1956 – Manaslu und Gasherbrum II. Zwei vernachlässigte Erstbesteigungen

Zwei vernachlässigte Erstbesteigungen

1956 – Manaslu und Gasherbrum II

1956 wurden gleich drei Achttausender erstbestiegen: der Lhotse durch die Schweizer Fritz Luchsinger und Ernst Reiss sowie der Manaslu und der Gasherbrum II. Über die beiden letzteren Erstbesteigungen wurde eher wenig geschrieben.

Am 9. Mai 1956 stand der Japaner Toshio Imanishi mit dem Sherpa Gyaltsen Norbu, der 1955 mit den Franzosen bereits den Makalu erstbestiegen hatte und da- Foto: Christine Kopp mit der erste Mensch war, der zwei Acht-tausender-Besteigungen aufweisen konnte, auf dem Gipfel des Manaslu, 8163 m. Dies nur neun Tage vor der Erstbesteigung des Lhotse, 8516 m, durch die Schweizer Fritz Luchsinger und Ernst Reiss. Am 11. Mai folgten Imanishis Landsleute Minoru Higeta und Kiichiro Kato und vervollständigten mit ihrer Zweitbesteigung den Erfolg der Expedition. Knappe zwei Monate später standen die Österreicher Sepp Larch, Fritz Moravec und Hans Willenpart als erste Menschen auf dem Gasherbrum II, 8035 m. Im Gegensatz zu anderen Acht-tausender-Erstbesteigungen – man denke an Annapurna oder Nanga Parbat – verliefen die japanische und die österreichische Expedition insgesamt ohne grössere Zwischenfälle und sorgten daher auch in der Alpinliteratur für wenig Aufsehen. Während der japanische Erfolg als Ergebnis einer beharrlichen « Aufbauarbeit » angesehen werden kann, ist der österreichische Erfolg ein frühes Beispiel für einen schnellen Aufstieg in einem leichten Stil.

« Japanischer » Berg

Der Manaslu, ein wunderschöner Berg in Westnepal, zog nach einer ersten Erkundung 1950 durch eine Gruppe unter dem britischen Forscher und Bergsteiger Bill Tilman das Interesse japanischer Bergsteiger auf sich. Bereits 1952 unternahm eine kleine japanische Gruppe eine erste Erkundung. 1953 kamen die Japaner mit einem grösseren Team zurück, das vom Dorf Sama am Ostfuss des Berges eine mit einer durchgehenden Telefonleitungverbundene Lagerkette aufbaute und trotz schlechten Wetters bis auf 7750 m aufstieg. Im Frühjahr 1954 wollten die Japaner wieder an den Berg. Sie scheiterten jedoch weder am Wetter noch an technischen Schwierigkeiten: Bei Sama wurden sie durch eine zornige Menschenmenge aufgehalten, die ihnen vorwarf, der Aufstieg vom Vorjahr habe die Götter des Manaslu verärgert. Die hätten sich gerächt durch entsetzliches Wetter, eine Lawine, die das 300 Jahre alte Kloster des Dorfs zerstört hatte, sowie schwere Krankheiten. Die Japaner lenkten ein und wichen auf an- Der Manaslu von Sama, von Osten aus, im Abendlicht dere Gipfel aus, holten sich jedoch bei ihrer Rückkehr nach Kathmandu die Zusicherung der nepalesischen Regierung ein, dass sie bei einer späteren Expedition nicht erneut behindert würden. Eine Genehmigung, die sie für 1955 beantragten und die ihnen von Nepal aus auf dem Seeweg geschickt wurde, traf zu spät ein. Dennoch brach im Herbst 1955 eine kleine Gruppe an den Manaslu auf und stieg bis auf 7500 m. 1956 war es endlich so weit: Mitte März war eine weitere japanische Expedition 1 zum Manaslu unterwegs. Sie stand unter der Leitung des berühmten, 62-jäh-rigen Yuko Maki, der durch seine Erstbegehung des Mittellegi-Grates am Eiger von 1921 mit den Bergführern Fritz Amatter, Samuel Brawand und Fritz Steuri auch in Europa bekannt war. Die Japaner benutzten Zelte mit Gestellen aus Bambus sowie offene Sauerstoff-systeme und zum Schlafen « Sauerstoff-Kerzen ». Diese schweren Kerzen erzeugten in einer Reaktion beim Brennen auch Sauerstoff, der aber aus den Zelten, die ja nicht abgeschlossene Räume sind, entwich. Deshalb verwendeten die Japaner im letzten Lager Sauerstoffflaschen zum Schlafen. Der Aufstieg über den Manaslu-Gletscher, Naike-Sattel und das Gipfelplateau verlief relativ problemlos und führte am 9. Mai zum Erfolg: An diesem wunderschönen, windstillen Tag erreichten Imanishi und Gyaltsen Norbu um 12.30 Uhr den Gipfel. Bereits sechs Tage nach der Zweitbesteigung vom 11. Mai hatte die Gruppe den Berg geräumt.

