80 Jahre «Die Alpen». «Créer un organe bilingue unique est une faute.»

80 Jahre « Die Alpen »

Vor genau 80 Jahren erschienen zum ersten Mal « Die Alpen », die Zeitschrift des gesamten Schweizer Alpen-Clubs. Grund genug, den Pu-blikationenberg zu erklimmen und Rückschau zu halten.

Was für ein Auftakt! Prominenter hätten « Die Alpen » – franz. « Les Alpes » – im Januar 1925 nicht starten können. Nach der dreisprachigen Grussbotschaft zur neuen Clubzeitschrift durch das Centralkomitee erschien ein achteinhalbseitiger Beitrag von Alfred Zürcher über « Bergfahrten im Bergell », aufgeteilt in « Erste Überschreitung der Scioragruppe » und « Piz Badile – Erste Besteigung über die Nordkante ». Leider hatten Zürcher und sein Führer Walter Risch bei ihren Erstbegehungen im August 1923 « Zeiss und Photographenapparat » zu Hause gelassen – nicht jedoch « an Getränk zwei Deziliter Kognak » –, sodass « Die Alpen » nur mit Text und ohne Actionfotos über jene Klettertour berichten mussten, die zu den berühmtesten der Schweiz werden sollte. Und wie sie das taten: « Unsere blutenden Finger fassten sich in ernstem Griff und klammerten gerade so stark ineinander, wie drunten an der Platte, wo es um Leben und Tod ging. ‹Ich danke Ihnen, RischIch danke Ihnen, Herr Zürcher›, war das einzige, was wir in unserer Ergriffenheit auf goldbestrahltem Gipfel mit zitternder Stimme uns sagen konnten. »

Vier Sprachen

Handschlag am Berg – und in der Zeitschrift. In der ersten Nummer der neuen Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs schrieben Emile-Robert Blanchet, Westschweizer Erstbegeher und Schriftsteller ersten Ranges, über das « Breithorn du Loetschental » und seine « première ascension par l' arête sud » und Julien Gallet, Ehrenmitglied der Sektionen La Chaux-de-Fonds und Argentine, des Gesamt-SAC sowie des britischen Alpine Clubs, über den « Pizzo Gallina, 3067 m, par le versant nord ». Der Bericht von Rudolf von Tscharner über die erste Skitraversierung des Montblanc von Courmayeur nach Chamonix vom 17. bis 24. April 1924 war sein letzter, er stürzte durch Seilriss am Finsteraarhorn ab. Dieser Bericht erzeugt nur schon beim Lesen Adrenalinschübe. Was man, aus heutiger Sicht, vom italienischen Beitrag über eine Tour in der Leventina und vom romanischen Gedicht nicht sagen kann. Tatsache aber ist, dass « Die Alpen », das offizielle Publikationsorgan des Schweizer Alpen-Clubs, in ihrer allerersten Ausgabe alle vier Landessprachen der Schweiz berücksichtigten.

Eine Zeitschrift – in zwei Teilenfür alle

Dies mussten sie auch gemäss Artikel 1 des Zeitschriften-Reglements vom 23. November 1924: « Der S.A.C. gibt für In der erstenen Ausgabe von « Die Alpen » im Januar 1925 wurde ein Beitrag des Westschweizer Schriftstellers Emile-Robert Blanchet zur Erstbegehung des Lötschentaler Breithorns über den Südgrat – oder eben Blanchet-Grat – publiziert. Im Bild rechts das Gredetschhörnli, links das Lötschentaler Breithorn. « Les croix indiquent le point de départ et le point d' arrivée de la voie suivie par M. E.R. Blanchet. » Foto: Aus « Die Alpen » I-1925/Photo Paul Montandon Foto: Ar chiv SA C Letzter Jahrgang des « Echo des Alpes », das 1865 von der Sektion Genf für ihre Mitglieder lanciert worden war und das dann später zum Sprachrohr der welschen Sektionen mutierte.

