Vierzehn Tage im Excursionsgebiet

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Von A. Hoffmann-Burkhardt.

Als Clubgebiet für 1871 wurde vom S.A.C. die mächtige Gotthardgruppe gewählt und die dort zu lösenden Aufgaben in dem von Herrn Prof. Rüttimeyer verfassten Itinerarium des Näheren bezeichnet. Wenn ich nun meinerseits, sowohl aus individueller Neigung als im Bewusstsein meiner Pflicht dieses Gebiet zu bereisen und zu schildern beschloss, so muss ich es lebhaft bedauern, dass meine diessjährigen Wanderungen zu einer ununterbrochenen Serie von Missgeschick und Widerwärtigkeiten sich gestalteten, so dass ich nur mit Widerstreben es wage über die ausgeführten Fahrten Bericht abzustatten.

Um mit einer Begehung des Excursionsgebietes von 1871 zugleich eine theilweise Erforschung des nächstjährigen zu verbinden, beschloss ich meine Reise mit der Ersteigung des Tambohorns am Splügen zu beginnen und verliess zu dem Ende, Montag den 24. Juli meine Sommerstation Davos früh 6 Uhr in einem jener famosen Bündner Bergwägelchen, welchen von ihrem Erfinder die schöne Mission zu Theil ward, den ihnen anvertrauten Insassen die getreuest mögliche Kunde zu geben von allen Erhabenheiten und von jeder Erosion, über die der gewählte Weg führt.

Die Annehmlichkeiten einer solchen Fahrt zeigten sich mir und meinem getreuen Begleiter Christian Jann von Laret ( ehemala in Klosters ) in ganz hervorragender Art auf unserm Wege über Frauenkirch und Schmelzboden durch die Züge hinauf nach Wiesen und weiter über Schmitten und Alveneu nach Tiefenkasten; um so fühlbarer noch wurde uns die Härte unseres Sitzes und unseres Schick-sales, da der alte Weg theilweise durch die neu angelegte und frisch mit grobem Schotter bedeckte Strecke ersetzt wird, theilweise auch, der neuen Anlage ausweichend, öfters über wegloses Gerolle und Weiden. führt; zudem kam noch, dass kurze Zeit nach unserer Abfahrt von Davos der Regen in Strömen herunterfioss und trotz Makintosh und baumwollenem Regenschirm sich gar bald den Weg zu unsern Leibern gebahnt hatte. So begann der erste Akt meines vierzehntägigen Dramas und mit höheren Zieles würdiger Gonsequenz wurde es bis zu Ende durchgeführt.

In Tiefenkasten bestieg ich den hohen Kasten der eidgenössischen Post und befuhr die berühmte Schynstrasse, die leider bei dem fortströmenden Regen und anstehenden Nebeln für mich nicht den gehofften Genusa bot, so dass ich ziemlich unbefriedigt in Thusis anlangte und ebenso in wenig heiterer Stimmung und Einspänner meinen Weg durch die Via Mala nach Andeer und Splügen fortsetzte.

Obschon am Abend des 24. Juli wenig Hoffnung war am frühen Morgen des 25. nach dem Tambohorn abgehen zu können, so traf ich immerhin die nöthigen Anordnungen, bestellte in der Person von Nikiaus Trepp einen zweiten Führer und benützte sodann den Abend noch um mich einlässlich mit Herr Ingenieur Simonett über die am Zapport zu erbauende Schirmhütte zu besprechen. Wie gedacht, bedeckte trübes Gewölk auch Dienstag früh noch Berg und Thal und erst Nachmittags fand die Sonne Musse durch einzelne Lichtblicke Kunde von ihrem Dasein zu geben und unsern Muth wieder zu heben, so dass ich endlich um 4 Uhr nach meinem Bergstocke griff und gefolgt von den beiden Führern die Splügenstrasse hinanwanderte, um die Nacht im obersten Berghause bei Flury zuzubringen, welche Station ich den Mitgliedern des S.A.C., oder wenigstens denjenigen unter ihnen, welchen ein bescheidenes Obdach zur Nachtherberge genügt, bestens empfehle. Freundlicher Empfang, ein gutes Glas Wein, Eierspeisen, gute Mehlsuppe und gedörrtes Fleisch sind hier immer zu finden.

Am 26. Juli erhoben wir uns um 2 Uhr früh, verliessen das Berghaus um 3 tJhr, marschirten vorerst auf der Splügenstrasse bis auf die Passhöhe und bogen dann rechts ab, erst über Weiden, bald aber über einzelne Schneeflecke, die nach und nach immer länger und ununterbrochener sich steil und steiler gegen unser Ziel, das Tambohorn ( 3276.Meter = 10,920 Par. Fuss ) hinanzogen. Der Weg führt stets auf der italienischen Seite der Grenze nach und ist bis nahe zum Gipfel weder besonders mühsam noch auch gefährlich, nur das letzte Stück Weges führt erst über einen etwas schmalen Schneegrat und dann ziemlich gähe über Felsen hinauf zur höchsten Spitze, die wir punkt 7 Uhr, also nach vierstündigem Marsche erreichten.

Wenn ich von einer höchsten Spitze rede, so ist das eigentlich nicht richtig, indem der Berg mit einem bogenförmigen Grate gipfelt, dessen breite Endpunkte von wenigen Platten abgegränzt sind. Ich denke, dass auch in sehr warmen Jahren die Berghöhe mit Schnee bedeckt ist, indem mir derselbe eine bedeutende Mächtigkeit zu haben schien.

Der schön gekrümmte Rücken des Berges zieht sich von Nordost nach Südwest in Form eines hohen Gewölbes, das nirgends sehr breit ist und nach Süd senkrecht nach Val Loga, nach Nord mit weitem glänzendem Firnmantel, steil wie ein Kirchendach gegen die Tamboalp abfällt.

Ein unangenehm kalter Wind störte den Genuss der sehr schönen Aussicht bedeutend und kürzte unsern Aufenthalt auf eine einstündige Dauer ab. Am schönsten ist der Ausblick nach Osten nach der Bernina, dem Monte della Disgrazia, Ortler, Königsspitze, Linard, an welche sich in der Ëunde Tödi, Glärnisch, Scheerhorn, Piz Medel, Rheinwaldhorn und Güferhorn anschliessen, während im Hintergrunde die Walliser Riesen und einige « Berner, besonders hervorragend das Schreckhorn, den Kranz schliessen. Gegen Italien schieben sich coulissenartig die Vorberge in einer Weise in einander, dass von der Ebene nichts zu sehen ist; hingegen bezeichnet ein Stück des Lago di Mezzola, des durch die Geschiebe der Adda abgetrennten obern Theiles des Comersees, die Richtung dieses letztern und gemahnt das theilweise sichtbare Gebäude der Dogana an der Splügenstrasse auf dem piano della casa an die finstern Zeiten der österreichischen Pass- und Mauthquälereien, die jetzt Gottlob ziemlich allgemein dem Zeitgeiste zum Opfer fielen.

