Zwischen Himmel und Erde Adlerjagd in der Mongolei

Die 14-jährige Damel ist eine der wenigen Adlerjägerinnen im Altai-Gebirge der Mongolei. Die Tessiner Fotografin Alessandra Meniconzi hat sie mehrmals besucht und die junge Frau in eindrücklichen Bildern festgehalten.

Damel bedeutet Hoffnung. Und vielleicht geht der Name der 14-jährigen Mongolin darauf zurück, dass ihr Vater Semser (40) sich einen Sohn erhofft hatte, nachdem bereits zwei Töchter geboren waren. Semser übertrug Damel jedenfalls die Aufgaben, die er eigentlich für den Sohn vorgesehen hatte. Insbesondere musste sie im Sommer den majestätischen Königsadler ihres Vaters hüten. Für das Mädchen war es der Beginn einer aussergewöhnlichen Karriere als eine der wenigen Adlerjägerinnen in der Mongolei. In diesem abgelegenen Fleckchen Erde am Fusse des Altai-Gebirges, einem spektakulären Hochland nahe zur russischen, zur chinesischen und zur kasachischen Grenze, ist das Halten von Adlern in Familien der kasachischen Minderheit eine uralte Tradition.

Während die Mongolen üblicherweise tibetische Buddhisten sind, hängen die Kasachen dem sunnitischen Islam an. Es sind Nomadenfamilien, die im Sommer mit ihren Jurten weite Strecken zurücklegen. Semser, seine Frau Pernegul und ihre mittlerweile sieben Kinder halten 1300 Schafe und Ziegen, ausserdem Dutzende von Pferden, Kühen und Kamelen. Es ist ein einfaches Leben im Einklang mit der Natur. Neunmal im Jahr zieht die Familie um.

Ein Haustier der besonderen Art

Im Leben von Damels Familie haben auch Adler ihren festen Platz. Die Raubvögel werden zur Jagd abgerichtet. Früher war das für die Nomadenfamilien lebensnotwendig, um Pelze von Füchsen, Wölfen oder Murmeltieren zu ergattern. Sie brauchten die Felle zum Überleben in dieser kargen Gegend. Im Winter kann es schon mal 50 Grad unter null werden. Heutzutage kann man warme Kleidung in den Städten kaufen, doch die Tradition der Adlerjagd hat sich erhalten. In der lokalen Sprache heisst der Adlerjäger «Burkitshi».

Damel begann bereits im Alter von zehn Jahren mit der Adlerjagd. Ihr Vater hat sie ihr beigebracht. Natürlich braucht jede Familie ein geeignetes Tier. Normalerweise werden Küken aus einem Horst geholt. «Ich war sehr froh, dass ich ein einjähriges Adlerweibchen fand und kein Küken aus einem Nest entwenden musste», erzählt Damel. Für die Jagd eignen sich nur weibliche Steinadler, da sie grösser, aggressiver und zuverlässiger sind als die Männchen.

Der Adler lebt wie ein Familienmitglied im Hause der Jäger – bei den Nomaden in der Jurte. Er erhält Pferde-, Schaf-, Wolfs- oder Yakfleisch. Durch regelmässiges Füttern wird das Tier verwöhnt und gewöhnt sich an das Leben mit den Menschen. Es wird so zu einem Haustier der besonderen Art. Während der Jagdsaison im Winter wird die Nahrung reduziert. Das steigert den Jagdtrieb. Rund zehn Jahre bleiben die Vögel bei den Jägern und ihren Familien, dann werden sie freigelassen. «Dass sie während einer Jagd nicht ausreissen, hängt damit zusammen, dass sie so gut versorgt werden», weiss Damel.

Im Haus tragen die Vögel die «Tomaga», eine Haube, die ihren Killerinstinkt dämpft. Dies gilt zunächst auch bei der Jagd, wenn der Adler auf dem Arm des Reiters sitzt. Erspäht ein Jäger ein Beutetier, wird der Sichtschutz entfernt. Mit einem kleinen Stoss wird dem Adler signalisiert, dass er nun die Beute ergreifen soll. Die königlichen Tiere mit einer Flügelspannweite von bis zu zwei Metern stürzen sich mit hoher Geschwindigkeit auf die Beutetiere.

