Zwischen Drama und Glück 100 Jahre Solvaybiwak

Das Solvaybiwak am Matterhorn ist Schauplatz vieler grauenvoller Geschichten. Und doch: Gäbe es die Not­unter­kunft hoch oben am Hörnligrat nicht, wäre die Chronik des Schreckens noch viel länger.

«Wenn das Wetter bessert, holen wir Sie raus.» Diesen Satz hat Bruno Jelk während seiner 34 Jahre als Rettungschef von Zermatt oft ins Telefon gesprochen. Die Anrufe kamen zu jeder Tages- und Nachtzeit, aus dem Solvaybiwak am Matterhorn, wo Alpinisten im Sturm Unterschlupf gefunden hatten. Auch wenn sie unverletzt waren: Wenn der Durst kam, riefen sie an. Zwar finden sich in der kleinen Schachtel am Grat Wolldecken und vor den Handyzeiten auch ein Funktelefon, aber nichts zu essen und nichts zu trinken. «Andere machen Hungerstreik», sagte Bruno Jelk jeweils, «man überlebt lange ohne zu essen und zu trinken. Im Biwak kann Ihnen nichts passieren.» Das Wetter am Matterhorn folgt seinen eigenen Gesetzen. Es schlägt so schnell um wie sonst kaum. Natürlich weiss auch Jelk, wie unangenehm es ist, am «Horu» festzusitzen. Für ihn zählte jedoch, die Menschen in Sicherheit zu wissen. Um die Retter selbst nicht in Gefahr zu bringen, musste er oft hart bleiben und die Leute zum Warten zwingen. «Das Biwak hat vielen Menschen das Leben gerettet», sagt Jelk. 782 Mal ist er in seiner Zeit als Rettungschef ausgerückt, um Alpinisten am Matterhorn zu bergen. Die 268 Toten, die er vom Berg geholt hat, lassen erahnen, wie viele es wären, gäbe es kein Solvaybiwak.Vor 100 Jahren wurde das Biwak auf einem winzigen Felsvorsprung auf gut 4000 Metern über Meer gebaut. Für die damaligen Erbauer war klar: Es brauchte einen Unterschlupf, um den unzähligen Dramen am Berg etwas entgegenzusetzen. In Ernest Solvay, einem belgischen Chemiker, Mäzen und Bergfreund, fand man einen Geldgeber, der den Bau finanzierte. Solvay stand der gleichnamigen Sodafabrik in Zurzach vor. Die Unterkunft, eingepfercht zwischen Felstürmen und Abgrund, weist einen Grundriss von nur gerade vier auf fünf Metern auf. Sie ist nicht nur hinsichtlich ihrer Lage ein absolutes Unikum unter den Schweizer Berghütten, sie gehört auch als einzige Hütte nicht einer Sektion des SAC, sondern dem Zentralverband. Vor Ort ist die Rettungssta­tion Zermatt für den Betrieb der Hütte zuständig. Bis heute steht ihre Funktion als Schutzhütte im Vordergrund. Zwar sei das Biwak oft auch für reguläre Übernachtungen missbraucht worden, so Jelk, sei es, um den Aufstieg zu verkürzen oder um Kosten zu sparen. Im Grundsatz erfülle es aber seine ursprüngliche Bestimmung.

Aus der Hütte gerissen

Man erzählt sich viele schreckliche Geschichten, die sich im oder um das Solvaybiwak abgespielt haben. Etwa diejenige von zwei Franzosen, von denen der eine das Biwak im Abstieg bereits erreicht hatte, eben über die Türschwelle getreten war, seinen Rucksack abzog und sich in Sicherheit wähnte, als sein Seilpartner wenige Meter oberhalb auf der Moslay-Platte ausrutschte und seinen Kollegen förmlich aus der Hütte herausriss. Beide stürzten in den Tod. Einmal suchten vier Amerikaner im Biwak Unterschlupf, sie waren trotz Wetterumbruch und Schwierigkeiten unverletzt. Als einer der vier jedoch in der Nacht vor die Türe trat, weil er sich erbrechen musste, stürzte er die Nordwand hinunter. Oder jenes Unglück in einem eiskalten Januar, als sich ­14 Bergführer bei Temperaturen um minus 30 Grad zu Fuss zu einer Rettung aufmachten, weil das Wetter es nicht anders erlaubte. Von diesen Strapazen brachten nicht nur die Verunglückten, sondern auch die Retter Erfrierungen nach Hause.

