Willy Richardet

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Willy Richardet.

1902—1925.

Als wir uns im Sommer eben zur Bergfahrt rüsteten, da ereilte uns die furchtbare Kunde, dass unser Freund Willy Richardet an der Aiguille Blanche de Peuterey am 12. August vom Steinschlage getötet worden sei.

Nicht nur jene persönlichen Eigenschaften, welche den jungen Mann für uns, seine Freunde, so liebenswert machten, sondern sein ganzer Charakter und, damit aufs innigste verbunden, seine Leistungen als Bergsteiger scheinen mir Berechtigung genug zu sein, an dieser Stelle einen kurzen Rückblick auf sein Leben zu werfen.

Willy Richardet wurde geboren am 3. Februar 1902 in Bern. Hier besuchte er die Schulen und erledigte seine Studien an der Universität. Schon als zehnjähriger Knabe bestieg er in Begleitung seines Vaters den Niesen ( 2366 m ). Nicht nur in den nächsten Jahren leitete sein Vater auf Ausflügen in die nahe Stockhornkette und ins Emmental seines Sohnes erste Schritte ins Gebirge, sondern auch in spätem Zeiten ist er auf manch froher Bergfahrt sein guter Kamerad gewesen. Auch die treubesorgte Mutter erkannte mit feinem Verständnis ihres Sohnes Liebe zu den Bergen und den erzieherischen Wert des Bergsteigens. Wohl ermahnten die beiden Eltern ihren Sohn immer wieder zur Vorsicht und liessen ihn oft nur mit Sorge im Herzen auf seine immer ausgedehnteren, kühneren Fahrten ziehen, nie aber wehrten sie ihm aus kleinlicher Angst.

Als Willy Richardet im Sommer 1916 anlässlich einer Ferienreise den Titlis, das Grosse Spannort und den Urirotstock bestieg, erhielt er seine ersten Einblicke ins Hochgebirge. Damit war die Liebe zu den Bergen und die Freude am Bergsteigen geweckt, und in den folgenden Jahren bestieg Richardet weit über 400 Gipfel der Alpen.

Schon früh zeigte sich seine ganz ungewöhnliche Ausdauer. Fünftägige Wanderungen waren in seinen Knabenjahren keine Seltenheit, und wenn seine Begleiter ermüdet nach Hause zogen, dann stieg Richardet allein noch einen oder gar mehrere Tage in den Bergen herum. Das Rad wurde häufig benützt, um zwar billig, aber keineswegs mühelos in die Berge zu gelangen.

Als Knabe schon war Richardet einer der besten Schwimmer von Bern, wie er denn überhaupt früh begann, seinen Körper auf die grossen Anforderungen hin durch eine sorgfältige Pflege und ein fast spartanisches Leben vorzubereiten. Zwar war er kein besonders guter Turner, und fröhlich hat er uns einst erzählt, wie er als hochaufgeschossener Knabe, der für seine Länge zu schlank war, beim obligatorischen Kunstturnen am Reck die Heiterkeit seiner Schulkameraden erweckte. Aber neben dem Körper vernachlässigte Willy Richardet den Geist nicht. Der intelligente Knabe lernte mit spielender Leichtigkeit. Auch verstand er gar bald seine täglichen Obliegenheiten so einzurichten, dass neben dem Bergsteigen auch die Arbeit zu ihrem Rechte kam.

« Willy hat eigentlich nie Zeit verloren », sagte mir erst kürzlich einer seiner nächsten Freunde. Und in der Tat: Willy kam heim von einer längern Fahrt, versorgte seine Bergausrüstung und nahm sofort seine Studien wieder auf, ohne auch nur eine Stunde zu vertändeln. Und wie er auf der Bergfahrt ganz bei der Sache war, so konnte er sich nachher wieder ganz auf seine Arbeit einstellen. Diese Konzentrationsfähigkeit und seine ausserordentliche Begabung erklären, dass Richardet Sonntag für Sonntag in die Berge ziehen konnte, ohne dabei seine Pflichten an der Universität oder anderswo auch nur im geringsten zu vernachlässigen. Dabei war er aber nicht nur Bergsteiger und Student. Er war einer der liebenswürdigsten Gesellschafter, ein glänzender Tänzer, ein Mensch, der sich für alles Schöne begeistern konnte. Wie froh klang seine helle Stimme, wenn wir im Kreise der Klubkameraden, in der Hütte oder im Biwak ein Lied anstimmten!

