in die Zeiten, wo noch keine stramme Centralisation den wehrhaften Landmann leitete, wo noch eine breite Strasse für den Individualismus des Eidgenossen bestand. Der Umstand, dass die militärischen Spitzen mit dem Doktor in einem Zweispänner dem Gewalthaufen vorausfuhren, bestärkte uns in der Hoffnung, dass der Aufruhr, welcher, von der geschäftigen Fama vergrössert, schon gestern Abend in Flüelen der Gegenstand unserer Unterhaltung gewesen war, in Wahrheit nicht so bedenklich sei. Diese Hoffnung und ein feiner Regen, der während des Frühstücks in der Klus zu fallen begann, erlaubten es uns, mit Musse das Pro und Contra und auch das Quo modo zu erwägen. Den Plan, den erwähnten Uebergang zu versuchen, hatte das farbenreiche Itinerar unseres Clubgenossen, Dr. Christ, geboren; einen zünftigen Führer schien die Tour nach der dortigen Schilderung nicht zu verlangen, irgend ein biederer Eingeborner schien dazu zu genügen.

Bekanntlich ist das Erstfelderthal, den meisten Clubgenossen wohl aus eigener Begehung bekannt, eines jener kurzen, rasch ansteigenden Seitenthäler des Reussthals, wie sie vom Ende des Vierwaldstättersees beginnend, in rascher Aufeinanderfolge an der linken Thalseite sich öffnen, zuerst also Isenthal, dann Gitschenthal, Waldnacht-thal, Erstfelder- und Leutschechthal; ich gehe nicht weiter südlich. Die nördliche Wand des Erstfelderthal wird von den steilen Kalkschieferwänden des Schlossberg, Geissberg und Sonnigstock's gebildet, die sich gerade von den Ufern des Fulensees sehr vortheilhaft präsentiren, be- sonders in einer so schönen Abendbeleuchtung, wie wir sie am 29sten hatten. Zieht man die Axe des Thals, so trifft ihr westliches Ende noch die vorspringende Ecke der Schlossberg - Pyramide, während doch der eigentliche hintere Abschluss des Thals neben dem Schlossberg durch die beiden Spannörter gebildet wird, an die sich, bereits mehr der südlichen Thalwand angehörig, der Krönte, wie er jetzt richtig auf der Karte heisst, ehemals Krönlet genannt, anschliesst. In seinem hintern Theil wird das Erstfelderthal durch eine westlich fortstreichende Felsleiste in zwei ungleiche Theile getheilt, eine nördliche, das eigentliche Thal mit dem Thalwasser, und eine südliche, die in ihren äussern, östlichen Partien eigentlich mehr einen Berghang darstellt und erst zuhinterst in ein breites Bassin mündet, in welchem der Fulensee liegt mit der Fulenseealp; über diesem theilweise versumpften Seebecken liegt ein zweites, den Obersee beherbergend, von dem ein stattlicher Bach zur Fulenseealp niederstürzt. Der Obersee bezieht sein Wasser aus dem Glattenfirn, der sich an die Westseite des Krönte und die Ostseite der Spannörter anlegt. So viel zur Orientirung; das Weitere mag sich aus der Erzählung ergeben. Nach Nager's Schilderung steigt man von der Wischfluhalp aus auf die Terrasse, die im Hintergrund den Fulensee beherbergt. Unsere erste Erkundigung galt also dieser. Weder die Wirthin noch ihre zu Rathe gezogenen Gewährsmänner unten in der Stube wollten von einer solchen Alp etwas wissen. Zwar hatte ich dieselbe auf der Excursionskarte ebenfalls vergebens gesucht, und auch bei mehrfacher späterer Erkundigung im Erst- felderthal selbst und bei den Sennen der Fulenseealp wollte sie Niemand kennen, aber einstweilen glaubte ich noch an das Itinerar und später musste ich mir sagen, dass wahrscheinlich die Kühplankenalp auf irgend eine Weise zu diesem Namen gekommen sei.

