Abseilunfall im Alpsteingebiet. Keine absolute Sicherheit

Im Herbst 2005 ereignete sich an einer Kletterroute im Alpsteingebiet ein schwer wiegender Abseilunfall. Dabei kamen drei der vier beteiligten Personen ums Leben. Mit diesem Beitrag soll versucht werden, den Unfall so weit als möglich zu analysieren, um damit letztlich auch Erkenntnisse für die Prävention zu erhalten. 1

Dieser tragische Abseilunfall hat umso mehr Betroffenheit ausgelöst und Fragen aufgeworfen, als es sich bei den Opfern um erfahrene und gut ausgerüstete Alpinisten handelte.

Vorgeschichte

Zwei Frauen und zwei Männer unternahmen in der letzten Septemberwoche vom Berggasthaus Bollenwees aus Klettertouren. Die vier Berggänger waren erfahrene Kletterer und wussten sich auch ausserhalb des « plaisirmässig » abgesicherten Geländes aufgrund ihrer langjährigen Bergsteigerkarriere sicher zu bewegen. Vor der geplanten Abreise wollte die Gruppe am Vormittag noch eine kürzere Route begehen. Nach der Konsultation des Kletterführer Alpstein entschlossen sie sich für den « Joghurt-weg », eine 5-SL-Route oberhalb des Fälen-sees an der Südabdachung des Hund-steinmassivs. Diese im Jahr 1989 eröffnete Route hatte im Spätherbst 2000 eine Teilsanierung durch die Erstbegeher erfahren. Dabei wurden einige Zwischensicherungen gebohrt und die Abseilstän-de verbessert. Am vierten Stand wurden die zwei bestehenden Normalhaken mit einem Stahlkabel und einem fixierten Abseilkarabiner versehen. Mit diesen zusätzlichen Massnahmen war diese Route aber noch keinesfalls vollständig ausgerüstet. Dies kann auch der Beschreibung im Kletterführer entnommen werden, wo auf zusätzlich erforder-liches Material – Klemmkeile, Friends, SU-Schlingen – hingewiesen wird. Dies war für die beiden Seilschaften kein Problem. Sie waren entsprechend ausgerüstet und auch mit der Handhabung von mobilen Sicherungsmitteln vertraut. Die Seilpartnerin – später die allein überlebende Person – der zweiten Seilschaft erreichte den vierten Stand im Vorstieg. Da dieser nicht wie die vorherigen mit einem zusätzlichen Bohrhaken, sondern nur mit zwei Normalhaken versehen war, verband sie die vorhandene Installation mittels einer Reepschnur mit einem 1 Dieser Beitrag stützt sich auf die Angaben und Mitarbeit der Rettungsorgane und eine Begehung der Unfallroute mit u.a. Werner Küng, Führerautor von Kletterführer Alpstein, und Robert Rehnelt.

Topo mit Unfallskizze Die Route verläuft in gutem Fels. Gegen oben wird die Route schöner. Es hat jedoch viele grasbewachsene Stellen.

Abbildung: zvg/aus Kletterführer Alpstein von Werner Küng, Verlag SAC, 2001 Das erste Doppelseilpaar, an dem die überlebende Person abseilt Das zweite Doppelseilpaar, belastet mit einer abseilen-den Person Fotos: Robert Rehnelt Unfallstand. Belastet mit zwei Personen und der abseilenden Person am 2. Doppelseilpaar weiteren Normalhaken, der 109 cm seitlich des Standplatzes in einem grasüber-wachsenen Riss steckte. Diese Verbindung wurde belassen, da der Standplatz beim Abseilen über die Route wieder beansprucht werden musste. Als die zweite Seilschaft das Routenende am fünften Stand erreichte, hatte sich die erste Seilschaft bereits wieder zum vierten Stand abgeseilt und liess ihre Seile für die zweite Seilschaft eingehängt.

