Alfred Steinitzer: Der Alpinismus in Bildern

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Seit John Grand-Carteret sein zweibändiges alpines Bilderbuch: La Montagne à travers les âges ( Grenoble 1903 —1904 ) herausgegeben hat, ist von keinem Autor und von keinem Verlag der schwierige und nur mit Aufwand von viel Zeit, Mühe und Kosten durchzuführende Versuch gemacht worden, in Bild und Wort zu zeigen, was das Gebirge, seit die Menschheit angefangen hat, es denkend zu betrachten, ihr gesagt und wie sie es geschaut habe. Man muß es also Herrn A. Steinitzer und seinem Verleger jedenfalls Dank wissen, daß sie diesen stattlichen Band von 482 Seiten auf den Büchermarkt gebracht und es dem Käufer zu einem verhältnismäßig nicht zu hohen Preise, 20 Mk. = 26 Fr. 70, ermöglicht haben, sich eine so gut ausgewählte und durchschnittlich so flott reproduzierte Bilderserie mit erklärendem Text zu erwerben von alle dem, was die Illustrationskunst der Schweizer, Deutschen, Österreicher, Franzosen, Engländer seit dem Reformationsalter bis heute zur Verherrlichung des europäischen und außereuropäischen Gebirges und zum Bekanntwerden seiner Schönheit und als Anreiz zur Besteigung und Durchforschung geleistet hat. A. Steinitzer ist von dem oben genannten Werk Grand-Carterets durchaus unabhängig, wenn auch natürlich manches hier wiederkehrt, was dort schon dargestellt ist. Aber Steinitzer geht weit über ihn hinaus und namentlich die Ostalpen sind bei ihm viel besser zur Geltung gekommen als bei dem französischen Autor. Herr Steinitzer konnte auch aus manchen Quellen schöpfen, die Grand-Carteret noch nicht zugänglich waren, so aus den Beständen der Zentralbibliothek des D. & Ö.A.V. in München, des Schweizerischen Alpinen Museums in Bern, den Bibliotheken der Sektionen Uto und Bern und der Zentralbibliothek des S.A.C. in Zürich. Auch aus Privatsammlungen von Alpinisten oder alpinen Künstlern und Amateurphotographen und von alpinen Zeitschriften wurden ihm, worüber er im Vorwort und in den Unterschriften gewissenhaft Auskunft gibt, zum Teil sehr kostbare und seltene Blätter zur Verfügung gestellt, so daß nun unsere Kenntnis des überhaupt vorhandenen Bildermaterials seit 1904 erfreulich zugenommen hat. Bei der Überfülle desselben war die Auswahl und nachher die Gruppierung und die monographische Behandlung des ungeheuren Stoffs keine leichte Aufgabe auch für einen Mann, der sich in alpiner Geschichte, Literatur und Kunst auskennt. Die Inhaltsübersicht weist folgende Kapitel auf, die wir jeweilen nur kurz charakterisieren können. Nach einer Einleitung, in welcher der Autor es als den Zweck seiner Arbeit erklärt, „ als illustrative Ergänzung zu den bereits vorliegenden alpin-historischen Werken zu dienen und so die Entwicklung und Eigenart des Alpinismus in einer neuen Art und Weise zur Anschauung zu bringen ", ist in Kapitel II von dem Präalpinismus, von Lionardo da Vinci, dem Teuerdank, den Topographen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts, den Illustratoren des 18. Jahrhunderts und den ersten Geoplasten die Rede. In Kapitel III, dem Hauptkapitel, von S. 35 bis S. 232, wird von den Ersteigern und Illustratoren des Mont-Blanc ausgegangen, dann die Geoplastik am Ende des 18. Jahrhunderts durchgenommen, ferner die Eroberung der Westalpen durch die Illustration vom Ende des 18. Jahrhunderts bis ca. 1860. Es folgen Abschnitte über die ersten Reisehandbücher, die ersten alpinen Kostümbilder; dann ist immer abwechselnd die Rede von den hochtouristischen Darstellungen, Panoramen, Ersteigungen