Wenig einladend winken über der östlichen Passhöhe die Suretahörner, mit ihren nackten, schneefreien Felsköpfen.

Wir brachen auf und zwar wendeten wir uns jetzt dem Areuethal zu, das in grausiger Tiefe zu unsern Fussen lag. Ueber einen scharfen aus losen Felsblöcken aufgebauten Grat ging es gäh hinab und während einiger Zeit war unser Marsch eine mühselige Kletterei; das Unangenehmste war aber der plötzlich furchtbar schneidend kalte Wind, der mit wüthender Heftigkeit uns tiberfiel und uns dermassen durchblies, däss dem guten Trepp der Bergstock vor Kälte entfiel und ich nach kurzer Zeit mich genöthigt sah meine Hände den Führern in eine gründliche Kur zu geben, indem ich vollständig alles Gefühl darin verloren hatte. Nach viertelstündigem Reiben mit Schnee, Schlagen und Walken ging es wieder besser; doch war es mir von der übergrossen Kälte ganz übel geworden und ich wurde beinahe ohnmächtig. Ueber lange Geröllfelder, Schneeflecken und durch das Rinnsal eines Baches erreichten wir um halb 12 Uhr den Thalboden, nachdem uns noch in der letzten halben Stunde vier Gemsen durch ihr Erscheinen erfreut.

Das Areuethal, welches sich von Nufenen an der Bernhardinstrasse in südliche^ Richtung und in einer Länge von vier Stunden bis zum Pizzo und zur Bocca di Oureiusa erstreckt, ist ein stilles abgelegenes Alpthälchen, vom Fremdenzug vollständig unberührt und nur belebt dureh zahlreiche Schafheerden ( man gab mir eine Zahl von 1600 Stück an ), die grossen Misoxer Schafzüchtern angehörend, zumeist nach Paris wandern.

Aufs freundlichste von den Eigenthümern der Alp empfangen und bewirthet machten wir daselbst einen langen Halt bis 3 Uhr. Ich verabschiedete hierauf den Führer Trepp und schlenderte mit Jann langsam die steilen Halden hinauf, über welche wir nach 1 */2 Stunden das einsame, von Ost nach West streichende gras- und wasserreiche Val Vignone erreichten, welches, ungefähr in der Mitte durch einen kanzelartig vorspringenden Riegel in zwei Theile getrennt, soviel wir erkennen mochten nur von vielen hundert Stücken Galtviehes und zahlreichen Murmelthieren bewohnt wird; von menschlichen Wohnungen auch der primitivsten Art war nichts zu sehen. Das Thälchen mag eine Länge von etwa zwei Stunden haben und sein Ausgang leitet über köstliche Alpentriften, bedeckt mit der reizendsten Flora, worunter prächtiges Edelweiss in grösser Fülle, in einer fernem halben Stunde nach dem Badeorte San Bernardino an der gleichnamigen Alpenstrasse. Kurz bevor der Thalbach sich bei San Bernardino in die Moësa ergiesst bildet er 3 — 4 höchst sehenswerthe Fälle, die einen stets besuchten Anziehungspunkt für die zahlreichen Kurgäste bilden. Mein Quartier schlug ich im sogen. Bagno auf, bei Brocco, dem empfehlenswerthesten der fünf Gasthäuser und hatte an diesem Abend und folgenden Morgen Gelegenheit das bunte Leben und Treiben der meist aus Tessinern und Ober-Italienern bestehenden Badegesellschaft zu beobachten, sowie auch die bescheidene Einrichtung kennen zu lernen, die diesen sehr besuchten Badeort unterscheidet von unsern jenseits der Alpen gelegenen, grossartigen und luxuriösen Hôtels;

ein sprechender Beweis von der italienischen Genügsamkeit gegenüber den verfeinerten und gesteigerten Ansprüchen an Comfort und Eleganz, welche andere Nationen kennzeichnen.

Bei schönem Wetter verlies ich den 27. Juli San Bernardino erst um 9 Uhr früh, der Poststrasse folgend oder dem alten gemauerten Saumwege, der uns in °/4 Stunden auf die Passhöhe führte. Wie die meisten ihrer Schwestern, bietet diese Raum zu einem hübschen kleinen See. Nach mehrfachen Abkürzungen, welche durch die vielen Windungen der Strasse angezeigt erscheinen, langten wir um halb 12 im Dörfchen Hinterrhein bei Philipp Lorez zur Post, dem Haupt-wirthe und Führerobmann an, woselbst ich das Vergnügen hatte Herrn Professor Brügger von Chur, dem Nachfolger unseres betrauerten Prof. Theobald an der Kantonsschule, kennen zu lernen. Den guten Empfang sowohl als die zuvorkommende und aufmerksame und nicht allzu theure Bedienung darf ich rühmlich erwähnen, auch findet der Reisende dort alles Nöthige an Mundvorrath für bescheidene Ansprüche. Um 31/4 Uhr Verliesen wir Hinterrhein in Begleitung von Führer Joh. Lorez, der uns den Weg nach der Zapportalp für heute Abend, jenen auf 's Rheinwaldhorn am morgigen Tage weisen sollte. Eine Stunde lang führt der Weg topf eben dem rechten Rheinufer entlang, dann auf und ab über Halden und Lawinenreste, endlich über den Rhein und steil auf nach der Schäferhütte der Zapportalp, die nach 2'/2 Stunden Marsches erreicht war.

Sehr hübsch gelegen, im Angesichte des Zapportgletschers, Marschol und Zapporthorns, in der Nähe ausgezeichnetes Wasser und von einem recht freundlichen Schäfer und dessen Sohn bewohnt, wäre die Hütte für ein Nachtquartier ganz annehmbar gewesen, wenn nicht ausser uns fünf Personen noch vier Italiener Maurer, die an der Clubhütte arbeiteten, darin hätten herbergen müssen. Doch auch diese Nacht ging vorüber und um 3l/4 früh den 28. Juli marschirten wir ab zur projektirten Besteigung des Rheinwaldhornes. Die erste Stunde ging es steil auf über Grasplanken, dann einige Zeit in westlicher Richtung gerade aus und um 3 Uhr 45 Min. befanden wir uns oberhalb des sogen. Paradieses an der Plattenschlucht im hintern Zapport. Das Wetter gestaltete sich nicht gut; es war nicht kalt und bei anhaltendem Westwinde zeigte sich ein blasses Morgenroth, ein sicherer Beweis von bevor-stehendem Regen. Die im Bau begriffene Clubhütte konnten wir leider nicht sehen; sie sollte, wie Lorez sagte, ziemlich tief unter uns liegen. Da wir beim Anblicke des Rheinwaldgletschers wohl einsahen, dass Lorez uns viel zu hoch hinauf geführt, mussten wir auch bald nachher um den Gletscher zu gewinnen tief hinabsteigen, was mich zur Yermuthung brachte unser guter Lorez sei seit mehreren Jahren nicht mehr an diesen Ort gekommen, da man wahrscheinlich auch am Rheinwaldgletscher, wie an vielen andern ( z.B. demTrift-und dem Httfigletscher gegenwärtig an viel tiefern und gegen früher ganz verschiedenen Stellen den Gletscher betreten kann und muss, indem seit der starken Ab-Schmelzung der letzten Jahre die Gestalt derselben zum Theil eine vollständig veränderte ist.

