Von der Liène zur Sallenze

B. Ritz ( Section Monte-Eosa ).

Von Von keiner Besteigung hoher Gipfel oder Firnen melde ich hier, sondern nur von bescheidenen Fahrten in den untern Bergregionen. Führer und Gepäck sind da überflüssig, auch keine feinen Hotels treffen wir, sondern nur bescheidene Wirthshäuschen, und in den meisten Dörfern fehlen auch diese. Dafür ist aber die alte Gastfreundschaft noch nicht ausgestorben und wird hoffentlich noch lange leben. Man muß aber die guten Bergvölklein auch als Freunde besuchen und als solche behandeln. Wie wir schon vom Rhonethal aus sehen, ist der landschaftliche Charakter dieser Seite unseres Clubgebietes sehr manigfaltig und reich an allerlei Abwechslung. Dieses gilt besonders von den untern vorstehenden Bergpartien und ihren Einschnitten. Das Bild derselben wird bereichert, abgeschlossen und auch im Farben-reichthum erhöht durch die ernsten Bergkämme und Gipfelreihen. Langgestreckte Berglinien geben einem zu reichen, unruhigen Vordergrund Haltung und Ruhe; anderwärts erhält wieder eine flache, einförmige Gegend Linienreichthum und malerischen Gegensatz durch schroff aufstrebende Felswände und kühne Bergformen. In den nun folgenden Notizen werden wir uns nur auf das Gebiet zwischen den Seitenflüssen Liène und Saliente beschränken. Unsere Streifzüge gehen nur von Dorf zu Dorf und in einige benachbarte Schluchten hinein.

Es ist, vorläufig gesagt, ein allgemeiner Charakterzug für die meisten dieser Dörfer, daß sie fast ganz in Wäldern von Fruchtbäumen versteckt liegen, aus welchen blos die Kirchen hervorschauen. Nur wenige Ortschaften liegen frei auf einer offenen Berghalde oder in Weinbergen.

Die Bevölkerung gehört auf unserm ganzen Gebiete dem romanisch-französischen Volksstamme an und spricht verschiedenartige Patois. Auch der Volkstypus zeigt mancherlei Variationen. In Bezug auf Schönheit gebührt im vorliegenden Gebiet die Palme der Berggemeinde von Savièse.

Volkstracht hat sich noch in den Bergdörfern erhalten; in den Gemeinden der Ebene und besonders unterhalb der Morge ist sie schon größtentheils moder-nisirt, besonders bei den Männern, während bei der weiblichen Bevölkerung sich wenigstens noch mancherorts der volksthümliche breitrandige Strohhut erhalten hat.

Die zahlreichen Burgtrümmer geben dem hier besprochenen Gebiete eine romantische Färbung. Diese grauen Gemäuer mit ihren Geschichten und Sagen bilden einen seltsamen Gegensatz zu den so friedlich aussehenden Geländen. Aber es war nicht immer so friedlich! Mancher blutige Kampf wurde hier einst geliefert, bis hoch in die Alpen hinauf. Auch die Bergpässe hallten wieder vom Waffengeklirre durchziehender Kriegsschaaren, so der Rawyl, Sanetsch, Cheville, ja selbst kaum bekannte Jägerpfade* ). Von Sitten, der alten burgengekrönten Stadt, abmarschirend richten wir unsere Schritte zunächst nach der Liène, doch nicht auf der Landstraße, sondern längs einer unserer merkwürdigen Wasserleitungen, welche oft weit hinten aus einem Tobel kommen, über grause Abgründe führen, reiche Weinberge und saftige Wiesen unterhalten an Abhängen, welche ohne diese Arbeiten nur kahle, sonnverbrannte Wüsten bieten würden.