in den Westalpen und in den Ostalpen. Die Abschnitte „ Illustratoren der 60er bis 80er Jahre " und „ Alpinisten und Illustratoren der letzten Jahrzehnte " leiten über zu denen über hochalpine Photographie, Illustratoren und Alpinisten außeralpiner Gebiete, alpine Technik und theoretische Literatur, Alpinismus in nichtalpinen Zeitschriften, alpines Unterrichtsmaterial, neuere Panoramen in den West- und Ostalpen, moderne Geoplasten, monumentale Plastik. Das Kapitel IV behandelt den modernen Alpinismus, in welchem in bunter Reihe und in nicht immer genügend motivierten Bemerkungen und Unterschriften zu den entsprechenden Bildern von Klettertouren, Kletterschulen und Kletterführern, einem Fall alpiner Psychose, modernen Illustratoren und moderner Photographie gebildert und geredet wird. Kapitel VI handelt von Alpinismus und Skilauf, Kapitel VII vom militärischen Alpinismus, Kapitel VIII von Alpinismus und Luftschiffahrt, Kap. IX von Unterkunft und Verkehr, Kapitel X von Alpinismus und Karikatur, Humor und Satire, Kapitel XI vom Alpinismus in der Reklame, Plakatkunst, als Buchschmuck etc.; Kapitel XII endlich bringt alpine Exlibris. Ein Namensverzeichnis ist recht nötig hinzugefügt, um mit der Inhaltsübersicht zusammen dem Leser zu helfen, wenn er sich über irgend eine bestimmte alpine Persönlichkeit, Richtung oder Vorfall aus den zerstreuten Bildern und Notizen einen Gesamteindruck verschaffen will. Es muß eben doch gesagt werden, daß es auf die vom Verfasser gewählte Weise, bei aller Verdienstlichkeit seines Vorsatzes und von dessen Durchführung, nicht möglich ist, den festen Faden der Entwicklung des Alpinismus von den Pionieren bis zu den modernsten Vertretern des Sports, der Technik und der Kunst in der Hand zu behalten. Am Schluß der Betrachtung des Bilderbuches geht einem das bekannte Mühlrad im Kopf herum. Und in wissenschaftlicher Beziehung ist der Text sowohl der einleitenden Kapitel als der eingestreuten Anmerkungen und Unterschriften oft zu knapp und manchmal direkt irreführend. Nicht um zu tadeln, sondern damit die Fehler sich nicht in künftigen Werken fortpflanzen, will ich das „ Druckversehenverzeichnis " Steinitzers um einige in die Augen springende Versehen vermehren: Daß J. J. Scheuchzer trigonometrische Messungen ausgestellt habe ( S. 8 ), ist eine unberechtigte Behauptung. Die vier Engelberger Titlisbesteiger vom Jahre 1744 waren nicht Bauern, sondern Dienstleute des Klosters. Murith, der den Mont Velan erstieg, war 1779 nicht „ einer der Brüder vom Kloster des Großen St. Bernhard " ( S. 9 ), sondern Chorherr des Augustinerordens und Pfarrer in Liddes, nachdem er 1775—1778 Prior des Hospizes auf dem Großen St. Bernhard gewesen war. Das Bild 18 ( S. 20 ) „ Der Gletscher auf Bernina in Bünden " stellt den Morteratsch-, nicht den „ Roseggletscher " vor. Henry Besson ( S. 27 ) war kein Schweizer, sondern ein Franzose, und weder „ Landschaftsmaler " noch „ Kupferstecher ", sondern ein des Zeichnens kundiger Mineraloge; die Stiche, so auch der reproduzierte Nr. 28 in seinem Manuel pour les savans et les curieux qui voyagent en Suisse, das 1786 in Bern von J. S. Wyttenbach herausgegeben wurde, stammen aus dem 1777—1780 herausgekommenen Prachtwerk von Zurlauben und Laborde, das Steinitzer S. 32 ungenau zitiert. Es heißt M. Th. Bourrit, der sonst genug auf dem Kerbholz hat, Unrecht tun, wenn er ( S. 46 ) „ nur dilettierender Künstler " genannt wird; er machte aus seinem Malen und Zeichnen einen Broterwerb und ein allerdings nicht immer rentables Gewerbe