Verzaubert vom Leben und von den Bergen
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Verzaubert vom Leben und von den Bergen Porträt von René Fellay

Mit 84 Jahren ist René Fellay immer noch unterwegs zu Gipfeln. Dabei trifft er auf Dinge, die ihn zum Staunen bringen und an denen er wächst, anstatt einfach zu altern.

«Man sollte nie aufhören zu staunen. Es sind nicht die Falten, die einen altern lassen, sondern das Fehlen von Idealen.» Diese Erkenntnis hat sich René Fellay zur Devise gemacht. Denn der Mann aus Bagne rennt trotz seinen 84 Jahren weiterhin die Berge hinauf, ist mit Langlauf- und Rollerski oder dem Velo unterwegs. Sein sehniger Körper und seine mit Adern durchzogenen Arme verraten die langjährige «Abhängigkeit» vom Bergsport. Die Augen des Wallisers leuchten wie diejenigen von Kindern und überstrahlen seine Falten. Das macht neugierig, denn bei vielen Menschen in seinem Alter ist das Feuer in den Augen längst erloschen. Und das ist mit ein Grund, warum wir den Mitachtziger in seinem Chalet in Prarreyer/VS aufgesucht haben. Es brauchte aber ein wenig Überzeugungsarbeit. Denn wie es sich für einen richtigen Bergbewohner gehört, hasst es «Palette» – wie er in seiner zehnjährigen Karriere als Bahnhofvorstand von Châble genannt wurde –, sich in den Vordergrund zu stellen.

Die Kraft der Wurzeln

Nun sind wir also bei ihm. Die Sonne scheint, und hinter René Fellay ragt der Rogneux auf. Diesen Berg hat er Hunderte Male bestiegen, einmal 19 Mal in einem einzigen Winter. Eine gute Gelegenheit für den Bergsteiger, uns daran zu erinnern, was in der heutigen Zeit vergessen geht: «Es ist wichtig zu wissen, wo die eigenen Wurzeln sind. Dort kann man Kraft schöpfen. Ich bin mit den Bergen, in denen ich immer gelebt habe, zutiefst verbunden.» In Würdigung an seine Heimat hat René Fellay als Autodidakt mehrere Dokumentarfilme gedreht. Und er hat es geliebt, inmitten dieser mächtigen Natur im Laufe der Jahre immer wieder an seine Grenzen zu stossen. «Wer sie nicht sucht, ob im Sport, in der Arbeit, in der Kunst oder im Denkvermögen, lebt ein wenig wie in Zeitlupe», sagt er überzeugt.

René Fellay hat sechs Patrouilles des Glaciers, drei Sierre-Zinal-Läufe und unzählige andere Bergläufe absolviert. «Ich gehörte nie zu den Siegern, aber ich war auch nicht schlecht. Heutzutage sind meine Arme und der Motor immer noch in Ordnung, aber im Flachen und beim Abstieg schmerzen die Knie. Und meine Stoppuhr zeigt mir, dass ich immer langsamer werde. Aber das ist nicht so wichtig, solange ich überhaupt noch weitermachen kann», sagt er. Im August hat René Fellay seine 39. Trophée des Combins absolviert.

Schon als Kind war er von der Bergwelt überwältigt, ohne dass er sich gross erinnern könnte, wie es dazu kam. Er realisierte es erst, als er mit dem Gedanken spielte, Bergführer zu werden. Neben seinen Pflichten auf dem Familienhof verbrachte er jede freie Minute in den Bergen, seit er 15 Jahre alt war. Sein Vater, Bankangestellter und für kurze Zeit Obmann von Bagne, war deshalb beunruhigt. Seine Mutter, die andere Sorgen hatte, kümmerte das nicht.

Jagd nach dem Wunderbaren

Welches ist seine erste wichtige Erinnerung in den Bergen? «Die Besteigung der Aiguille de la Tsa von Chanrion aus zusammen mit einem Freund, als ich 16 war», sagt er spontan. Doch natürlich gibt es viele mehr. Neun Jahre später findet er mit einem anderen Freund spontan den Weg durch das felsige Labyrinth des Hörnligrats zum Gipfel des Matterhorns. Diese abenteuerlichen «Heldentaten» liegen hinter ihm. René Fellay könnte wie manch anderer darüber verbittert sein. Doch altersweise geniesst er lieber, was er noch kann, und freut sich an jenen Sachen, die bis dahin zu kurz gekommen sind. Bei jedem Aufstieg zur Brunet-Hütte lässt sich «Palette» verzaubern. Einmal von einem Stein, ein anderes Mal von einem Vogel, der genau für ihn zu singen scheint. Diese Eindrücke hält er sorgfältig in Gedichtform in einem kleinen roten Notizbuch fest.

Einiges davon klingt fast transzendent. «Manchmal passiert es, dass ich in den Bergen bete. Ich fühle mich Gott dort viel näher als in der Kirche, weil ich ihn in all der Schönheit spüre», eröffnet René Fellay, der ein etwas ungewöhnlicher Katholik ist. Der Walliser sieht sich als «ein zufriedener Mensch, der viel Glück hatte». Seine Frau Thérèse, mit der er seit 55 Jahren verheiratet ist, hat oft den Zentralpfeiler des Petit Combin bestiegen und bestätigt: «René ist ein unglaublich positiver Mensch. Nichts scheint ihn erschüttern oder entmutigen zu können.»

Die Familie und das Weitergeben

Als Familienvater hat er seinen drei Kindern ein wenig von seinem Optimismus und der Liebe zu den Bergen vererbt. Sein Sohn ist Bauer und liebt wie sein Vater Eringer Kühe. Seine Töchter sind begeistert von den Bergen, und ihre Ausdauer ist so gross, dass sie den legendären Ultra-Trail du Mont-Blanc absolviert haben. Der pensionierte Lehrer hat auch seinen Schülern am Collège de Bagnes vieles mitgegeben. Nachdem er seine Idee, Bergführer zu werden, verworfen hatte, wurde er «durch Zufall und Berufung» mit 30 Jahren Lehrer. Noch heute grüssen ihn ehemalige Schüler herzlich. «Man lehrt nicht, was man weiss, man lehrt, was man ist», heisst es bei Jean Jaurès. René Fellay, der auch Trainer bei «Jugend+Sport» war und seine Schüler sogar auf den Combin de Corbassière mitnahm, verkörperte das in Reinform.

Mit 62 Jahren, intuitiv seiner «bohemistischen Neigung» gehorchend, liess sich René Fellay vorzeitig pensionieren: «Ich habe noch so viele Träume zu verwirklichen, bevor ich sterbe!» Zurzeit arbeitet der Mittachtziger an einem neuen Dokumentarfilm über die Glockenschmiede Oreiller. Und zwischen zwei Rollerskiläufen auf die Staumauer von Mauvoisin baut er kunstvolle Steinmänner in seinem Garten oder meisselt Skulpturen in der Werkstatt. Bereits mit 15 Jahren hatte René Fellay im Maiensäss der Familie in Bya eine Königin aus Lärchenholz geschnitzt. Dieser erste Impuls blieb folgenlos. Doch das Universum der Steine in den Bergen führte ihn in seinem hohen Alter zurück zu dieser wunderbaren Beschäftigung. Dank dieser und vielen anderen Leidenschaften hört der Walliser nie auf zu wachsen. Und dies mit über 80 Jahren, wo viele andere einfach nur noch altern.

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