Eng und ausgesetzt

Die Saison am Matterhorn ist kurz, sie beginnt Mitte Juli und dauert zwei Monate – Hochsaison für Retter und Biwak. Bei einem Wetterumsturz verbringen manchmal Dutzende Personen die Nacht auf engstem Raum. Die einfachen Liegen hat man entfernt, in der Hoffnung, dem Missbrauch der Unterkunft entgegenwirken zu können. Im Ernstfall kauern die Schutzsuchenden auf dem nackten Boden und harren der Dinge, die kommen.

Die einfachen Bretterwände des Solvaybiwaks müssen für viele Betroffene eine seltsame Kulisse verkörpert haben. Gleich einem unter Druck stehenden Dampfkochtopf zwiespältiger Gefühle: Erleichterung einerseits, vor reissendem Sturm und Kälte in Sicherheit zu sein, quälende Gedanken und Ängste andererseits, die sich an einem engen, ausgesetzten Ort in grosser Höhe vervielfachen. Den Rettern aus Zermatt erleichtert das Biwak, ganz pragmatisch gesprochen, die Arbeit. Wissen sie verunglückte Personen in Sicherheit, erspart ihnen dies bei schlechtem Wetter heikle Rettungen zu Fuss. «Manchmal sind wir grosse Risiken eingegangen», sagt Bruno Jelk rückblickend, «wenn wir jemanden bei schlechtem Wetter oder nachts verletzt runterbringen mussten.» Dank dem Biwak können die Personen ausgeflogen werden, sobald es die Verhältnisse erlauben.

Er begrüsst es denn auch, dass der Zentralverband auf das Jubiläum hin in die Unterkunft investieren will. Im Vordergrund steht die Sanierung des Dachs und der Toilette. Laut Bruno Lüthi, Bereichsleiter Hüttenbetrieb SAC, sollen rund 90 000 Franken investiert werden – eine stolze Summe für eine Unterkunft, die kaum etwas abwirft. Denn die wenigsten Alpinisten, die im Biwak absteigen, bezahlen für die Übernachtung. Dennoch ist es auch für den Zentralverband unbestritten, am Standort festzuhalten. Und die Nachfahren von Ernest Solvay haben bereits zugesichert, ihr Bekenntnis zu Zermatt und dem Alpinismus mit einem neuerlichen Beitrag zu zementieren.

Jubiläumsjahr für das Biwak

Im Sommer 1915 hatten die Erbauer das Solvaybiwak nach einer äusserst anspruchsvollen Bauzeit fertiggestellt. Bereits einige Jahre zuvor hatte man mit der Planung begonnen. Schwierig waren nicht nur die Verhältnisse am Berg – so musste beispielsweise eigens eine Transportbahn errichtet werden –, sondern in einer ersten Phase wollte auch die Burger­gemeinde Zermatt den Bauplatz nicht hergeben. Aufgrund von schlechtem Wetter mussten die Erbauer zwei Sommer vorbeiziehen lassen, bis das Biwak im August 1917 endlich feierlich eingeweiht werden konnte. 100 Jahre nach dieser Einweihung wird der SAC-Zentralverband am 8. August 2017 eine kleine Gedenkfeier in Zermatt abhalten, um das Biwak, den Stifter Ernest Solvay und die Erbauer zu würdigen.

Feedback