Um 5 Uhr 20 M. betraten wir den Gletscher und überschritten ihn bis zu einer gegenüberliegenden ersten Terrasse, ohne auf bedeutende Schrunde zu stossen; über einige fernere leichtgewölbte Terrassen hinauf gelangten wir um 7 Uhr an den Fuss eines Berges, den Jann und ich für den Vogelberg ( 3220 M. ) hielten, Lorez aber hartnäckig als Rheinwaldhorn bezeichnete. Dieses, dessen Lage nach der Karte gar nicht zu verkennen war, Stack bis über die Hüften in tiefem Nebel, so dass allerdings eine Besteigung gar nicht thunlich gewesen wäre und wir froh sein, mussten, um 7 Uhr 20 M. den Gipfel des Vogel-berges, der ohne alle Schwierigkeiten zu besteigen ist, noch frei von Nebel zu treffen und uns wenigstens von dem Irrthum des guten Lorez vollständig zu überzeugen, der fortfuhr zu behaupten: er sei niemals auf einem andern Rheinwaldhorn gewesen. Dass der Berg öfters bestiegen wird und wohl meistens aus Verwechslung mit dem Rheinwaldhorn* ) schien uns auch aus den ziemlich zahlreichen Wahrzeddeln hervorzugehen, die wir aus einer im Steinmanne steckenden

* ) Nach der gefälligen Mittheilung Hrn. Ingenieur GossetSj der das Adulagebiet im Auftrage des topographischen Bureau's aufgenommen hat, kommt es überhaupt nicht selten vor, dass Touristen, die das Rheinwaldnoru zu besteigen gedenken, von ihren Rheinwaldführern aus Bequemlichkeit auf- das Güferhorn oder den Vogelberg geführt werden; ein Missbrauch, der fortgesetzt nicht gerade viel Zutrauen zu der dortigen Führerschaft erwecken dürfte. Anm. d. Redaktion.

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Flasche zogen. Der dichte Nebel, der sieh angesammelt hatte, benahm uns nach kurzem Aufenthalte jegliche Aussicht und gestattete uns nicht lange zu verweilen, so dass ich um 8 Uhr 15 M. den Lorez verabschiedete und mit Jann den Abstieg* gegen das Val Malvaglia antrat, indem wir in südwestlicher Richtung steil über Geröll und Schneeflecken, später uns rechts wendend über Grashalden und Weiden nach der Alp Urbello {2099 M. ) zogen. Der Abstieg vom Vogelberg war mir interessant durch die sehr verschiedenen Gesteinsarten und Pflanzen, über welche wir schritten und wovon ich mehrere Exemplare- mit mir nach Basel brachte. Edelweiss fand ich in schönen Exemplaren auf schiefrigem Granite.

Von der Urbello-Alp aus wendeten wir uns der ganz im Hintergründe gelegenen Guarnaja-Alp ( 2039 M. ) zu, wo wir um 11 Uhr anlangten; es ist dieselbe wegen ihrer auffallend schönen Lage einen Besuch gar wohl werth. Im Hintergründe des Val Malvaglia, umgibt sie im Circus der beinahe senkrechte südwestliche Abfall des. Rheinwaldhorns; sie wird von zahlreichen Wasseradern durchrieselt und mahnte mich sehr an den Hintergrund des jSchächenthales 5 Brunnithales oder an den Gelmer, wenn man sich den See wegdenkt, obwohl auch die Guarnaja-Alp evident ein ehemaliges Seebecken ist. Es hauset hier in etwa 14 Hütten eine ganze Colonie von Sennen mit ihren Familien und zahlreiche Heerden von Kühen, Pferden, Eseln und Schweinen beleben die Weiden. Bei schönem Wetter muss der, Aufenthalt hier oben prächtig sein; bei dem strömenden Regen, der sich eingestellt, war es freilich anders und Vierzehn Tage im Excursionsgebiet.9Ö

wir waren froh in einer Hütte ein ebenso freundliches als schmutziges Unterkommen zu finden. Was die guten Leute nur besassen, Milch, Minestra und Polenta wurde uns angeboten; doch bei aller Anerkennung des guten Willens und trotz des besten Appetites konnten wir uns nicht entschliessen, den Speisen Ehre anzuthun; es sah doch Alles gar zu civilisationsfeindlich aus.

Als der Regen etwas nachgelassen, verliessen wir die Alp und stiegen nach dem Plateau empor, das sich in südwestlicher Richtung unterhalb der Punkte 2692 und 2842 M. als steinbedeckte magere Alptrift ausbreitet. Wieder strömte der Regen hernieder und bald waren wir genöthigt, wollten wir nicht ganz zu Wasser werden, unsere Tornister ablegend, auf denselben eng zusammengekauert unter dem kleinen baumwollenen Schirme, den Jann zu gutem Glücke mit sich führte, Schutz zu suchen. Ueber eine halbe Stunde brachten wir auf diese trostlose Art zu, dann, als der Regen etwas abnahm, stiegen wir über endloses Geröll dem über uns liegenden Kamme zu, der aber leider mit dichtem Nebel belegt war, so dass wir bald bloss noch auf gut Glück hin weiter drängen.

Um 2 Uhr hatten wir die Höhe des Grates erreicht und senkrecht drang unser Blick tief hinab in den Kessel des Val Soja. Einige Zeit verging bis wir den scharfen Grat verfolgend, eine Stelle aufgefunden, von der wir hoffen durften mit Vorsicht auf die steil unter uns abfallende Geröllhalde herabsteigen zu können; doch gestehe ich aufrichtig, dass mir unser Weg durchaus nicht gefiel und ich nur nothgedrungen mich entschloss, an dieser Stelle mein Glück zu versuchen.

Nach halbstündiger Rast wagten wir in Gottesnamen die kitzliche Kletterei und nachdem wir die ersten fünf oder zehn Minuten über eigentlich senkrecht abfallende Felsen geklettert, befanden wir uns in einem Couloir, das durch eine alte Lawine ausgefüllt, ein leichteres Fortkommen gestattete. Mittlerweile hatte sich der Himmel aufgeklärt und wie es früher empfindlich kalt, so wurde es nun plötzlich drückend heiss. Ungemein steil führte unser Weg abwärts über Fluhsätze, Geröll und durch dichtes Gestrüpp, und so langten wir endlich nach zweistündigem ausserordentlich anstrengendem Marsche auf der Alp Pianpremesti an, die aber verlassen war. Ich war sehr müde und ein viertelstündiger Halt nothwendig; dann ging es wieder abwärts, immer ausserordentlich steil, durch Tannwald bis zur Tiefe des engen Tobeis, des sogenannten Val Soja, dessen steil ansteigende Seitenwände in tief ausgefressenen Furchen, noch deutlich die Spuren der gewaltigen Fluthen von 1868 an sich tragen. Bald traten wir nun hinaus in das freundliche Val Blegno mit seinen lachenden Fluren und herrlichen Bäumen, in deren Mitte die gut gebauten weissen Dörfer mit ihren weithin glänzenden Campanilen sich bergen; eine gute Verbindung mit dem Hauptorte Bellinzona bildet die schön angelegte Poststrasse, die von Biasca bis Olivone das ganze Thal durchzieht und der nur die ( von Bünden angestrebte, von Tessin aber abgelehnte ) Verbindung mit Graubünden über den Lukmanier fehlt, um dem Thale einen grösseren Aufschwung zu geben. Im ersten Dorfe das wir um 6 Uhr Abends erreichten, Dangio, ( nicht zu verwechseln mit dem etwa zwei Stunden weiter abwärts liegenden Dongio ) begehrte ich ein Fuhrwerk um nach Olivone zu gelangen;