Die zur Liène führende Wasserleitung, Bisse de Clavoz genannt, erreichen wir in einer Viertelstunde, von Sitten ansteigend. Fast eben geht 's nun vorwärts im Gänsemarsch, auf schmalem Wege längs der Wasserfuhr, über und unter Weinbergen. Stets schöne Aussicht auf 's Rhonethal. Bald erscheint unter uns die anmuthige Terrasse des Weilers Molignon, mit kräftigen Baumgruppen und kleiner Kapelle am Kande der Wiese. Längs der Leitung weiterziehend kommen wir in die frischgrüne Baumlandschaft von Signèse, mit Aussicht auf das Thal von Hérens und seine prächtigen Gipfel. Unter uns liegt das Pfarrdorf St-Léonard, an der Mündung der engen Liène-Schlucht. In diese biegt nun die Wasserleitung ein, nördliche und nordöstliche Richtung nehmend. Weiter kommt ein Bächlein im Sturz durch dichtes Gebüsch, aus welchem im Frühjahr tausend Blüthenbüschel von Primeln ( P. acaulis ) uns anlächeln. Mit der Leitung geht 's über einige fest gemauerte Brücken, den Pont des Gouttes, Pont du Loup, dann den Zampont, mit fünf Schwibbogen. Hier ist viel mit Reben bepflanztes Land in die Tiefe gerutscht. Die Landschaft wird allmälig wilder, felsiger, der Absturz gegen die Liène steiler, mit Kiefern bewachsen. Nun kommen auch bald die interessantesten Partien der Wasserleitung: die „ Channel " und Halbgalerien. Holzkanäle hängen an der Felswand, auf Stützen, welche in jene eingerammt sind; man spaziert über Bretter, an der Außenseite über der tosenden Liène angebracht. An einer andern Stelle geht 's durch einen langen schmalen Tunnel * ).

Wir gelangen in eine Erweiterung des Tobeis, in die Comba d' Ayent. Eine Brücke mit weit gespanntem Bogen führt die Leitung über die Liène, an einigen malerischen Mühlen vorbei, in deren Nähe die „ prise d' eau " stattfindet.

Diese Comba bietet ein merkwürdiges Bild. Hoch über uns, gegen Ayent, sehen wir einen gewaltigen Moränenwall, gefurcht, ausgezackt nach oben, wie eine Mauer abstürzend. Von diesem Walle bis zur Liène senkt sich eine schiefrige Schuttmasse hinab, auf welcher nur wenig Gestrüpp gedeiht. Wunderlich contrastirt die schwärzliche Farbe derselben gegen die hellleuchtende Moränenwand.

Der Weg nach Ayent führt über diese zeitweise noch nachrutschende Schutthalde hinauf. Ein anderer Weg geht von den Mühlen nach Lens, unter einigen Gandecktrümmern, durch würzigen Kiefernwald und blumige Bergmatten.

Auf diesem Wege wanderte ich am St. Georgentag ( 23. April ) mit einigen Freunden aufwärts nach Lens. Im großen Pfarrdorfe war 's menschenleer; wir hatten nicht daran gedacht, daß im nahen Chermignon das Patronatsfest gefeiert werde. Dahin eilend, sahen wir vor der Kapelle bald eine große Volksmasse, welche nach dem Gottesdienste in 's Dorf hinab zog. Wir hatten nun das Glück, eine alte Volkssitte zu Ehren des hl. Eitters beobachten zu können. Die männliche Jugend, fast vom Wickelkind an bis zum beinahe erwachsenen Jüngling, war unter Waffen, aufgestellt in langer Schlachtreihe, diese in vier Compagnien abgetheilt. Die ältesten Knaben bildeten die erste Compagnie, vollständig ausgerüstet mit achtem Ober-und Untergewehr, in allerlei altern und neuern Uniformen, deren Aermel bei Manchem weit Uber's Handgelenk reichten. Die zweite Compagnie, kleineren Schlages, trug Büchsen ( ohne Lauf ), an denen blos die Bajonnete acht waren. Die dritte, rekrutirt aus kleinen pausbackigen Büblein, war bewaffnet mit Säbeln aller Art. Die vierte Compagnie endlich, die zuletzt kam, war allerliebst; die kleinen Helden trugen bunte Fähnlein, waren aber nicht zu Fuß, sondern saßen, noch im Kinderröcklein, auf den Armen der Väter oder an der Brust der Mütter. Dagegen contrastirte fast komisch der martialische-Ernst der Uni-formirten, die sich natürlich schon für Vaterlands-vertheidiger hielten. Manche kleine naive Episode brachte noch mehr Manigfaltigkeit in den ländlichen Festzug.

Die jugendliche Armee setzte sich nach längerem Halt unter Trommeigewirbel wieder in Bewegung nach dem Gemeindehaus, wo ihrer ein kleines Festmahl harrte. Diese Feier findet alljährlich statt, wird aber verlegt, wenn St. Georg auf einen Sonntag fällt ( wegen des Pfarrgottesdienstes in Lens ).

Nach dieser Abschweifung über die Grenze des Clubgebietes kehren wir wieder in dasselbe zurück, zunächst nach Ayent. Auch von Lens führt ein Weg dahin, über Icogne und die Mühlen von Lens, in der Liène-Schlucht.

