«Überzeugt, oben anzukommen» Alex Honnold pusht das Soloklettern

Soloklettern provoziert. Der Meister der Disziplin war diesen Sommer auf Stippvisite in der Schweiz. Gelegenheit, mit ihm und Schweizer Klettergrössen über die purste, aber auch umstrittenste Form des Kletterns zu diskutieren.

Klettern ohne Seil, Klettergurt oder sonstige Sicherungen ... Diese Praxis tauchte erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts als verbriefte Leistung auf. Heute nennt sie sich «Free Solo» oder «Solo». Für Nichteingeweihte scheint es Selbstmord. Für Alex Honnold bedeutet es quasi Alltag.

Mit seinen 1,83 Metern und 73 Kilo kletterte er schon Routen wie die am Half Dome im Yosemite (S+, 700 m, 23 SL) oder den mexikanischen El sendero luminoso (S+, 760 m, 7b). Damit hat der 31-Jährige das Soloklettern in eine noch nie dagewesene Sphäre befördert.

Akribische Vorbereitung

«Ich bin kein Adrenalinjunkie», versichert Honnold, «was mir besonders am Solo gefällt, ist die totale Kontrolle. Und die Tatsache, dass einem eine Route beim ersten Mal gefährlich vorkommen mag. Aber dann knackt man ihre Schwierigkeiten, und nach und nach wird sie machbar.»

Der Mann mit den kindlichen Zügen klettert die meiste Zeit bekannte und etablierte Routen. Bevor er sich jedoch solo in die Wand begibt, studiert er die Topos, erkundigt sich bei anderen Kletterern, und in den heikelsten Fällen wiederholt er die Schlüsselpassagen mit dem Seil, bis jede Bewegung sitzt. Bei der Gelegenheit kann er auch die Griffe säubern. Und nicht zuletzt trainiert er mit Hingabe sechs Tage die Woche am Fels oder in der Halle.«Die Solos scheinen verrückt, aber man muss verstehen, dass es ein Kletterer mit so viel Training mit nur einer Hand drei Minuten am Griff aushält», erklärt Yves Remy, «bei einem Untrainierten sind es kaum 15 Sekunden. Genauso wie Alain Robert (französischer Kletterer, Spezialist für urbane Solos; Anm. d. Red.) ist auch Alex prädestiniert für diese Art von Herausforderung, die gleichzeitig Charakter und Ausdauer verlangt.» Der 60-jährige Waadtländer Rou­ten­einrichter bewundert Honnold aus der Distanz, via Video. Auch er hat in seiner Jugend einige 7a-Solos geklettert, manchmal sogar zusammen mit Patrick Berhault.

Weit unter dem Limit klettern

Ueli Steck seinerseits lobt die unglaubliche Ausdauer seines Partners: «Alex kann an einem Tag mehrere Solos hintereinander klettern. Er verschiebt dabei seine Grenzen weiter, aber behält immer die Kontrolle.» In Stecks Augen beherrscht Honnold sein Metier.

Dieser Meinung ist auch Nina Caprez: «Einen Monat nach seinem Besuch in der Schweiz schaffte Honnold Les Intouchables in Chamonix. Es ist ein Riss, der in eine 7b mündet, bei dem ich die Woche davor heruntergefallen bin», erzählt die Bündnerin. Sie hat 2011 mit der Route Silbergeier (8b+/8a obl.) im Rätikon gepunktet. Gelegentlich macht sie auch Free Solos am Fels oder auf einfachen Graten. «Bei dieser Art von Kletterei bleibt man – von ein paar seltenen Hitzköpfen wie seinerzeit Patrick Edlinger abgesehen – klar in seiner Komfortzone», fügt sie hinzu.

Angst beherrschen lernen

Dieser Ansicht ist auch Honnold: «Wenn ich loslege, gibt es in meinem Kopf kein Platz fürs ‹Vielleicht›. Dann bin ich 100 Prozent davon überzeugt, oben anzukommen.» Wie der Amerikaner fühlt sich auch die 29-jährige Caprez beim Free Solo tatsächlich «frei, in Symbiose mit der Natur, zehnmal konzentrierter als mit Seil und 100 Prozent im Hier und Jetzt. Das Gefühl kann einen ziemlich süchtig machen», gibt sie zu, «vorausgesetzt man lernt, seine Angst zu zähmen.» Beim Solo­klettern ist die Beherrschung der Angst die eigentliche grosse Herausforderung. «Angst ist ein Gefühl wie jedes andere», erklärt Honnold, «man kann lernen, es zu zähmen. Viele Menschen wissen das nicht, aber es ist möglich. Zwar wirkt sich die Angst im Körper aus, aber es ist der Kopf, der die Kontrolle hat. Erkennt man dies, stellt sich ein Gefühl der vollkommenen Beherrschung ein.» Wer Angst hat, macht Fehler. Im Free Solo bedeutet Angst den Sturz und somit den Tod.

Hat Alex Honnold also keine Angst vor dem Sturz? «Bei einem Sturz müsste ich wohl die vier schlimmsten letzten Sekunden meines Lebens durchmachen», sagt er jedes Mal, wenn ihm diese Frage gestellt wird. Die Aussicht auf den Tod scheint den Amerikaner dennoch nicht aus der Ruhe zu bringen. Seinen Spitznamen «No big deal», «Keine grosse Sache», hat er nicht umsonst bekommen. Diese Einstellung bewog seinen Sponsor Cliff Bar sogar dazu, 2014 den Vertrag mit ihm aufzulösen. Notabene aus Angst, dass bei einem Sturz Honnolds auch das Image der Marke Schaden nehmen könnte. «Honnold setzt allein sein eigenes ­Leben aufs Spiel, und man muss aufhören, zu glauben, dass es etwas mit Todessehnsucht zu tun hat», erklärt Jean Troillet. Der Walliser Himalaya-Spezia­list und Bergsteiger schätzt die Eleganz und die Schönheit, die beim Free Solo des Amerikaners und auch bei dem anderer Kletterer zum Ausdruck kommen. Er selbst ist auch schon in Routen, die er in- und auswendig kennt, mit «nackten Füssen» geklettert, «um Stress abzu­bauen». Wie in der Darbellay-Route (SS-, 6a, 5c obl.) auf der Dalle de l’Amône im Val Ferret.

Freiheit im Minimalen

Diese Feststellung teilt auch der Walliser Fotograf Fred Moix, Kletterer und Freund von Honnold: «Die Szene stört sich enorm an Alex’ Kletterstil, aber trotzdem wird er für seine Freundlichkeit und seine ­Natürlichkeit geschätzt.» Und zum Schluss fügt er hinzu: «Ich werde mein Leben lang nicht vergessen, als ich zum ersten Mal sah, wie er ein Solo an einem für mich schweren Riss schaffte. Mein Gehirn streikte. Ich konnte nicht verstehen, wie er sich an so einem Ort mit einer solchen Leichtigkeit aufwärtsbewegen konnte! Für mich ist Alex definitiv der Mozart des Kletterns!»

Weiterlesen

Alex Honnold und David Roberts, Solo intégral, Guérin 2016

«Seilfrei durch ‹Excalibur›. Soloklettern in den Wendenstöcken», «Die Alpen» 02/2005

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