es war aber keines zu haben und- wir setzten unsern Fuss weiter, nachdem wir uns mit der in keiner italienischen Osteria fehlenden, Limonata gazzosa, erfrischt. In Aquila auch kein Fuhrwerk, aber ziemlich gutes frisches Bier und ausgezeichnete Brissago-Cigarren, in deren aromatische Wolken gehüllt, wir nun die Stunde Weges nach Olivone noch vollends zu Fusse zurücklegten, was trotz der bedeutenden Müdigkeit auf der guten Strasse und bei dem wunderlieblichen Abende ein wahrer Oenuss war. Um 8 Uhr Abends langten wir endlich nach unserm langen und mühsamen Tagewerke in dem alterthümlichen Wirthshause von Stefano Bolla in Olivone an, wo ich sehr erfreut -war, Herrn Ingenieur ( rosset von Bern anzutreffen, der seit einiger Zeit hier weilt, um einen Theil des Excursionsgebietes für 1872 für das eidgenössische Stabsbureau zu revidiren. Meine heutige Reise und besonders der Absteig vom Punkt 2692 nach Dangio interessirten ihn sehr, da diess einer der bedeutendsten immediaten Abfälle ist, die man kennt, und ohne irgend eine Abstufung rund 6300 Fuss, circa 1900 M. beträgt.

Der 29. Juli brachte schönes Wetter; doch liess ich mich leider durch die gute Gesellschaft und die gute Küche verleiten einen halben Rasttag zu machen. Wir verliessen Olivone erst Nachmittags 1 Uhr bei einer tropischen Hitze, um sofort an dem steilen Eingang in 's Val di Campo unsere ganze clubistische Energie aufbieten zu müssen und mit Strömen " perlenden Schweisses den staubigen Pfad zus besprengen.

Schweizer Alpenclub.7 î>8Hoffmann-Burkhardt.

Per angusta ad augusta heisst es aber auch hier; nach der schauerlichen Schlucht, durch die sich brausend das Bergwasser zwängt und längs deren glatten Wänden der Fussweg sich aufschwingt, öffnet sich ein Gelände voll Glanz und Duft, vom herrlichsten alpinen Charakter,, die Matten im frischesten Grün prangend, mit dem klarsten Wasser, kräftigen Bäumen, grossartigen Gebirgen, eine wahre Idylle von einem schweizerischen Bergthale und wenn auch die Dörfchen puncto Schmutz keine Ausnahme von andern ihres gleichen machen und es auch da heisst: « Die " Welt ist schmierig überall, wo der Mensch erst hinkommt mit seinem Vieh » so treten sie doch an Zahl und Grosse nicht bemerklicher auf, als es nöthig ist, um die Contraste zu vermehren und dem reizenden Landschaftsbilde eine erwünschte Staffage zu liefern. Bemerkenswerth ist besonders, dass das Thälchen je höher man steigt, ( und man steigt eigentlich von Olivone an ohne Unterbrechung fortwährend bald mehr bald weniger und zwar in Zeit von circa 3V2 Stunden um ungefähr 5000 ' ) immer romantischer, immer lieblicher wird; man geht unvermerkt von Laubholz und den eigentlichen Wiesen zum Tann- und Lärchenwald und den Alpweiden über. Wie schwellende Polster fügen sich Terrassen an Terrassen; freie Triften wechseln ab mit grössern und kleinem Holzbeständen; murmelnde Bächlein durchrieseln tiberall das Gelände und rings umher ertönt das heimüge Geläute der weidenden Heerden. Ein. herrlicher Fleck Erde. Der Scopi wäre von hier spielend zu besteigen und so finster er vom Lukmanier und den westlich gelegenen Punkten überhaupt aus- sieht, so anziehend und einladend ist er von Val Campo aus;

es lässt sich also ganz bequem von Olivone aus in einem Tagmarsche der Scopi besteigen und zum Nachtquartier nach Santa Maria und sogar weiter abwärts in das Val Medels gelangen.

Um 5l/2 Uhr Abends ungefähr war der Höhepunkt des Val Campo gegen den Lukmanier bis Punkt 2404 gewonnen, nach einer der angenehmsten Bummeleien, die ich je gemacht. Ein herrlicher Ausblick nach den das Medelserthal gen Westen einschliessenden Gebirgen war uns vergönnt und hinter den finstern Felsriffen des Piz Rondadura, Laiblau, Vitgira, Ganneretsch hervor, wiesen Kette an Kette die schwärzlichen Gesellen von Maigels und Cornera ihre alten Häupter. Doch lange war es uns nicht gestattet hier zu weilen, noch trennte eine hübsche Strecke Weges uns von unserm Ziele, dem Hospiz von Santa Maria. Ueber Weiden in direkt nördlicher Richtung hinschreitend umgingen wir die schroffen Abhänge des Pizzo Corvo, wie im Blegnothal seiner schwarzen Farbe wegen das Felseck ( 3000 ) südlich vom Scopi genannt wird, schritten um den abschüssigen Rand des merkwürdigen Dolomitkessels herum, der eine mächtige Runse in dem Gebirge bildet und gelangten endlieh über üppige Weiden um 8l 2 Uhr bei eingebrochener Nacht nach Santa Maria, freundlich aufgenommen vom Spitalpfleger Gio. Bta. Venzin. Die Alp von Santa Maria gehört eigenthümlicher Weise nach Faido und es werden daselbst von Tessiner Hirten 350 Kühe, nebst zahlreicher Beigabe von Pferden und Schweinen gesommert. So schön der Abend gewesen, so unruhig war die Nacht, indem ein heftiges Gewitter,

tobte und mich mit bangen Ahnungen für den folgenden Morgen erfüllte.