Ayent, eine alte große Pfarre, liegt hoch auf terrassenartigen Abstufungen; gegen die Liène fällt der Berg steil ab. Man begreift unter dem Namen Ayent mehrere Ortschaften: St-Romain, wo die neue Pfarrkirche steht ( 1036 m ); Fortuno, auf dem Wege zum Kawyl; Luc, über jenem Moränenwall; Villa* ), Von der Lune sur Sallenze.Vìi la Place, in kleiner feuchter Ebene zwischen der Anhöhe von St-Romain und einem Hügel; etwas westlicher kommen noch Saxonna, Botiri, Blignoux und Arnioux. Die Gegend ist reich an Wiesen, dichten Gruppen von Fruchtbäumen und an Aeckern; die Weinberge liegen tiefer, an steilen sonnigen Abhängen. Die kräftige Bevölkerung ist wohlhabend, sehr arbeitsam, einfach, genügsam und rechtschaffen. Die dunkle, sehr einfache Tracht ist nicht gerade gefällig in Schnitt und Farbe, aber, wie die Wohnungen, etwas reinlicher gehalten als in einigen andern Dörfern des mittleren Wallis.

Ayent hatte im Mittelalter zwei Burgen, eine zu St-Romain, die im Jahre 1476 zerstört wurde; die andere Burg lag auf dem felsigen Hügel ob la Place und gehörte den Freiherrn zum Thurm, welche einige Zeit auch Herren von Ayent waren. Nach der Ermordung des Bischofs Widschard von Tavelli auf Seta ( 1374 ) durch die Anhänger Antons zum Thurm erhoben sich die Oberwalliser gegen diesen gewaltigen Herrn, schlugen ihn bei St-Léonard und zerstörten obige Burg ( 1375 ), sowie seine übrigen Schlösser im Ober- und Unterwallis. Anno 1376 kam Thüring von Brandis seinem Schwager Anton zum Thurm zu Hülfe über den Rawyl; er wurde bei Arbaz geschlagen.

Beide Burgen von Ayent sind verschwunden; auf dem Hügel sind nur noch wenige Steintrümmer sichtbar; aber die Sage meldet von verschütteten Gewölben und reichen verborgenen Schätzen und Gewändern.

Von Ayent führt ein Saumweg oder kürzer eine grause Wasserleitung nach dem bekannten Rawylpaß.

Von diesem sei hier nur noch erwähnt, daß im Jahre 1211 Berchthold V. von Zähringen mit einem Heer von der Lenk herauf nach dem Rawyl zog, jedoch durch Herabwälzen großer Felsmassen zurückgetrieben wurde.Von Ayent kommen wir auf aussichtreichem " Wege nach dem Dorfe Arbaz, in freundlicher Lage ( 1159 m ), mit Fernsicht auf die Walliser und Savoyer Alpen. Ein hübscher Weg führt auch von der Sionne-Schlucht hinauf, über Feld und Wiesen, auf welchen nach der Schneeschmelze unzählige Veillerettes ( Crocus vernus ) blühen, sinnig also genannt, weil sie über die andern Blumen wachen und dieselben im Lenz wieder auferwecken.

Arbaz hat erst seit dem Jahre 1860 eine Pfarre. Das Völklein ist freundlich, frisch, man sieht manch hübsches Gesichtchen, wozu der breitrandige, mit gefältelten schwarzen Bändern gezierte Strohhut sammt Häubchen nicht übel steht.

Heizend ist der Spaziergang von Arbaz ( wozu Vionnaz gehört ) hinein in die enge Schlucht der Sionne, an Mühlen, Mayens und andern hübschen Partien vorbei in die Comba d' Arbaz. Sie ist im Frühling sehr blumenreich, während noch lange Lawinenzüge von den wilden zackigen Felswänden der Creta-bessa herabhängen. Das frische Grün der Voralp wird auch noch erhöht durch Schutthalden. Im Jahre 1869, nach einem Wolkenbruche, mußten wir hier bei einer Fahrt auf 's Wildhorn über einige merkwürdige schwarze Schlammströme mit schwimmenden Felsbrocken setzen, die sich langsam nach der Sionne bewegten, welche damals weiter unten einige Verheerungen anrichtete.

Es sei hier noch bemerkt, daß die Besteigung des Wildhorns von dieser Seite und über die Alp Donin öfters stattfindet und leicht ist. Den Abstieg macht man auch zur Abwechslung über Serin oder über den Glacier de Ténéhet ( in Ayent gehaucht, etwa wie Hénehé ) u. s. w.