Foto: Aus « Die Alpen » I-1925/Naturaufnahme von J. Gaberell, Thalwil seine Mitglieder eine einzige, alle Landessprachen berücksichtigende Zeitschrift heraus, die den Titel führt: ‹Die Alpen – Les Alpes›, mit den Untertiteln ‹Monatschrift des Schweizer Alpen-Club, Revue du Club Alpin Suisse, Rivista del Club Alpino Svizzero, Revaisa del Club Alpin Svizzer›. » Allerdings kam dann im Haupttitel der gedruckten Zeitschrift noch das italienische « Le Alpi » hinzu. Jedes Monatsheft bestand aus einem literarischen und einem geschäftlichen Teil, die fortlaufend, aber jeder für sich, pagi-niert und dann auch separat gebunden wurden. Der literarische Teil bildete dann jene meist braunen, oft bis sechs Zentimeter dicken « Alpen»-Bände, die noch in vielen Büchergestellen stehen. Im Gegensatz zu den dünnen mit der Clubchronik und dem geschäftlichem Teil bzw. den kleinen Mitteilungen, die ohne die Reklameseiten gebunden wurden. Schade, denn gerade darin wird Alpingeschichte lebendig. Wie zum Beispiel 1938, als eine Ovomaltine-Reklame die Erstdurchsteiger der Eiger-Nordwand feierte, während die Zeitschrift die Aufsehen erregende Erstbegehung auf gerade je sechs Zeilen meldete. In Deutsch und in Französisch, sicherte doch das Zeitschriften-Reglement von 1924 « der französischen Sprache mindestens ein Drittel des Raumes eines Jahrgangs » zu.

In der gleichen Ausgabe beschrieb Alfred Zürcher u.a. die Erstbesteigung des Badile über die Nordkante, die Zürcher Kante. Im Bild der Piz Cengalo ( l. ) und der Piz Badile mit der Zürcher Kante, die heute als Badile-Kante bezeichnet wird Blatten im Lötschental. Dieses Bild erschien zur Illustration des Beitrags von Emile Robert Blanchet in der ersten Ausgabe von « Die Alpen » 1925.

Rudolf von Tscharners Bericht von der ersten Skitraversierung des Montblanc von Courmayeur nach Chamonix blieb sein letzter: Er stürzte wegen Seilriss am Finsteraarhorn ab. Im Bild Mont Maudit, Montblanc und Dôme du Goûter, im Hintergrund links Grivola und Paradiso, rechts die Dauphiné-Berge Foto: Aus « Die Alpen » I-1925/Phot. Boissonas, Genèv e Foto: Aus « Die Alpen » I-1925/Photo prise d' avion Ad Astr a Aer o S.A.Z.urich

