Zuntz, Lcewy, Müller und Caspari : Höhenklima und Bergwanderungen in ihrer Wirkung auf den Menschen

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Es wird die Leser dieses Blattes interessieren, einige Worte über ein Buch zu erfahren, dessen Gegenstand ihrem sportlichen Interessengebiete überaus nahe liegt. Der Sporttreibende ist in der Regel ganz Praktiker, auf seine Erfahrungen stolz — meist mit Recht. Und doch kennt auch wieder jeder die Unfruchtbarkeit der üblichen Hütten- und Rast-diskussionen: dieser pflegt unterwegs viel zu trinken, jener vermeidet den Alkohol, dieser ißt Wurst oder Fleischkonserven, jener Speck oder Vegetabilien. Jeder lobt sein „ System ", hält es für souverän, aber beweisen kann er das nicht, und ebensowenig — in der Regel — dem Partner gegenüber seiner Meinung Geltung verschaffen. Und schließlich wird auch der eingefleischteste „ Praktiker " gern einmal hören wollen, was die ernsteste Wissenschaft zu seinen Erfahrungen sagt, von denjenigen Naturfreunden ganz zu schweigen, die das Geschaute stets gern mit den Resultaten der Forschung vergleichen. Man fürchte nicht, daß ich Stubengelehrsamkeit auftischen will. Die Forscher, denen wir das Buch verdanken, sind Bergsteiger, und sie haben ihre Touren ausgeführt unter Bedingungen, gegen die manche Leistungen, wenigstens eines mittlern Touristen, ein „ Spaziergang " zu nennen sind. Galt es doch, alle Leistungen des menschlichen Organismus im Hochgebirge zu untersuchen, um feststellen zu können, welche Veränderungen diese Leistungen durch Höhenklima und Bergwanderung erfahren. Dazu aber mußte eine durchaus gleichmäßige Nahrung in genau bekannten Mengen und genau bekannten Nährstoffgehaltes täglich genossen werden. Denn nur so konnte man ja aus der Analyse der Abfallprodukte berechnen, was der Körper verbraucht hatte. Man bedenke den mitzunehmenden Apparat, wenn es galt, für die ganze Dauer der Versuche die analysierte Nahrung mitzunehmen, dann aber die Abfallstoffe zu späterer Analyse mit zurückzuführen, je in besondern Gefäßen und unter Vorsichtsmaßregeln, die eine Veränderung dieser Stoffe auf dem Transport verhindern müssen. Zu den Abfall -Stoffen gehört aber auch die ausgeatmete Luft. Während der Ruhe in der Höhe so gut wie beim Bergsteigen mußte jeweilig eine bestimmte Zeit lang der große tragbare Atmungsapparat angelegt werden, eine Art großer Gasuhr, die gestattet, die ein- und ausgeatmete Luft nach Menge und Gehalt zu bestimmen. Ferner mußten Atembewegungen, Puls etc. etc. registriert werden.

Die Orte, an denen diese Untersuchungen ausgeführt wurden, waren: Brienz, Brienzer Rothorn ( 2352 m ), Col d' Olen ( 2900 m ), Gnifettispitze des Monte Rosa ( 4560 m ), auf welch letzterer die Capanna Regina Margherita, freilich primitiv genug, für wissenschaftliche Zwecke eingerichtet ist. Ich will hier ganz kurz die wichtigsten Resultate andeuten, soweit sie ein unmittelbares Interesse beanspruchen können. Die lange Zeit strittige Frage, ob denn das Höhenklima wirklich einen günstigen Einfluß auf die Blutbildimg ausübe, wird definitiv im bejahenden Sinne entschieden. Vor allem aber wird für „ die verjüngende Wirkung des Gebirgsaufenthaltes der zahlenmäßige Ausdruck gefunden " dadurch, daß gezeigt wird, daß im Hochgebirge eine Zunahme an wirklicher Körper-substanz, an Körpereiweiß ( also Organsubstanz ) stattfindet. Dies ist aber eine Art Zunahme, die in der Ebene überhaupt kaum zu erreichen ist. Auch behält nach Rückkehr in die Ebene der Körper das im Hochgebirge Erworbene lange bei. Verdauung, Atmung, Nervensystem, Blutkreislauf, Schweißabsonderung, Körperwärme — kurz alle Organe, alle Leistungen werden beeinflußt! Aus all diesen Untersuchungen ergeben sich aber für den Sport wichtige Resultate: Der Bergsport gehört mit Rudern und Schwimmen, aber im Gegensatz zu vielen Turnübungen, zu den wenigen Bewegungen, welche dem Ideal eines jeden Sportes am allernächsten kommen, einem Ideale, das darin besteht, daß alle Muskelgruppen harmonisch ausgebildet werden. Aber mehr noch; nicht nur die Muskeln, der ganze Körper, auch der Geist, die Willenskraft, die Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit machen da eine Schule durch, die man ihnen kaum wo anders wird bieten können.