Von Arbaz geht 's abwärts nach dem Pfarrdorfe Grimisuat ( deutsch Grimseln ), 882 m. Hier steht noch erhalten das alte feste Haus der Edlen Super Cristàm, schon 1200 vorkommend und jetzt als Pfarrhaus dienend. In diesem Dorfe sind noch mehrere alte Steinbauten, mit Fenstern und Thüren im sogenannten Tudorstyl. Dazwischen, belebt durch Gärtchen, Zäune, Bäume und Bächlein, kommen wieder die gewöhnlichen Berghäuser des mittlern Wallis, mit steinernem Unterbau ( die Thüren oft mit Rundbogen versehen ), auf welchem der Holzbau ruht, mit kleinen Fenstern und weit überragendem Dache. Die innere Einrichtung ist hier, wie in Ayent u. s. w., in den Hauptzügen ( bei altern Häusern ) meist derjenigen von Savièse ähnlich* ).

Ueber Grimisuat erhebt sich der Hügel les Crêtes, welcher eine herrliche Aussicht bietet, besonders malerisch gegen Westen. Im Vordergrund das Dorf mit Kirche und großen Baumgruppen; im Mittelgrund Hügel und das schöne Berggelände von Savièse, in der Ferne über dem Rhonethal im Duft verschwimmende Bergreihen, Alles in prächtigen Linien und Ueberschneidungen.

Von Grimisuat fuhrt ein Weg zu den Mühlen und zum Dorfe Drôna, ein anderer über den Weiler Champlan nach Sitten. Wir wählen einen hübschen Fußweg durch Nadelgehölz und ein kleines Thälchen hinab in die mühlenreiche Schlucht der Sionne.

Abermals von Sitten ausziehend wenden wir uns nach dem untern Wallis; zunächst nach Conthey ( deutsch Gundis ). Aber auch nicht auf der Landstraße, sondern bergauf und bergab, bei dem kleinen See und dem hohen Hügel von Mont-d'Orge vorbei durch ein frisches Thälchen, dann durch einen Kiefernwald. Hier sind wir an der Morge angelangt.

Dieser Fluß spielt eine wichtige Rolle in der Walliser Geschichte. Er bildete in alten Zeiten die Grenze zwischen dem obern bischöflichen und dem untern savoyischen Wallis. Schon anno 1224 finden wir einen Vertrag über diese Grenze, zwischen Bischof Landrich und dem Grafen von Savoyen. Viele Friedens-verträge wurden hier geschlossen, und sehr oft wurde in den vielen Kriegen zwischen Oberwallis und Savoyen diese Grenze verletzt und von verheerenden und eroberungslustigen Armeen überschritten.

Es ist nicht mein Fach und nicht der Zweck dieser kleinen Notizen, Geschichte zu erzählen. Aus blos alpenclubistischeGrunde seien hier einige Heereszüge über den Sanetschpaß erwähnt: der Zug des Grafen Rudolf IV. von Greyerz nach dem Oberwallis, wo er 1388 bei Visp geschlagen wurdespäter die Einfälle des von den Wallisern „ gemazzten " Widschard von Raron ( Sitten wurde beim ersten Zuge überrumpelt, beim zweiten Zuge über den Sanetsch aber wurde der Feind bei Chandolin 1419 zurückgetrieben ). Im Jahre 1475 kamen 3000 Berner und Solothurner über den Sanetsch den Oberwallisern zu Hülfe gegen die Savoyarden, welche am 13. November auf der Planta vor Sitten geschlagen wurden und nachher auch das ganze Unterwallis verloren.

Durchwandern wir nun die Landschaft von Conthey. Schon vom Ufer der Morge bietet sich ein schöner Ueberblick; im Vordergrund die theilweise versandete Ebene; rechts die mit Burgruinen gekrönten Hügel von Mont-d'Orge und Seta ( Seon ); vor uns ausgebreitet das schöne Berggelände von Conthey mit seinen guten Weinbergen, von denen einige Dörfer herabschauen; darüber die Bergwiesen, die Mayens und Alpen und ein langgezogener Bergkamm, der mit der Pointe-de-Flore ( Mont-Gond ) gipfelt. Im Hintergrund des tiefen Morge-Tobeis zeigen sich Creta-bessa, Wildhorn, der Cérac, die Sublage u. s. w. Endlich links, hoch über dem Tobel der Lizerne, bildet den Abschluß die gewaltige felsige Masse des Haut-de-Cry ( hier Pic d' Ardon genannt ).