Im Herbst 1920 immatrikulierte sich Richardet an der Universität Bern und begann sein Studium als Zahnarzt. Als er nach viereinhalb Jahren mit bestem Erfolg das Staatsexamen ablegte, verfügte er nicht nur in seinem Berufe, sondern in der gesamten Medizin über erstaunlich umfassende Kenntnisse.

In der harten Schule der Berge ist Richardet geworden, was er war: Kein angekränkelter Modemensch, kein Kopfhänger, sondern ein durchaus gesunder Mensch, der das Leben auf die gleiche Weise anpackte wie die hohen Berge. Wohlvorbereitet brach er auf zu jeder Fahrt. Was ihm die Literatur über den Berg berichten konnte, das hatte er gelesen und wusste es. Sein Rucksack enthielt alles Nötige, aber nicht das geringste unnütze Ding. Sein Körper war jeder Anstrengung voll und ganz gewachsen. Den Berg selber griff er an mit unverwüstlicher Zuversicht und beispielloser Energie. Aber bei Richardet ging der Wille zum Erfolg und die glänzende körperliche Veranlagung zum Bergsteiger Hand in Hand mit einer technischen Ausbildung in Eis und Fels, wie sie nur Meister besitzen.

Und wie er sich als Bergsteiger in den letzten paar Jahren zur höchsten Stufe emporgearbeitet hatte, so war er als Mensch reif und zur wertvollen Persönlichkeit geworden. Sein Äusseres schon drückte sein Wesen aus: Über sechs Fuss hoch, breit in den Schultern und doch schlank und fein von Gestalt, im sonnengebräunten, scharfgeschnittenen Gesicht leuchtend blaue Augen; ein Bild der Jugend, der Kraft und der männlichen Schönheit.

Erst siebzehn Jahre alt, hat Richardet bereits drei Viertausender, die Jungfrau, den Mönch und das Finsteraarhorn, bestiegen. Noch im Oktober des gleichen Jahres ( 1919 ) ertrotzt er mit einem jungem Schulkameraden den Aufstieg aufs grimmige Schreckhorn.

Im Herbst 1920 wird Richardet Mitglied des Akademischen Alpenclub Bern, dem er im Wintersemester 1922/23 als Präsident vorsteht. In jenen Oktobertagen 1920, als wir zu dritt von den Engelhörnern aus durchs winterlich verschneite Berner Oberland ins Wallis zogen, da schlössen wir eine Freundschaft, welche wir später in den Bergen und in der Stadt zu erproben und zu vertiefen Gelegenheit hatten. In der Zeit vom November 1920 bis Mai 1921 besteigt Richardet über 40 grössere Gipfel auf Ski. Bei einer dieser Fahrten ins Triftgebiet muss er mit seinen Begleitern eine Nacht im Schneesturm auf dem Gletscher zubringen. Es ist wohl der Tüchtigkeit und der Energie Richardets zuzuschreiben, dass seine Begleiter nur mit ein paar erfrorenen Zehen davonkommen.

Im Juni quert er mit seinem alterprobten Bergkameraden H. Salvisberg das Kleine und Grosse Doldenhorn, an einem Tage, an welchem auf dem gewöhnlichen Wege über den Spitzstein mehrere Partien der ungünstigen Verhältnisse wegen umkehrten. Dann fällt das Aletschhorn, und anfangs Juli stehen wir zusammen auf der Grossen Windgälle und queren den Grossen Rüchen miteinander. Drei Wochen später, wiederum mit Salvisberg, überschreitet er das Bietschhorn und vom Schmadrijoch aus das Lauterbrunner Breithorn. Auf dem Westgrat, dicht unter dem Gipfel, müssen die beiden die Nacht auf einer schmalen Felskanzel an einen Block angeseilt zubringen. Das tut der Unternehmungslust keinen Abbruch, und am übernächsten Tag bezwingen sie das Morgenhorn über den türmereichen Ostgrat. Im Herbst wendet er sich wieder den Engelhörnern zu, wo er unter anderm die ganze Mittelgruppe vom Klein Simelistock zum Gemsensattel überklettert. Daran schliesst sich eine Überschreitung der Spillgerten.

