«Wenn der Berg nicht mitmacht, geht es nicht» Robert Seiler hat Alpingeschichte erlebt und mitgeschrieben

Bergsteigen war 1950 anders als heute. Der Berner Oberländer Robert Seiler, Mitglied der fünften und damals jüngsten Seilschaft, die durch die Eiger-Nordwand kletterte, erinnert sich.

Als der Beamte der Berner Kantonspolizei den Mann mit dem Elektrorollstuhl auf der Schnellstrasse stoppte, wusste er sofort, mit wem er es zu tun hatte: Robert Seiler aus Bönigen ist bekannt für seinen unbändigen Bewegungsdrang. Auch im hohen Alter ist er kaum zu bremsen. So wenig wie im Sommer 1950, als er durch die Eiger-Nordwand stieg. Zwar wusste zu jener Zeit kaum jemand von den Aktivitäten des 21-Jährigen. Seinen Eltern zum Beispiel hatte er «vergessen» zu sagen, was er vorhatte. Nach und nach sickerte durch, dass ein Einheimischer zur jungen Seilschaft gehörte, der die fünfte Begehung der berüchtigten Wand gelungen war. Die Schweizer Illustrierte Zeitung zeigte die vier Kletterer auf der Frontseite. Man sei beeindruckt, hiess es im Artikel, von der «bergkameradschaftlichen Freundschaft, die auch nach schwerster Prüfung sich bewährte und zum gemeinsam verfolgten Ziele führte». Seiler selbst war das alles nicht so wichtig. «Wir hatten keine Zeit, darüber nachzudenken», erzählt er. «Mi Gott Seel nid. Wir mussten zurück an die Arbeit.»

Es begann im Jura

Robert Seiler ist in Bönigen aufgewachsen, wo er heute im Altersheim lebt. Während seiner Lehre in einer Schlosserei in Biel begann er zu klettern. Seither prägen die Berge und das Bergsteigen sein Leben. Als junger Mann gehörte er zu den aufstrebenden, wilden Kletterern im Jura. Mit seinen legendären Kletterfreunden, den «Bouquetins», den Steinböcken, unternahm er viele Touren und versuchte neue Routen. Stets starteten sie in Biel, um ihre Kletterziele mit dem Fahrrad erreichen zu können. Nur wer den damals höchsten Klettergrad 6+ im Vorstieg meisterte, konnte Mitglied werden. Die Gruppe war eine «Bande» und kein Verein, wie Seiler betont.

Wenn Robert Seiler von seinem Leben erzählt, tönt es so, als hätte sich vieles einfach so ergeben: So wie er durch Zufall zum Klettern kam, heiratete er mit null Franken auf dem Konto seine Frau Lina, gründete eine Familie und eine eigene Firma, die auch nach 60 Jahren als Seiler AG erfolgreich im Bereich Stahl- und Metallbau agiert. «Das war eigentlich verrückt», wundert er sich heute. «Es hätte auch schiefgehen können.» Doch so zufällig waren die Etappen in Seilers Leben vielleicht doch nicht. Zwar suchte er manche Dinge nicht, aber er liess sich von seinem Bauchgefühl leiten und handelte, wenn er es für richtig hielt.

Sowohl im Beruf als auch in den Bergen faszinierten Seiler besondere Herausforderungen. «Das Bergsteigen verlangt dir alles ab. Wirst du überrascht, sagt dir niemand, wie du entscheiden sollst. Das musst du spüren.» Erst später lasse sich sagen, ob es richtig war oder nicht. Für ein gutes Resultat brauche es neben dem Gefühl auch Vernunft und eine Portion Glück. So wie 1950 in der Eiger-Nordwand. Seiler und sein Kletterpartner Marcel Hamel hatten sich lange auf das Projekt vorbereitet. Ein erster Versuch scheiterte, dann schlossen sich die zwei Freunde mit Raymond Monney und Jean Fuchs zusammen, die ebenfalls durch die Wand wollten. «Das Wichtigste war, dass wir abgemacht hatten, einander zu helfen, wenn etwas passiert», erzählt Seiler. Schon am ersten Morgen wurde Fuchs von einem Steinschlag getroffen und fiel ins Seil. Die Kollegen schleppten den Verletzten zu einem Biwakplatz, zogen ihm den Splitter aus der Schläfe und verarzteten ihn. Gegen Abend erklärte er zum Erstaunen aller, er wolle nicht zurück, sondern zum Gipfel. So kletterten sie weiter, den angeschlagenen Fuchs mussten sie stets überwachen. Nach einem weiteren Biwak gerieten sie erneut in einen Wetterumsturz, schafften den Ausstieg aber am nächsten Tag.