Das erste Dörfchen, noch in der Ebene, heißt la Place ( 512 m ), mit einigen alten Häusern, wovon eines mit Bogengang* ). Von hier steigen wir hinauf nach Conthey-Bourg, der Burgschaft, mit Kapelle, Gemeindehaus, Thor u. s. w. Die Ringmauern sind verschwunden, ein Theil davon erst zu Anfang dieses Jahrhunderts. Darüber sind die Trümmer eines Schlosses, das mit einer andern ganz verschwundenen Burg daselbst außer den Grafen von Savoyen auch einige Zeit den Freiherrn zum Thurm gehörte. Es sind noch Gewölbe vorhanden, ein Thurm ist erst vor 10 Jahren abgetragen worden.

Die Sage meldet wunderliche Dinge von diesen Hurgen. „ Es war einmal, so erzählt sie, auf der Bui*g von Conthey ein grimmer Twingherr, genannt der Cantovert, er drückte das Volk gar sehr und verachtete es; dieses war deshalb auch unzufrieden nnd der Herr traute ihm nicht. Die Leute von Hérémence mußten deshalb die Wachen halten und drei Mal in der Nacht ablösen. Der Cantovert hatte viel Aengsten und schlaflose Nächte und dann ging er aus dem Schlafgemach in die anstoßende große Stube, wo die abgetretenen Schildwachen sich aufhielten. Auf und ab spazierend richtete er allerlei Fragen an die Mannen. Einstmals frag er Einen:

„ Du schläfst ?"

„ Nein, ich denke an etwas. "

„ An was denkst du ?"

„ Ich sinne, daß der Fuchs ebenso viel Knöchlein am Schwanz hat, als am Rückgrat. "

Der Zwingherr ließ einen Fuchs tödten und untersuchen und sah, daß der Mann Recht hatte. In der folgenden Nacht frug er wieder einen andern Wacht-mann:

„ Du schläfst ?"

„ Nein, ich denke an etwas. "

„ Ueber was sinnest du ?"

„ Ich sinne, daß die Elster ebenso viel weiße Federn hat als schwarze. "

Auch diese Antwort erwahrte sich. In der dritten Nacht frug der Cantovert den dritten Wachtmann:

„ Du schläfst ?"

„ Nein, ich denke an etwas. "

„ Ueber was sinnest du ?"

„ Ich sinne, daß es eben so viel weiße als gelbe Sternlein am Himmel hat. "

Der Schloßherr eilt an 's Fenster und will die Sternlein zählen; da trifft ihn ein Pfeil mitten in den Kopf, abgeschossen von der Schildwache am Burgthor.

Das Volk von Conthey war von seinem Tyrannen befreit und gab zum Danke den Leuten von Hérémence, den Befreiern, viele Stücklein Weinberg, gelegen zunächst und östlich vom Schlosse.Daher soll es kommen, daß jetzt noch an vierzig Familien von Hérémence ganz kleine Parzellen von Weinland besitzen, in der Gegend genannt les Amo-rettes, östlich der Burgruinen. Wegen der großen Entfernung von ihrem Dorf suchen aber jetzt Manche ihren Antheil zu verkaufen.

Es ist hier zu bemerken, daß die Hérémençards ( die Leute von Hérémence ) unter der Kastlanei Conthey standen.

Neben der Burg war ein Teich voller Frösche, welche nächtlich solche Spektakelmusik machten, daß die Bauern mit Stangen hineinschlagend die Thiere zum Schweigen bringen sollten. Daher ist noch jetzt der Spottname „ les tappe-gouilles " bekannt.

Die beiden Burgen von Conthey wurden in den Jahren 1376 und 1476 von den Oberwallisern zerstört.

Wir verlassen die Trümmer mit ihren Sagen und ziehen weiter nach St-Severin ( 604 m ), wo die neue Pfarrkirche von Conthey steht nebst wenigen Häusern. Durch Weinberge geht 's weiter nach Sensine, oberhalb der Morge, und noch höher hinauf nach Daillon ( 906 m ), wo schon anno 1200 das Schloß des Jocelin Perroz war; es ist auch verschwunden. An sehr steilen Abhängen liegen hier noch Weinberge, bis zur tief unten brausenden Morge. Ein Weg führt auch von hier zum Sanetsch. Wir lassen denselben rechts liegen und wandern in entgegengesetzter Richtung zu den Dörfern Premploz und Erde, umgeben von dichten Baumgruppen. Noch höher liegt Aven ( 946 m ). Von diesem Ort führt der Weg in 's enge malerische Thal der Lizeme, genannt Val de Triqueut.