Aber auch das Studium ist nicht vernachlässigt worden, und als Lohn für das glänzend bestandene naturwissenschaftliche Examen plant er mit Rudolf von Tscharner A.A.C.Z. noch im Oktober grösste Fahrten im Wallis. Am 12. Oktober 1921 brechen die beiden Wagemutigen von der Mpuntethütte auf und besteigen über den Viereselgrat die Dent Blanche in zwölfeinhalb Stunden. Abends 6½ Uhr erreichen sie den Gipfel und beschliessen dort zu biwakieren. « Grandiose Sternennacht — der Mond erscheint — jeder Gipfel vom Matterhorn zum Monte Viso und bis ins Berner Oberland im Mondlicht scharf abgezeichnet — um Mitternacht beginnen wir zu schlottern, trotz der vielen Biwakkleider », notiert Richardet in seinem Bergbuch. Nach Mitternacht treten sie den Abstieg über den Südgrat an, doch zwingt sie das Untergehen des Mondes etwa um 3 Uhr, ein zweites Biwak zu beziehen. Gegen sieben Uhr bricht der Tag an, und der Abstieg kann fortgesetzt werden: « Wir waren froh, unsere steifen Glieder wieder bewegen zu können, denn der Platz, den jeder zur Verfügung hatte, war recht beschränkt. Ich lag in einer engen Spalte auf einem Gratturm, von Tscharner eine Seillänge weiter unter in der Westwand. » Den ebenso kühnen Plan, das Matterhorn von Schönbühl aus über den Zmuttgrat zu besteigen, müssen die beiden Gipfelstürmer fallen lassen, weil das Wetter am nächsten Tage unsicher erscheint.

Aber bereits eine Woche später klettert Richardet mit seinen Freunden vom A.A.C.B. über Froschkopf und Prinzen auf den Kingspitz ( Engelhörner ). Am 19. Oktober erzwingen die vier jungen Leute den unerhört kühnen Aufstieg vom Ochsental direkt auf die Ulrichspitze. Damit ist ein Problem gelöst worden, das selbst Kenner der Engelhörner bisher für unmöglich gehalten haben. Der Winter brachte wie immer eine reiche Ernte an Skigipfeln.

Im April 1922 unternimmt er eine Reise im Ruderboot, die ihn mit seinem Freund P. von Schumacher von Bern bis nach Amsterdam brachte. Drei Tage nach seiner Rückkehr tummelt er bereits wieder die Ski in den winterlichen Heimatbergen. An Pfingsten führen er und seine Freunde vom A.A.C.B. den klassischen Nordaufstieg der Jungfrau übers Guggi aus.

Am 2. Juli gelang uns die vierte Durchkletterung der Bietschhorn-Süd-wand. Einen tüchtigeren, lieberen Begleiter hätte ich mir nicht wünschen können. Im August zogen wir dann mit grossen Plänen in den Mont Blanc. Leider war das Wetter damals so unbeständig, dass uns in zwölf Tagen bloss die Überschreitung der Dent du Requin, der Aiguille des Grands Charmoz und des Grépon gelang.

Am 21. August führen Richardet und H. Rüfenacht die sehr seltene Besteigung des Schreckhorns über den Ostsporn aus.

Ein Versuch, im September das Bietschhorn mit seinem Vater zu besteigen, bleibt am Westgrat im knietiefen Neuschnee stecken. Aber für die Engelhörner ist die Jahreszeit noch nicht zu weit fortgeschritten, und vor Einzug des Winters werden in dieser Gruppe noch eine ganze Anzahl Gipfel erklommen. Der Winter bringt wie immer eine grosse Anzahl Skifahrten in den Voralpen. Im Mai durchzieht Richardet mit Clubkameraden das westliche Berner Oberland von der Diablerets zum Rinderhorn auf Ski.