Da wir erst auf der Alp einen Führer nehmen wollten, uns auch die Möglichkeit vorschwebte, heute noch in 's Leutschech zu kommen, was auch bei andern Verhältnissen wohl möglich gewesen wäre, versahen wir uns nur mit wenig Proviant, unser Ziel war also die Fulenseealp, da diese jedenfalls auf dem Uebergang berührt werden musste und sie auf der Karte zu finden war. Da ich bei einem frühern Uebergang über die Schlossberglücke das eigentliche Thal bis in seinen Grund durchmessen hatte, zog ich vor, bei Sulzwald den auf der Karte angegebenen Pfad auf die früher erwähnte südliche Thalterrasse einzuschlagen, der eine direkte Einmündung in das Fulenseebassin versprach. Ein nachfolgender Geissbub dient als provisorischer Führer. Ziemlich steil und mühsam zieht sich der steinige Weg in die Höhe. Die Sonne hatte inzwischen längst die Morgennebel verscheucht und brannte recht kräftig auf uns; rechts hatten wir das steile Felsband, das uns vom eigentlichen Thal trennte, und erst kurz vor dem Fulenseebassin gewannen wir eine sanfte Steigung mit einem herrlichen Blick auf den Schlossberg, die Spannörter und den Krönte. Eine Unmasse noch blühender Alpenrosen lud uns ein, die Hüte zu schmücken, und bald sahen wir die kleine Ebene zu unsern Füssen, in welche der Bach vom Obersee herunterstürzt, und auf der wir mit Vergnügen eine An- zahl Kühe weiden sahen. Unser junger Führer hatte nämlich bezweifelt, ob die Alp schon bezogen sei, da sie nur wenige Spätsommer-Wochen befahren wird. Nachdem wir den Thalkessel erreicht, musste der ziemlich mächtige Bach theils übersprungen, theils durchwatet werden, ehe wir hoffen durften, in den Hütten den erwünschten Führer zu finden. Aber der Rückschluss von Kühen auf Menschen war ein unrichtiger gewesen. Die Hütten waren leer; doch eine Anzahl gefüllter Milchgefässe tröstete uns. Die Sennen konnten nicht weit sein, zum untern Stafel wollten wir nicht hinabsteigen, und da es erst 2 Uhr war, beschlossen wir zu warten. Da die Sennen erst nach 5 Uhr eintrafen, hatten wir alle Musse, uns auf der Fulenseealp etwas umzusehen. Etwa 10 Minuten abwärts von den Hütten liegt der kleine See, der bis nahe zum Felsen-absturz sich erstreckt, der den grossen Thalkessel von diesem alten Seebecken trennt. Seine Ufer sind nach Osten und Norden ziemlich versumpft, während südwärts die steil abfallenden, zum Theil völlig kahlen, und sehr glatten Gneissplatten bis in den See hinunterreichen und unsern Versuch, hier den See zu umgehen, noch zu allerletzt vereitelten. Als ich 's von der andern Seite versuchen wollte, kamen die Sennen, die noch in der untern Hütte wohnten und nur zum Melken heraufstiegen; erst am nächsten Tage wollten sie vollends hinaufziehen. Nach einigen Pourparlers erklärte sich der eine bereit, uns am nächsten Morgen am Leidensee vorbei in 's Leutschech zu bringen. Auf den Vorschlag, mit ihnen zum untern Stafel zu gehen und dort zu übernachten, gingen wir nicht ein. Freilich war hier oben Nichts zu finden, als etwas kalte Milch, die Kochgeschirre waren noch drunten. Nachdem die Kühe gemolken und unser Führer uns noch etwas feuchtes Riedheu zum Lager gestreut, dessen Kopfkissen ein Räf und eine Milchdause waren, wurden wir unserm Schicksal überlassen, die einzigen menschlichen Bewohner der Fulenseealp. Der Führer selbst wollte unser Lager nicht theilen, versprach aber am Morgen um 4 Uhr präzis hier zu sein. Der Himmel war vollständig klar und versprach für morgen einen schönen Tag. Da keine Thüre in der Hütte sich befand, sondern nur ein Laden, der mit einem Stock gestützt wurde, brauchten wir für gute Ventilation nicht zu sorgen. Dass die ganze Nacht das Feuer nie ausging, mag dafür sprechen, dass Morpheus uns nur spärlich seinen Mohn gestreut. Um 4 Uhr war der Führer bestellt worden, wir waren um 3 Uhr schon auf den Beinen; Toilette war bald gemacht; das Frühstück bestand aus etwas Chocolade, unsere Vorräthe waren gestern auf 2/ä Flasche Wein, ein Stück Wurst und etwas Brod reduzirt worden, wenig genug für drei Mann, und mussten jedenfalls bis zur Leutschechhütte reichen, sie durften also nicht angegriffen werden. Um 4 Uhr war es zwar schön hell, aber noch kein Führer da; wir hatten ihm schon gestern unsere Absicht kund gethan, am Obersee vorbei zu gehen; so stiegen wir einstweilen langsam zum Obersee empor, in der Hoffnung, er werde nachkommen. Bis zur Höhe des kleinen Wasserfalls gehts steil hinauf, dann ziemlich eben gegen den kleinen Obersee, in welchen die Schneehänge vom Krönte herunter reichen. Hier prä- sentirt sich die Lücke, welche zwischen Krönte und Männtliser einschneidet. Da hinüber führt der nächste Weg in 's Leutschech; nach Aussage eines der Sennen muss aber der Niedersteig auf der andern Seite etwas schwierig sein und ein Seil erfordern; ein Blick auf die Karte lässt diese Aussage plausibel erscheinen. Bis wir wieder den Bach überschritten und langsam ansteigend gegen die steilen Abhänge des Paukenstocks uns gewendet, war es über 5 Uhr geworden. Wir waren wieder in Sicht der Hütte; aber weder bei dieser, noch vom hintern Ende des Sees etwa war ein menschliches Wesen zu erblicken; unser Eingeborne hatte sich offenbar die Rechnung gemacht, die Herren werden wohl warten, bis er komme, und nach Leutschech hinüber pressire es nicht. Wir waren aber bald entschlossen, auf den unzuverlässigen Menschen nicht länger zu warten und mit unserer Excursionskarte in der Hand und dem Itinerar den Versuch auf eigene Faust zu machen.

