Zeitschrift und Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins

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Mitteilungen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins. Redigiert von Heinrich Heß. Neue Folge, Band XXIII. München/Wien 1907.

Die beiden großen Publikationen des D. & Ö.A.V. haben sich in ihrem Charakter seit meiner letzten Berichterstattung nicht geändert und ich kann an einiges, das ich dort bemerkt habe, wieder anknüpfen.

Wie ich es erwartet hatte, ist in der Zeitschrift E. W. Bredt im zweiten Teil seines Artikels: Wie die Künstler die Alpen dargestellt, der bis zur Zeit der ersten großen Alpenstraßen, oder von Rubens bis Turner reicht, auf die Leistungen der Schweizer und speziell der Basler, Berner und Zürcher Illustratoren tief eingegangen, und er hat diesem Material einen bedeutenden Teil der 60 Bilder, welche im Text, aber auf Kunstdruckpapier die Seiten 25—56 des Aufsatzes schmücken, entnommen. Wir finden hier Merian, Felix Meyer, Anna Waser, Salomon Geßner, Haeckert, von Mechel, Aberli, Duncker, Wolff, Descourtis, Bourrit, Linck, Dietler, Weber-Bleuler, Birmann, Lory, Wetzel, Hegi, Koch und J. Heß mit charakteristischen Bildern vertreten. Der beglei- tende Text zeigt eine gute Auffassung der Sache, wenn ich auch gelegentlich eine kühlere Fachbelehrung aus der Kunstgeschichte dem etwas zu „ pythischen " Ausdruck des Kunstenthusiasmus vorgezogen hätte. Eugen Oberhummer bringt in seinem Artikel: Die ältesten Karten der Ostalpen, eine Ergänzung zu der Studie, die er in der „ Zeitschrift " von 1881, pag. 21—45, über die „ Entstehung der Alpenkarten " veröffentlicht hat, und die veranlaßt ist durch das seitherige Besserbekannt-werden älterer Kartenwerke über die Ostalpen. Eine zusammenfassende Studie ähnlicher Art über die Schweizer Alpen wäre ein dankbarer Stoff auch für unser Jahrbuch; Vorarbeiten dazu sind genügend vorhanden. Gegen den Art. 3 der Zeitschrift von Universitätsprofessor Dr. M. Mayr: Welschtirol in seiner geschichtlichen Entwicklung, ist in dem oben besprochenen Bollettino dell' Alpinista eine lebhafte Polemik eröffnet worden von Mario Scotoni. Dieser Tridentiner bestreitet so ziemlich alle Resultate der Mayrschen Untersuchung und wirft derselben vor, daß sie die amtliche Vergewaltigung der italienisch fühlenden Tridentiner durch die Tiroler unterstützen wolle durch die historisch nicht begründete Unterdrückung des Landesbegriffs Trentino und seine Ersetzung durch den von „ Welschtirol ". Ich bin nicht im Falle, in diese Diskussion mit Sachkenntnis einzugreifen; ich möchte nur konstatieren, daß allerdings die „ Politik " auf den Artikel des Dr. Mayr abgefärbt hat; aber das liegt in der Natur der Sache und des fast natürlich zu nennenden Haders, in welchem die künstlich zusammengeschweißten Völker Österreichs miteinander zu liegen pflegen. In einem gewissen Sinne, möchte ich sagen, haben beide Teile unrecht; Mayr, indem er die Tatsache verkennt, daß seit bald zwei Jahrhunderten ( schon Goethe fühlte sich 1786, als er vom Brenner südwärts hinabstieg, auf italienischem Boden ) das früher halb deutsche halb ladinische Südtirol unaufhaltsam und durch eine natürliche Evolution trotz der amtlichen Gegenwirkung italienisiert wird und darum Anspruch auf eine gewisse Autonomie und besondere Kultur-pflege hat, die mit dem Namen Trentino historisch und linguistisch besser stimmt als mit der von Mayr empfohlenen