Wir machen demselben einen Besuch. Von Aven kommt man bald zur Kapelle St-Bernard, an einer Bergecke gelegen. Man sieht hier einerseits in das warme fruchtbare Rhonethal hinab, andererseits in die wilde Schlucht und auf die Felswände der Diablerets.

Der Weg wendet sich hier nach Norden und die Landschaft bietet plötzlichen Scenenwechsel. Felsen und steile Abhänge treten auf, bewachsen mit wunderlichen Kiefern. Dann folgt wieder eine Ueberraschung: « in prächtiger Buchenwald erfreut und erfrischt uns mit seinem goldig-grün durchsichtigen Blätterdach. Es liegt ein eigener poetischer Duft im Buchenwald, den wir im obera und mittlera Wallis sehr vermissen, denn hier tritt er zum erstenmale auf an der Nord- seite. Er ist der Baum der Freude und darum wächst auch in seinem Schatten das Kraut der Freude, der Waldmeister.

Weiter hinein folgt, als neuer Gegensatz, eine wilde, ernste Landschaft. Der Weg geht hinauf und hinab, über schauerliche Abgründe, an kahlen, schroffen Flühen vorbei, von welchen einige Bäche stürzen, an Frühlingsabenden den Wanderer mit feuchtem Staub überschüttend, während sie am Morgen oft fast wasserlos sind.

Aus dieser grausen Felsschlucht kommen wir endlich in freundlichere Landschaft, welcher aber bald neue unheimliche Scenen folgen. Wir treten in den hintern Thalkessel, zunächst in die grünen Voralpen oder Mayens von Besson und Cortenaz. Auf einem Rasenplatze, neben einem frischen Bächlein und blühenden Büschen von Erica carnea, halten wir Frühstück oder gehen auch in die Hütten zu den freundlichen Hirten und laben uns an herrlicher Milch. Aber auch hier ist 's nicht immer ganz geheuer. Im Mai wurden wir aus unserer behaglichen Ruhe aufgeschreckt durch plötzlichen Donner. Von hoher Fluh herab stürzten durch eine Runse prasselnd große Massen von Schnee-, Eis- und Felsbrocken und wälzten sich mit schwarzem Schlamm zu Thal. Dann wurde es wieder stille, aber zweimal noch wiederholte sich die Erscheinung.

Nun treten wir in die Gegend der großen Bergstürze. Moosbedeckte Trümmerhaufen liegen umher, überschattet von Tannen, zwischen hinein allerlei Gestrüpp und Pfützen, welche von Molchen wimmeln. Auf „ grotzigemu Steg geht 's über die Lizerne, dann hinauf durch Trümmer und dunkeln Wald, und endlich liber den Bach Derbonère zu blumigen Alpmatten. Hier wird Halt gemacht, denn vor uns liegt der merkwürdige See von Derborence ( patois Derborenza ) ( 1432 m ). Ein riesenhafter Wall eckiger, vielgestaltiger Felsblöcke schließt den See ab; auch in den smaragd-farbigen Fluthen liegen viele große, mit Nadelgehölz, bewachsene Trümmer. Den weitern Hintergrund bilden die Felswände der Pointe-de-Flore, der Fava, links aber die Ungeheuern Felsmauern der Diablerets, in mächtigen Bänken abgestuft und abstürzend.

Wir sahen diese Landschaft einst in einem prächtigen Lichteffekte, da der See bewegt war und wie Silber glänzte, auch der Trümmerwall war hell von einem Streiflicht beleuchtet und sah aus wie eine märchenhafte Ruinenstadt; der Hintergrund hingegen war in dunkle Wolkenschatten gehüllt. Ein ander Mal setzten sich die Trümmerhaufen mit ihrem Nadelgehölz dunkel ab gegen die hell und warm leuchtenden Felswände.

Eine interessante Ansicht bietet sich auch am südlichen Seeufer, mit Lärchen und Tannen im Vordergrund; die Diablerets mit einer Partie des Zanfleuron-Gletschers bilden hier den Hintergrund. Aber dieser ist zu groß, zu massig, der See und die Trümmer verlieren dadurch an Wirkung.