Nach der Karte schienen zwei Möglichkeiten vorzuliegen, entweder zwischen Paukenstock und Ruchen die Höhe der Thalscheide zu erklimmen und sich dann östlich zum Leidensee hinunterzulassen, oder aber den Ruchen ebenfalls zu umgehen und dann zwischen diesem und dem Jakobiger die Passhöhe zu gewinnen, wobei man dann unmittelbar den Leidensee treffen müsste. Das Itinerar liess mich dabei im Stich, wenigstens war es mir trotz wiederholten Lesens nicht möglich, herauszubringen, welchen Weg Herr Nager eingeschlagen. In seiner Relation ist von einem Hundszingel und Gwasmet die Rede, die auf der Karte nicht angegeben sind. Ich beschloss, den ersten Weg einzuschlagen, auf dem wir auch zum Leidensee gelangt sein würden, wenn die Excursionskarte ganz richtig gezeichnet wäre. In Wirklichkeit besteht aber der Sattel, in welchem das Wort Ruchen in der Karte steht, nicht, sondern der auf der Karte steil schraffirte Vorbau des Ruchen setzt sich continuirlich ansteigend direkt in Verbindung mit den ostwärts streichenden Felsmassen des Scheide-gebirgs zwischen Erstfelder- und Leutschechthal. Wahrscheinlich ist der Punkt 2282 m auf der Karte der Gwasmet, und der Vorbau des Ruchen heisst Hunds-zingel. Dann ist aber der Leidenseepass jedenfalls viel vortheilhafter so zu überschreiten, dass man von der Mitte des Erstfelderthal aus direkt zur Eienalp ansteigt und in gerader Linie den Leidensee gewinnt und von dort den leichten Abstieg in 's Leutschech.

Wir wandten uns zunächst, ziemlich in gleicher Höhe uns haltend, auf bequemem Wege, zum Theil über mächtige Gneissplatten, gegen den Paukenstock, und umschritten die steilen Felswände desselben, wobei sich rückwärts der schönste Blick auf die Spannörter, Schlossberg und Krönte, vorwärts auf die schon klar schimmernden Häupter der Nordwand des Maderanerthals und des Schächenthals erschloss. Nachdem wir den Paukenstock umgangen, lag zu unsern Füssen eine Hütte, die wir als Eienalp diagnosticirten; vor uns und nach rechts zogen sich langsam ansteigende Trümmerhalden gegen den Fuss des Ruchen. Ein Murmelthier huschte mit lautem Pfiff über die Steine, hinter denen es verschwand.

Unsere prüfenden Blicke ruhten auf dem vor uns liegenden Gebirgskamm. Werden wir hinaufkommen und wo am besten? Von dem felsigen Vorbau des Ruchen zog sich eine steile Schneekehle herunter; weiter oben schien der Stock mit dem ost- und westwärts schweifenden Gebirgskamm zu verschmelzen. Einen Absatz, wiedieKarte ihn angab, vermochten wir nicht zu entdecken. Rechts von der Schneekehle dehnte sich ein Anfangs mässig, später steil ansteigender Hang aus, mit unzähligen kleinern und grössern Trümmern übersät. Ein mächtiger Felsblock markirte die Grenze gegen das compacte, weiter oben von einigen Grasbänken durchzogene Gebirge. Da hinauf mussten wir!