volksmäßigen Bezeichnung der italienischen und ladinischen Teile als Welschtirol; Scotoni, indem er die Rätoromanen vom Val di Non, Fassa, Ampezzo u. s. w., weil nun ihre gebildeten Kreise Italienisch schreiben, „ der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb ", die Tatsache bestreitet, daß diese Ladiner wirklich ethnographisch und linguistisch ein besonderes, von den deutschen Tirolern und den ( jetzt ) italienischen Tridentinern scharf gesondertes Volk waren und es noch sind. Und diesen Gegensatz schafft keine wissenschaftliche Belehrung aus der Welt, denn „ Blut ist dicker als Wasser ". Die Abhandlung von Dr. Ludwig von Hörmann: Wetterherren und Wetterfrauen in den Alpen habe ich mit Vergnügen und Nutzen für meine eigenen Studien gelesen. Wenn unter den Alpen nicht bloß die Ostalpen verstanden wären, so hätten auch Pilatus und Dominik als „ Wetterherren " genannt werden müssen, und es hätten auch die Hagel-und Wetterseen in den Alpen und Voralpen, auch im Apennin, in den Kreis der Untersuchung gezogen werden müssen. Meines Wissens zum erstenmal, aber mit entschiedenem Glück bringt die Zeitschrift diesmal zwei „ Mittelgebirge " zur Besprechung. Dr. Karl Blodig spricht von dem seinem Wohnort naheliegenden Bregenzerwaldgebirge, Dr. G. A. Kuhfahl in Dresden von der „ Winterschönheit des Riesengebirges ". Wir gehen noch rasch auf die eigentlich alpinen Schilderungen ein. Hans Pfann schildert „ einsame Fahrten im Wallis ": 1. vom Zinal Rothorn zum Weißhorn, erste zusammenhängende Überschreitung des sie verbindenden Grates, mit E. Christa; 2. Obergabelhorn ( allein3. Wetterhorn über den Zmuttgrat ( allein ). Ernst Enzensperger bespricht die Gruppe der Mädelegabel, Dr. E. Niepmann die Ortlergruppe ( Schluß ), und die Herren Hans Barth und Alfred Radio-Radiis die Brentagruppe ( Fortsetzung ). Zu beiden Artikeln halte ich die Aussetzungen von Mario Scotoni ( siehe oben ) über die hybriden Namensgebungen in diesen deutsch-italie-nischen Grenzgebieten für einigermaßen berechtigt; aber freilich machen es die italienischen Karten und „ Führer " an der italienisch-schweize-rischen und italienisch-französischen Grenze auch nicht besser und selbst auf unserm schweizerischen Eisenbahnnetz spukt dieser Unfug. Adolf Gstirner bringt die „ Julischen Alpen " zum Schluß; Karl Doménigg und Dr. G. Freiherr von Saar eine Fortsetzung „ Zur Erschließung der karnischen Voralpen ". Ad. Witzenmann endlich beschreibt die „ Gruppe der Drei Zinnen in den Sextener Dolomiten ". Exotische Gebirge betreffen die Beschreibungen Willy Rickmer Rickmers: Der Große Atschik, 6100 m ., in der Kette Peters des Großen ( Pamir ), und Henry Hoeks: Bergfahrten in Bolivia ( Schluß ). Es hieße, Eulen nach Athen tragen, wollte ich, nachdem ich das schon so oft gesagt habe, noch einmal im Detail nachzuweisen versuchen, daß, wenn irgend etwas in der „ Zeitschrift ", die von der Verlagsanstalt F. Bruckmann A. G. in München besorgte Druckaus-stattung und Illustration ( 32 Vollbilder und 102 Bilder im Text ) nach Auswahl, Herstellung und Reproduktion die Auszeichnung „ incompara-bilis " verdient, wie der höchste, erst einmal verliehene, Examenrang an der Universität Cambridge in England lautet. Auch die Beilage: Karte der Allgäuer und Lechtaler Alpen ( östliches Blatt ), Maßstab 1: 25,000, aufgenommen von L. Ägerter ( einem Schweizer !), Druck von G. Freytag und Berndt in Wien, ist vortrefflich.