Erstbesteigung mit Biwak

Auch am 7. Juli 1956, als Expeditionsleiter Fritz Moravec mit Sepp Larch und Hans Willenpart um 11.30 Uhr den Gipfel des Gasherbrum II erreichte, war es windstill und sonnig – und so warm, 1 Die Expeditionsmitglieder Sonosuke Chitani, Minoru Higeta, Toshio Imanishi, Kiichiro Kato, Yuichi Matsuda, Junjiro Muraki, Katsuro Ohara, Hiroyoshi Otsuka, die Ärzte Hirokichi Tatsunuma und Atsushi Tokunaga sowie der Fotograf Takayos-hi Yoda wurden von 20 Sherpas unter dem erfahrenen Sirdar Gyaltsen Norbu unterstützt.

Unterhalb des felsigen Gipfelaufbaus des Gasherbrum II zieht sich die Route in einer langen Querung von links nach rechts.

Im Schlussanstieg auf der Xinjiang-Seite des Gasherbrum II Fotos: Ralf Dujmo vits dass die drei ihre Anoraks auszogen. Ihrer Expedition, die von der Österreichischen Himalaya-Gesellschaft organisiert worden war, gehörten der Geologe Erich Gattinger, Hans Ratay, Richard Reinagl, Heinrich Roiss und der Arzt Georg Weiler an. Unterstützt wurde sie von Balti-Trä-gern unter Captain Qasim Ali Shah und Hayat Ali Sha. Der Gasherbrum II, ein eleganter Berg der Gasherbrum-Gruppe im Bal-toro-Gebiet des Karakorums, war lange vor der Erstbesteigung durch die Internationale Himalaya-Expedition von 1934 unter Günter Dyhrenfurth erkundet worden. 22 Jahre später scheiterten die Erstbesteiger, die über den Südwest- und dann über den Ostgrat aufstiegen, beinahe wegen einer Lawine, die ihr Lager I verschüttete und zum Verlust eines Grossteils ihres Materials führte. Moravec musste entscheiden: abbrechen oder einen schnellen Aufstieg mit einem Minimum an Ausrüstung versuchen. Er entschloss sich für Letzteres – erfolgreich. Am 6. Juli, nur vier Tage nachdem sie in Lager I noch nach der verlorenen Ausrüstung gesucht hatten, verliessen Moravec, Larch und Willenpart Lager III auf 7150 m mit grossen Lasten, aber ohne Sauerstoffflaschen. Sie stiegen auf unstabilem Schnee unangeseilt hoch und fanden auf rund 7500 m eine geschützte Stelle für ein Biwak. Nach einer bitterkalten Nacht stiegen die drei zum Ostgrat auf, über den sie den Gipfel erreichten.

Unvergängliche Schönheit

War der Erfolg der Japaner am Manaslu zwei Monate davor der verdiente Lohn für eine jahrelange Erkundung, so stellte der Aufstieg der Österreicher am Gasherbrum II eine Weiterentwicklung im Höhenbergsteigen dar: Nie zuvor war ein Achttausender mit einem bewusst eingeplanten Biwak bestiegen worden. Diese Taktik zeigte den Weg in die Zukunft. Heute ist der Gasherbrum II einer jener Achttausender, die von kommerziellen und anderen Expeditionen am häufigsten bestiegen werden, während der Manaslu in Bezug auf die Anzahl der Besteigungen im Mittelfeld der 14 Achttausender liegt. Unvergänglich ist die Schönheit dieser Berge, die nicht nur Alpinisten faszinieren, sondern auch Wanderer und Trekker, die an ihrem Fuss vorbeiziehen. a Christine Kopp, Muri/BE und Galbiate/I Gasherbrum II: im Aufstieg zum Lager III Lager I: im Becken zwischen Gasherbrum I und Gasherbrum II

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