Es war etwa 7 Uhr, als wir bei einem kleinen Schneefleck anlangten, hinter dem die Trümmerhalde begann. Hier beschlossen wir einen kleinen Imbiss zu nehmen, der freilich recht mager ausfiel; etwas Proviant sollte noch für die Passhöhe aufgehoben werden. Die erste Etappe bildete der oben erwähnte Felsblock. Mühsam ging 's aufwärts; mein Bruder voran, dann der Kleine, ich Schloss den Zug. Oft rutschten die Steine, denen man festen Halt zutraute. Endlich war der Block erreicht, wo das Unangenehme erst anfing. Nach rechts hinüber öffnete sich die Aussicht in ein Couloir, das gegen den Männtli sich zog; davon war a priori zu abstrahiren; die steile Schneekehle links, die den geradesten Weg zur Höhe gebildet hätte, durfte bei der harten Consistenz des Schnees um keinen Preis betreten werden. Also gerade aufwärts! Mit Händen und Knien musste gearbeitet werden; meinen Kleinen, der keine Furcht zeigte, musste ich langsam vorwärtsschieben. Behutsam wurde jeder Halt für Hand und Fuss geprüft, so dass wir äusserst langsam vorwärts rückten. Das Wetter war prachtvoll und Zeit hatten wir. Weiter oben mischten sich kleine Rasenstücke unter den Fels, doch blieb 's bedenklich steil; eine Kammhöhe wollte sich immer nicht zeigen. Endlich um 9 Uhr sahen wir nach links die Gräte sich senken, und wir traversirten, die erwähnte Schneekehle senkrecht unter uns, östlich, wo wir mit einem herzlichen Gottlob und Dank die mächtigen Steintrümmer der Passhöhe erreichten.