Der Sonntag Morgen des 30. Juli brachte uns Regen und dichte Nebel umflorten die Gebirge, so dass wenig Aussicht vorhanden war mein Projekt der Besteigung des Piz Rondadura und des Piz Blas ausführen zu können. Erst nach 10 Uhr verliessen wir, in Begleitung des Wirthes Venzin Santa Maria und stiegen, vom Laufe des aus dem Val Rondadura herabfliessenden " Wassers rechts abbiegend, gegen den Laiblausee an, ohne jedoch gänzlich dessen Höhe zu gewinnen. Auch bei diesem Anlasse machte ich die Beobachtung, wie wenig die Gebirgsbewohner ihre Berge kennen, denn trotz Allem, was ich sagen mochte, war Venzin nicht zu belehren, dass rechts vom Thälchen der Laiblau, der Rondadura aber links liege, diesen nannte er « Scai », mit dem Namen eines zwischen Val Piora und Val Termine gelegenen 2512 M. hohen Berges. Ueber Geröll und Fluhsätze gewannen wir endlich den kleinen Bergkessel, der bei Punkt 2450 unterhalb des Passo di Rondadura am Rande eines kleinen Gletschers liegt.

Der Regen floss in Strömen, es war 12 Uhr und über eine Stunde harrten wir wieder aneinander gekauert ob nicht etwa ein " Windstoss die Nebel zerreisse und uns befreie; endlich wurde es etwas lichter, wir blickten auf in der Hoffnung, die Sonne möchte sich Bahn brechen; doch umsonst, nur ein mächtiger Steinadler kreiste in weiten Bogen an den Felsen des Rondadura. Ueber eine steile Schneehalde stiegen wir in einer halben Stunde hinauf nach der Passhöhe, Über welche die Bergamasker Schäfer ihre armen Thiere nach den gefährlichen, einsamen Berghalden des Val Nalps treiben;

wahrlich ein hartes Brod für Menschen und Thiere! Abermals umhüllte uns dichter Nebel. Ich verabschiedete Venzin, da doch keine Kede mehr von einer Besteigung sein konnte und suchte mit Jann Schutz unter einem etwas vorspringenden Felsen. Es regnete stärker und stärker und bald mischte sich auch das Bollen des Donners in das Pfeifen des Windes und das Plätschern des Regens. Einige rasch sich folgende Blitzschläge veranlassten uns unsere Bergstöcke vorsichtshalber quer in den Schnee zu legen. So sassen wir abermals eine gute Stunde bei einander und berathschlagten was nun zu thun. Zurück wollten wir jedenfalls nicht, die Val Nalps hinaus auch nicht und so blieb uns denn nichts übrig als hinab zu steigen nach dem Nalpsgletscher und dann wieder hinauf nach der Höhe des Pass Nalps. Um 3 Uhr hatten wir die Tiefe des Gletschers, um 4 Uhr die schmale Einkerbung des Passes gewonnen; der Nebel hatte sich etwas gehoben und " wir konnten uns hier eine schwache Vorstellung machen von der herrlichen Aussicht, die diese Stelle bei hellem Wetter gewähren würde. Gegen Norden blickten wir über den Blasgletscher das Val Nalps hinab bis fast an dessen Ausgang; ich könnte aber nicht sagen, dass die steinreiche Einöde zwischen himmelhohen Felspfeilern eingeschlossen mir besonders gefallen hätte; der nördliche Horizont war begrenzt von den Bergriesen von Uri und Graubünden; in majestätischem Zuge folgen sich da die hohen Häupter alle vom Oberalpstock bis zum Tödi, eine imposante Grenzwacht; nach Süden senkt sich der Blick erst tief hinab nach dem Val Cadlimo mit seinen kleinen melancholischen Alpseen und gleitet hinüber nach dem untern Theile des grasreichen Val Piora, in dem noch ein Theil des Lago Ritom sichtbar ist, um sich dann zu erheben und haften zu bleiben an den eisbepanzerten Wänden des Campo Tencca, des Basodine und den stolzen Felsgerüsten des Pizzo di Mezzodi, Pizzo Forno und Poncione di Vespero.

Bei hellem Wetter müsste wahrscheinlich noch die ganze mächtige Grotthardkette sichtbar sein von der Fibbia bis zur Nufenen und es darf daher der Nalpspass jedem Gebirgsfreund auf 's Angelegentlichste empfohlen werden. Der Piz Blas wäre, schätze ich, von hier in 1V2 bis 2 Stunden füglich zu ersteigen, der Pizzo Rondadura in wenig mehr. Ich fasste hier den Entschluss die ganze Kette von Unteralp an bis zum Rondadura soviel als möglich dem Grate nach zu begehen und ich denke es müsste dieser Weg unendlichen Genuss bieten; leider aber vereitelte das anhaltend schlechte Wetter auch diesen Plan. Beiläufig gesagt ist die Alp Ufiern, die letzte Zufluchtsstätte in der Val Nalps, bloss eine einfache Bergamasker Schäferhütte und man wird gut thun sich nicht allzusehr auf eine erträgliche Unterkunft daselbst zu verlassen. Abermals vergingen uns hier oben llji Stunden, die wir grossenteils in dichtem Nebel zubrachten, bis w:ir endlich um halb 6 Uhr unsern Standort verlassen und an den Niedersteig denken konnten. Ueber äusserst steile Geröllhalden und später auf schmalem Schafwege gewannen wir die Tiefe des öden, einsamen Val Cadlimo, umgingen den Lago Lisera und verfolgten alsdann, nachdem wir einen kleinen Hügel überschritten, die steilen felsigen Ufer des Lago Taneda bis zu seinem Ausflusse, der nach wenigen Schritten schon über eine himmelhohe Fluh hinabstürzt, um sich in Val Piora durch den Lago Cadagno fliessend im Lago Ritom mit der Murinascia zu vereinigen.

Wir übersprangen den schmalen Bach und irrten längs den Flühen hin und her, vergeblich eine Stelle suchend, über welche hinab wir das Val Piora gewinnen möchten, bis endlich hoch über uns die Stimme des Schafhirten von Taneda uns anwies, immer rechts zu gehen, bis wir über die Weiden hinabsteigen könnten. Wir folgten dem guten Eathe und erreichten bald die Stelle, die auf der Karte sehr deutlich durch zwei spitz-auslaufende Fluhvorsprünge angedeutet ist, doch möchte ich sehr bezweifeln, ob in normalen Zeiten es möglich. sei, daselbst hinab zu gelangen; uns half ein Lawinenzug über alle Bedenken hinweg und glücklich gelangten wir, dem Lago Cadagno entlang, den Fusspfad verfolgend bei einbrechender Nacht etwa um halb 8 Uhr nach dem kleinen Alpweiler Cadagno Fuori, aus ungefähr 10 bis 12 Hütten bestehend. Zu der ersten derselben lenkten wir unsere Schritte, und freundlich " wurden wir von deren Eigenthümers, einem Bruder und einer Schwester, aufgenommen. Nicht bald habe ich auf meinen Gebirgswanderungen einen so angenehmen Abend zugebracht, wie damals unter diesen braven Tessiner Hirten, zu denen sich bald noch. ein alter Mann mit eisgrauem Barte und zwei erwachsene Männer, nebst zwei jungen Burschen gesellten, alles, prächtige, über sechs Fuss hohe Gestalten, mit Vollbart und kräftig gesunden Zügen. Bis nach 10 Uhr unterhielt ich mich mit ihnen auf s Angenehmste, denn mit Ausnahme der beiden jungen Männer waren sie Alle in Paris und London, drei davon sogar mehrere Jahre als Goldgräber in Californien gewesen.