aus dem Verkauf der handkolorierten Stichserien nach seinen Originalaufnahmen im Hochgebirge. Die Texterklärung unter dem Stich Nr. 44 auf S. 47 wimmelt geradezu von Fehlern: Gottlieb Sigmund Studer ist 1761 nicht „ in Zürich ", sondern in Bern geboren, und nicht „ 1804 ", sondern 1808 als Amtsschreiber in Langnau gestorben. Das von Steinitzer reproduzierte Bild: Entrée de la Vallée de Chamonix ist mit nichten „ die einzige farbige Zeichnung, die von seiner Hand existiert ". Zwei andere sind im Jahrbuch S.A.C. und in meinem Neujahrsblatt über J. S. Wyttenbach und seine Freunde ( Bern 1910 ) publiziert, und es existieren noch unveröffentlichte. Und G. S. Studers berühmteste „ farbige Zeichnung ", seine Chaîne d' Alpes vue des environs de Berne ( 1788 ), das beste Panorama des 18. Jahrhunderts, hat Steinitzer zu erwähnen vergessen. Dergleichen sollte eigentlich bei einem für eine lange Zukunft maßgebenden Sammelwerk nicht vorkommen. Dies und manche Druckfehler, speziell in der Schreibung französischer und englischer Eigennamen, erklären sich vielleicht aus dem Umstand, daß die Beschriftung der Buchdruck-klischees nicht zu gleicher Zeit erfolgte wie die Herstellung des übrigen Textes, aber ärgerlich bleiben sie auch dann, besonders für diejenigen, welche das betreffende Material hergeliehen haben. Und für die illustrierte Geschichte des Bergsteigens in der Schweiz ist es schließlich nicht gleichgültig, wenn auf S. 80 von dem Titelbild von Dietler zu Hugis Naturhistorischer Alpenreise gesagt wird: „ es stellt die Kletterei in den Felsen des Finsteraarhorns dar und ist eines der ältesten, wenn nicht überhaupt das älteste Kletterbild in der alpinen Literatur ", während Zeichnung, Ausrüstung und dargestellte Personen deutlich auf die Ersteigung der harmlosen Bärenwand im Aufstieg von der Stufensteinalp zum Rottal hinweisen, was Hugi übrigens selber ausdrücklich sagt. Das Bild Nr. 661 auf S. 446 stellt nicht „ die Besteigung des Jungfrauhorns durch Agassiz 1842 " vor, sondern ist die Umschlags-zeichnung zu G. Studers Topographischen Mitteilungen aus dem Alpengebirge und stellt dessen mit Friedrich Bürki und vier Haslitalerführern 1842 unternommene Jungfraufahrt dar. Wie hier, so sind überall die von Steinitzer aus der Besteigungsgeschichte der Westalpen gegebenen Notizen mit der größten Vorsicht aufzunehmen, speziell auch die englische Bergsteiger betreffenden. Hier wirkt die Unkenntnis Steinitzers manchmal beinahe komisch; so, wenn es S. 39 heißt, daß eine Miss Campell 1822 mit ihrem Gatten den Col du Géant überschritten habe. Ähnliche Fehler könnte ich noch viele anführen; die Fehlerquelle ist offenbar eine etwas überhastete Schlußredaktion des Buches. Aber ich möchte den Leser nicht unter dem ungünstigen Eindruck dieser Ausstellungen, die im Interesse der Sache gemacht werden mußten, lassen. Als einen wertvollen Beitrag zur wissenschaftlichen Erfassung des Begriffes Alpinismus nach seinen verschiedenen Richtungen hin müssen wir die Arbeit Steinitzers würdigen, und ich stehe nicht an, zuzugeben, daß hier neue Bahn gebrochen worden ist, auf welcher andere weitergehen werden und sollen. Im ersten Anlauf gelingt solch ein Werk nie, und es bleibt auch auf dem Gebiet der Geschichte alpiner Illustration noch recht viel zu tun übrig, zu welchem uns Steinitzer den Weg gewiesen und Aufschlüsse gegeben hat.Redaktion.

Plinio Colombi: Wellhorn, Engelhörner. Marguerite Junod: Lac de Chanrion, Aiguille Verte.

Verlag von A. Francke, Bern.

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