Gerne ruhten wir ein wenig aus und vertilgten die spärlichen Reste unsers Proviants. Da nach links, gegen den Leidensee zu, der Gebirgskamm sich wieder hob, war von Aussicht da hinaus keine Rede. Wir wussten nicht, wie lang diese Steigung andauerte, und auf 's Ungewisse zwischen den Gräten herumzuklettern, hatten wir keine Lust. So verzichteten wir auf den Leidensee und schauten uns nach einer passenden Stelle um, wo wir in 's Leutschechthal gelangen könnten, das zu unsern Füssen sich aufthat. Auf der Karte ist der Abfall sehr schwarz schraffirt und in Wahrheit ist er auch sehr steil. Doch schien es mir nach dem, was wir bereits geleistet, nicht unmöglich, hinunter zu kommen. Gerade unter uns befand sich ein kleines Schneefeld, zu welchem sich eine Art Felskamin, das man mit einiger Vorsicht schon erreichen konnte, hinunterzog; ob dasselbe bis zum Schneefeld praktikabel sei, war von oben nicht zu erspähen; doch schien das noch die beste Stelle. Links hinüber, wo wir wahrscheinlich zum Leidensce gelangen konnten, mochte ich nicht versuchen, da ich nicht wusste, wie weit die Steigung des Kammes anhielt und das fortwährende Klettern über die ausgewitterten Grate uns nicht gerade anzog; wir sahen später von unten, dass wir dort hinüber hätten kommen können. Also frisch gewagt! Dies Mal ging mein Bruder voraus, dann kam ich und zulezt mein Kleiner. Diesem wiesen wir zunächst einen festen Standpunkt, an dem er uns warten sollte. Mein Bruder wandte sich, sorgfältig sich anstemmend, langsam gegen das Felsencouloir; ich folgte eine Strecke weit; dann liess ich meinen Bruder allein weiter vordringen. Er verschwand um eine Ecke in die Tiefe; wir hörten nur noch das Rollen der nachfahrenden Steine und schliesslich rutschte es massenhaft, plötzlich aufhörend; das Zeichen ward gegeben, dass mein Bruder auf dem Schnee angelangt. Zunächst liess ich meinen Stock vorausfahren, der sich nur hinderlich zeigte, und stieg wieder aufwärts, um den Knaben zu holen, der inzwischen ganz ruhig auf seiner schwindligen Warte gestanden. Langsam und vorsichtig ging 's abwärts, mein Kleiner dicht hinter mir; erst fasste ich festen Fuss urd liess ihn dann nachkommen. Wäre er gerutscht, so hätte ich ihn wohl aufhalten können. Endlich war das Schwerste überwunden, noch eine kleine Rutschpartie auf losen Steinen und wir waren alle glücklich auf dem Schnee. Der Sieg war unser! Freilich hatten wir nicht den Leidenseepass gemacht; wenn er einen Namen haben soll, würde ich ihn Kuchenpass heissen. Der letzte Abstieg ist entschieden ein « mauvais pas »; aber daran dachten wir jetzt nicht mehr, wir freuten uns, dass wir auch ohne fremde Hülfe unser Ziel erreicht hatten. Nun ging 's flott abwärts; Proviant gab 's keinen mehr, und konnten wir unsere Aufmerksamkeit ganz dem Obersee mit seiner mächtigen schwimmenden Eisinsel zuwenden, der zu unsern Füssen lag. Wir zogen uns rechts um sein Ufer, das überall recht steil in ihn abfällt. Der Ausfluss des Sees blieb links liegen, und über steile Rasenhalden, mit Felsbändern durchzogen, kamen wir zum Niedersee, hinter dem sich das Thalbecken noch weiter fortsetzt. Eigenthümlich ist die weisslichgraue Färbung dieses kleinen Wasserbeckens. An seinem Ausfluss stiessen wir nach einigem Suchen auf den in der Excursionskarte angedeuteten Pfad, der sich dem Wasser folgend rasch abwärts wandte, schwach genug ausgetreten, so dass wir ihn einmal für zwei Minuten verloren. Ein Blick auf die Karte zeigte uns bald den sogleich korrigirten Irrthum. Noch etwas weiter unten kommt man nahe an einem Wasserfalle vorbei, der das Thalwasser zur untern Thalstufe führt, die von den grossen Hütten der Furt besetzt ist, in denen wir uns zu erlaben hofften. Sie liegen etwas tiefer als die Hütten der Fulenseealp. Aber weder ein menschliches noch thierisches Wesen fand sich hier; frisches Wasser und weiter unten Heidelbeeren waren die einzige Erfrischung, die uns das Leutschechthal bot. Der mittlere Theil des Thales, auf der untern Thalstufe, bietet wenig Abwechslung, geht ziemlich eben vorwärts bis zu einem grössern Hütten-complex, bei dem sich der Weg scheidet, rechts nach Inschi, links nach Amsteg. Hier nun kommt man leicht ansteigend auf ein kleines Wiesenplateau mit wahrhaft herrlicher Aussicht. Geradeaus die imposante Pyramide des Bristenstocks, links davon das ganze Massiv des Oberalpstocks, der in frappanter Grösse das ganze Maderanertal dominirt, welches nur als eine Dekoration seiner mächtigen Flanken erscheint; die Thalsohle des Maderanerthals verschwindet; weiter links präsentiren sich Düssistock, Ruchen und Windgälle. Nach rechts folgt der Fellistock und weiter hinauf die Häupter der Medelserberge. Das wäre ein Platz für eine Sommerfrische, wie 's wenige gibt! Ein ganzes Dorf hätte auf diesem herrlichen Plateau Platz, das ich gerne noch einmal besuchen möchte, um mit mehr Musse als damals dasselbe zu bewundern.

Ein paar hundert Schritte weiter durch massenhaftes Heidelbeergesträuch, aus dem ich meine Begleiter kaum mehr fortbrachte, und niedern Tannen, dann öffnet sich plötzlich in unendlicher Tiefe das Reussthal. Man wird unsern unwillkürlich aufsteigenden Wunsch, dass unser Ziel weniger tief unten liege, verzeihlich finden. Die horizontale Distanz beträgt vielleicht eine halbe Stunde, die senkrechte 800 Meter. Das Hinuntersteigen auf holperigem Wege durch Tannwald wollte kein Ende nehmen; eine weitere Stunde war verflossen und noch immer lag Bristen vis-à-vis tief unter uns. Weiter unten kommt man in herrliche, fruchtbare, obstreiche Berggüter mit stattlichen Häusern, wie wir sie hier nicht erwarteten und wie sie im Kanton Uri höchstens noch der Eingang des Schächenthals bietet. An einem klaren Brunnen wurde etwas Toilette gemacht, um anständig in Amsteg einzumarschiren, aber als wir Amsteg endlich in fast vollständiger Vogelperspektive erblickten, erschien uns das Dorf noch in erheblicher Ferne. Endlich mündete unser romantische Fusspfad in die staubige Gotthardstrasse und im Stern fanden wir auch die längst verdiente Erfrischung. Es war 3 Uhr, als wir einrückten. Nachdem wir uns hinreichend mit Speise und Trank erquickt, fuhren wir in einem Einspänner nach Flüelen, dem Ausgangspunkt unserer Tour, die uns stets in angenehmer Erinnerung bleiben wird.

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