Airboard – ein neues Schneesportgerät. «Aufblasbarer Schlitten»

Airboard – ein neues Schneesportgerät

Nun ist das Airboard bereits in der dritten Saison auf dem Markt. Auf Skipisten und Schlittelbahnen erregen die Luftkissen schon bald kein Aufsehen mehr. Werden sie bald auch abseits markierter Pisten zum Tourenalltag gehören? Ein paar Erfahrungen und Gedanken zu diesem Schneesportgerät.

Bestimmt haben sich einige schon über die eigenartigen Spuren im Pulverschnee gewundert. Oft in Falllinie und schnör-kellos ziehen sie sich durch die Hänge. Als sei jemand auf dem Hosenboden oder auf einem Plastiksack hinuntergerutscht. Bei näherem Hinsehen entdeckt man in den Spuren aber Längsrillen. Vielleicht werden Alpinisten schon bald nicht mehr rätseln und diese im Unterschied zu den Girlanden kurzschwin-gender Skifahrer oder den harmonischen Kurven der Snowboarder als Air-boardspuren erkennen.

Das Airboard und sein Anwendungsbereich Das neue Wintersportgerät sieht aus wie eine stromlinienförmige Luftmatratze. Gefahren wird das Luftkissen kopfvoran in Bauchlage. « Das Gerät, knapp zweieinhalb Kilo schwer, nimmt wenig Platz im Rucksack weg. Als ich an einer Fachmesse ein Airboard sah, dachte ich mir, das ist ideal für Touren », erklärt Viktor Denoth. Der Sportlehrer beim Akademischen Sportverband Zürich ( ASVZ ) ist für das Bergsportangebot seiner 30000 Mitglieder zuständig. Dieses Jahr bietet er bereits zum zweiten Mal Touren mit dem Airboard an. Zielgruppe bilden vor allem jene, die nicht gut Ski oder Snowboard fahren. Denn für diese ist nach einem anstrengendem Aufstieg die Abfahrt durch knietiefen Pulverschnee oder heimtückischen Bruchharsch eine Tortur. Airboarden hingegen ist einfach und im Nu lernbar. Ebenfalls angesprochen werden die passionierten Schneeschuhwanderer. Wer von ihnen hat es nicht schon bereut, einen schönen Pulverschneehang hinunterstapfen zu müssen, während die Kollegen fröhlich jauchzend mit Ski oder Snowboard ins Tal hinunterschwingen.

DIE ALPEN 12/2003

Hightech made in Switzerland Trotz seines englischen Namens ist das Airboard ein in der Schweiz entwickeltes Gerät. Zehn Jahre lang tüftelten einige Freaks um den Zuger Joe Steiner daran herum. Die ersten Modelle platzten nach grossen Sprüngen bei der Landung, bekamen bei niedrigen Temperaturen Risse oder hielten dem Luftdruckunterschied nicht stand, wenn man das Ding im aufgeblasenen Zustand auf dem Sessellift in die Höhe transportierte. « Die Frustrationen waren heftig. Aber das fantastische Gefühl, auf diesem Kissen liegend, mit grosser Geschwindigkeit über den Schnee zu sausen, verdrängte zum Glück die Rückschläge », erzählt Steiner. Heute seien die Probleme dank raffinierter Kunststofftechnologie gelöst. Selbst spitze Steine und Äste könnten dem Airboard nichts mehr anhaben, und die Hersteller gewähren ein Jahr Garantie. 1

Bereits 3000 Luftkissen flitzen in den Alpen, den USA und sogar in Japan über die Pisten. Steiner versichert, dass sie selbst auf harter Unterlage noch steuerbar seien. Gerade auch kleinere Wintersportorte sind beim Trend mit von der Partie und vermieten Airboards oder reservieren dafür eigens eine Piste. Neu ist auch ein Wettkampfzyklus mit Disziplinen wie Boardercross oder Speedrace. Bei Letzterem werden Geschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometer pro Stunde erreicht. Andere konzentrieren sich auf das Springen. Die Rolle um die eigene Längsachse ist für die Cracks bereits Standard, nun üben sie den Rückwärts-salto.