« Evvivano i Ticinesi » musste ich mir sagen und immer wieder lobe ich mir diese so oft mit Unrecht verschrieenen Leute,, die so arbeitsam und so genügsam sind, wie wir es nirgends sonst wo in der Schweiz finden und wo der Fremde jetzt noch so treuherzig und gastfreundlich. aufgenommen wird, wie einst vor 30 oder 40 Jahren im Berner Oberlande. Nach genossenem Thee und Käsmilch legten wrir uns mit dem Bruder Tessiner, dessen Schwester und dem Graubart in 's duftende Heu und schliefen sanft, bis um 4 Uhr früh, wo Alles schon wieder munter war und um halb 6 Uhr Montags ver-liessen wir die gastliche Hütte. Das Wetter war sehr zweifelhaft und verhinderte uns, die mit Recht so berühmte Schönheit des Val Piora nach Verdienst zu. würdigen. Ein kalter Wind trieb uns kleine Graupen in 's Gesicht und bewirkte einen unverdienten moralischen Katzenjammer in dessen Begleitung wir trübselig über den unbedeutenden vom Piz Taneda atis-laufenden Kücken schlichen, nach dem höchst eigenthümlichen Kessel, in dem Alp und Lago Tom liegen. Ich muss es fachkundiger Feder'überlassen über die sonderbaren geologischen Formen dieser uralten Bildungen sich zu verbreiten; auffallend werden sie aber auch jedem Laien sein. Dass das Gyps- und Dolomitband, welches sich neben und wohl auch unter dem Lago Tom durchzieht, eine Fortsetzung desjenigen von Campolongo sei, ist wohl wahrscheinlich; auch hübsche Granaten fand ich daselbst in grösser Anzahl.

Der Lago Tom hat keinen oberirdischen Abfluss; sein Wasser verliert sich an dessen südwestlichem Endpunkte in einem engen Trichter, in den es sich gurgelnd und wirbelnd hinabstürzt und dessen Ränder mit Kalksinter und Tufstein besetzt sind. Ich stieg in denselben hinein, um die Sache genau zu besehen. Dem abermals einfallenden Regen entwichen wir in einen leer stehenden Stall, wo wir frierend und ungemüthlich eine halbe Stunde Hausarrest absassen. Kaum hatte das Unwetter einigermassen aufgehört als wir wieder weiter schritten, die Hoffnung, dass der mittlerweilen eingetretene kalte Kordwind besseres Wetter bringen dürfte, täuschte uns wenigstens für die nächsten paar Stunden nicht. Die Sonne drang kräftig durch die sich zerstreuenden Nebel, als wir über den Sattel zwischen der Cima di Camoghè und dem Poncione Negri bei Punkt 2359 kämen und links tief unter uns den See und die Alpe del Lago, rechts den See und die Alpe Stabiello auf dem prächtigen Plateau hinschritten das, gegen die Val Canaria in steilen bewaldeten Hängen scharf abfallend, eine prächtige Aussicht bot gegen die weiss schimmernden Felspfeiler der St. Gotthardkette.Val Canaria überblickten wir beinahe ganz von seinem Ursprünge beim Piano Bornengo bis tief hinab; gegenüber erglänzten in ungefähr gleicher Höhe mit uns die weissen Häuschen von Orell. Unsere Richtung führte uns pfadlos hinab in das enge schluchtartige Val Canaria und über eine Lawinenbrücke schreitend, gewannen wir dessen rechtes Ufer und stiegen steil hinauf längs den grasreichen Hängen der nördlichen Thaleinfassung nach dem Weiler von Orell.

Ein einziger Bewohner zeigte sich: ein junger Mensch, dem man ein paar Kühe und Schweine zur Obhut übergeben, während sonst Alles auf die höhern Alpen ausgewandert war. Orell liegt herrlich auf einer sonnigen " Weide, in der. Nähe eines kleinen Lärchen waldes und mit prächtiger Aussicht auf die das Livinerthal nach Süden und Südwesten umfassenden Gebirge. Nach einer angenehm verbrachten Stunde verliessen wir unsern Ruhepunkt, schlenderten nach der Alpe Pontino und zogen uns dann in dem zwischen dem Poncione di Laghetto und der Pusmeda liegenden wiesen- und viehreichen Kessel immer gäher ansteigend gegen Punkt 2528 hinan. Ein prachtvolles Panorama lag vor uns ausgebreitet und schon die nächste Umgebung war so ausserordentlich reizvoll, dass ich den herrlichen Punkt jedem Besucher des St. Gotthards auf 's Wärmste empfehlen möchte. Tief unter uns lag friedlich das kleine blaue Seelein, il Laghetto genannt, inmitten der gleichnamigen frischgrünen Alpe, um die* sich im Kreise die Alpen von Scipsius, Sorescia, della £5ella u. s. f. anreihen; von hohem Standpunkte grüssten uns der Pizzo Centrale und der schlossähnliche Monte Prosa, der altersgraue Wächter des St. Gotthardpasses; es lächelt uns entgegen die willkommene Oase des Hôtel Prosa, wo Freund Lombardi unser harrt; blitzend leuchten die leichtgekräuselten Wellen des Sees, doch das freundliche Bild gestaltet sich ernst beim Anblick der trotzig, auftretenden Felsmassen der Fibbia, die wohl nicht umsonst ihren Namen trägt: ist sie doch im wahren Sinn des Wortes der Knoten und Schlusspunkt des ganzen am St. Gotthard sich zusammen-

ziehenden Gewebes von Gebirgskämmen. Es folgen die leuchtenden Zinnen des Lucendrogipfels, des Monte Rotondo, Piz Pesciora und wie sie alle heissen, bis .zum Nufenenpasse. Der ewig schöne, glänzend weisse Teppich des Basodinegletschers und die kühnen Pfeiler des Campo Tencca und hundert andere, uns unbekannte Gipfel ragen empor aus dem weit uns umgebenden Gebirgs-Circus. Doch schon verdunkelt der Himmel sich wieder; von der St. Gotthardstrasse her stösst der Nordwind dichte Nebelmassen herauf und wir beeilen uns hinabzusteigen dem schützenden Hospize zu und um lx/2 Uhr langten wir, nachdem Jann mich auf seinem starken Rücken über den Sellabach getragen, beim ärgsten Schneesturm unter dem ersehnten Obdache an, wo ich, zu meiner grossen Freude, meinen Bruder Eduard antraf.

Vom 1. bis zum 3. August weilte ich in diesem gastlichen Hôtel Prosa, auf 's Beste verpflegt vom Freund Lombardi, dessen Gasthof ich unsern Clubisten aufs Wärmste empfehlen kann, indem nicht nur die materielle Verpflegung allen billigen Ansprüchen entspricht, sondern dieser Standort auch für Gebirgsausflüge ein ausserordentlich günstiger ist; denn abgesehen von den eigentlichen Besteigungen, die sich von hier aus sehr leicht machen lassen, wie Pizzo Centrale, Monte Prosa, Fibbia, Lucendro, Pesciora, Monte Rotondo u. s. f. giebt es der genussreichen kleinern Ausflüge eine Menge, unter denen ich beispielweise nur Val Torta, Sella, Poncione di Laghetto, Pusmeda, Lago di Lucendro anführen will.