Das Corti-Drama

Von seinem inneren Kompass liess sich Seiler auch leiten, als er an einem Tag im August 1957 von in Not geratenen Alpinisten in der Nordwand erfuhr. «Irgendwie sollte man doch helfen können», sagte er sich. Nachdem die Rettungsstation Grindelwald ein Eingreifen als zu heikel beurteilt hatte, stiess er eine Rettungsaktion an. Er trommelte über Nacht die «Bouquetins» zusammen, sprach mit anderen spontanen Helfern, die sich unabhängig voneinander eingefunden hatten. Schritt für Schritt versuchte die zusammengewürfelte Mannschaft, die Probleme zu lösen, um Claudio Corti zu retten. Es war das erste Mal, dass es gelang, eine Person lebend aus der Nordwand zu bergen – eine Sensation, über die die internationale Presse ausführlich berichtete. Daniel Anker und Rainer Rettner haben die Einzelheiten jener dramatischen Tage in einem Buch festgehalten.

Robert Seiler erinnert sich an jedes Detail, etwa an sein Telefonat mit Lionel Terray – ihm war 1947 die zweite Begehung der Nordwand gelungen, und er war für Seiler damals das Mass aller Dinge im Bergsport. Weil Terray den Böniger Bergsteiger kannte, bot er ihm spontan seine Hilfe an. «Wie willst du denn jetzt kommen?», fragte Seiler Terray am Telefon. Es war später Abend, er war auf dem Jungfraujoch, Terray in Interlaken. «Um diese Zeit fährt kein Zug mehr.» «Zu Fuss», antwortete der Franzose, ohne zu zögern. Um halb fünf Uhr morgens trafen sich die zwei auf dem Gipfel. «Er hätte auch fragen können: Soll ich? Was meinst du? Aber er handelte einfach.» Terray selbst sagte später über die Aktion: «Es war ein prächtiges Beispiel dafür, was sich mit Mut, Hingabe und Entschlossenheit erreichen lässt.»

Vom Blitz getroffen

Über dem Küchentisch hängen die alten Fotos, zwischendurch zieht Seiler ein Album hervor, zeigt auf die Bilder von damals. Die Erinnerungen sind so frisch, als würden sie nicht schon Jahrzehnte zurückliegen. Wenn er vom tödlichen Absturz seines Kameraden Charles Regez am Rocher d’Orvin erzählt – Seiler war damals gerade mal 18 Jahre alt –, kommen ihm noch heute die Tränen. «Du kannst einen Berg nicht bezwingen», ist Seiler überzeugt, «nicht einmal s Guggershörnli. Wenn der Berg nicht mitmacht, geht es nicht.» Selbst hat er einiges überlebt, beispielsweise schlug in einer Hütte bei Chamonix ein Blitz in seinen Körper. Seiler war wochenlang gelähmt, lag reglos in einem französischen Spital mit Kriegsverwundeten. Als er sich in einer Nacht plötzlich wieder bewegen konnte, erschreckte er die Krankenschwester zu Tode. Man hatte anscheinend nicht mehr an sein Genesen geglaubt. Nur wenig später ging Seiler wieder klettern.

Dass er sich heute, im Alter von fast 89 Jahren, nicht mehr richtig bewegen kann, ist für Robert Seiler schwer zu akzeptieren: «Ich vermisse die Berge, jeden Tag, jede Stunde.» Die Erkundungsfahrten mit dem Elektrorollstuhl werden umständlich, die Gelenke verweigern zeitweise den Dienst. Die alltäglichen Verrichtungen sind anstrengend. Und doch sitzt er jeden Morgen auf der Bettkante und überlegt, was er an diesem Tag machen will.

Das Buch zum Corti-Drama

Daniel Anker und Rainer Rettner, Corti-Drama. Tod und Rettung am Eiger 1957–1961, AS Verlag, Zürich 2007

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