Solche Extravaganzen interessieren potenzielle Airboardfahrer allerdings nur wenig. So wie auch die 15-köpfige ASVZ-Gruppe, die in der letzten Wintersaison mit Denoth erste Erfahrungen abseits der Piste sammelte. Ihre Tour führt in Richtung Sunnehörnli, eines populären Tourenziels in den Glarner Alpen. Sie schätzen die Matratze vorerst als komfortable Sitzbank beim Picknick im Schnee. Mit von der Partie sind auch zwei Instruktoren der Airboardfirma. Kurz vor dem Gipfel deuten die Instruk-

1 Weitere Informationen bei fun-care AG, Untermüli 3, 6300 Zug, www.airboard.com Bevor es losgeht, heissts das Airboard aufblasen, von Mund...

Auf Airboardtour. Im Aufstieg aufs Sunnenhörnli... oder bequemer mit der Handpumpe.

Unterwegs mit Schneeschuhen, das Airboard klein verpackt, den Helm angehängt Fo to s:

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toren auf einen hundert Meter hohen Steilhang – ideal zum Üben, meinen sie. Besorgte Gesichter – üben in einem Gelände, so steil wie die stotzigsten Passagen einer rot markierten Skipiste? Kein Problem, versichern die Experten. Denn erstens sei Airboardfahren kinderleicht und zweitens laufe die Strecke sanft aus. Beim Fahren liege man praktisch auf dem Schnee und falle darum nicht tief. Stürze seien darum nur halb so schlimm.

Die Schnellbleiche Zaghaft beginnt man mit dem Aufblasen der Airboards. Die einen mit einer kleinen Handpumpe, andere versuchen es mit dem Mund. Die Luftkissen sind relativ schnell gefüllt, die Teleskopskistöcke und Schneeschuhe auf dem Rucksack befestigt sowie die Helme und Kniescho-ner angezogen. « Wir legen uns bäuchlings auf das Board und halten die beiden Griffe. Gesteuert wird mit Gewichtsverlagerung. Werden die rechten Gummi-kufen in den Schnee gedrückt, gehts nach rechts, soll das Board nach links drehen, wird hier zusätzliches Gewicht gegeben. Zum Bremsen stellen Geübte das Board quer, Ungeübte rutschen einfach nach hinten vom Board – früher nannte man das Textilbremse », so die Kurzinstruktion. Sie erklären weiter, dass man im weichen Pulverschnee doch ein wenig Schuss braucht, um über den Schnee surfen zu können, dass nasser Frühlingsschnee am Kunststoff kleben bleibt, Bruchharsch jedoch kein Problem ist. Doch lange mögen die Profis nicht mehr erzählen. Sie schwingen sich mit einem kühnen Satz auf ihre Kissen, gewinnen an Fahrt, springen über eine kleine Wechte in den Steilhang und ziehen in eleganten Kurven davon.

Allen Teilnehmern gelingt der Start. Aber dann gleicht ihre Fahrt jener eines unkontrollierten Geschosses. Bei kleineren Buckeln werden sie vom Luftkissen hochgeschleudert. Viele sind erstaunt, wie athletisch diese Sportart ist. Nach der Probefahrt sieht der Hang aus wie ein frisch gepflügter Acker. Je länger aber geübt wird, desto sicherer wird der Fahr-stil. Schnell gelingen die ersten Kurven, Bremsmanöver und sogar kleine Sprünge. Das ist auch gut so, denn noch sind 700 Höhenmeter Abfahrt zu bewältigen. Erfahrungen der ersten Abfahrt Nicht nur über offenes Gelände, sondern auch entlang schmalen Alpsträsschen führt der Weg. Ein Terrain, das nicht immer Fehler erlaubt. Nun zeigt sich auch ein Nachteil des Airboards: Da man so tief liegt, tauchen Hindernisse wie ein Bachbett oder ein Loch im Schnee erst in letzter Sekunde auf. Ein Ausweichen oder Abbremsen ist dann kaum mehr möglich. Darum sollte man eine längere Abfahrt immer wieder unterbrechen, aufstehen und das vor einem liegende Teilstück auf mögliche Fallgruben inspizieren. Noch besser ist eine Art Stafet-tenprinzip: Der Vorderste einer Gruppe fährt vorsichtig bis zu einer potenziellen Gefahrenstelle und bleibt davor stehen. Die anderen umfahren diese und gleiten weiter bis zum nächsten Hindernis. Für die ASVZ-Gruppe übernehmen die beiden Instruktoren diese Aufgabe. Dank ihrem Coaching erreichen alle mehr oder weniger unbeschadet Weissenbergen, den Endpunkt der Abfahrt.