In Begleitung meines Bruders bestieg ich am

1. August den herrlichen Pizzo Centrale, der seinen Namen im vollsten Sinne des Wortes, sowohl durch seine Lage als auch durch die höchst ausgedehnte und vollkommene Rundsicht, die man von seiner hohen Warte geniesst, verdient; im Rückwege stattete ich sodann noch dem, durch die Zertrümmerung seines Gesteines, merkwürdigen Monte Prosa einen Besuch ab. Am

2. August wollte ich die Fibbia und den Lucendro besuchen; aber nachdem ich mit Jann auf der Fibbia zwei Stunden im kalten Nebel zugebracht, mussten wir unsern Plan aufgeben und unverrichteter Sache nach Hause kehren, nachdem wir als kleine Tröstung einen äusserst lohnenden Umweg über die Flühe des Pizzo la Valletta und nach dem Lucendro-See gemacht. Mittlerweilen war auch noch ein werther Zürcher Clubist, Herr Müller-Wegmann, im Hôtel Prosa angelangt, in dessen angenehmer Gesellschaft wir den Abend sehr vergnüglich zubrachten.

Am 3. August bei trübem Nebelwetter verliessen wir den St. Gotthard, um durch die Sellaalp und längs des hübschen Sees über den Giubingpass nach der Unteralp zu gelangen. Wir waren noch keine halbe Stunde gegangen, als es schon regnete und ziemlich durchnässt kamen wir nach \xji Stunden in der hintersten Alpe des Val Torta an, wo wir bei den Sennen uns noch genau über den einzuschlagenden Weg erkundigten. In dichtem Nebel setzten wir unsern Marsch fort, dem Laufe des mittlern der auf der Karte bezeichneten drei Bäche folgend. Bald nahm uns ein in jäher schmaler Rinne herabsteigender Lawinenzug auf, den wir so lange verfolgten, bis wir endlich auf der Höhe ange-1 langt den Sattel überschritten um nach der Unteralp hinab zu kommen.

Immer im dichtesten Nebel und strömenden Regen ging es steil hinab, endlich lüftete sich der Schleier, wir gewahrten von weitem ein Seelein und bald darauf das Steindach einer Alphütte, wo wir gedachten einen Augenblick am Feuer uns auszuruhen. Ich trat hinein und sah einen Mann am Käsekessel beschäftigt, war aber einigermassen verwundert über dessen auffallende Aehnlichkeit mit dem Sennen der Tortaalp, aber als er mich plötzlich im reinsten tessinisch anredet: « Comè, ing giammö venicè indrè » ( Sind Sie schon wieder zurück ), tagte es in meinen Augen und ich konnte dem draussen harrenden Jann die interessante Botschaft bringen, dass wir glücklich wieder an unserm Ausgangspunkte angelangt seien. Das Gesicht, das der gute Christian schnitt, kann ich leider nicht beschreiben, aber ein Segenswunsch war es nicht, der sich aus seinem Munde Luft machte. Nun aber was thun? Es regnete fort und fort; auf der einen Seite lachten uns die Fleischtöpfe des Hôtel Prosa, auf der andern war nur Gefahr und Mühsal und Kampf; konnte aber gerade an solchem Scheidewege ein Alpenclubist schwankenBei schönem Wetter kann am Ende Jeder einen solchen Pass machen! Also nochmals frisch gewagt und hinaus gings wieder in den Kampf der Elemente. Aerger wie zuvor goss der Regen, wüthen-* der heulte der Sturm, dichter umwogte uns der Nebel; aber immer höher stiegen wir durch den Lawinenzug und darüber hinaus, immer mehr links haltend um ja nicht wieder getäuscht zu werden; endlich erblickten wir vor uns eine Gletscherwand, der wir uns rechts ziehend, folgten:

steil ab ging es nun, und endlich kommen wir auf ein kleines Plateau, wo dünnere Nebel uns gestatteten ein wenig um uns zu blicken. Auf einmal entdeckte ich Fussspuren. Ich glaube kaum, das » der gute Robinson Crusoe so sehr erschrak, als er die ersten menschlichen Fussstapfen im Sande fand, wie ich jetzt, da ich nur zu deutlich merkte, dass wir abermals einen « Hasenlätsch » gemacht, wie die Berner Jäger sich ausdrücken, d.h. dass wir abermals auf dem Wege zur Tortaalp uns befanden. Nun hatten wir aber völlig genug für heute, traurig und gesenkten Hauptes, so weit uns nicht der Regen zwang es aufrecht zu tragen, verfolgten wir den Rückweg nach dem St. Gotthard, wo wir gegen 2 Uhr im bedenklichsten Zustande ankamen. Zum Glück trafen wir nur auf christliches Mitleid mit unserm harten Schicksal und keinen Spott über unser doppelt verfehltes Unternehmen und bald war bei einer guten warmen Suppe alles Ungemach vergessen. Die Nacht war empfindlich kaltr am Morgen stand das Thermometer auf dem Nullpunkt und frischer Schnee lag hinab bis beinahe zur Passhöhe. Um halb 8 Uhr verliessen wir das Hôtel abermals; noch lagerten die Nebel an den Bergwänden, aber ein frischer Nordwind belebte unsere Hoffnung und muthig schritten wir vorwärts auf dem gestrigen Wege. Leider steckten wir schon im gestern begangenen Lawinenzuge-wieder im dicksten Nebel; doch regnete es nicht und war windstill, wesshalb wir voll Vertrauen in ein glückliches Resultat in das Wolkenmeer eintraten. Um 10 Uhr 10 Min. hatten wir nach anhaltendem Steigen^ die Höhe, wie es uns schien, erreicht;

denn ein kleines Steinmannli tauchte vor unsern Blicken auf: nach unserer Berechnung mussten wir gestern beim zweiten Versuche nicht mehr weit von dieser Stelle entfernt gewesen sein. Ein leichtes Schneegestöber empfing uns da oben, und vier dicht vor unsern Augen vorüberstreichende Schneehühner erschreckten mich gewaltig. Da von. Aussicht keine Rede war, so zögerten wir nicht, alsbald den Grat zu überschreiten; es war ein eigenthümlich unheimliches Gefühl in dem dichten Nebel über den Gletscher zu schreiten, in der Ungewissheit wohin es eigentlich gehe, ob nicht plötzlich vor unsern Augen eine Gletscherspalte oder ein Abgrund sich öffne und eine gewisse Neugierde verfolgte mich, wie wohl die Welt aussehen möge, die beim Heraustreten aus der Nebelschicht sich unsern Blicken darbieten werde. Es ging manchmal recht jäh hinab und Jann und ich hielten uns nahe bei einander um uns nicht zu verlieren.