Im schönen Bergsommer 1923 ist die Gipfelernte eine besonders ausgiebige. Ich will hier nur einige der wichtigsten Fahrten anführen:

Am 8. Juli besteigt Richardet das Grosse Doldenhorn über die Gallet-route, am 24. Juli begeht er das Schreckhorn über den Andersongrat, wobei er schon um 9 Uhr im Schrecksattel steht. Bloss ein Wetterumsturz verhindert ihn, den Übergang bis aufs Lauteraarhorn auszudehnen. In den folgenden Ferien fallen in rascher Folge: Südlenzspitze, Nadelhorn, Dom, Weisshorn, Zinalrothorn und Obergabelhorn. Ein kühner Versuch, die Dent Blanche über den noch jungfräulichen Nordgrat zu ersteigen, wird auf 4000 m Höhe aufgegeben. Dafür gelingt ihm im Berner Oberland die erste Begehung des Grates vom Tschingelgrat zum Tschingelspitz. Der Herbst sieht ihn wieder in den grauen Felsen der Engelhörner.

Im Winter 1923/24 dehnt er auch seine Skifahrten mehr und mehr ins Hochgebirge aus. Ausser Wildhorn und Wildstrubel besteigt er im Wallis das Rimpfischhorn, das Allalin- und Strahlhorn und das Breithorn auf Ski. Mit begeisterten Worten schrieb er mir in seinen Briefen von diesen Fahrten. Dann nimmt er teil an der ersten Besteigung des Eigers auf Ski mit A. Lunn, einer abenteuerlichen Fahrt, welche auch nur Männern erlaubt ist, die über die Erfahrung eines Lunn verfügen und über die Zähigkeit und Ausdauer, wie sie Richardet und Amstutz an den Tag legten.

Der Frühling 1924 kommt, und die Ski werden beiseite gestellt. Als würdige Eröffnung der Bergsaison erklimmen die Freunde Richardet, Amstutz und Salvisberg am 1. Juni das Blümlisalphorn über die eisgepanzerte Nordwand und überschreiten den vergwächteten Grat der Blümlisalp zur Weissen Frau. Der Abstieg über den vereisten Grat zur Schnapsfluh wird erschwert durch den Ausbruch eines fürchterlichen Gewitters. « Eine der schwierigsten und gefährlichsten Fahrten, die ich je gemacht habe », schrieb mir Richardet von dieser Fahrt.

Am 10. Juni klettern Richardet und Dr. Chervet in 4¾ Stunden über den Südostgrat aufs Jägihorn, und am 13. Juli wird das Balmhorn in etwas mehr als 10 Stunden von der Wildelsigenhütte zur Gitzifurgge überschritten.

Das Meisterstück legt Richardet ab ( wenn er das noch nötig hat ) mit der ersten Durchsteigung der furchtbaren Nordwand des Lauterbrunner Breithorns, welche ihm und Dr. Chervet am 12. August trotz schlechtester Verhältnisse gelingt.

Im September übersteigen Richardet und zwei seiner Freunde die 19 Gipfel der Gastlosen von Abländschen aus und zurück in der unglaublich kurzen Zeit von 9 Stunden. Zwei Tage später werden die 9 Gipfel der Mittelgruppe ( Engelhörner ) in 87* Stunden ( teilweise bei Regen ) überklettert.

Von den Engelhörnern eilen Amstutz und Richardet in die Glecksteinhütte und führen am 14. September die erste führerlose Besteigung des Wetterhorns über den Hühnergutzgletscher und den Nordgrat aus. Diese an und für sich schwierige Fahrt wurde beinahe unmöglich gemacht durch die schlechten Verhältnisse und ist von Richardet als seine allerschwerste Bergfahrt eingeschätzt worden.

Im Oktober und November macht Richardet eine Anzahl kleiner aber allerschwerster Kletterfahrten. Noch am 21. Dezember ersteigt er mit P. von Schumacher den Gross Simelistock über das Egg.