Aus drei mach eins

Diese Zusicherung war den welschen Clubisten sehr wichtig, hatte doch die Herausgabe einer einzigen gemeinsamen Zeitschrift eine kleine Krise zwischen den Sprachblöcken der grössten Alpinistenvereinigung der Schweiz heraufbeschworen. Schon 1885 hatte sich das Centralcomitée Uto ( Zürich ) für « ein gemeinsames Jahrbuch und daneben öfter erscheinende kleinere Mittheilungen, beide sprachlich gemischt » ausgesprochen. Seit 1864 erschien das « Jahrbuch des S.A.C. » mit grossmehrheitlich deutsch geschriebenen Beiträgen. Die zweimalige Herausgabe einer kompletten Übersetzung Ende der 1860er-Jahre erwies sich als Flop. Die SAC-Sektionen der Romandie hatten schon früh ihre eigene Schrift, das « Echo des Alpes ». Dieses war im März 1865 von der Sektion Genf als sektionseigenes Blatt lanciert worden, mutierte aber schon bald zum Sprachrohr aller welschen Sektionen – und ward geliebt. Nach dem Ersten Weltkrieg – und einem daraus hervorgehenden richtigen Graben zwischen der Deutsch- und Welschschweiz – wurde der Wunsch nach einer einheitlichen und einigenden SAC-Zeitschrift insbesondere von Seiten der deutschschweizerischen Sektionen immer lauter. Diese verfügten neben dem « Jahrbuch » seit 1893 noch über die monatlich erscheinende « Alpina », in der die offiziellen Clubmitteilungen zweisprachig abgefasst waren. Doch die bergsteigenden Romands fühlten sich davon nicht angesprochen, ihre Liebe galt einzig dem « Echo des Alpes ». « Bientôt, nous devrons abandonner la chambre de nos rêves, de nos joies et de nos amours », heisst es in einer der letzten Ausgaben. Und die « Echo»-Redaktion schrieb kurz und bündig: « Créer un organe bilingue unique est une faute. » Aber genau dieses zweisprachige Ein-heitsorgan beschlossen die Abgeordneten an der Versammlung vom 25. November 1923 in Bern, mit 121 gegen 68 Stimmen – also auch dank welscher Stimmen, was die Redaktion des « Echo » nicht begreifen konnte. Das « Jahrbuch » kam im gleichen Jahr zum letzten Mal heraus, « Alpina » und « Echo » erschienen letztmals 1924. Seither gibt es « Die Alpen – Les Alpes – Le Alpi ». Der romanische Titel « Las Alps » kam 1939 dazu, angesichts der Bedrohung durch den Zweiten Weltkrieg eine Besinnung auf den viersprachigen Alpenstaat, bei dessen Verteidigung die SAC-Mitglieder immer an vorderster Front standen.

Der geschäftliche Teil der « Alpen » mit Clubchronik und kleinen Mitteilungen war im Gegensatz zum literarischen Teil dünner. Leider wurden die Foto: Umschlagbild Nr. 12/Dez. 1995/Eisklettern an der Cascade du Dar/Diablerets; Photo: Claude Remy, Vers-l'Eglise Das Titelbild der letzten Ausgabe des Monatsbulletins 1995 macht den Wandel im Alpinismus sichtbar.

Foto: Ar chiv Daniel Anker Reklameseiten in der Regel nicht mitgebunden, denn auch sie sind ein Teil der Alpingeschichte.

Zwei Teile und neu in zwei Sprachen

1957 war es mit der viel beschworenen Einheit vorbei. Die welschen Clubgenossen hatten zu Recht moniert, dass sie in den « Alpen » zu wenig Artikel in ihrer Sprache lesen könnten. Deshalb erschien die Zeitschrift neu in zwei Ausgaben, eine mehrheitlich deutsch und eine mehrheitlich französisch. Nur selten fanden sich darin nicht übersetzte italienische und romanische Artikel. An der Vier-sprachigkeit und an der Einheit des Inhaltes hielten die Publikationsverant-wortlichen des SAC fest, ebenfalls an zwei Ausgaben. Allerdings erschien der literarische Teil als Vierteljahreszeit-schrift mit jeweils einer schwarzweissen Foto auf dem Titelbild, während die Chronik zum neu illustrierten Monatsbulletin mutierte. Man muss also zwischen der Monatsschrift von 1925 bis 1956 und dem Monatsbulletin von 1957 bis 1995 unterscheiden. Ersteres ist meist braun gebunden, Letzteres grau. Im Januar 1983 erschienen « Die Alpen » farbig. Das A5-Format war geblieben, die Erscheinungsweise auch: monatlich das Bulletin mit den Clubmitteilungen und kurzen, aktuellen Meldungen, vierteljährlich die Zeitschrift mit längeren, literarischen Beiträgen. Neu waren neben den farbigen Titelfotos und den farbigen Illustrationen die Sprachen: « Die Alpen » grundsätzlich deutsch, « Les Alpes » französisch. Im deutschsprachigen Januar-Heft von 1983 stellte Michel Piola in der Rubrik « Erstbegehungen » seine « Voyage selon Gulliver » am Grand Capucin auf Französisch vor, mit der Cotation « française », bien-sûr. Das Monatsbulletin blieb schwarz-weiss, die Reklamen auch – und wurden am Ende des Jahres miteingebunden. Mit andern Worten: Die Bände mit dem literarischen Teil waren auf einmal dünn, jene mit offiziellen und aktuellen Nachrichten dick.