Unfallhergang

Der Seilpartner der zweiten Seilschaft brachte das zweite Doppelseilpaar zum vierten Stand hinunter, wo es zum Wei-terabseilen in die bestehende Installation eingehängt wurde. Dies führte dazu, dass der vierte Stand, an dem kein entlastendes Stehen möglich war, innerhalb kurzer Zeit von drei Personen beansprucht wurde: Zwei Personen hatten ihre Selbstsicherung an der Standplatzinstallation eingehängt, und ein Kletterer begann bereits mit dem nächsten Anseilmanöver. Die vierte Gruppenteilnehmerin war noch an den oberen Seilen unterwegs zum gleichen Stand hinunter, als das Unfassbare geschah: Die Frau an den oberen Seilen hörte von unten her noch einen kurzen Wortwechsel, dann riss die Installation des vierten Standes – inkl. des zusätzlich einbezogenen dritten Hakens – vollständig aus, und die drei Personen, welche mit diesem Stand verbunden waren, stürzten bis zum Wandfuss ab.

Wie konnte das geschehen?

Die zwei Normalhaken des Unfallstandes steckten seit gut 15 Jahren in einem Abstand von 21 cm in zwei Querrissen in solidem Fels. Diese Risse waren mit Humus und spärlichem Vegetationswuchs angereichert. Die Haken wurden vollständig ausgerissen, der Fels selbst ist nicht ausgebrochen. Ebenso kann ein Festigkeitsverlust infolge Steinschlag oder Schneedruck weitgehend ausgeschlossen werden. Diese Merkmale treffen auch auf den dritten Haken zu, der durch die Reepschnur mit der Drahtseil-schlinge verbunden war. Welche Haken zuerst versagt haben, konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden. Da es sich bei der ganzen Einrichtung nicht um eine Ausgleichsverankerung handelte, ist davon auszugehen, dass die einzelnen Fixpunkte sehr unterschiedlich belastet wurden. Dies hat das Versagen der ganzen Installation im entscheidenden Moment mit grösster Wahrscheinlichkeit begünstigt. Dass dies nicht bereits zuvor während des Aufstiegs geschah, ist durch die unterschiedlichen Belastungswerte erklärbar: Während des Aufstiegs wird ein Stand – ohne Zwischenfälle – nur statisch belastet. Der dyna- Allgemeiner Zustand: Viele Haken sind sehr schlecht. Ein Haken konnte laut Aussage der Überlebenden bereits im Aufstieg von Hand herausgezogen werden. Viele Normalhaken liessen sich mit zwei, drei Hammerschlägen lockern.

Die Route wurde selten begangen. Das Rapid-Ketten-glied weist keine Abnützung auf. Bei häufig begangenen Routen sind Schleifspuren sichtbar.

Ort des Standplatzes: Es sind keine Felsausbrüche sichtbar. Gut sichtbar ist jedoch, dass mit Friends und evtl. Keilen zusätzlich gesichert werden könnte. Der Fels ist von guter Qualität und an diesem Ort mehrheitlich fest. Gut sichtbar waren die Spuren, die das Stahlkabel auf der Felsoberfläche hinterlassen hatte.

mische Prozess eines Abseilmanövers hingegen belastet die Verankerung wesentlich stärker. Zusätzlich ist das Versagen der Installation während eines Abseilvorgangs grundsätzlich gravierender. Hätte der Stand bereits im Aufstieg versagt, wären die Folgen aller Voraussicht nach weniger schwer wiegend gewesen, da die Seile der vor- oder nachsteigenden Personen höchstwahrscheinlich noch in Zwischensicherungen eingehängt gewesen wären, was den fatalen Totalabsturz möglicherweise verhindert hätte. Weshalb aber hat man diesen Stand, der bereits während des Aufstiegs Misstrauen erweckte, nicht noch einmal überprüft und nachgebessert? Die Erfahrung zeigt, dass in einer Gruppe mit gleichberechtigten Partnern ohne Kom-petenzhierarchie die Kommunikation über Mängel und Korrekturen schwierig ist. Bei erfahrenen Teilnehmern gehen die Handlungsabläufe während eines Abseilmanövers rasch voran. In einer solchen Situation einem Kollegen oder einer Kollegin « dreinzureden » und die Korrektur einer bereits vorbereiteten Routinehandlung durchzusetzen, ist nicht einfach. Hand aufs Herz: Welcher erfahrene Alpinist hat das noch nie erlebt?

