Zur Keschbesteigung

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von der Keschhütte, Sektion Davos S.A.C., aus steigt man, einen etwas holperigen Fußpfad benützend, in zirka fünf Minuten über wild aussehende Moräne zum Gletscher hinüber.

Der Gletscheranfang ist bis auf etwa 50 m. Länge eher steil und namentlich im Spätsommer hart und schlüpfrig. Man hält sich deshalb schon hier unten so weit links, bis man einen durch die Vegetation erhöhten Moränenkamm erreicht, über den man leicht und bequem das unterste, erste Gletscherplateau erreicht. Hier präsentiert sich dem Besteiger bereits das ganze große Gletscherfeld in wundervollem großartigem Bilde; eine erfrischende angenehme Gletscherluft ermutigt den Besteiger.

Die Spalten sind von hier aus noch fast unsichtbar, und es ist somit erklärlich, daß jeder der Richtung Unkundige den für das Auge richtigsten schönsten Weg über die Mitte des Gletschers einschlägt ( wie er auf der Karte der Landestopographie eingetragen ist ) und sich dann leicht und ungeahnt in unüberschreitbare Spalten verwickelt und im schlimmsten Falle auch in eine solche hineinfällt, indem diese im Vorsommer trügerisch leicht verdeckt sind.

Man halte sich daher bis gegen den Einschnitt der Engadiner- oder Eschiafuorcla ( da, wo die Engadiner Kesclibesteiger auf den Porchabellagletscher einmünden ) so weit links an den Gletscherrand gegen den Kamm des Piz Val Mura, wie es die Spalten erheischen, jedoch nie bis ganz an den Fels. Kurz bevor genannter Einschnitt erreicht ist, hebt sich der Gletscher durch eine tiefe, 15-20 m. breite, kesseiförmige Mulde vom Fuß des Piz Val-Müra ab, und es zeigt sich da dem Besteiger gleich, daß er an deren rechtem Rande auf etwas steiler, ansteigender Gletscher-halde hinauf soll. Auf deren Höhe angelangt, trifft er auf einen beträchtlichen Schrund, der jedoch ganz links am Muldenrand, oder zirka 50 m. rechts gegen die Gletschermitte, immer leicht und gefahrlos überschritten werden kann. Ein wundervoller Blick auf die Bernina- und Ortlergruppe bis hinunter zu der Königsspitze und der Weißkugel bestätigt dem Wanderer, daß er hier bereits 3000 m. Höhe erreicht hat, obwohl er von der Keschhütte aus kaum eine Stunde unterwegs war.

In fast rechtem Winkel wendet sich der Weg hier nach rechts und führt ungefähr über die Gletschermitte in gerader Linie dem Gipfel zu.

Bevor man jedoch den Fuß des wohl etwas über 200 m. aus dem Keschgletscher stolz emporragenden Keschkegels erreicht, trifft man auf den sog. Randschrund, an dem das eigentliche Gletschermassiv abbricht und der den Übergang vom Gletscher auf den Fels oft recht erschwert; dies um so mehr, da von genanntem Schrund bis zum sichern Fels ein steiler, etwa 20 m. langer Eishang Uberstuft werden muß.

Wenn man eine Partie am Kesch auf dem gewöhnlichen Weg als schwierig bezeichnen will, so ist es diese, vom Gletscher über den Randschrund und den Eishang zur Felspartie.

Aber auch diese namentlich im Hinblick auf den Steinschlag verhängnisvolle Stelle ( am 3. September 1906 ist hier ein Tourist vom Steinschlag getroffen worden und hat Schädelbruch erlitten ) kann nach neuester Ermittlung umgangen werden.

Man zieht sich dem Randschrund entlang nach rechts bis da, wo derselbe ganz geschlossen, d.h. ausgelaufen ist, steigt von da, sich immer rechts haltend, auf den sich vom Gipfel herunterziehenden Nordostkamm, über dessen Rücken hinauf ein schönes bequemes Kamin dem andern folgt. Guter Fels, genügend sichere Griffe, also ein wahrer Hochgenuß für den Kletterliebhaber, zumal er sich auch vor Steinschlag vollständig sichern kann. So geht 's bis ungefähr auf Zweidrittel der Felspartie in die Höhe, woselbst man wiederum den gewöhnlichen spürbaren Weg trifft und denselben bis auf den Gipfel verfolgt.

Bei dieser Route ist der Steinschlag auch dann ausgeschlossen, wenn mehrere Partien sich gleich hintereinander folgen, und es ist somit die Keschbesteigung auf genanntem Weg, Ausnahmefälle vorbehalten, selbst für den weniger geübten Bergsteiger vollständig gefahrlos.

Es wäre vielleicht manchem Keschbesteiger willkommen, wenn er diese Route markiert finden würde, was sich mit sehr geringen Kosten machen ließe.

Führer P. Mettier aus Bergün, der den Kesch seit 30 Jahren wiederholt von fünf verschiedenen Seiten, also auf fünf verschiedenen Wegen und selbst auch im Winter bestiegen hat, kennt sämtliche Zugänge aufs genaueste und erklärt den oben beschriebenen als den sichersten, leichtesten und kürzesten.

Abschrift aus dem Führerbuch des Bergführers P. Mettier aus Bergün:

Nachdem am 29. August Herr Baur aus Bern mit dem altbewährten Führer Peter Mettier aus Bergün den Keschgipfel von der Südseite aus erklommen hatte, stattete am folgenden Tag unsere Wenigkeit unter derselben Führung dem großmächtigen Kesch einen Besuch ab.

Unser Führer hatte am Tag vorher bemerkt, daß der alte Herr, der vielen Visiten scheinbar überdrüssig, den Porchabellagletscher beauftragt hatte, durch außergewöhnliche Erweiterung seiner Spalten ferneren Besuchen stark abweisend entgegenzutreten.

Wir umgingen die jetzt unüberschreitbaren Spalten, indem wir uns ziemlich links hielten. Bald erreichten wir den alten Weg und schritten munter auf das Massiv zu.

Aber das hohe Haupt machte noch einen Versuch, uns abzuschrecken, indem es uns den Übergang vom Gletscher zum Fels als recht schwierig vor Augen führte und uns hohnlächelnd zeigte, wie eine Partie, die uns etwa eine Stunde voraus gewesen war, sich vor uns abmühte, festen Fuß zu fassen. Aber unser Führer ließ sich nicht abweisen. Er glaubte nämlich, einen neuen Aufstieg gefunden zu haben, auf dem man die so unangenehme, sich vom Randschrund erhebende Eiszunge vollständig umgehen könne. Und richtig, sein Spürsinn hatte ihn auch diesmal nicht getäuscht. Durch zwei hübsche Kamine und eine angenehme Felskletterei erreichten wir auf ungefähr zwei Drittel der Höhe den alten Weg und gelangten bedeutend schneller als üblich zum Gipfel.

Der Tag war herrlich und der Ausblick wunderbar, aber diesen zu beschreiben, versucht man lieber nicht erst.

Den einmal gefundenen Weg benutzten wir natürlich auch zum Abstieg, und die andere Partie war hoch erfreut, sich uns anschließen zu können. Was wir sonst unter Mühen hätten erreichen können, genossen wir jetzt ohne jegliche Anstrengung, und wir möchten nicht verfehlen, unsern Führer, der auch an diesem Tage seinem Namen alle Ehre machte, unsern Dank auszusprechen.

Bergün, den 30. August 1906.

gez.: Alex. Leendertz aus Territet ( S.A.C., Sektion Davos ), gez.: Guido Leendertz, stud, med., Heidelberg.

Alex. Leendertz ( Sektion Davos ).

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