Was die Ernährung des Touristen anbetrifft, so ist vor allem die — wohl nicht mehr sehr verbreitete — Anschauung als irrig hinzustellen, die dahingeht, die beste Nahrung für den arbeitenden Körper sei eiweiß-reiche Kost ( also vor allem Fleisch ). Die Quelle der Muskelkraft, deren der Organismus bei der Bergwanderung also vornehmlich bedarf, sind die stickstofffreien Nahrungsmittel: Fett, Stärke ( Brot und Ähnliches ), Zucker. Daß im Gebirge verhältnismäßig wenig Eiweiß im Körper verbraucht wird, sahen wir ja schon weiter oben. Trotzdem soll Fleisch nicht etwa fehlen, wenigstens nicht bei der Hauptmahlzeit, abends nach getaner Arbeit. Während des Marsches esse man wenig. Im ganzen werden empfohlen: Speck, Ölsardinen, Butterschmalz, fettreiche Würste, Käse, Zwieback, Cakes; für den, der 's vertragen kann, Milch, dann vor allem auch Schokolade ( stärke- und fettreich ). Die vielfach übliche Bevorzugung des Zuckers ist einseitig, Fett etc. tun den gleichen Dienst; ein positiver Vorteil der leichtern Verdaulichkeit des Zuckers hat sich nicht nachweisen lassen. Bei anstrengenden Märschen soll man aber irgend ein Nahrungsmittel dieser Art in Bereitschaft halten, wie Zucker, Schokolade, Cakes oder Backpflaumen. Bei Durst die Speicheldrüsen durch Pfeffermünz und Ähnliches zu reizen, hat nur Zweck, wenn es sich nicht um „ echten Durst ", d.h. um Wassermangel im Organismus, handelt, sondern um ausgetrockneten Mund. Es soll dieser auch, um die Austrocknung zu vermeiden, geschlossen werden. Gegen echten Durst hilft nur Trinken oder Essen von Schnee und Eis; letzteres hat sich als durchaus unschädlich herausgestellt!

Was den Alkohol anbelangt, so sind die Verfasser nicht radikal: mäßige Mengen werden dem, der an sie gewöhnt ist, auch im Gebirge nichts schaden. Hingegen erwarte man keine wirkliche Förderung von diesem Mittel! Die Leistungsfähigkeit des frischen Touristen wird er stets herabsetzen. In der Müdigkeit wird der Alkohol wohl helfen können, aber kaum länger als auf eine halbe Stunde, dann wird doppelte Erschlaffung eintreten. Das Mittel ist aber nur kurz vor Erreichen des Zieles anzuraten. Besser wirken Kaffee, Tee, Kolapräparate. Liegt in großen Höhen der Appetit danieder, so reize man ihn durch Gewürze mancherlei Art.

Die Kleidung sei porös, nicht wirklich wasserdicht ( wie Gummi ). Nichts schließe eng an. Eng anschließende Stücke ( wie Handschuhe ) erhöhen die Gefahr, das betreffende Glied zu erfrieren.

Sehr wichtig sind auch die Kapitel über Bergkrankheit. Ihre Ursache ist Sauerstoffmangel in den Geweben ( Muskeln ). Ihr Voll- und Nichteintreten hängt von so vielen Umständen ab, daß man in entsprechenden Höhen sich nie vor ihr sicher wähnen sollte, eine Warnung, die sich vornehmlich an „ Alleingänger " richtet, welche die „ kritische Höhe überschreiten " wollen ( um 3500 m ., mit großen individuellen Schwankungen ).

Nun, dieser Bericht ist trocken, mußte trocken sein, sollte mit wenig Worten dem Leser etwas geboten werden. Nur denke man nicht, daß auch das besprochene Buch selbst trocken sei. Neben Kapiteln ernstesten, wissenschaftlichen Inhaltes finden wir andere, in denen frisch und anschaulich, leicht verständlich und fesselnd die Geschichte des Bergsportes, die Expedition unserer Forscher mit ihren langen Vorbereitungen und ihren Wechselfällen, ihre Forscherfreuden und Forscher-mühen dargestellt werden, dazu die Kapitel über Sport. Kurz ein abgerundetes Ganzes, glänzend geschrieben, glänzend mit einer Fülle interessanter und schöner Abbildungen von Apparaten und Gegenden ausgestattet, ist dieses Buch jedem Naturfreund, jedem Bergsteiger aufs wärmste zu empfehlen.Dr. H. Jordan..

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