Sicherheit dank Vorsicht

In den Schweizer Alpen und im Jura wurden in den letzten Jahrzehnten sehr viele Routen mittels Bohrhaken saniert. Trotzdem sind – vor allem bei weniger begangenen alpinen Routen – noch sehr viele ältere Installationen mit Normalhaken anzutreffen. Es ist bekannt, dass man die Festigkeit von solchen Haken visuell kaum beurteilen kann. 2 Aber auch bei Bohrhaken gibt es keine absolute Sicherheit. Korrosion bei Produkten älterer Bauart oder unsachgemässe Neu-installationen verlangen auch hier eine sorgfältige Beurteilung und allenfalls Korrekturmassnahmen durch die Benutzer. Die Empfehlungen im Kasten ( s. nebenan ) helfen mit, die Sicherheit zu erhöhen.

Erkenntnisse umgesetzt

Auch wenn es praktisch, bequem und bei modernen Sportkletterrouten häufig zwingend notwendig ist: Das Abseilen ist – in Bezug auf die mögliche Unfall-schwere – der gefährlichste Teil einer Tour. Die Fehlertoleranz bei diesen Vorgängen ist äusserst gering. Die Statistik zeigt, dass es häufig Fehlmanipulationen bei der Vorbereitung oder während des Abseilvorgangs sind, die zu Unfällen führen. 3 Seltener, aber praktisch immer mit fatalen Konsequenzen, ist das Versagen der Abseilinstallation, was beim tragischen Unfall im Alpstein zutraf. Sicher haben die vier Alpinisten eigenverantwortlich gehandelt. Dieser beim Bergsport wesentliche Grundsatz darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Unfall mit einer soliden Abseilverankerung nicht passiert wäre. Dies sollte auch in der gegenwärtig wieder aufflackernden Diskussion um die « ethische » Berechtigung von Routensanierungen berücksichtigt werden. Deshalb gilt hier vom sicherheitstechnischen Aspekt her, mit aller Eindeutigkeit festzuhalten, dass fachgerecht gesetzte und qualitativ hoch stehende Bohrhaken der neusten Generation ( Schwerlastanker ) sowie Klebanker sowohl bei Standplätzen und Abseilstellen als auch als Fixpunkte im Routenverlauf mit Abstand die grösste Sicherheit bieten. a Ueli Mosimann, Unfallexperte SAC, und Rober t Rehnelt, Kommission Sportklettern/ Fachgruppe Erschliessen und Sanieren SAC 2 Vgl. ALPEN 3/1998 « Wie zuverlässig sind ältere Haken im alpinen Gelände ?» 3 Vgl. ALPEN, Quartalsheft 2/1994 « Abseilen – kein Problem ?» Das erhöht die Sicherheit – Vorhandene Installationen sind kritisch zu beurteilen ( visuelle Kontrolle, rütteln ). Bei mehrmaligem Abseilen das obere Seil nicht sofort ausziehen, sondern zuerst mit der allenfalls zweifelhaften Installation verbinden und deren Festigkeit durch Belastung testen. – Auch stabile Fixpunkte sind nicht selten mit älterem Schlingenmaterial versehen. Dieses soll durch neuwer-tiges Material – nie Bandschlingenmit einer sachgemässen Ausgleichsver-ankerung ergänzt werden.

– Bei generell zweifelhaften Fixpunkten unbedingt zusätzliche Redundanz installieren. Werden dazu mobile Klemmgeräte verwendet, muss beachtet werden, dass diese in der Regel nur in einer ganz bestimmten Richtung belastbar sind. Auch wenn es etwas altmodisch anmutet: Auf wenig begangenen alpinen Touren können ein Hammer und ein kleines Set Normalhaken wertvolle Dienste leisten. Dies allerdings auch nur dann, wenn man das erforderliche Handwerk beherrscht.

Zeichnung des Standplatzes. Die Haken waren 20 cm auseinander, der Zentralkarabiner war ca. 40 cm unterhalb der Normalhaken. Die blaue Schlinge verlief fast horizontal zu einem Normalhaken, der in einem mit Gras überwachsenen Riss steckte. Der Abstand des dritten Hakens zum Zentralkarabiner betrug ca. 109 cm.

Foto: Robert Rehnelt Stahlkabel Fixierter HMS-Karabiner zweites Doppelseilpaar Reepschnur-Verbindung zum abgesetzten Haken zusätzlich eingehängte Expressschlinge

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