Die Neujahrstage bringt er in Gesellschaft seiner Freunde vom A.A.C.B. im Rotondogebiet zu. Am Lucendro treten er und sein Freund ein Schneebrett los, das beide etwa 150 m in die Tiefe reisst. Doch, ohne Schaden genommen zu haben, entrinnen die Glücklichen und nur der eine Ski Richardets ist verloren gegangen. Aber was verschlägt das ihm! Er fährt auf einem Bein über Realp nach Hospental.

Anfangs März 1925 legt Richardet das Staatsexamen als Zahnarzt mit bestem Erfolg ab. Mehrere grössere und kleinere Skifahrten leiten über zum Sommer 1925. Allein steigt er zu Ski aufs Wildhorn, mit Freunden auf die Weisse Frau und aufs Blümlisalphorn. Ende Mai werden im Konkordia- gebiet Kranzberg, Klein Grünhorn, Ebnefluh, Gross Wannehorn, Fiescherhörner und Galmihorn auf Ski erstiegen. Im Anschluss an diese Fahrten stürmt Richardet mit seinem Begleiter F. Thormann in 6 Stunden 10 Minuten vom Dollfushüttli aufs Gross Lauteraarhorn.

So ist denn Richardet im Frühjahr 1925 bereits in einer Verfassung, welche ihm Fahrten allerersten Ranges erlaubt. Am 20. Juni gelangen er und seine Gefährten im Auto nach Macugnaga und steigen noch am selben Tage zur Marinellihütte empor. Am nächsten Tage durchsteigen sie die Ostwand des Monte Rosa zur Dufourspitze in der unerhört kürten Zeit von 8 Stunden.

Nach Hause zurückgekehrt, beendigt er in kürzester Zeit seine Dissertation, um sie noch vor Beginn der Universitätsferien dem Dekan einzureichen.

Die Sommerferien brechen mit unsicheren Witterungsverhältnissen an. Eine kurze Schönwetterperiode benutzt Richardet, um mit H. Salvisberg über den Nollen auf den Mönch zu hacken und die Überschreitung des Klein und Gross Grünhorns und des Grüneckhorns zu machen.

Am 21. Juli treffen wir uns im Lötschental und wandern zur Bietschhornhütte hinauf. Am 22. eilen wir in 4 Stunden von der Hütte über den Westgrat aufs Bietschhorn. Bei strahlendstem Wetter feiern wir auf dem Gipfel meine Rückkehr in die Heimat und schmieden Pläne für die Zukunft. Den Rückweg zur Hütte am Schafberg nehmen wir über den Ostsporn und das Baltschiederjoch. Dann begleitet Richardet W. Siegfried vom C. C. auf einer Inspektionsreise durch die Urner und Glarner Alpen. Am 29. Juli stehen sie auf der vom Sturm umbrausten Firnkuppe des Tödi.

Die ersten Augusttage benützt Richardet zu den letzten Vorbereitungen, welche die beabsichtigte Überschreitung des Mont Blanc über den Peutereygrat erfordert. Endlich beginnt das Wetter sich zu klären, und Samstag, der 8. August, bricht wolkenlos an. Da wird die längst geplante Fahrt angetreten. Am Sonntag kommen Richardet und seine Freunde Amstutz und P. von Schumacher in Courmayeur an. Sie verlassen Courmayeur am Montagmorgen früh und steigen zu den Brenva-Alphütten empor. Der schneefreie, aber arg zerrissene Gletscher wird mittags überschritten, und zwischen 3 und 5 Uhr nachmittags, als die Sonne den Hang nicht mehr bescheint, ersteigen sie die steinschlagberüchtigten Hänge der Aiguille Blanche de Peuterey. Das Wetter hält sich grossartig und scheint allen denkbar sicher. Um 7 Uhr abends beziehen sie auf einer Höhe von 3700 m das Nachtlager. Kaum haben die drei Freunde das Biwak eingerichtet, so verschlechtert sich das Wetter. Dichter Nebel, der bis am nächsten Tage um 11 Uhr anhalten sollte, hüllt den Berg in seine grauen, undurchdringlichen Schleier. Um 2 Uhr morgens setzt leichter Regen ein, der bis 6 Uhr andauert. Der Abstieg wird nach reiflicher Überlegung beschlossen und um 7 Uhr angetreten. Der dichte Nebel erlaubt eine Sicht nur auf wenige Meter. Die Aufstiegsspuren vom Vortage weisen den Weg zum untern Biwakplatze ( 3300 m ).

