17. Internationale Bergrettungsärzte-Tagung Innsbruck. Jeder sollte helfen können

Jeder sollte helfen können

Alpinisten wissen nur sehr schlecht Bescheid über Erste-Hilfe-Massnah-men im Gebirge und schätzen ihr Wissen über Notfälle zu hoch ein. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die an der 17. Internationalen Berg-rettungsärzte-Tagung in Innsbruck vorgestellt wurde. An der Konferenz werden jeweils die neuesten Entwicklungen im Bergrettungswesen diskutiert.

Im Referat « Was ist neu in den internationalen Reanimationsrichtlinien ?» erhielten die Konferenzteilnehmer einen kurzen Überblick über die wichtigsten Änderungen, die seit kurzem in Kraft sind. So wird für den Laien bei der Erstbeurteilung eines Bewusstlosen ( ABCD ) 1 die Pulskontrolle nicht mehr empfohlen. Versuche haben ergeben, dass es vor allem für Ungeübte in Notfallsituationen sehr schwierig ist, einen vorhandenen oder fehlenden Puls korrekt zu diagnostizieren. Wenn ein Patient bewusstlos ist, nicht atmet und auch sonst keine Lebenszeichen wie Würgen usw. von sich gibt, gehört neben der Beatmung die Herzmassage automatisch mit dazu.

Herzmassage und Beatmung Bei den BLS-Massnahmen ( BLS: Basic Life Support = erste Hilfe ) gilt in Zukunft das Verhältnis zwischen Herzmassage und Beatmungsstössen 15 zu 2, unabhängig davon, ob ein oder zwei Helfer an den Wiederbelebungsversuchen beteiligt sind. Dies führt unter anderem zu einer Verbesserung der Durchblutung des Herzmuskels. Die so genannte « Oben-ohne»-Reanimation, die während kurzer Zeit durch die Literatur geisterte und bei der nur Herzmassage ohne gleichzeitige Beatmung empfohlen wurde, gilt nur in Situationen, in denen eine Beatmung nicht möglich ist ( Ekel usw. ) oder wenn die Wiederbelebung unter Telefonanlei-tung durchgeführt wird.

Defibrillatoren 2

in Seilbahnstationen? Grosser Wert wird in den neuen Richtlinien auf die Früh-Defibrillation gelegt. Bei Erwachsenen ist das Kammerflim-mern die häufigste Ursache für einen Herzstillstand, und je schneller defibril-liert wird, desto grösser ist die Chance, dass ein normaler Herzrhythmus wiederhergestellt werden kann und der Patient überlebt. In Österreich und zum Teil auch in der Schweiz laufen Bestrebungen, an stark frequentierten Orten, die von Rettungsdiensten nicht innert weniger Minuten erreicht werden können wie zum Beispiel Skihütten oderSeilbahn-stationen in grossen Skigebieten, öffentlich zugängliche Defibrillatoren zu platzieren.

Verbesserte Ausbildung In einem temperamentvollen Vortrag lieferte Dr. Röggla ( Universitäts-Dozent Neunkirchen ) eine kritische Betrachtung über « Was ist lern- und lehrbar in der Laienreanimation und ersten Hilfe ?» Vor vielen Jahren wurde in einer Untersuchung festgestellt, dass der traditionelle Erste-Hilfe-Kurs bezüglich Überleben und Erstversorgung von Patienten keine Verbesserung bringt. Im Gegensatz dazu führt die moderne CPR-Ausbil-dung ( CPR: cardio pulmonary resus-citation = kardiopulmonare Wiederbelebung ) zu einer zwei- bis dreifachen Verbesserung des Resultats bei Patienten. Diese Grundausbildung in Wiederbelebung sollte sich auf folgende wenige Schwerpunkte konzentrieren: rechtzeitiges Alarmieren, Beatmung, Herzmassage und korrekte Lagerung eines Bewusstlosen. In der darauf folgenden Diskussion wurde allerdings festgestellt,

1 A = Atemwege frei machen B = Beatmen C = Circulation ( Kreislauf ) in Gang bringen D = Defibrillation 2 Ein Defibrillator ist ein Elektroschockgerät, das dem flimmernden Herzen einen Stoss versetzt, sodass es wieder in seinen normalen Schlagrhyth-mus zurückfindet.

Ein Unfallopfer wird mit einem Sauerstoffgerät beatmet: Erste Hilfe bei Bergunfällen ist sehr wichtig, aber Alpinisten wissen ( zu ) häufig nicht, was zu tun wäre.

Fo to :B ru no Durr er DIE ALPEN 1/2002

dass Bergrettungsleuten zusätzliche Kenntnisse in speziellen, dem alpinen Umfeld angepassten Situationen vermittelt werden müssten.

40% wussten nichts... Erschreckend ist, dass in Europa in den letzten Jahren die Laienreanimation massiv zurückgegangen ist. Ob dies teilweise auf TV-Sendungen wie « Medicop-ter 117 » und ähnliche zurückzuführen ist, die suggerieren, dass immer und überall in wenigen Minuten Profis am Unfallort sind, blieb im Raum stehen. Im Weiteren wurde eine Studie über « Subjektive und objektive Erste-Hilfe-Kenntnisse bei Westalpenbergsteigern » ( Th. Küpper, Düsseldorf ) vorgestellt. Die Ausgangslage war, dass bei Unfällen in den Bergen auch im Zeitalter des Handys und der Helikopterrettung ohne weiteres 30–60 Minuten vergehen, bis professionelle Hilfe vor Ort ist, und die Alpinisten in dieser Zeit auf ihre eigenen Fähigkeiten angewiesen sind. Dabei mussten Alpinisten in der Capanna Margherita erstens einen Fragebogen über medizinische Notfälle ausfüllen und zweitens eine Selbsteinschätzung ihrer medizinischen Fähigkeiten abgeben. Das ernüchternde Resultat ergab, dass fast 40% der Befragten nicht in der Lage waren, eine einzige Frage richtig zu beantworten. Dazu kam, dass die Selbsteinschätzung in keiner Weise mit dem tatsächlichen Wissensstand korrelierte. Die beunruhigende Konsequenz ist, dass mit dem heutigen Ausbildungsangebot die Zielgruppe, nämlich die aktiven Alpinisten, nur sehr beschränkt erreicht wird.