Der Derborenza-See ist erst im Jahre 1749 durch einen Bergsturz der Diablerets entstanden. Dieser verschüttete an 46 Hütten und viel Weidland. Fünf Arbeiter wurden in einer Sägemühle weiter unten getödtet, aber die Hirten und Heerden hatten sich bereits geflüchtet, weil dem Sturz ein lang anhaltendes Donnern und Brummen, wie aus dem Berginnern kommend, voranging. Schon früher ( anno 1714, am 25. September und den folgenden Tagen ) stürzten von den Diablerets ungeheure Felsmassen und begruben 15 Menschen mit Heerden und Hütten. Große Blöcke wurden geschleudert bis auf die gegenüberliegenden Flühe, wo sie sitzen blieben. Ein Mann, George Oder aus Aven, ist dabei wunderbar gerettet worden. Ein Block blieb hart an seiner Hütte stehen und schützte dadurch dieselbe, indem der nachprasselnde Schutt sie begrub, ohne sie zu zermalmen. Drei Monate blieb der Arme in diesem Grabe; herabtropfendes Wasser gab ihm wieder Hoffnung auf Errettung. Von den kleinen Vorräthen der Hütte lebend, grub er sich unverdrossen durch den Schutt, bis er endlich aus seiner Nacht herauskam in eine glänzende Schneewelt. Es war Weihnachten! Erschöpft schleppte er sich bis Aven; sein Aussehen war so grausig, daß ihn Jedermann für einen revenant* ) hielt. Erst als man einen Priester holte, um ihn zu exorcisiren, konnte er die Leute überzeugen, daß er noch der lebende George sei; er lebte aber nicht mehr lange.

Nach langer Rast wandern wir wieder weiter, längs dem nördlichen Seeufer, über Geschiebe, welches Bäche vom Cheville und den Diablerets herabfuhren; dann mühsam über die Trümmerhaufen in die Voralp der Comba, bei mehreren Hütten vorbei und dann abwärts wieder zur Lizerne, wo wir zwischen den Schutthaufen noch mehreren kleinen Seelein und Tümpeln begegnen.

Der hohe Trümmerwall von Derborence sieht von hier schauerlich aus.

Von Besson besuchen wir die Mayens de Serva-plana und wählen den Weg nach Ardon hinaus auf der westlichen Thalseite, hoch über der Lizerne, längs den steilen Bergabhängen des Mont-à-Cavoere, des Haut-de-Cry, des Tzévau, der Tete-de-Versan, von welchen mehrere Bäche abstürzen. Unterhalb der Forêt de la Fada gelangen wir wieder hinaus gegen das Rhonethal, auf einen Bergabsatz, genannt Mère750 m ), auf welchem einige Hütten und Ställe ( Mayens ) stehen. Hier soll einst ein Tempel der Göttin Isisgewesen sein. Es wird gemeldet von älteren und neueren Funden, von Gräbern, Votivtafeln, römischen Münzen, allerlei Trümmern u. s. w. Hier stand auch die Burg Crest ( Crête ). Bezüglich derselben ist ein Heerzug über den Col - de - Cheville und den eben angeführten Weg zu erwähnen. Als die Oberwalliser den Freiherm zum Thurm bekriegt und aus dem Land gebannt hatten, nahmen sie nebst anderen Burgen im Unterwallis auch die von Ardon ein und legten Besatzung hin. Die Savoyer, unter Anführung des François de Pont-Verre, stürmten, vom Cheville kommend, die Burg Crest, welche gleichzeitig auch von einer Schaar vom Rhonethal her angegriffen wurde; die Besatzung fiel nach heldenmüthigem Kampf bis auf den letzten Mann. ( Chronique de Savoie, Boccard, Furrer etc. ) Ardon ( Ardunum ) liegt nahe unter uns in der Ebene ( 493 m ), die wir auf einem Zickzackweg erreichen.

Es ist ein ziemlich großes Pfarrdorf, mit hübscher intelligenter Bevölkerung. Nebst mehreren langweiligen neuen Häusern ist dort auch eine ächte Dorfgasse, mit Stein- und Holzhäusern und Weinranken. Die Lizerne kommt aus einem engen finstern Tobel, an dessen Ausgange die geschwärzten Hütten der Eisenschmelze stehen.

In der Nähe von Ardon ist die alte Klosterkirche von St-Pierre-de-Clages sehenswerth, eine Basilika mit achteckigem Thurm.