Zuerst noch den Spuren im Schnee folgend, dann in den Felsen sie verlierend, steigen die drei Freunde tiefer ab. Die Nähe des bös verschrundeten Gletschers lässt sie das Seil anlegen, zum ersten Male auf der ganzen Fahrt. Sie erkennen, dass sie etwa 30 Meter zu tief sind, und sind sich auch der Stein- schlaggefahr vollständig bewusst. Eile tut not. Im Begriff eine besser geschützte Stelle zu erreichen, überrascht sie eine ganze Lawine von Steinblöcken. Der dichte Nebel und die grosse Anzahl der herabstürzenden Steine machen ein Ausweichen vor den einzelnen Geschossen unmöglich. Amstutz findet notdürftigste Deckung und wird von einem Steine nur leicht gestreift. Schumacher bleibt wie durch Zufall verschont. Richardet selber, der eben zu Schumachers Standort eilen will, wird in diesem Augenblicke von einem Block in den Rücken getroffen. Lautlos bricht er vor den Augen seines Freundes Amstutz zusammen.

Eigene Lebensgefahr nicht achtend, eilen Schumacher und Amstutz durch die herabprasselnden Steine zu Richardet hinab. Ihr Freund lebt nicht mehr. Schon hat das Herz aufgehört zu schlagen. Sie können es nicht fassen, sie wollen nicht glauben, dass er tot ist. Mit Schneewasser waschen sie ihm Schläfen und Stime. Nur allmählich erkennen sie die grausame Härte des Schicksals. Sie versuchen, die Leiche einigermassen in Sicherheit zu bringen. Doch sehen sie ein, dass sie allein ihren Kameraden nicht bergen können und Hilfe holen müssen in Courmayeur. Zwei Stunden noch halten sie Wache bei dem Toten. Ein Gewitterregen setzt ein, der neuen Steinschlag verursacht. Nur spärlich durch einen Felsblock geschützt, müssen sie ohnmächtig den neuen Steinhagel über sich ergehen lassen.

Als sich der Nebel auf einige Augenblicke lichtet, treten sie den Abstieg an. Um 6½ Uhr abends erreichen sie Courmayeur, wo sie unverzüglich Eltern und Freunde des Verstorbenen von dem Unglück benachrichtigen und das Nötige zur Bergung der Leiche veranlassen. In unermüdlicher Arbeit bergen sie während der nächsten zwei Tage den lieben Toten und bringen ihn am dritten Tage nach Bern. Ihnen gilt unsere Bewunderung, und wir danken ihnen für ihr mutiges, selbstloses Betragen.

Als ich in Bern vor dem Sarge meines Freundes stand, da ist mir erst die ganze unerbittliche Härte des Schicksals bewusst geworden.

Richardet war einer der Besten unter uns. Es ist ihm nicht ein Fehler oder eine Nachlässigkeit zum Verhängnis geworden. Scheinbar sinnlos wurde er aus dem Leben gerissen, als er die Hoffnungen erfüllen sollte, welche seine Eltern, seine Lehrer und Freunde auf ihn gesetzt hatten. Die Berge haben uns wieder einen lieben Freund genommen. Tiefe Bitterkeit will uns erfassen. Und doch! Wir dürfen ein Leben nicht beurteilen nach dem unerwartet jähen Ende.

Sein Leben ist nur Aufstieg gewesen. Mühen und Enttäuschungen sind ihm erspart geblieben.

Mit seinen armen Eltern trauern wir um ihn. Wir wollen aber auch der Tage gedenken, da wir mit Willy Richardet auf hohen Gipfeln stehen und seine Freunde sein durften. Als Bergsteiger ist er uns unvergesslich und als Menschen werden wir ihn weiter lieb haben.Hans Lauper.

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