Endlich wurde es lichter und nach wenig Minuten sahen wir hell und weit hinaus auf die grünen " Weiden der Unteralp und hinüber nach der Wildmattalp mit dem kleinen Seelein und hinauf nach dem Maigelspass. Leider waren und blieben die sämmtliehen Hochgebirge vom Nebel verhüllt, wie auch von der Ünteralp herauf fort und fort neue Massen dichten Gewölkes herauf-drangen und uns bis nach 1 Uhr Nachmittags zeitweise umhüllten. Wir umschritten den tiefen Thalkessel im Hintergrunde der Unteralp und zogen uns längs der terrassenförmigen Grashänge der Ostseite nach der Wildmatt, die wir ein Viertel vor 12 Uhr erreichten um daselbst einen längern Halt zu machen.

Die Hütten selbst waren leider nicht bewohnt. Man übersieht von diesem immer noch 2227 Meter hohen Standpunkte aus das ganze lange TJnteralpthal bis zur Oberalpstrasse und ich könnte nicht gerade sagen, dass mich dieser Anblick zu einem Besuche ermuntert hätte; es schien mir ein einförmiges, langweiliges Thal zu sein. Nachdem wir uns gehörig gestärkt, begannen wir unmittelbar hinter den Hütten den sehr steilen Aufsteig nach dem Maigelspasse. Schon nach einer Viertelstunde hatten wir die Passhöhe gewonnen und schritten an der nördlichen Seite des kleinen Sees über dieselbe hinweg, um in eine uns ganz neue Gegend zu treten. Mächtige Gletscherzungen strecken sich weit hinab von den ruinenhaften, altersgrauen Felsgebäuden; schreckhaft verwildert und öde sieht Alles aus und es ergriff mich lebhaft das Gefühl der Verlassenheit, des Yerzweifelns an allem Erdgeschaffenen, welches den Griffel des erfahrenen Verfassers unseres Itinerariums geführt haben mag, als er in so drastischer und ergreifender Weise uns hineinblicken liess in den Gang der Erschaffung und der Zerstörung dieser ältesten Gebilde unseres Planeten. Trümmer, Geröll, Zerfall überall; Alles ist grau, das Gestein, das Wasser, die kaum vom Schnee entlasteten spärlichen Grashalden. Uns gegenüber erhob sich schroff und schreckhaft zerrissen der Piz Ravetsch und hinab und hinaus dem Felsgrate entlang stieg Spitze an Spitze ein unheimliches Heer wüster, unfreundlicher Gesellen in den grauen Nebel empor. Im Grunde des Thales gewahrte ich zwei ungefähr 100 Schritte hinter einander gelagerte Moränenwälle,

Vierzehn Tage im Excursionsgebiet.115

ein Beweis wie in zwei verschiedenen Epochen der Oletscher sich zurückgezogen, der jetzt noch ein gutes " Stück hinter dem zweiten zurücksteht. Thalabwärts schreitend erblickten wir zwischen Piz Tegliöla und €avradi hindurch den imposant sich darstellenden Crispait, rechts davon den Piz Ner, während der höhere Piz Giuf, wohl durch den Erstem verdeckt, nicht sichtbar war. Bei einer kleinen noch nicht bezogenen Schäferhütte vorüber, überschritten wir den Maigelsbach, liessen die nach Palidulscha und der Oberalpstrasse führende Ausgabelung des Thales links liegen und stiegen bald hoch über dem in tiefer Schlucht brausenden Wasser an grasreichen Hängen der Einbuchtung des Yal Maigels in das Val Cornera zu, bis wir am Schlusspunkte des Thales unterhalb des Piz Cavradi bei einer kleinen Schäferhütte genöthigt waren, noch bedeutend höher zu klimmen, indem ein weit klaffender senkrechter Biss dort das Gebirge spaltet. Am Rande dieses Kessels war es, wo ich vorausgehend ein kleines Murmelthier in ein Felsenloch fliehen sah und nach kurzer Arbeit war es unsern vereinigten Kräften gelungen dasselbe hervorzuziehen; doch nach kurzem Besitze gaben wir ihm die Freiheit wieder und hatten unsere Freude an der hastigen Flucht des kleinen. Bergbewohners. Der Bergamasker Hirte hatte uns schon längst erblickt und als wir vollends die Höhe erreicht, schritt er grtissend auf uns zu. Es war ein auffallend schöner Mann, gross mit glänzenden Augenr langem krausem Vollbarte und merkwürdiger Weise sprach er ein ziemlich reines italienisch. Sein melancholisches, träumerisches Wesen mahnte mich lebhaft an

Schweizer Alpenclub.8

den uns in einer Erzählung unseres Weilenmann so trefflich geschilderten Hirten im Berninagebirge. Der linke Arm ruhte in seinem Busen halb versteckt und als ich ihn desshalb frug, zog er ihn hervor und wir sahen, dass die Hand fehlte; sie war ihm, wie er uns erzählte, in den fünf Tagen des März 1848 in Mailand von einem Civilisten mit einem Säbelhiebe abgehauen worden, als er, bei den Kaiserjägern stehend, unter Radetzky focht. Nun hütete er als Invalid die Schafe eines reichen lombardischen Viehhändlers; er selbst war aus Süd-Tyrol. « Es wäre wohl ein hartes Brod », meinte er, aber « ehe fare », man muss eben etwas verdienen; aber so schlecht wie heuer wäre es doch noch nie gewesen; denn als er im Mai die warmen Gefilde Italiens verlassend, über das Gebirge hierher gezogen war, hätten bei dem schlechten Frühsommer er und seine Schafe viel von der Kälte und letztere auch vom Hunger leiden müssen. » — « Bei Gott ein elend und erbärmlich Leben », wie Schiller im Wilhelm Teil seinen Rudolf den Harras sagen lässt, musste ich denken. Nachdem ich den Mann, der uns versicherte, wir wären ausser einem Bauern von Tscha-nrat, der ihm allwöchentlich oder alle 14 Tage seine Polenta bringe, die ersten Menschen, die er seit Monat Mai gesehen, mit etwas Münze beschenkt, setzten wir misera Weg fort und gewannen den rasch abfallenden Rücken des Berges, von wo eine prächtige Aussicht auf die Gebirge des Oberlandes und hinab in das liebliche Thalgelände uns zu Theil ward. Um 5 Uhr Abends langten wir in Tschamut an, von wo aus ich sehr gerne per Vehikel vollends nach Disentis weiter gereist wäre;

doch da uns ein solches in ziemlich barscher Weise verweigert ward, marschirten wir weiter und langten glücklich Abends 8x/2 Uhr im Hôtel Condrau zur Post in Disentis und damit zugleich am Ende meiner Nebelfahrten im Clubgebiete an.

Zum Schlüsse möchte ich aber noch allen meinen Clubgenossen das herrliche und äusserst interessante Excursionsgebiet des St. Gotthard auf 's " Wärmste empfehlen. Es ist vor vielen Gegenden unseres herrlichen Vaterlandes werth begangen und gekannt zu werden; kein Naturfreund wird unbefriedigt davon zurückkehren.

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