Spezielle Reanimationssituationen Von schwer verletzten Personen, die im Gelände Wiederbelebungsmassnahmen benötigen, überleben weniger als 2%. So ist es auch eine Aufgabe des Notarztes im Gebirge, die Situation richtig einzuschätzen und aussichtslose Rettungsversuche gar nicht erst zu unternehmen, um so eine allfällige Gefährdung der Rettungskräfte zu verhindern.

Blitzschlag führt neben Bewusstlosigkeit und Herz-Rhythmus-Störungen

ABS-Test mit einer Puppe: Der Airbag kann zwar oft eine Ganzverschüttung verhindern, doch lässt sich dies für den Einzelfall nie mit Sicherheit voraussagen.

Unfälle in hochalpinem Gelände verlangen von den Rettungsleuten zusätzliche Kenntnisse, damit sie unter den besonderen Bedingungen richtig reagieren. Im Bild Wellenkuppe und Obergabelhorn.

Trotz hohem Organisationsgrad des Rettungswesens kann es bis zu 60 Minuten dauern, bis der Helikopter vor Ort ist. In der Zwischenzeit getroffene Massnahmen können deshalb über Leben und Tod entscheiden.

Fo to :SLF Fo to :SLF Foto: Kurt Sterchi DIE ALPEN 1/2002

auch zu schweren Verletzungen. Bei der Bergung ist immer dem Selbstschutz vor den Wiederbelebungsmassnahmen der Vorrang zu geben. Bei der Triage von mehreren Blitzverletzten hat ( im Gegensatz zu anderen Unfällen ) der Bewusstlose Behandlungspriorität, da eine Zu-standsverschlechterung bei initial wachen Patienten selten ist. Wenn Wiederbelebungsmassnahmen nötig sind, sollte eher länger reanimiert werden, da vom Blitz Getroffene eine gewisse Toleranz gegenüber Sauerstoffmangel zeigen. Pro-phylaktisch gilt bei Blitzgefahr: Kauerstellung, Beine schliessen, Ohren zuhalten.

Bei unterkühlten Opfern gilt nach wie vor: Der Patient ist erst tot, wenn er warm und tot ist. Das heisst, wenn keine eindeutig tödlichen Verletzungen vorliegen, sollten die Wiederbelebungsmass-nahmen bis zum Aufwärmen fortgeführt werden. Inwieweit Defibrillation und Medikamente bei Körpertemperaturen unter 30 °C sinnvoll sind, wird kontrovers beurteilt.

Aktuelle Entwicklungen in der Notfallmedizin « Was gefährdet den Patienten mehr: die Wirbelsäulenverletzung oder die Angst des Retters vor der Wirbelsäulenverletzung ?» fragte H. Mayer aus dem Allgäu. Jeder Patient mit Rückenverletzungen darf ( und muss irgendwann ) mit kontrollierten Bewegungen und dosiertem Zug in Längsrichtung zur Wirbelsäule in eine stabile Rückenlage gebracht werden. Beim geringsten Verdacht sollte die Halswirbelsäule stabilisiert werden, bevor der Patient bewegt wird. Bewusstlose gehören auch bei Verdacht auf Rückenverletzungen bis zur definitiven Sicherung der Atemwege in Seitenlage.

Was taugen Airbag und Avalung? An einem Kongress über Bergrettung wird natürlich auch über den Lawinenunfall referiert. Dr. Brugger aus Bruneck verglich die verschiedenen Rettungsmittel. Am effizientesten bezüglich Verbesserung der Überlebensrate sind das La-winenverschüttetensuchgerät ( LVS ) und der Airbag: der Airbag, weil er das Risiko einer Ganzverschüttung verringert, das LVS, weil es die Verschüttungsdauer verkürzt. Zum Airbag ist allerdings zu sagen, dass er in 20% der bekannten Fälle nicht funktionierte ( entweder wurde die Reissleine nicht gezogen, oder der Auslöser war defekt ). In 16% kam es trotz Airbag zu einer Ganzverschüttung. Neuere Airbags haben einen kragenför-migen Ballon, sodass der Kopf oben bleiben und gleichzeitig eine Atemhöhle geschaffen werden soll. Die Avalung verlängert zwar laut Studien die Zeit, die man unter dem Schnee aushält, von rund 10 auf etwa 60 Minuten. Ob sie sich allerdings im Ernstfall bewährt, ist noch zu wenig erforscht. Da sie eine Ganzverschüttung nicht verhindert, muss sie immer mit dem LVS kombiniert werden. Das Wichtigste neben « High Tech » bleibt aber « High Brain » ( H. Brugger, Bruneck ), denn nach wie vor ist Respekt vor der Natur und den Lawinen der sicherste Partner. a

Kathrin Blunschi, Dr. med., Frutigen

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