Keine Jagd am Dienstag

Die Jagd ist ein hartes Geschäft. Sie wird nur im Winter und traditionell nur von Männern ausgeübt. Sobald der erste Schnee fällt, beginnt die Jagdsaison. Die «Burkitshi» ziehen dann mit ihren Steinadlern bei jedem Wetter in die Berge. Damel ist als Frau eine Ausnahme, doch Probleme hatte sie deshalb nie, wie sie erzählt. Weder aus der eigenen Familie noch von Freunden oder Verwandten musste sie Kritik einstecken. Aber leicht ist es nicht immer. Schon das Reiten mit ihrem Adler auf dem Arm ist anstrengend: «Er wiegt acht Kilo, das ist schon ein wenig schwer.» Auch das Reiten an steilen Hängen stellt für Damel oftmals eine Schwierigkeit dar. Die Regeln der Adlerjagd kennt sie indes bestens: «Man geht nie an einem Dienstag jagen, weil der Dienstag bei uns als Unglückstag gilt, und natürlich auch am Freitag nicht, der bei den Moslems der Gebetstag ist.»

Damel geht jagen, wenn sie in der Saison nach Hause kommt. Normalerweise ist sie im Winter allerdings in Ulaanhus, eine gute Stunde vom Winterlager ihrer Eltern entfernt. Dort besucht sie die Schule und wohnt mit einigen Geschwistern in einer Wohnung, welche die Familie erworben hat. Hat sie einen Berufswunsch? «Ja, ich möchte Journalistin oder Ärztin werden.»

Ähnlich wie im Film The Eagle Huntress

Das städtische Leben hat die alten Traditionen und Gewohnheiten bereits verändert. Dank Internetanschluss können die jungen Leute sehen, was in der grossen weiten Welt los ist. Daher kennt Damel auch den Film The Eagle Huntress (Die Adlerjägerin), der 2016 am Sundance Festival in Salt Lake City (USA) seine Premiere erlebt hat und seither weltweit Erfolg feiert. Die Geschichte von Aisholpan Nurgaiv und ihrem Vater ähnelt in vielen Aspekten der Geschichte von Damel und Semser. Teile der Filmstory sind allerdings erfunden, etwa der Sieg von Aisholpan bei einem Wettbewerb von Adlerjägern. So überrascht es nicht, wenn Damel sagt: «Ich bin ein wenig eifersüchtig und wäre gerne selbst die Protagonistin in diesem Film.»

Ihr Vater Semser hat vom Film gehört, ihn aber nie selbst gesehen. Er findet es gut, dass durch diesen Film mehr über das Leben der Nomaden in der Mongolei und insbesondere in der Provinz Bajan-Ölgii bekannt wurde. Tourismus sei wichtig. Gleichzeitig hat er Sorge, dass gerade die Adlerjagd nun zu rein touristischen Zwecken betrieben wird. Er fürchtet um die Zukunft der wahren Adlerjäger, von denen es vielleicht noch 50 oder 60 gibt. Der Adler ist von zentraler Bedeutung im spirituellen Denken der Nomaden. Er ist ein heiliger Vogel, und die Adlerjagd spiegelt in der nomadischen Sichtweise die Balance zwischen dem Guten und dem Bösen, zwischen natürlicher Umwelt und übernatürlichen Kräften wider.

Tatsächlich nimmt die Zahl von Touristen zu, die in die Westmongolei reisen, um die Adlerjagd zu sehen. Es gibt historische Feste mit einem Wettbewerb von Jägern. Und neue Festivals sind entstanden. Damel nahm 2018 an einem Adlerjägerfest teil, das ihr Grossvater Tabisbek organisiert hat. Sie erreichte den zweiten Platz. Und das ist wirklich wahr.

Alessandra Meniconzi

Die Tessiner Fotografin Alessandra Meniconzi hat sich auf das Fotografieren von ethnischen Minderheiten und Urvölkern spezialisiert. Sie setzt sich mit ihren Bildern für Kulturen ein, die vom Verschwinden bedroht sind. Sie war sechsmal in der Mongolei, viermal lebte sie mit Damels Familie zusammen. www.alessandrameniconzi.com

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