Die letzte Ausgabe der Quartalshefte von der Konzeption 1983 bis 1995. Ein weiter Weg bis zum neuen Erscheinungsbild! Seit 1996 erscheinen « Die Alpen » – Monatsbulletin und Quartalsheft in einem Heft vereint – im A4-Format, durchgehend vierfarbig und in einer deutschen und französischen Ausgabe mit identischem Inhalt. Foto: Umschlagbild 4. Quar tal 1995/ Skitour in Norw egenPhoto: Thomas Ulrich, Unterseen Foto: Die Alpen 1/1996 d/F oto Rober t Bösch, Oberägeri

Leben und Freizeit im Berggebiet

Vita e tempo libero in montagna

Vie et loisirs en montagne

Eine Zeitschrift in zwei Sprachen

Die letzte grosse Änderung geht auf das Jahr 1996 zurück. Seit damals erscheinen « Die Alpen » im A4-Format wie die andern Bergzeitschriften, durchwegs farbig, monatlich, in einer deutschen und in einer französischen Ausgabe. Bis zum Jahr 2000 zierten nur das SAC-Wappen und ein kleiner roter Balken mit dem knappen Hinweis auf Ausgabe, Jahr und Sprache – z.B. « 1/1996 d » – das Titelbild – mehr nicht. Seit dem Januar 2001 steht neben dem Wappen noch viersprachig, um welchen Club es sich handelt, und im roten Balken « Die Alpen » oder « Les Alpes ». Alle Texte, abgesehen von den Buchbesprechungen, werden in die andere Sprache übersetzt. So wäre die Zuschrift an die neuen « Alpen » von 1925, in der sich der berühmte Bergführer Christian Klucker gegen die Bemerkung Alfred Zürchers wehrte, seine Kletterei an der Badile-Nordkante vom 11. Juni 1892 sei ein Aufstiegsversuch gewesen, mit dem Zusatz « trad. » versehen worden: « Ich trug an jenem Tage weder Rucksack, noch Sicherungsseil bei mir, liess beim Einstieg unten am Grat sogar Rock und Bergschuhe zurück und kletterte teilweise nur mit Strümpfen an den Füssen und zum Teil barfuss. » Dieses Beispiel zeigt nicht nur den Wandel in den « Alpen », sondern auch jenen im Klettern, der in den letzten 80 Jahren vollzogen wurde. a Daniel Anker, Bern

Quellen:

Die Alpen – Les Alpes – Le Alpi 1925. Monatsschrift des Schweizer Alpenclub, Revue du Club Alpin Suisse, Rivista des Club Alpino Svizzero, Revaisa del Club Alpin Svizzer; Chronik des S.A.C. und kleine Mitteilungen, Chronique du C.A.S. et renseignements divers Die Alpen 1957. Vierteljahresschrift; Monatsbulletin Die Alpen 1983. Zeitschrift/Monatsbulletin Die Alpen 1996. Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs Die Alpen 2001. Zeitschrift des Schweizer Alpen-Clubs Roussy Albert: Literarische Tätigkeit des S.A.C., in Die Alpen – Les Alpes 1938 Oechslin Max: Die Publikationen des SAC, in Die Alpen 1963 Anker Daniel: Die Kraft der vaterländischen Berge. Die Sprachenfrage im Schweizer Alpen-Club von 1863 bis 1925. Unveröffentlichte Seminar-arbeit, Universität Bern 1983 Anker Daniel: Oben statt unten. Der Schweizer Alpen-Club und die Politik, die Gesellschaft und die Ideologie der Berge. Unveröffentlichte Lizentiatsarbeit, Universität Bern 1986

Feedback