Durch Felder und Weingärten kommen wir, uns bergwärts wendend, nach Chamoson ( 649 m ). Das freundliche Pfarrdorf liegt in einer warmen fruchtbaren Einbuchtung. Weinberge und große Baumgruppen bilden einen schönen Contrast gegen die gewaltigen Kalkwände, die von Osten nach Norden die Bucht abschließen und von der Eouzzia ( rothe Fluh ) himmelhoch ansteigen zur Tête-de-Versan und zum Haut-de-Cry. Gegen Westen wird die Gegend überragt von der ( diesseits bewaldeten ) Ardevaz. Chamoson hat noch einige sehr alte Häuser und wurde beherrscht durch die mehrmals belagerte und zerstörte Burg le Chavey. Die jetzige Kirche ist erst im Jahre 1775 gebaut worden.

Allerliebst machte sich in dieser Gegend ein ländliches Musikfest, vor etlichen Jahren im Frühling abgehalten. Mehrere benachbarte Musikvereine waren mit Fahnen und klingendem Spiel herangezogen. Das Dorf und der Festplatz, auf einer baumbeschatteten Wiese, waren sinnig und nicht ohne Geschmack decorirt. Dem Concert im Freien folgten Becherklang und länd- lieber Beigen. Bei einem Toast brummte auch der Haut-de-Cry Beifall mit einer herabdonnernden Lawine. Ein hübscher Weg führt von Chamoson aufwärts, hinter der Ardevaz, zu den Mayens und dann hinab in die Bergdörfer ob Leytron. Längs der Losenze, die schon viel arge Ueberschwemmungen anrichtete, geht 's hinauf zum Weiler Grugnay. Hier in ein Haus tretend wurden wir fast geblendet vom glänzendsten Zinngeschirr in der Küche, während sonst in den welschen Bergdörfern des mittlern Wallis das „ râtelier " mit seinem Schmuck in der Hauptstube steht. Von Grugnay geht 's durch schönen Laubholz- und Tannenwald; moosige Felsblöcke liegen im Schatten und dazwischen Farren und allerlei Kraut und Gebüsch. Höher erreicht man das Plateau von Berze und die Mayens. Bei einer Herbstfahrt sahen wir hier nette Staffagen; junge Mädchen und kleine Kinder hüteten das Vieh und machten Spiele im hohen Grase; vor den rauchenden Hütten und an den Brunnen waren geschäftige alte Weiblein. Den Hintergrund bilden hier Wald, die Alp Chamosenze und hohe Felsmauern. Wir sind hinter der Ardevaz und ziehen, dieselbe umkreisend, weiter durch Nadelgehölz und dann abwärts durch Wiesen und Aecker voll arbeitender Leute. Ueberall schöne Aussicht, mit prächtig abfallenden und geschwungenen Berglinien im Mittelgrund; in der Ferne schimmern duftig hohe Gipfel und Firnen. Bald folgt eine Reihe kleiner Bergdorf lein: Mourtey, Dugny, les Places, Montagnon, Produit; bei den letztern treten wieder Weinberge und Weinlauben auf. Die Ardevaz stürzt nach dieser Seite in senkrechter Fluh ab. Weiter unten, im Rhonethal, ist Leytron ( 497 m ), ein altes Pfarrdorf, welches einst auch seine Burg hatte, den Edlen Villeta de Chivrone gehörig. Davon ist noch einiges Gemäuer und ein Thor erhalten.

In der Nähe von Leytron stürzt die Sallenze aus einem schauerlichen Tobel, den bekannten Gorges-de-Saillon, welche den Touristen bereits zugänglich gemacht sind durch Galerien. Hierüber sei nur bemerkt, daß die Gorges stellen- und zeitweise einen fast feenhaften Effekt bieten, wenn die Sonne einige Streiflichter hinein sendet durch das überhängende Laubwerk, und Wasserfall und Schlund von duftigen Reflexen umhüllt und erfüllt erscheinen.

An der Sallenze ist unsere Fahrt zu Ende. Weiter kommen zwar noch viele malerische und interessante Landschaften von ganz anderem Charakter ( über das nahe malerische Saillon siehe Saillon's Umgebung und seine Marmorbrüche, von Prof. F. O. Wolf, im Jahrbuch, Bd. XIV ).

Bei der Heimfahrt mit dem Dampfroß bietet sich nochmals ein schöner Ueberblick auf das durchwanderte Clubgebiet. Auf Wiedersehen, ihr lieben Bergdörfchen und malerischen Schluchten!

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