Pro, Contra und weitere Denkanstösse Auf der Heimfahrt wird heftig über Sinn und Unsinn des neuen Geräts diskutiert. Obwohl eingefleischte Ski- und Snowboardfahrer das Airboarden zwar lustig finden, ist für sie das Abfahrtsgefühl auf dem Luftkissen doch keine Alternative, die den Preis von knapp 400 Franken rechtfertigt. Ganz anderer Meinung ist ein Skimuffel: Endlich komme auch er einigermassen vernünftig und unbe-

Mit Schuss in die Airboard-Abfahrt Auf Tuchfühlung mit der Unterlage: Beim Fahren liegt man praktisch auf dem Schnee.

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schadet ins Tal. Die Schneeschuhläufer schliesslich können sich das Airboard als effizientes Fortbewegungsmittel auf ihren Wanderungen durchaus vorstellen. Sie denken darüber nach, die Schneeschuhe für die Abfahrt gar nicht auszuziehen. So seien flache Zwischenstücke zum nächsten Steilhang mit dem Kissen unter dem Arm schnell überwindbar. Und einer entwickelt noch ganz andere Möglichkeiten: Wenn das Gerät viel stärker am Körper angebunden wäre und man in ein Schneebrett geraten würde, so funktionierte das Ding wie ein Lawi-nen-Airbag und man könnte von den Kollegen schnell geortet werden.

Ökologie und Ökonomie In der angeregten Diskussionsrunde nicht vertreten ist die Natur. Wird das Airboarden abseits der Piste tatsächlich populär, nimmt der Druck auf die unberührte, stille Winterwildnis weiter zu. Hielt bisher der fehlende Abfahrtsgenuss noch viele vom Schneeschuhlaufen ab, so könnte sich dies jetzt ändern. Denn nun ist Tiefschneefahren praktisch zum Nulltarif erlernbar. Das hat nicht nur Viktor Denoth vom ASVZ erkannt. Bereits planen weitere Veranstalter für diese Saison Schneeschuhtouren mit dem Airboard. 2 Ob das neue Gerät abseits der Piste boomen oder als trendiger Gag ein Schattendasein fristen wird, werden die nächsten Jahre zeigen. Solange sich auch die neuen Tiefschneekonsumenten auf die üblichen Touren beschränken, sie die auf den Skitourenkarten der Landestopographie markierten Wildschutzzonen meiden, nicht kopflos den nächsten unberührten Hang suchen, sondern abgesehen von der Lawinengefahr auch auf Wildtiere achten, wird die Störung der Natur im bisherigen Rahmen bleiben. Denn wer Airboardtouren unternimmt, braucht wie seine Kollegen mit Ski und Snowboard solide alpine Kenntnisse. a

Bernard van Dierendonck, Zürich 2 Reinhard Lutz, der Autor des Bestsellers 50 Schneeschuhtouren in der Schweiz, hat sein Buch überarbeitet und für Airboarder geeignete Abfahrten mit einem Piktogramm gekennzeichnet.

Akrobatische Einlagen gehören dazu: Sprünge Mit dem Airboard kann nicht elegant gewedelt werden.

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