Auch die Mitteilungen verdienen nicht nur für ihre „ praktischen " Rubriken: Touristisches, Weg- und Hüttenbauten, Fuhrerwesen, Verkehr und Unterkunft, Ausrüstung und Verproviantierung, Personalnachrichten, Sektionsberichte, Unglücksfälle, Literatur, Kartographie und Kunst, welche das gesamte Gebiet der Alpenkunde, unter besonderer, aber nicht ausschließlicher Bezugnahme auf die Ostalpen, umfassen, hohes Lob, sondern auch für ihre „ Aufsätze ", von denen wir nur auf einzelne näher einzugehen Raum und Zeit übrig haben. Eine kitzlige Frage besprechen in Kontroverse zwei dieser Aufsätze, nämlich: Der neue alpine Stil. Eine Kritik zu E. Königs „ Empor ", von Ernst Enzensperger, und: Von alpiner Tat und alpinem Stil, von Prof. Dr. Guido Eugen Lammer. Beide Gegner sind als Bergsteiger und alpine Schriftsteller vorteilhaft bekannt und so hätte die Diskussion eigentlich ein fruchtbareres Resultat haben sollen, als dies nun der Fall ist. Aber beide verwechseln wohl das Wort und die Sache und umgehen den Kernpunkt des Streites, der doch eigentlich sich nicht darum dreht, wie man das Übertriebene oder Maßlose, das man in den Bergen gemacht hat, schildern darf oder soll, sondern darum, ob man das als solches Geschilderte hätte machen sollen oder dürfen. Wenn das nicht der Fall ist, so darf die betreffende Tat nicht durch Lobpreisung andern zur Nachahmung empfohlen werden, weder von dem Helden selbst, noch von einem Herold desselben; anderseits soll sie aber auch nicht verschwiegen werden, am allerwenigsten von dem Fehlbaren selbst, damit andere die Warnung aus dem Munde dessen empfangen, der es am besten wissen kann, warum er in diesem Augenblick von der rechten Bahn abgeirrt ist. Aber noch über eine andere prinzipielle Frage werden wir durch die Diskussion zwischen Enzensperger und Lammer nicht belehrt, obschon der erstere sie „ angetönt " hatte. Ist es statthaft, daß man, wie das im Fall Winkler geschehen ist, ohne ausdrückliche Erlaubnis der nächsten Angehörigen, intime Briefe und Tagebuchblätter eines vor Erlangung voller geistiger Reife Verstorbenen nicht nur publiziert ( das ginge ja ad piam memoriam noch an ), sondern sie geradezu als lockenden Kranz auf das Banner einer Richtung heftet, von der es zweifelhaft ist, ob ihr der Betreffende bei längerem Leben dauernd beigetreten wäre? Und wenn Herr E. gegen diese literarische Ausnutzung eines Namens Widerspruch erhebt, so hat er darin unsern Beifall, wenn wir auch sonst den Ton seiner Kritik allzu scharf und seine Charakterisierung der „ neuen Schule " unbillig finden. Wenn also, wie wir glauben, die Qualität des alpinen Schrifttums durch diese Diskussion in den „ Mitteilungen " nicht gewonnen hat, so begrüße ich dagegen den Entwurf zu einem „ alpinen Knigge ", den uns die Herren F. Friedens-burg und C. Arnold durch ihre „ zehn Gebote des Bergsteigers " bieten. Und diese Gesetzestafel kann sicher eher eingeführt werden, als daß eine Einigung über alpine Tat und alpinen Stil erfolgt. Denn Touristen und Führer, die nur den Bergstock schwingen, sind verträglicher, weil weniger selbstbewußt, als alpine Schriftsteller ( Redakteure miteingeschlossen ), die daneben noch die Feder führen. Auch die in dem Aufsatze: Gedanken über die künftigen Aufgaben des D. & Ö.A.V., von H. Lieberich ausgesprochenen Meinungen haben mir gefallen. Dagegen würden die „ Beobachtungen in Ausübung der Führeraufsichtu, welche Heinrich Menger angestellt hat, und die polizeilichen Winke, welche er gibt, bei uns in der Schweiz an dem sehr entwickelten Standesgefühl unserer Führer scheitern, die, was outsiders leicht übersehen, ihren „ Herren " im bürgerlichen und politischen Leben völlig gleichberechtigt sind. Das werden übrigens die Leser der „ Mitteilungen " auch aus dem Bericht von C. E. Ries über „ Graubündens neues Bergführergesetz " entnommen haben. Zu Vergleichen mit gleichnamigen in der Schweiz schon vorhandenen Institutionen regen folgende zwei Artikel an: Dresdener Schulerreisen, von Fritz Eckart, und die Gründung eines Museums des D. & Ö. Alpenvereins, von Dr. Karl Arnold. Leider zum letztenmal lesen wir die Zusammenstellung von † Gustav Becker über die Hochalpenunfälle 1906. Der treffliche Mann, der auch der Sektion Bern S.A.C. angehörte, hat diese Rubrik der „ Mitteilungen " seit Jahrzehnten musterhaft besorgt. Von den touristischen Aufsätzen nenne ich nur die, welche die Schweizeralpen betreffen, nämlich: Eine Besteigung des Wildstrubels im Winter, von Hans Gorius; Zwischen Champéry und Sixt, eine Überschreitung der Tour Sallières, von Oskar Erich Meyer; Im Monte Rosa-Gebiet, von G. Dyhrenfurth. Und da ich mich dem Ende meiner großen „ Frühlingswäsche " nähere, so möchte ich davon Zeugnis geben, daß mich kaum eine Lektüre so wahrhaftig erfrischt hat, wie die der „ Briefe aus einem Tiroler Badl ", von Dr. Julius Mayr.Redaktion.

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