Als «Pöstler» in Tenna. Menschen in den Bergen

Als « Pöstler » in Tenna

Der « Pöstler » ist besonders im Berggebiet nach wie vor die fast wichtigste Kontaktperson zur Aussenwelt. Mit seiner gelbgrauen Uniform ist er der Inbegriff eines gut funktionierenden Systems. Und wo er auftaucht, weckt er unausgesprochene Erwartungen.

In den hoch gelegenen Bergdörfern fällt den öffentlichen Dienstleistungen allein wegen der Distanzen ein besonderes Gewicht zu. So auch im Hundertseelendorf Tenna im Safiental, das 1650 m hoch liegt. Eingebunden in das Dorfgefüge ist auch Posthalter Heinz Seiler. Wenn Heinz Seiler für die Schalterstunden und für die Gänge von Haus zu Haus seine Uniform anzieht, wechselt er seinen Status, wodurch sich das ganz bestimmte Vertrauen der Kunden zu ihrem Postboten, der mit Nachrichten betraut und unterwegs ist, einstellt. Was aber immer bleibt, sind Heinz Seilers Freundlichkeit und Zuvorkommenheit.

« Die Post ist da » Im Mittelalter wurde das Botenwesen besonders von Klöstern, später von Städten und von Kaufleuten getragen und ausgebaut, bis dann die Staaten – in der Schweiz war dies 1849 der Fall – das Postwesen übernahmen. Ob Zeitungen, Pakete, Prospekte oder Briefe, stets gehts um einen « Handwechsel » von Informationen: Geburtsanzeige, Todesfall, Reisebericht, Liebesbezeugung, Rechnung, Mahnung, Gerichtsurteil, Warnung, Aufforderung, Einladung, Zurückweisung, Aufklärung, Antrag oder Auftrag werden vom Postboten gebracht. Auch in Tenna gelangt Leichtgewichtiges wie Schwerwiegendes dank Heinz Seilers Einsatz an den richtigen Ort. Steintreppe, Asphaltstrasse und Wiesenweg Mit der Ledertasche ist Heinz Seiler bei jedem Wetter unterwegs, was einen Teil seiner Berufsfaszination ausmacht. Die heute asphaltierte Strasse führt als Hauptader durchs ganze Dorf. Zu den Höfen und Häusern geht es abwechslungsreich über Weg und Steg. Eine wacklige Steinplatte in der Treppe, die zum Haus führt, ist ein leises Anzeichen von schleichendem Verfall, eine neu erbaute Gartenmauer mit frischem Zaun zeugt hingegen von Auftrieb und Bestand. Hund, Katze oder Hühner um das Haus markieren die ländliche Lebensform. Die Farben von Bäumen, Wiesen und Blumen zeigen die Jahreszeit an. Die Sonne zieht ihre Bahn von einer Bergkette zur andern. Dichter Nebel vermittelt das Gefühl von Einsamkeit, aber auch von Einmaligkeit.

Begegnungen Tenna ist ein Dorf, wo man sich kennt, beobachtet, ertappt und erkennt. Für Heinz Seiler und seine Frau Gunnel ist Tenna zur Wahlheimat geworden. Sie führt den Dorfladen, er die Poststelle.

Werden im Berggebiet gewisse Dienstleistungen angeboten wie beispielsweise eine gut funktionierende Post, bremst dies die Abwanderung. Heinz Seiler beim Leeren eines öffentlichen Brief-kastens Fo to s:

Eli sab et h Ba rd ill DIE ALPEN 11/2002

Beide schätzen die Lebensqualität in diesem kleinen Bergdorf. Der Kontakt mit den ständigen Bewohnern ist vielfältig und interessant, die Feriengäste bringen Abwechslung in den Arbeitsalltag. Wird Heinz Seiler um irgendeine Auskunft über Land und Leute, Brauch und Sinn, Weg und Ziel oder Fahrplan und Ausflugsmöglichkeiten gebeten, so weiss er Bescheid und verhilft manchen Gästen zu einem lohnenden Aufenthalt. Er hat wie viele im Safiental erkannt, dass ein sanfter Tourismus nicht nur, aber vor allem mit echter Hilfe und Freundlichkeit gefördert wird. Die Lebendigkeit und die Strukturen, zu denen Post, Laden, Gasthaus, Kirche, Schule, gemeinnützige Einrichtungen und Vereinswesen gehören, machen zusammen mit der Landschaft die eigentliche Anziehung des Dorfes aus. Bewohnte Häuser und bestellte Gärten, spielende Kinder und tätige Menschen ergeben fast ein ideales Bild. Doch das Leben mit allen Reibungen, Ecken und Kanten findet auch hier statt, ein wenig intensiver noch als in der Stadt oder Vorstadt. In der kleinen Dorfgemeinschaft ist man auch bei Unstimmigkeiten unabdingbar aufeinander angewiesen.

Klima zwischen rau und lieblich In schneereichen Wintern sind die im lang gezogenen Tenna verstreuten Häuser und Ställe in den Schneemassen eingebettet. Während stürmischen Zeiten, wenn Windböen um die Ecken pfeifen, entstehen Verwehungen, die sich zu wahren Wällen auftürmen können. Dank moderner Schneeräumungsma-schinen sind die Beschwernisse geringer als bis vor einigen Jahren. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass man sich im Gebirge befindet, wo Lawinenniedergänge unberechenbar sind und Bäche rasch bedrohliche Wassermassen führen können. Der Alltag wird denn auch durch den schnellen Wechsel der Wetterverhältnisse geprägt. Trotzdem wirkt diese Landschaft anziehend auf Menschen, die sich hier niederlassen, wenn sie ein Auskommen und gewisse Dienstleistungen – wie sie u.a. eine Poststelle bietet – vorfinden. Sie tragen dazu bei, dass sich die Abwanderung der einheimischen Bevölkerung in Grenzen hält. a

Elisabeth Bardill, Schiers Bei Tenna. Tenna ist ein lang gezogenes Bergdorf im Safiental auf 1650 m. Besonders im Berggebiet ist der « Pöstler » häufig die fast wichtigste Kontaktperson zur Aussenwelt. Auch wenn er « nur » die Zeitung bringt, kann dies beim Empfänger schon einen Stimmungswechsel herbeiführen.

Der « Pöstler » ist mit seiner gelbgrauen Uniform der Inbegriff eines gut funktionierenden Systems. Heinz Seiler auf seiner Tour in Tenna Aussicht vom Jungfraugipfel: Tiefblick ins Hintere Lauterbrunnental mit ( von links ) Mittaghorn, Grosshorn, Breithorn, Tschingelhorn, Mutthorn und Gspaltenhorn. Im Mittelgrund sind Balmhorn, Doldenhorn und Blüemlisalp zu erkennen, im Hintergrund Grand Combin und Montblanc ( jeweils von links ).

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